Der Name des Stadions ist unverkäuflich

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Der Name des Stadions ist unverkäuflich
St.-Pauli-Fans wollen dem Präsidium verbieten, das Millerntor gegen Geld umzubenennen.
Von Jörg Marwedel

Als der 1. FC Nürnberg im Frühjahr 2006 das Frankenstadion gegen ein paar Millionen Euro von einem Kreditinstitut in easyCredit-Stadion umbenannte, empörten sich die Anhänger zutiefst. Mehr als tausend Leserbriefe gingen bei den Nürnberger Zeitungen ein, Fan-Gruppen benannten das Areal symbolisch in Max-Morlock-Stadion um, nach dem Weltmeister von 1954. Auch bei Hansa Rostock gingen die Klubfreunde im vergangenen Monat zum Demonstrieren auf die Straße und streikten beim Heimspiel gegen den Karlsruher SC, indem sie weder sangen noch klatschten. Es ging um den Namenswechsel des Ostseestadions, das seit dem 2. Juli DKB-Arena heißt.

Es war, wie man weiß, zu spät. Das Geschäft hat noch allemal gesiegt über die Tradition. Das Westfalenstadion in Dortmund heißt jetzt Signal-Iduna-Park, die Arena Auf Schalke ist nun die Veltins-Arena, in Hamburg wurde gerade die AOL-Arena in "HSH Nordbank-Arena" umgetauft. "Volksparkstadion für immer!", sagen allerdings etliche HSV-Fans, die genug haben "von dem Gefeilsche wie auf einem orientalischen Basar". Und das neue Münchner Stadion trägt gar für 30 Jahre den Versicherungsnamen "Allianz", während der Dortmunder Partner, auch eine Versicherung, schon nachdenkt, nach fünf Jahren auszusteigen. Er ist nicht zufrieden mit dem Ergebnis, weil nicht nur die Fans, sondern auch viele Medien das Wortungetüm "Signal-Iduna-Park" nicht in ihren Sprachschatz aufgenommen haben.

Jetzt gibt es eine Aktion, die es im deutschen Profifußball so noch nicht gegeben hat. Mitglieder des Zweitligaklubs FC St. Pauli wollen auf der Jahreshauptversammlung am 18. November dem Präsidium verbieten, den Namen Millerntor-Stadion zu verkaufen. "Wir wollen", sagt Jochen Harberg, eines der federführenden Mitglieder, "ein Zeichen setzen gegen die grassierende Kommerzialisierung." Wenn für den Antrag 50,1 Prozent der Mitglieder stimmen, dann habe das "eine hohe moralische Relevanz", sagt er. Denn im Prinzip gehört die Kampfbahn nicht dem Verein, sondern der "Millerntor-Betreibergesellschaft". Eine Satzungsänderung würde also nichts bringen.

"Irreal", nennt Präsident Corny Littmann den Vorschlag. Auch für den Schauspieler und Unternehmer "verbietet sich zwar ein Name wie zum Beispiel easyCredit-Stadion". Gleichwohl ist er dabei, mögliche Namensgeber abzuklopfen, "die zu dem Verein passen". Weit gediehen waren die Gespräche mit dem Glücksspiel-Anbieter "PokerRoom". Das wäre "mein Humor" gewesen, sagt Littmann, es hätte nach seiner Meinung auch zur nahen Reeperbahn gepasst. Doch die Behörden untersagten den Stich mit der Glücksspiel-Firma. Auch "Astra-Dome" wurde genannt, etikettiert nach dem St. Pauli-Bier, das am Millerntor ausgeschenkt wird. "Wo", fragt der Präsident, "beginnt denn die Kommerzialisierung im Profifußball?"

Harberg möchte diese Frage auf der Versammlung präzisieren. Dass der FC St. Pauli hinter dem FC Bayern, Borussia Dortmund, Schalke 04 und dem Hamburger SV beim Merchandising bundesweit auf Platz fünf liege, habe ja weitgehend mit den Fans zu tun, "dem größten Sponsor des Klubs". Weshalb so viele Menschen mit einem Verein sympathisieren, "dessen Pokal-Vitrine kleiner ist als das Entmüdungsbecken von Kickers Emden", habe auch damit zu tun, dass man ein Zeichen setzen wolle gegen die "immer brutalere und in ihren Wesenszügen oft fanfeindliche Kommerzialisierung". Das ist in gewisser Weise auch ein Geschäftsmodell.

Im Fanforum wurde jüngst eine Befragung durchgeführt. Jeweils knapp 30 Prozent waren gegen jeden Namenssponsor oder aber für ein Unternehmen, das zum Verein passt. Knapp 20 Prozent war es völlig egal - Hauptsache, es werde gut Fußball gespielt. Der frühere Grünen-Politiker Littmann hatte zwar im Sommer erklärt, er könne sich "nicht vorstellen, in dieser Angelegenheit die Mitglieder nicht mitentscheiden zu lassen". Wie das aber aussehen soll, sei "eine schwierige Geschichte". Das Stadion gehöre ja zum Vermarktungspool, damit hätten die Mitglieder nichts zu tun. Überdies: Wenn vor einem Vertragsabschluss abgestimmt würde, ob ein Partner genehm sei, lasse dieser schon vorher die Finger davon. Klingt nach grüner Realpolitik.

Littmann glaubt nicht, dass die Mehrheit der Mitglieder des 2003 fast in Konkurs gegangenen FC St. Pauli dem Begehren zustimmt und auf mehrere hunderttausend Euro im Jahr verzichten. Andererseits: Welcher Klub könnte eine solche Trendwende zu mehr Tradition überhaupt noch hinbekommen? In Mönchengladbach und Duisburg suchen sie bereits nach Geldgebern für das "MSV-Stadion" und den "Borussia-Park", die zu den wenigen, noch nicht mit einem Sponsorennamen bedachten Stadien gehören. Selbst beim ebenfalls etwas anderen Klub Mainz 05 steht schon fest, dass das 2009 fertige neue Stadion "Coface Arena" heißen wird. Die einzelnen Tribünen sind bereits heute nach Unternehmen benannt. Da bleibt vorerst wohl nur der SV Werder Bremen als Vorbild. Dessen Geschäftsführer Manfred Müller erklärte, auch nach dem Umbau werde das Weserstadion weiter Weserstadion heißen. Und dann ist da noch das "Stadion der Freundschaft" in Cottbus. Das klingt zwar nach altem Sozialismus, ist aber allemal besser als easyCredit-Stadion.

SZ vom 7.11.2007
hansen
Sehr war, dass der Name unverkäuflich ist. Wie beim Weserstadion ist es mehr als nur ein Name.

Kann man nur hoffen, dass die Veriensführung keinen Verkauf der Namenrechte durchzieht...