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| Kein Platzverweis für rechte Schläger? BREMEN. Gefährliche Körperverletzung und Landfriedensbruch schreibt die Bremer Staatsanwaltschaft vermutlich in die Anklage - wenn sie denn noch eine erhebt: Im Januar dieses Jahres hatten etwa 20 rechte Hooligans Partygäste im Ostkurvensaal des Weserstadions überfallen und einige Jugendliche brutal zusammengeschlagen. Die Polizei ermittelt noch immer.Mit Hinweis auf die laufenden Ermittlungen schweigen die Ordnungshüter; man werte derzeit schriftliche Zeugenaussagen aus, mehr ist auch von der Staatsanwaltschaft nicht zu erfahren: Im Januar hatten rund 100 Jugendliche das einjährige Bestehen der Werder-Fangruppe "Racaille Verte" gefeiert. Ihre Angreifer kamen überraschend, sie schlugen und traten gezielt auf ihre Opfer ein. In Minuten verletzten sie zwei Menschen schwer und mehrere leicht.Aus Angst erstatteten die Opfer keine Anzeige, und kein Zeuge meldete sich bei der Polizei. Zwei Wochen nach dem Überfall sprang das Fanprojekt in die Bresche, es zeigte - als Hausherr des Ostkurvensaals - immerhin einen "Hausfriedensbruch" an. Nach Recherchen unserer Zeitung waren unter den Angreifern Mitglieder der berüchtigten Hooligantruppe "Standarte", zu der auch Neonazis gehören."Wir waren gelähmt vor Angst", gab ein Partygast später zu. Jeder in der Fanszene fürchte die Männer. Unter ihnen seien "erfahrene Schläger" und "Schwerkriminelle". Noch Wochen nach dem Überfall waren die Opfer nicht zu sprechen, eines musste tagelang im Krankenhaus bleiben. "Die Nazi-Hools wissen doch immer, wo sie uns finden", erklärte ein Jugendlicher sein Schweigen: "Bei jedem Werder-Spiel." Aber nicht nur im und rund um die Stadien fühlten die Fans sich nicht mehr sicher: "Euch gehört vielleicht die Kurve, aber uns gehört die Stadt", so und ähnlich haben "Standarte"Anhänger Fans immer wieder bedroht.Seit Jahren treffen sich die Hooligans zu ihrer Art "Match". Mit Schlagstöcken und Pfefferspray bewaffnet, mit Gebiss- und Genitalschutz ausgerüstet, liefern sie sich ihre "dritte Halbzeit". So heißen in der Szene die Schlägereien auf einsamen Parkplätzen oder in anderen dunklen Ecken. Treffen zu Gewaltexzessen, die Hooligans "Extremsport" und Juristen gefährliche Körperverletzung sowie Landfriedensbruch nennen. Die Polizei steckt die Gewalttäter in die "Kategorie C", die Sorte "Fußballfans", die Gewalt nicht nur in Kauf nimmt, sondern die Gewalt sucht.Als der Überfall auf die Partygäste im Ostkurvensaal publik wurde, kündigte Werder Stadionverbote gegen die Täter an - verhängt wurden bis heute keines. Dabei hatte der Verein gleich nach Bekanntwerden des Überfalls im Februar mitgeteilt, nach Gesprächen mit betroffenen Fans seien ihm mehrere Täter namentlich bekannt. Gegen sie würden nach "rechtlicher Prüfung" Stadionverbote ausgesprochen. Werders Mediendirektor Tino Polster begründet die fehlenden Konsequenzen mit den sich hinziehenden Ermittlungen: "Wir fragen immer wieder bei der Polizei nach - weil uns nach wie vor jede rechtliche Handhabe fehlt."Dass es für bundesweit geltende Stadionverbote rechtliche Hürden gibt, hält auch Wilko Zicht vom Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) für gut und richtig. Doch einschlägig bekannten rechten Schlägern wenigstens den Zutritt ins heimische Stadion zu verwehren, sei "wirklich nicht so schwierig". Jeder Verein könne sein Hausrecht wahrnehmen. Wolfgang Welp, Vorsitzender des Fanprojektes, sieht das ähnlich: Während andere Vereine wie der VfB Stuttgart oder der FC Schalke 04 bei der Verhängung örtlicher Stadionverbote "oft übers Ziel hinausschießen, ziert sich Werder sehr".Immerhin hat der Bremer Bundesligist die unter Neonazis beliebte Bekleidungsmarke "Thor Steinar" im Weserstadion für unerwünscht erklärt. Bereits Ende vergangenen Jahres hatte Hertha BSC Berlin Kleidung der Marke aus dem Stadion verbannt. Laut Polster zog Werder als zweiter Bundesligaverein nach, inzwischen seien weitere Vereine Herthas Beispiel gefolgt. Bis zu zehn Fans würden die Ordner pro Spiel abweisen, weil sie in Pullis oder Jacken des Labels zu Bundes- oder Regionalligaspielen erscheinen. Zudem sammelt Werder im Internet Stimmen "gegen Gewalt, Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und Diskriminierung im Fußball". Rund 4400 Unterschriften sind bisher zusammengekommen.Das Fanprojekt hat gegen einschlägig bekannte Neonazis und rechte Hooligans Hausverbote für den Ostkurvensaal verhängt. Und als im Mai der harte Kern der "Standarte" zur Vorstellung des Films "Die Fans sind wir" kam, verwehrten die Mitarbeiter den knapp 20 Männern den Zutritt.Wie berechtigt die große Angst vieler Fans vor der Schlägertruppe ist, zeigte sich wenige Wochen später: Ein Anhänger der "Standarte" schlug einen Mitarbeiter des Fanprojektes ins Gesicht. Aber der ließ sich nicht einschüchtern und erstattete Anzeige.Drohungen sogar gegen Mitarbeiter des Fanprojektes sind nichts Neues: Bereits 2002 hatte ein "Standarte"-Anführer Mitarbeiter des "Verrats" bezichtigt, und die Hooligans ließen dem Vorwurf Drohungen folgen. Damals folgten den Drohungen glücklicherweise keine Schläge. Doch seither wissen auch Projektmitarbeiter, was es heißt, mit Angst ins Stadion zu gehen. Als "unverzeihlichen Bruch eines Tabus" wertet Welp denn auch den Übergriff auf seinen Kollegen.Hartgesottene rechte Hooligans seien nicht das einzige Problem, meint der Fanprojektvorsitzende. Er bemerkt längst auch in Teilen der Ultra-Szene wachsende Gewaltbereitschaft rund um das Weserstadion und Werders Heimspiele. In Situationen, in denen sich gewaltbereite Fans einst "mit Machtdemonstrationen und Drohgebärden begnügten, wird heute auch zugeschlagen".Das Fanprojekt will sich davon nicht unterkriegen lassen. Welp: "Engagement gegen Gewalt und Rassismus darf nicht zum Lippenbekenntnis verkommen." Auch deshalb laden die Mitarbeiter zusammen mit anderen Jugendhilfeeinrichtungen zu einer Diskussion über Rassismus beim Fußball am Montagabend in den Ostkurvensaal ein.INFORMATION Im Anti-Rassismus-Projekt "Stand Up"arbeiten die JugendhilfeeinrichtungenLidicehaus, Vaja, Buchte und Friese mit dem Fanprojekt zusammen."Stand Up" veranstaltet am kommendenMontag um 19 Uhr im Ostkurvensaal desWeserstadions eine Podiumsdiskussion über "Rassismus beim Fußball".Nach einem Referat von Martin Endemannvon BAFF diskutiert Endemann mit Fans von "Racaille Verte" und "Infamous Youth". Quelle |