Die Seele des deutschen Handballsports auf dem Altar des Geldes

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Die Seele des deutschen Handballsports auf dem Altar des Geldes
Kommerzialisierung schreitet voran: Bundesliga-Namensrechte an Toyota verkauft / Auch Vereine wollen sich umbenennen / Fans erbost
Von unserem Mitarbeiter
Erik Eggers

HAMBURG. Die Wut bei einigen Fans ist groß, das hat Frank Bohmann in den letzten Wochen selbst leidvoll erfahren. "Ich habe so viele E-Mails wie noch nie bekommen", sagt der Geschäftsführer der Deutschen Handball-Bundesliga (HBL), darunter seien "sehr emotionale Reaktionen" gewesen. Dass die Liga ihren Namen kürzlich für rund zwei Millionen Euro jährlich an Toyota verkauft hat und nun Tornetze mit dem Logo des Automobilkonzerns bedruckt sind, empört viele Traditionalisten dieser Sportart.Als bekannt wurde, dass die traditionsreiche Ostseehalle, die Heimstätte des Champions League-Siegers THW Kiel, ab Oktober "Sparkassen-Arena" heißen soll, waren viele Fans ähnlich erbost. "Uns wird vorgeworfen, wir hätten das Herz nicht am rechten Platz", berichtet Bohmann. Regiert nur noch der Mammon? Wird die Seele des deutschen Handballsports auf dem Altar des Geldes geopfert?Die Funktionäre verneinen das. "Natürlich findet momentan eine Kommerzialisierung statt", ist sich Bohmann zwar bewusst, und nicht nur wegen der "Toyota-Bundesliga". Schon seit Jahren, mithin schon vor der publikumsträchtigen WM im eigenen Land, ist mit der Agentur Sportfive einer der größten europäischen Sportvermarkter in den Profi-Handball eingestiegen; millionenschwer ist der komplizierte Kontrakt zwischen HBL und Sportfive, der im Sommer 2006 unterzeichnet wurde. Und in den nächsten Tagen wird die HBL nach Lage der Dinge eine Partnerschaft mit einem weiteren Weltkonzern präsentieren: Die Lufthansa AG wird dabei nach Informationen dieser Zeitung den Klubs geldwerte Leistungen (sprich Flüge) im Wert von rund 800 000 Euro zur Verfügung stellen.Viele Nebengeräusche der Professionalisierung aber nerven viele Fangruppierungen, und manchmal auch Klubvertreter. Starken Protest ruft hervor, dass etwa die einzelnen Partien eines Bundesliga-Spieltages auf möglichst viele Wochentage verteilt werden, um so möglichst viele TV-Übertragungen zu gewährleisten - so sind Auswärtsfahrten für Fans oft unmöglich. Eine völlig neue Qualität ist, dass der TBV Lemgo dem neuen Großsponsor einen Platz im Vereinsnamen zubilligen will: Geht es nach TBV-Geschäftsführer Volker Zerbe, heißt der zweimalige Deutsche Meister bald "TBV ProVital Lemgo". Die Umbenennung stand bereits auf der Tagesordnung, bevor die HBL darauf aufmerksam machte, dass das laut Liga-Richtlinien nicht rechtens ist. Bei Gründung der HBL im Jahre 2003 habe man sich "ganz bewusst" gegen derlei Umbenennungen entschieden, erklärt Bohmann, um die gewachsenen Marken nicht zu beschädigen. "Es wäre eine Katastrophe, solche Markennamen für ein paar Tausend Euro zu verschleudern", zeichnet Bohmann ein Horrorszenario.Im ostwestfälischen Lemgo, wo Stars wie Daniel Stephan, Michael Kraus und Florian Kehrmann ihr Geld verdienen, geht es allerdings nicht nur um ein paar Moneten. Die Firma Heristo AG, die ihre Marke ProVital bekannter machen will, ist in die Lemgoer Spielbetriebs GmbH & Co. KG mit über 1,5 Millionen Euro eingestiegen und damit Mehrheitsgesellschafter. Die einstimmige Entscheidung Lemgos, sich umzubenennen, gilt dennoch nur "unter Vorbehalt", so Bohmann. In Internetforen ätzen pikierte Fans dennoch bereits mit fiktiven Spielberichten aus dem Jahr 2011: "Der VfL Trienekens Gummersbach hatte sich im ersten Spiel den Rhein-Neckar-SAPern mit 23:32 geschlagen geben müssen, Gyrosbude Ali Minden hatte beim Duell der fleischverarbeitenden Industrie gegenüber TBV ProVital Lemgo mit 22:28 verloren." Die Funktionäre nehmen die Fanproteste sehr Ernst. "Es gibt klare Grenzen der Kommerzialisierung: Man kann nicht jedes Augenlid der Sportler verkaufen", weiß HBL-Funktionär Schmäschke. Und auch Bohmann versucht zu moderieren. "Es geht aber auch darum, den Spitzensport zu bezahlen, den wir in dieser Liga bieten", sagt der Liga-Geschäftsführer.

Weser Kurier vom 16.09.'07