Fans in Deutschland: "Die Hooligan-Szene ist so gut wie tot"

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"Die Hooligan-Szene ist so gut wie tot"

Von Pavo Prskalo

Verwüstete Straßen, brennende Polizeikasernen, Tote und Verletzte - kommt all das auch auf den deutschen Fußball zu? Die Polizeigewerkschaft hält massive Randale von Fußball-Anhängern auch hierzulande für möglich. Sprecher von Fan-Initiativen sprechen von Panikmache und Übertreibung.

Die Lage ist ernst - zumindest nach Meinung der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Auch in Deutschland könnte es schnell zu ähnlichen Krawallen wie zuletzt in Italien kommen, warnt GdP-Chef Konrad Freiberg. Er spricht von einer radikalen Hooligan-Szene und erschreckend hoher Gewaltbereitschaft.

"Das halte ich für vollkommen übertrieben. Solche Aussagen sind reine Panikmache", sagt Philipp Markhardt im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Der Pressesprecher der landesweiten Organisation "Pro Fans" begründet seine Aussage mit dem Verhältnis zwischen deutschen Fans und der Polizei. "Die Atmosphäre ist längst nicht so vergiftet wie in Italien", so Markhardt.

Allein ein Blick ins Stadion genüge, um festzustellen, dass das Publikum in Deutschland um einiges friedlicher ist. "Fußballspiele hierzulande werden vom Otto-Normalverbraucher besucht. Außerdem ist der Anteil der Frauen und Familien viel größer als in Italien. Selbst bei Risikospielen passiert relativ wenig", sagt Markhardt.

Rechtsextremismus hält Markhardt nicht für maßgeblich, wenn es um Krawalle beim Fußball geht: "Grundsätzlich ist die politische Einstellung nicht ausschlaggebend für Ausschreitungen." Außerdem seien die deutschen Fangruppen ohnehin nicht so sehr vom Rechtsextremismus unterwandert wie die italienischen. Selbst die Hooligan-Szene hierzulande "ist so gut wie tot", sagt der 27-Jährige, "auch wenn es im Osten mit Sicherheit noch einige Probleme gibt".

"Die WM hat viel Eskalationspotential rausgenommen"

Dieter Bänisch sieht dies ähnlich. Der Geschäftsführer des Vereins Jugend und Sport will die Situation im Osten, wo es zuletzt immer wieder zu schweren Ausschreitungen gekommen war, nicht mit der in Italien vergleichen. "Das ist etwas völlig anderes. Es gibt sicherlich eine problematische Szene, aber das ist nicht so dramatisch wie das, was wir in den letzten Tagen gesehen haben", sagt Bänisch zu SPIEGEL ONLINE.

In Italien hatte ein Polizist am Sonntag einen Anhänger des Clubs Lazio Rom erschossen. (mehr...) Der Beamte wollte eine Schlägerei zwischen Fans stoppen. Nach dem Vorfall kam es zu Ausschreitungen, bei denen allein in Rom mindestens 40 Polizisten verletzt wurden. Rund 200 erzürnte Fans griffen in der Nacht mehrere Polizeikasernen sowie das Olympiastadion an.

Solche Vorfälle in Deutschland hält Bänisch für nahezu ausgeschlossen: "Man sollte niemals nie sagen, aber derartige Explosionen sind hier nicht angesagt." Der Umgang mit den Fans sei gut, "ein solches Zugehen auf die Anhänger gibt es in Italien nicht".

Bänisch, der zwei Hamburger Fanprojekte betreut, betont, dass das Image der deutschen Fans im Vergleich zu den italienischen deutlich besser ist. "Die deutschen Fans werden nicht als Störfaktor wahrgenommen, sondern als Unterstützer des Fußballs." Gerade die Weltmeisterschaft 2006 habe dies bewiesen. "Die WM hat viel Eskalationspotential rausgenommen", so Bänisch.

GdP-Chef schließt Spieltagabsagen nicht aus

Die Kritik von GdP-Chef Freiberg, dass die Zusammenarbeit zwischen Verbänden, Vereinen und Fan-Projekten verbessert werden muss, weist Bänisch zurück. "Die Kooperationen funktionieren doch. Aber ich warne davor, Fan-Projekte als Allheilmittel anzusehen", so Bänisch.

Volker Goll, Mitarbeiter der Koordinationsstelle Fan-Projekte (KOS) bei der Deutschen Sportjugend, erklärt, dass gerade im Osten die Fan-Arbeit noch mitten im Aufbau steckt. Generell sieht Goll aber keine Probleme bei der Zusammenarbeit zwischen DFB, den Vereinen und den Fan-Projekten. "Ich sehe da eine andere Tendenz als die Polizeigewerkschaft. Es gibt zwischen den Partnern einen guten Kontakt, der immer besser wird."

Dagegen sieht GdP-Chef Freiberg gerade bei den Vereinen Verbesserungsbedarf. "Die Vereine kennen ihre Fans. Sie müssen jedem einzelnen klar machen, dass Gewalt im Stadion nichts verloren hat", sagt Freiberg SPIEGEL ONLINE. Den Vorwurf zu übertreiben akzeptiert er nicht. "Wir wollen keine Panik machen, aber wir können auch nicht schweigend zusehend. Man muss beschreiben, was passiert."

Noch sei man von Verhältnissen wie in Italien entfernt. Doch für den Fall müsse man vorbereitet sein. Freiberg kann sich sogar ein Anreiseverbot für Gästefans oder die Absage ganzer Spieltage bei entsprechender Lage vorstellen: "Wir können nichts ausschließen."

http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,517061,00.html