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Von Subkulturen und Sportaktivisten
1LIVE-Reporter Christoph Ullrich hat für die PlanB-Reportage szenekundige Polizisten zu einem Fußballspiel begleitet. Sie kümmern sich darum, dass Problemfans erkannt und unter Kontrolle gehalten werden. Um die Arbeit der Polizisten zu verstehen, hat er im Hooligan und Ultra-Milieu von Borussia Mönchengladbach recherchiert.
Die Kommerzialisierung des Profifußballs lässt fast zwangsläufig nichts anderes mehr zu: Bunte Hochglanzbilder aus den Stadien, jubelnde und glückliche Fans auf den Sitzplätzen, die den Event höher schätzen, als den Erfolg der eigenen Mannschaft. In den Fankurven sieht die Realität zumeist noch anders aus. Zahlreiche Subkulturen tummeln sich dort, sorgen im positiven und negativen Sinne für Stimmung. Ganze Choreographien werden von den Ultras im Stadion organisiert. Die Gruppe unterstützt die eigene Mannschaft in der Tradition der italienischen Fankultur bis zum Ende und etabliert dabei eine eigene Kultur. Doch durch den Hass auf den Kommerz, schleicht sich oftmals eine latente Gewaltbereitschaft ein: Wer einen Ultra anpöbelt, muss damit rechnen, dass sich dieser wehrt. Ein Problem für die Polizei - rekrutiert sich diese Fangemeinde doch aus durchschnittlich 20-Jährigen, die in der eigenen Kurve ein Abenteuer wittern. Oftmals werden aus bürgerlichen Sprösslingen dabei aktenkundige Problemfans.
Parole: ACAB
Somit sind die Ultras zumeist die größte Kummergruppe im Stadion. Oft kommt es rund um die Arenen zu Scharmützeln mit den gegnerischen Ultras und der Polizei. Die hat eh einen schweren Stand und wird mit Kürzeln wie "ACAB" bedacht: "All cops are bastards." Die Ultras fühlen sich pauschal von der Polizei in Meinung, Freiheit und Handlung eingeschränkt. Wenn ein szenekundiger Beamter etwas rauskriegen oder einfach nur mit einem Ultra reden will, wird er abgewiesen, gleiches gilt für Journalisten. Wer Leute wie den Mönchengladbacher Szenebeamten Frank Gorißen gar anspricht, wird von den eigenen Kameraden als Spitzel verdächtigt. Und das, obwohl die meisten Ultras eher unauffällig und harmlos sind. Sie wollen einfach nur ihre Fankultur mit Bannern, eigenen Fanartikeln und absoluter Unterstützung des eigenen Teams ausleben, ohne dabei gefährlich für das normale Publikum zu sein.
"Sportaktivisten" auf der grünen Wiese.
Für eine andere Gruppe sind diese Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht eher hinderlich bei der Ausübung ihres Hobbys. Bei den hartgesottenen Hooligans geht es nicht darum aufzufallen: Die Anhänger der "dritten Halbzeit" wollen unentdeckt bleiben. Wenn sie ihrem "Sport" nachgehen, der Schlägerei mit den Hools des Gegners, soll am besten keiner dabei sein. Es ist ein enges Netzwerk. Die Chefs der Hooligans verabreden sich zu Treffen. Meist auf Parkplätzen oder in Parks. Abgeschieden von der Öffentlichkeit. Dritte sollen erst gar nicht in Mitleidenschaft gezogen werden und auffällig soll es auch nicht sein. In Kaiserslautern erhalte ich beim Auswärtsspiel von Mönchengladbach die Gelegenheit, mit einigen aus der C-Kategorie, der Gruppe derer, die aktiv Gewalt beim Fußball suchen, zu sprechen. Sie nennen sich "Sportaktivisten". Im entfernten Sinne mag das stimmen. Auch wenn diese Gewaltbereitschaft weder beim Fußball, noch in jeglichem gesellschaftlichen Zusammenhang zu akzeptieren ist.
"Die Polizei weiß nichts - und das soll auch so bleiben!"
