RE Wolle
Sicherheitsrisiko Klagenfurt - Österreich hofft auf deutsche Verhältnisse
Von Herbert Winklbauer, Wien
Viel Freud', viele Fans - viel Ärger: Klagenfurt droht bei der EM ein Sicherheitsdefizit, wenn deutsche, polnische und kroatische Fans in das beschauliche Städtchen einfallen werden. Die Organisatoren sprechen über das Thema jedoch nur ungern - und verweisen lieber auf die WM 2006.
Erst war es ein Scherz. Als Andreas Herzog, der Assistenztrainer der österreichischen Nationalmannschaft, am 2. Dezember vergangenen Jahres in den Fluren des Luzerner Kultur- und Kongresszentrums davon erfuhr, dass Deutschland in Klagenfurt auf Polen und Kroatien treffen würde, lachte er laut. "Der Doktor Marek kriegt jetzt einen Herzinfarkt." Herzog wusste genau, wovor sich der Leiter für Sportangelegenheiten im Bundesministerium für Inneres im Vorfeld fürchtete. Nämlich dem Aufeinandertreffen von Nationen mit großem Anhang mit Risikoklientel – und das alles am 8. (Deutschland gegen Polen), 12. (Deutschland gegen Kroatien) und 16. Juni (Polen gegen Kroatien) fokussiert auf die pittoreske 94.000-Einwohner-Stadt am Wörthersee. Ein Horrorszenario? Und Sicherheitsrisiko?
70 Tage vor Eröffnung der Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich hat Günther Marek noch keinen Herzinfarkt erlitten. "Aber klar ist, dass die Spiele in Klagenfurt eine besondere sicherheitstechnische Herausforderung werden", sagte der Sicherheitsbeauftragte nun beim EM-Workshop in Wien.
Fakt ist, dass Klagenfurt auch im Public-Viewing-Angebot mit anderen Ausrichterorten nicht mithalten kann. Während in Genf und Zürich großflächige Angebote für bis zu 100.000 Interessenten bestehen, in Wien das gesamte Stadtzentrum eingebunden ist, wird in Kärntens Landeshauptstadt improvisiert. Am Neuen Platz, dem putzigen Zentrum, wird eine Bühne mit einer 44 Quadratmeter großen Videowand errichtet – mit Platz für gerade 6000 Besucher. An der Messe schauen die Fans immerhin auf 60 Quadratmeter Leinwand – hier sollen 22.000 Menschen aufgenommen werden. Dazu mutiert die Innenstadt zur Fanmeile, auf der kein Glas ausgegeben und kein hochprozentiger Alkohol ausgeschenkt werden darf. Aber reicht das, um Fanhorden zu bändigen? Carlos Fernandez de Retana, der Koordinator Klagenfurts, spricht lieber von einer "Topauslosung aus touristischen Gesichtspunkten". Wenn der spanischstämmige Projektmanager auf Erfahrungen der Region mit Großereignissen verweist, muss er das Grand-Slam-Turnier der Beachvolleyballer oder den Ironman Austria bemühen.
Doch auch Heinz Palme, Koordinator der Bundesregierung, gibt Gelassenheit vor. Bisher planen die Veranstalter nach eigener Aussage ins Blaue. Es gibt Schätzungen, die von je 50.000 Deutschen, Polen und Kroaten ausgehen, die nach Kärnten strömen. "Wir werden bis zum Schluss nicht wissen, wie viele Menschen wirklich kommen. Das wussten wir in Deutschland auch erst nach deren Ankunft", sagt Palme. "Ich rechne mit mehr als 20.000 deutschen Fans", erklärt Marek. Derzeit gebe es keine Anzeichen noch Hinweise, dass tatsächlich Krawalle zu befürchten sind. Doch das kann sich schnell ändern. "Wenn sich Leute organisieren, können sie sich überall schnell treffen."
Zumal die WM-Partie zwischen Deutschland und Polen am 14. Juni 2006 in unguter Erinnerung ist: In der Jubelorgie über den Last-Minute-Treffer von Stürmer Oliver Neuville ging beinahe unter, dass es zu erheblichen Ausschreitungen kam. Als die Polizei vor dem Gruppenspiel rund 150 registrierte deutsche Hooligans einkesselte, eskalierte die Situation. Plötzlich flogen Steine, Leuchtraketen, Tische und Stühle. Die Bilanz: 429 Krawallmacher wurden in Gewahrsam genommen, Deutsche wie Polen. "Das waren Dimensionen, die alles sprengten, was wir bisher erlebt hatten", berichtete Dortmunds Polizeipräsident Hans Schulze damals. "Es war eine aufgeladene Situation in der Stadt."
Nun ist es nicht so, dass Marek dies nicht mitbekommen hat und die Gefahr für den erneuten Vergleich der beiden Nationalmannschaften negiert. Im Gegenteil: Seit Jahren steht der Polizeijurist mit den deutschen Kollegen in Kontakt. Mehr noch: Marek war während der WM im Einsatz. "Die Zahl der Festnahmen in Dortmund spiegelt nicht die wahren Ausschreitungen wider." Alles halb so schlimm?
