Interview mit Ailton und der Welt

Angelo
"Vielleicht wechsle ich ja schon im Winter"
Bremens Ailton hat keine Angst vor Pfiffen und schließt selbst einen vorzeitigen Transfer zu Schalke nicht aus

Bremen - Damit hatte kaum einer gerechnet: Ailton, Torjäger des SV Werder Bremen, wechselt überraschend im kommenden Sommer zum FC Schalke 04. Dort hat er einen Vertrag bis 2006 plus ein Jahr Option unterschrieben. WELT-Mitarbeiter Martin Henkel sprach mit dem 30 Jahre alten Brasilianer über die Beweggründe.


DIE WELT: Werder Bremen ist Tabellenführer, Sie sind mit sieben Treffern bester Torjäger der Liga - war es weise, den Wechsel ausgerechnet jetzt zu verkünden?


Ailton: Das ist schon okay. Alles ging sehr schnell. Schalke hat mich vor zwei Wochen kontaktiert. Die Offerte entspricht meinem Wert als Torjäger, also habe ich zugeschlagen.


DIE WELT: Bis zum Saisonende hat Ihr Trainer Thomas Schaaf viel Zeit, einen anderen Stürmer aufzubauen. Befürchten Sie, auf die Bank verbannt zu werden?


Ailton: Ich glaube nicht, dass er das tut. Er weiß, was ich kann. Aber es ist ja noch nicht klar, dass ich bis zum Sommer bleibe. Vielleicht wechsle ich auch schon im Winter. Das ist aber Sache der Klubs.


DIE WELT: Auch Bremen hatte Ihnen einen neuen Vertrag angeboten.


Ailton: Ist das so? Ich habe einmal ein Angebot gemacht, da hieß es: Nein. Beim zweiten auch. Und beim dritten: Wir müssen erst sehen, wie sich die Situation beim Klub entwickelt. Alles nachvollziehbar. Ich bin aber kein kleiner Junge mehr und muss an meine Zukunft und meine Familie denken.


DIE WELT: Alles eine Frage des Geldes also?


Ailton: Nicht ganz. Natürlich war es ein wichtiger Faktor. Aber es gab auch private Gründe, die ich aber nicht preisgeben werde. Ailton hat in Bremen guten Fußball gespielt und das getan, wozu er vor fünf Jahren verpflichtet wurde: Tore schießen. Ich wollte, dass der Verein das bei einem neuen Vertrag mit berücksichtigt. Konnten oder wollten sie nicht? Ich weiß es nicht. Fakt ist: Schalke ist eine Topadresse: Und für mich ist es der letzte Vertrag in der Bundesliga, sie können mich bezahlen, es hat gepasst.


DIE WELT: Ihre Gehaltsforderungen galten in Bremen als überzogen.


Ailton: Das sehe ich anders. Ich habe für Werder eine ganze Menge Tore geschossen. Im Profifußball wird das im Gehalt gegengerechnet. Ich bin kein Abzocker.


DIE WELT: Vereinsführung, Trainer und Mitspieler denken da anders: Sie fühlen sich von Ihnen in der jetzigen Situation allein gelassen und hintergangen. Torwart Andreas Reinke sagt sogar, Ihnen sei egal, wo Sie ihr Geld verdienen. Können Sie abschätzen, was da auf Sie zukommt?


Ailton: Nein, aber ich habe keine Furcht. Wie ist denn die Situation im bezahlten Fußball? Wir sind alle Profis. Jeder meiner Kollegen wird meine Entscheidung nachvollziehen können. Wenn man mich jetzt beiseite schiebt - wer sollte davon Nutzen haben? Thomas Schaaf und ich verstehen uns gut, er wollte ja auch immer, dass der Verein mich hält. Ich werde weiterhin meine Tore schießen


DIE WELT: Was sollte Sie jetzt noch motivieren?

Ailton: Darum geht es doch. Was hat mich denn die letzten Jahre motiviert? Ich bin Vollblutfußballer. Ich will Tore schießen, egal für welches Trikot. Dieser Ehrgeiz entsteht und vergeht nicht mit einem Wechsel. Und zudem ist da ja noch die Torjägerkrone, sie ist zum Greifen nahe. Das lasse ich mir nicht entgehen.


DIE WELT: Sportdirektor Allofs behauptet, Schalkes Manager Assauer hätte unredlich gehandelt.