Mathias* ist einer von den Gladbachern Hooligans. Rund 50 bis 70 Gladbacher gehören der gewaltbereiten Szene an. Verlässliche Zahlen über ihre genaue Größe gibt es aber weder von Polizei noch von den Hooligans selbst. "Die Polizei weiß nichts über uns, und das bleibt auch so", ermahnt mich Mathias bei einem Bier in einer kaiserslauterner Kneipe. "Wenn ein Bulle was weiß, dann gibt es Ärger für uns alle!", sagt er. Ich arrangiere mich bereits damit, dass Mathias auch vor mir nichts sagen will, da zeigt er mir ein Video auf seinem Handy. Wo das sei, sage er mir nicht, das gehe mich nichts an. Was ich sehe, reicht aber schon. Ich muss und möchte wirklich nicht wissen, wo das ist. Zwei Gruppen stehen sich auf einem Parkplatz gegenüber - hinter den geparkten Autos stehen einige Hooligans und filmen mit ihren Handys. Die Hools gehen aufeinander los, wie man es aus einschlägigen Filmen kennt. Das Klischee, was ich im Kopf habe, wird hier vollends bedient. Aber die Schläger halten sich an den Kodex: Keine Dritten, keine Waffen, wer am Boden liegt, wird nicht angegangen. Trotzdem fliegen heftig die Fäuste. Das Video endet damit, dass einer mit den Füßen voran in die andere Gruppe springt. Ich erkenne bei der "Schlacht" viele wieder, die mit am Tisch sitzen. Mathias verzieht keine Miene, während ich mir das Video anschaue. Als es zu Ende ist, steckt er sein Mobiltelefon wieder ein und scherzt: "Muss ich dann mal löschen oder woanders speichern. Auf dem Handy ist das ja gefährlich, wenn ich es verliere." Ich habe genug gesehen und trinke mein Bier aus. Wird auch sowieso Zeit zum Stadion zu gehen. Vorher gehen die Jungs aber noch auf einen Gladbacher Fan los – er hatte sich mit einigen angelegt und sämtliche verbalen Warnschüsse ignoriert. Aber der Fan kann sich retten und es passiert nichts Schlimmes.
"Im Stadion knallt es nie"
Auf dem Weg ins Stadion erzählt mir einer von Mathias' Freunden, dass die Jagd auf die Hools Schwachsinn sei: "Wir haben es noch nie im Stadion knallen lassen. Das sind nur die besoffenen Idioten, die eigentlich keine Hools sind und nur einen auf stark machen wollen. Wir machen das woanders." Auf meinen Einwurf, dass es aber 95 Prozent der Menschen widerlich finden, was die Jungs da abziehen, entgegnet mir der Hool: "Laber keinen Müll! Ich denk' das sind 97 Prozent." Eine realistische Einschätzung, die er da gibt, während er mich angrinst. Am Stadion angekommen, gehen wir zusammen rein – heute passiert nichts. Viele haben Freunde in Kaiserslautern. Das sei kein Derby wie gegen Aachen oder Köln, wo es richtig abgehe, klärt man mich auf. Da müsse niemand "weggeklatscht" werden. Am Ende spielt Gladbach 1:1. Während des Spiels feuern alle die Borussia an – fast könnte man meinen, ich stehe mit ganz normalen Fans in der Kurve. Ein Eindruck, der trügerisch ist, wie ich beim Spiel in Koblenz raus finden werde, wo ich mit den szenekundigen Beamten die andere Seite begleite.
*Name geändert
Stand: 16.10.2007
Quelle: 1Live
1LIVE-Reporter Christoph Ullrich hat für die PlanB-Reportage szenekundige Polizisten zu einem Fußballspiel begleitet. Sie kümmern sich darum, dass Problemfans erkannt und unter Kontrolle gehalten werden. Um die Arbeit der Polizisten zu verstehen, hat er im Hooligan und Ultra-Milieu von Borussia Mönchengladbach recherchiert.
Die Kommerzialisierung des Profifußballs lässt fast zwangsläufig nichts anderes mehr zu: Bunte Hochglanzbilder aus den Stadien, jubelnde und glückliche Fans auf den Sitzplätzen, die den Event höher schätzen, als den Erfolg der eigenen Mannschaft. In den Fankurven sieht die Realität zumeist noch anders aus. Zahlreiche Subkulturen tummeln sich dort, sorgen im positiven und negativen Sinne für Stimmung. Ganze Choreographien werden von den Ultras im Stadion organisiert. Die Gruppe unterstützt die eigene Mannschaft in der Tradition der italienischen Fankultur bis zum Ende und etabliert dabei eine eigene Kultur. Doch durch den Hass auf den Kommerz, schleicht sich oftmals eine latente Gewaltbereitschaft ein: Wer einen Ultra anpöbelt, muss damit rechnen, dass sich dieser wehrt. Ein Problem für die Polizei - rekrutiert sich diese Fangemeinde doch aus durchschnittlich 20-Jährigen, die in der eigenen Kurve ein Abenteuer wittern. Oftmals werden aus bürgerlichen Sprösslingen dabei aktenkundige Problemfans.
Parole: ACAB
Somit sind die Ultras zumeist die größte Kummergruppe im Stadion. Oft kommt es rund um die Arenen zu Scharmützeln mit den gegnerischen Ultras und der Polizei. Die hat eh einen schweren Stand und wird mit Kürzeln wie "ACAB" bedacht: "All cops are bastards." Die Ultras fühlen sich pauschal von der Polizei in Meinung, Freiheit und Handlung eingeschränkt. Wenn ein szenekundiger Beamter etwas rauskriegen oder einfach nur mit einem Ultra reden will, wird er abgewiesen, gleiches gilt für Journalisten. Wer Leute wie den Mönchengladbacher Szenebeamten Frank Gorißen gar anspricht, wird von den eigenen Kameraden als Spitzel verdächtigt. Und das, obwohl die meisten Ultras eher unauffällig und harmlos sind. Sie wollen einfach nur ihre Fankultur mit Bannern, eigenen Fanartikeln und absoluter Unterstützung des eigenen Teams ausleben, ohne dabei gefährlich für das normale Publikum zu sein.