Denn alle Entscheidungsträger in Österreich wehren sich und warnen vor übertriebener Panikmache. Wohl wissend, dass dies potenzielle Gewalttäter erst recht auf den Plan rufen könnte. Und davon gibt es allein in Deutschland immer noch viel zu viele. Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) hat auch in der vergangenen Saison wieder einen düsteren Bericht herausgegeben. Mittlerweile werden mehr als 8400 Personen der Kategorie B und C (gewaltgeneigt oder zur Gewalt entschlossen) zugerechnet. 2006/2007 wurden 4400 Strafverfahren und 6400 Freiheitsentzüge eingeleitet, 500 Menschen bei Spielen im deutschen Profifußball mehr oder minder schwer verletzt. Eigentlich ist es ein Wunder, dass beim Sommermärchen 2006 so wenig passierte.
"Das war auch viel Glück", gibt Palme zu bedenken. Der Österreicher saß während der WM an entscheidender Stelle im Organisationskomitee. Wenn die Alpenrepublik an den Maßstäben des deutschen Turniers gemessen wird, betont er gebetsmühlenartig: "Der deutsche Erfolg beruhte auf einer sehr guten Organisation und Glück. Das tolle Wetter, die gute Sicherheit und die eigene Mannschaft haben das Turnier in den Himmel gehoben."
Keine Frage, die akribisch arbeitenden Macher des für die Schweiz und Österreich einzigartigen Großereignisses fürchten den großen Schatten, den der nicht nur sportlich übermächtige Nachbar warf. Und nichts trübt eine Veranstaltung so sehr wie Bilder von gewalttätigen Ausschreitungen. So wie sie bei der EM 2000, als im belgischen Charleroi britische Hooligans randalierten. Oder als bei der WM 1998 deutsche Hohlköpfe den französischen Polizisten David Nivel fast zu Tode traten.
Immerhin: Die österreichische Polizei hat vorgebaut. Während des Turniers werden 860 Polizisten aus Deutschland, vorrangig Beamte aus Bayern und Nordrhein-Westfalen, mithelfen und sogar mit Hoheitsbefugnissen ausgestattet. Und pro Spiel werden voraussichtlich insgesamt 1200 Sicherheitskräfte aufgeboten. Deshalb ist Hans Krankl, die Fußball-Legende, sicher: "Um bei der EM erfolgreich zu sein, braucht Österreich ein Wunder. Und die sind selten. Aber ich glaube fest daran, dass nix passiert." Immerhin etwas.
Quelle: heute spiegel-online
Von Herbert Winklbauer, Wien
Viel Freud', viele Fans - viel Ärger: Klagenfurt droht bei der EM ein Sicherheitsdefizit, wenn deutsche, polnische und kroatische Fans in das beschauliche Städtchen einfallen werden. Die Organisatoren sprechen über das Thema jedoch nur ungern - und verweisen lieber auf die WM 2006.
Erst war es ein Scherz. Als Andreas Herzog, der Assistenztrainer der österreichischen Nationalmannschaft, am 2. Dezember vergangenen Jahres in den Fluren des Luzerner Kultur- und Kongresszentrums davon erfuhr, dass Deutschland in Klagenfurt auf Polen und Kroatien treffen würde, lachte er laut. "Der Doktor Marek kriegt jetzt einen Herzinfarkt." Herzog wusste genau, wovor sich der Leiter für Sportangelegenheiten im Bundesministerium für Inneres im Vorfeld fürchtete. Nämlich dem Aufeinandertreffen von Nationen mit großem Anhang mit Risikoklientel – und das alles am 8. (Deutschland gegen Polen), 12. (Deutschland gegen Kroatien) und 16. Juni (Polen gegen Kroatien) fokussiert auf die pittoreske 94.000-Einwohner-Stadt am Wörthersee. Ein Horrorszenario? Und Sicherheitsrisiko?
70 Tage vor Eröffnung der Europameisterschaft in der Schweiz und Österreich hat Günther Marek noch keinen Herzinfarkt erlitten. "Aber klar ist, dass die Spiele in Klagenfurt eine besondere sicherheitstechnische Herausforderung werden", sagte der Sicherheitsbeauftragte nun beim EM-Workshop in Wien.
Fakt ist, dass Klagenfurt auch im Public-Viewing-Angebot mit anderen Ausrichterorten nicht mithalten kann. Während in Genf und Zürich großflächige Angebote für bis zu 100.000 Interessenten bestehen, in Wien das gesamte Stadtzentrum eingebunden ist, wird in Kärntens Landeshauptstadt improvisiert. Am Neuen Platz, dem putzigen Zentrum, wird eine Bühne mit einer 44 Quadratmeter großen Videowand errichtet – mit Platz für gerade 6000 Besucher. An der Messe schauen die Fans immerhin auf 60 Quadratmeter Leinwand – hier sollen 22.000 Menschen aufgenommen werden. Dazu mutiert die Innenstadt zur Fanmeile, auf der kein Glas ausgegeben und kein hochprozentiger Alkohol ausgeschenkt werden darf. Aber reicht das, um Fanhorden zu bändigen? Carlos Fernandez de Retana, der Koordinator Klagenfurts, spricht lieber von einer "Topauslosung aus touristischen Gesichtspunkten". Wenn der spanischstämmige Projektmanager auf Erfahrungen der Region mit Großereignissen verweist, muss er das Grand-Slam-Turnier der Beachvolleyballer oder den Ironman Austria bemühen.