Ailton: Rudi Assauer hat mit meiner Entscheidung weniger zu tun gehabt. Mehr Kontakt hatte ich mit Schalkes Trainer Jupp Heynckes. Er wusste, dass die Verhandlungen zwischen mir und Werder an einem toten Punkt waren. Er hat in erster Linie an seinen Klub gedacht. Ich halte das für legitim. Viele hören das nicht gern, aber Fußball ist vor allem eines: Geschäft.


DIE WELT: Manch einem Fan dürfte so eine Aussage nicht gefallen. Sie müssen damit rechnen, ausgepfiffen zu werden.


Ailton: Frank Rost ist zu Schalke gegangen, und das war okay. Claudio Pizarro ist zu den Bayern gewechselt, und das war auch okay. Wenn Ailton jetzt wechselt, denke ich, ist das ebenfalls okay. Ich hoffe, die Fans sehen in mir, was ich immer gewesen bin: 00-Ailton, der Mann, der Tore schießt. Keiner muss sich Sorgen machen, dass ich damit jetzt aufhöre.


Artikel erschienen am 9. Okt 2003
oberhausener
ich glaube ganz ehrlich, dass das dicke sensibelchen nach den ersten pfiffen keine lust mehr hat..... und dann trifft der auf 3 meter entfernung keinen möbelwagen! er sagt, er hätte den ersten kontakt vor 2 wochen schon gehabt... komisch...mir war es so, als wenn ich vor nichteinmal 2 wochen so sätze von ihm wie "ailton liebt seine fans und die fans lieben ailton, ich fühle mich wohl in bremen und bleibe" gehört hätte...... was ein labersack! wenigstens zeigt sich jetzt, was er wirklich ist: charakterlos!
Angelo
Das kennt man doch auch von den managern, die sagen auch immer wir stehen hinter unserem Trainer und nach 2 weiteren verlorenen Spielen sind sie weg.
dagegen
Der erste Kontakt schon vor zwei Wochen? Hätte man da Bremen nicht früher informieren müssen? Der Futzi vom DFL hat doch heute abend beim DSF sowas erwähnt, oder?
oberhausener
der sagte kontaktieren ok, aber bei verhandlungen, wo es um vertragslänge und gehälter geht, muss das geschen...... und selbst wenn es nicht geschehen ist....das verhindert den transfer auch nicht mehr und nützt uns soweiso nichts....
dagegen
das ist klar, mir schwirrt nur noch das wort "vertragsstrafe" im kopf rum. und strafe muss sein. auch wenn es uns nichts mehr bringt. na jedenfalls trifft der sack das tor noch ;-)
Bömmel
"Viele hören das nicht gern, aber Fußball ist vor allem eines: Geschäft.
Ich bin Vollblutfußballer. Ich will Tore schießen, egal für welches Trikot."

Na dann Dicker viel Spaß auf Schalke.
Jetzt bist du mir total egal.
Nessi
Falls es auf Schalke weiter nur mittelmässig laufen sollte, dann werden die schon im Winter handeln. Ansonsten bleibt alles beim alten und beide wechseln erst zur neuen Saison.
Philipp
Zitat:
Original von Ailton
Ist das so? Ich habe einmal ein Angebot gemacht, da hieß es: Nein. Beim zweiten auch. Und beim dritten: Wir müssen erst sehen, wie sich die Situation beim Klub entwickelt. Alles nachvollziehbar. Ich bin aber kein kleiner Junge mehr und muss an meine Zukunft und meine Familie denken.


Als ob er mit dem Gehalt von Werder Bremen dem Hungertod nahe gewesen wäre! :vogel:
hendrik
Zitat:
Original von Angelo
Artikel erschienen am 9. Okt 2003


Am 9. erschienen und am 8. schon reingestellt?

Hm?
Bömmel
"Ich weiß, sie werden mich immer lieben"

Ailton: Alles gut, alles prima - aber was ist mit Schalke?


Von Carsten Sander


BREMEN · Ailton geht's gut. Das war nicht immer so. Die sportliche Krise in der Rückrunde der Vorsaison (nur drei Treffer), eine handgreifliche Auseinandersetzung mit seiner Lebensgefährtin Rosalie sowie der plötzliche Tod seines Bruders kurz vor Saisonende - es kam vieles zusammen. "Aber es ist überstanden", sagt der Brasilianer, der derzeit in der Form seines Lebens spielt.

Zwölfmal ist er in dieser Saison für Werder aufgelaufen, hat dabei 13 Tore geschossen. "Also", sagt er und setzt sein bestes Lausbuben-Grinsen auf, "es könnte im Moment nicht besser sein". Wirklich alles prima? Nicht ganz. Denn bei einer Frage stockt Ailton: Ob er immer noch zum sportlich schwächelnden FC Schalke wechseln will? Nach zwei "Ähs" und einem "Öh" liefert er leicht verunsichert die Antwort: "Ja, ja, klar - ist doch kein Thema . . ."