"Sportaktivisten" auf der grünen Wiese.
Für eine andere Gruppe sind diese Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht eher hinderlich bei der Ausübung ihres Hobbys. Bei den hartgesottenen Hooligans geht es nicht darum aufzufallen: Die Anhänger der "dritten Halbzeit" wollen unentdeckt bleiben. Wenn sie ihrem "Sport" nachgehen, der Schlägerei mit den Hools des Gegners, soll am besten keiner dabei sein. Es ist ein enges Netzwerk. Die Chefs der Hooligans verabreden sich zu Treffen. Meist auf Parkplätzen oder in Parks. Abgeschieden von der Öffentlichkeit. Dritte sollen erst gar nicht in Mitleidenschaft gezogen werden und auffällig soll es auch nicht sein. In Kaiserslautern erhalte ich beim Auswärtsspiel von Mönchengladbach die Gelegenheit, mit einigen aus der C-Kategorie, der Gruppe derer, die aktiv Gewalt beim Fußball suchen, zu sprechen. Sie nennen sich "Sportaktivisten". Im entfernten Sinne mag das stimmen. Auch wenn diese Gewaltbereitschaft weder beim Fußball, noch in jeglichem gesellschaftlichen Zusammenhang zu akzeptieren ist.
"Die Polizei weiß nichts - und das soll auch so bleiben!"
Mathias* ist einer von den Gladbachern Hooligans. Rund 50 bis 70 Gladbacher gehören der gewaltbereiten Szene an. Verlässliche Zahlen über ihre genaue Größe gibt es aber weder von Polizei noch von den Hooligans selbst. "Die Polizei weiß nichts über uns, und das bleibt auch so", ermahnt mich Mathias bei einem Bier in einer kaiserslauterner Kneipe. "Wenn ein Bulle was weiß, dann gibt es Ärger für uns alle!", sagt er. Ich arrangiere mich bereits damit, dass Mathias auch vor mir nichts sagen will, da zeigt er mir ein Video auf seinem Handy. Wo das sei, sage er mir nicht, das gehe mich nichts an. Was ich sehe, reicht aber schon. Ich muss und möchte wirklich nicht wissen, wo das ist. Zwei Gruppen stehen sich auf einem Parkplatz gegenüber - hinter den geparkten Autos stehen einige Hooligans und filmen mit ihren Handys. Die Hools gehen aufeinander los, wie man es aus einschlägigen Filmen kennt. Das Klischee, was ich im Kopf habe, wird hier vollends bedient. Aber die Schläger halten sich an den Kodex: Keine Dritten, keine Waffen, wer am Boden liegt, wird nicht angegangen. Trotzdem fliegen heftig die Fäuste. Das Video endet damit, dass einer mit den Füßen voran in die andere Gruppe springt. Ich erkenne bei der "Schlacht" viele wieder, die mit am Tisch sitzen. Mathias verzieht keine Miene, während ich mir das Video anschaue. Als es zu Ende ist, steckt er sein Mobiltelefon wieder ein und scherzt: "Muss ich dann mal löschen oder woanders speichern. Auf dem Handy ist das ja gefährlich, wenn ich es verliere." Ich habe genug gesehen und trinke mein Bier aus. Wird auch sowieso Zeit zum Stadion zu gehen. Vorher gehen die Jungs aber noch auf einen Gladbacher Fan los – er hatte sich mit einigen angelegt und sämtliche verbalen Warnschüsse ignoriert. Aber der Fan kann sich retten und es passiert nichts Schlimmes.
"Im Stadion knallt es nie"
Auf dem Weg ins Stadion erzählt mir einer von Mathias' Freunden, dass die Jagd auf die Hools Schwachsinn sei: "Wir haben es noch nie im Stadion knallen lassen. Das sind nur die besoffenen Idioten, die eigentlich keine Hools sind und nur einen auf stark machen wollen. Wir machen das woanders." Auf meinen Einwurf, dass es aber 95 Prozent der Menschen widerlich finden, was die Jungs da abziehen, entgegnet mir der Hool: "Laber keinen Müll! Ich denk' das sind 97 Prozent." Eine realistische Einschätzung, die er da gibt, während er mich angrinst. Am Stadion angekommen, gehen wir zusammen rein – heute passiert nichts. Viele haben Freunde in Kaiserslautern. Das sei kein Derby wie gegen Aachen oder Köln, wo es richtig abgehe, klärt man mich auf. Da müsse niemand "weggeklatscht" werden. Am Ende spielt Gladbach 1:1. Während des Spiels feuern alle die Borussia an – fast könnte man meinen, ich stehe mit ganz normalen Fans in der Kurve. Ein Eindruck, der trügerisch ist, wie ich beim Spiel in Koblenz raus finden werde, wo ich mit den szenekundigen Beamten die andere Seite begleite.
*Name geändert
Stand: 16.10.2007
Quelle: 1Live