Doch auch Heinz Palme, Koordinator der Bundesregierung, gibt Gelassenheit vor. Bisher planen die Veranstalter nach eigener Aussage ins Blaue. Es gibt Schätzungen, die von je 50.000 Deutschen, Polen und Kroaten ausgehen, die nach Kärnten strömen. "Wir werden bis zum Schluss nicht wissen, wie viele Menschen wirklich kommen. Das wussten wir in Deutschland auch erst nach deren Ankunft", sagt Palme. "Ich rechne mit mehr als 20.000 deutschen Fans", erklärt Marek. Derzeit gebe es keine Anzeichen noch Hinweise, dass tatsächlich Krawalle zu befürchten sind. Doch das kann sich schnell ändern. "Wenn sich Leute organisieren, können sie sich überall schnell treffen."
Zumal die WM-Partie zwischen Deutschland und Polen am 14. Juni 2006 in unguter Erinnerung ist: In der Jubelorgie über den Last-Minute-Treffer von Stürmer Oliver Neuville ging beinahe unter, dass es zu erheblichen Ausschreitungen kam. Als die Polizei vor dem Gruppenspiel rund 150 registrierte deutsche Hooligans einkesselte, eskalierte die Situation. Plötzlich flogen Steine, Leuchtraketen, Tische und Stühle. Die Bilanz: 429 Krawallmacher wurden in Gewahrsam genommen, Deutsche wie Polen. "Das waren Dimensionen, die alles sprengten, was wir bisher erlebt hatten", berichtete Dortmunds Polizeipräsident Hans Schulze damals. "Es war eine aufgeladene Situation in der Stadt."
Nun ist es nicht so, dass Marek dies nicht mitbekommen hat und die Gefahr für den erneuten Vergleich der beiden Nationalmannschaften negiert. Im Gegenteil: Seit Jahren steht der Polizeijurist mit den deutschen Kollegen in Kontakt. Mehr noch: Marek war während der WM im Einsatz. "Die Zahl der Festnahmen in Dortmund spiegelt nicht die wahren Ausschreitungen wider." Alles halb so schlimm?
Denn alle Entscheidungsträger in Österreich wehren sich und warnen vor übertriebener Panikmache. Wohl wissend, dass dies potenzielle Gewalttäter erst recht auf den Plan rufen könnte. Und davon gibt es allein in Deutschland immer noch viel zu viele. Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) hat auch in der vergangenen Saison wieder einen düsteren Bericht herausgegeben. Mittlerweile werden mehr als 8400 Personen der Kategorie B und C (gewaltgeneigt oder zur Gewalt entschlossen) zugerechnet. 2006/2007 wurden 4400 Strafverfahren und 6400 Freiheitsentzüge eingeleitet, 500 Menschen bei Spielen im deutschen Profifußball mehr oder minder schwer verletzt. Eigentlich ist es ein Wunder, dass beim Sommermärchen 2006 so wenig passierte.
"Das war auch viel Glück", gibt Palme zu bedenken. Der Österreicher saß während der WM an entscheidender Stelle im Organisationskomitee. Wenn die Alpenrepublik an den Maßstäben des deutschen Turniers gemessen wird, betont er gebetsmühlenartig: "Der deutsche Erfolg beruhte auf einer sehr guten Organisation und Glück. Das tolle Wetter, die gute Sicherheit und die eigene Mannschaft haben das Turnier in den Himmel gehoben."
Keine Frage, die akribisch arbeitenden Macher des für die Schweiz und Österreich einzigartigen Großereignisses fürchten den großen Schatten, den der nicht nur sportlich übermächtige Nachbar warf. Und nichts trübt eine Veranstaltung so sehr wie Bilder von gewalttätigen Ausschreitungen. So wie sie bei der EM 2000, als im belgischen Charleroi britische Hooligans randalierten. Oder als bei der WM 1998 deutsche Hohlköpfe den französischen Polizisten David Nivel fast zu Tode traten.
Immerhin: Die österreichische Polizei hat vorgebaut. Während des Turniers werden 860 Polizisten aus Deutschland, vorrangig Beamte aus Bayern und Nordrhein-Westfalen, mithelfen und sogar mit Hoheitsbefugnissen ausgestattet. Und pro Spiel werden voraussichtlich insgesamt 1200 Sicherheitskräfte aufgeboten. Deshalb ist Hans Krankl, die Fußball-Legende, sicher: "Um bei der EM erfolgreich zu sein, braucht Österreich ein Wunder. Und die sind selten. Aber ich glaube fest daran, dass nix passiert." Immerhin etwas.
Quelle: heute spiegel-online