Vielleicht doch. Denn der Abschied aus Bremen wird Ailton so richtig schwer gemacht. Seit er vor gut zwei Monaten den Schalkern sein

seine Zusage gab, hat er offenbar erst begriffen, was Werder, was Bremen für ihn wirklich ist. Nämlich zweite Heimat, Nährboden des Erfolgs, fußballerisches Universum. Nach seinen drei Toren vor einer Woche gegen den VfL Bochum wurde er von den 34 000 Fans im Weserstadion mit stehenden Ovationen in die Kabine verabschiedet. Auch für einen kühlen Profi wie Ailton, der unter dem Einfluss des Schalke-Wechsels das Image eines Söldners gepflegt hat, war das ein ergreifender Moment. "Unbeschreiblich schön" sei das gewesen, sagt Ailton. "Ich fühlte mich glücklich und dankbar - fast wie ein Gott."

Ob er das auf Schalke auch finden wird? Die Zukunft muss es zeigen. Im Moment denkt Ailton aber nicht oft an das, was sein wird. Er ist nur froh, dass er das, was hinter ihm liegt, gemeistert hat. "Sehr, sehr schwere Wochen" seien es gewesen, die er nach Bekanntgabe seines Wechsels durchmachen musste. Der "Gott" fühlte sich "wie in der Hölle. Jeder hat auf einmal schlecht über mich gesprochen. Es war wie ein Erdbeben", seufzt er.

Tatsächlich: Ganz Bremen war erschüttert. Und im Epizentrum stand der Mann, der doch nur eines wollte: Finanzielle Unabhängigkeit für sich und seine insgesamt neun Personen umfassenden Familien in Brasilien und Mexiko, dem Heimatland seiner Lebensgefährtin. Die vier Millionen Euro Jahresgehalt des FC Schalke garantieren diese sichere Versorgung. "Ich muss eben auch ans Geld denken. Ich kann nur Fußballspielen, sonst nichts. Wenn meine Karriere in ein paar Jahren zu Ende geht, will ich nicht noch acht Stunden am Tag arbeiten müssen, um meine Familie durchzubringen", erklärt Ailton. Gewiss: Am Existenzminimum wäre seine Verwandtschaft auch mit den Bremer Millionen nicht gewandelt. Aber Schalke hat nun mal mehr geboten. Und Ailton sagte ja. Zu früh?

Vorstandsboss Jürgen L. Born hat so "eine Ahnung", dass Ailton mit der getroffenen Entscheidung nicht mehr glücklich ist. Aber was hilft's? "Es ist ja nicht mehr zu ändern", so Born. Es sei denn, Ailton würde den Gang nach Canossa - pardon: Gelsenkirchen - antreten und um Rücktritt vom Zwei-Jahres-Vertrag (plus Option) betteln. Aber das ist Utopie - vermutlich.

Unumstößlicher Fakt bleibt, dass der 30-jährige Torjäger noch nie so gut war, wie in den Wochen, nachdem Schalke-Manager Rudi Assauer ihm im Maritim-Hotel das unwiderstehliche Angebot vorgelegt hatte. In den acht Spielen zuvor hatte Ailton sieben Mal getroffen. In den vier Spielen danach wurden es sechs Tore - und gejubelt wurde im Schnitt alle 47 Minuten. Wenn das so bleibt und man die 17 torlosen Minuten bis zu seiner Auswechslung gegen Bochum einrechnet, ist heute in der Hamburger AOL-Arena nach einer halben Stunde Saisontreffer Nummer 14 fällig.

Ailtons aktuelle Quote ist für Werder der Pfand des Erfolgs, für den Spieler selbst jedoch auch eine Art Selbstschutz. Wieso? Ailton erklärt: "Ich wusste, dass mir die Fans den Wechsel zu Schalke nur verzeihen würden, wenn ich viele Tore schieße. Wenn nicht, dann hätten sie mich gehasst." Doch spätestens nach seinem Dreierpack gegen Bochum hat er seine persönliche Hölle verlassen - aus eigener Kraft: "Darauf bin ich stolz. Das hätte nicht jeder geschafft." Und die Bremer Fans, da ist sich Ailton seither ganz sicher, "werden mich immer lieben".

[29.11.2003] Kreiszeitung