Auf der BAFF-Homepage gibt´s inzwischen auch einige
Fotos und vor allem
Audio-Dateien vom Fankongress.
Nachtrag: Ein Bilanz ist jetzt auch bei
Stadionwelt frei zugänglich:
25.06.2007 - Fankongress
Erfolg, Durchbruch oder Stillstand?
420 Teilnehmer fanden sich am Wochenende zum bundesweiten Fan-Kongress in Leipzig ein. Hochrangige Sportfunktionäre und Vertreter von etwa 50 Fanszenen diskutierten zu Themen wie Stadionverboten, Fankultur und Antidiskriminierung.
Das alles überstrahlende Thema war die Änderung der Stadionverbotsrichtlinien. Bis zum Ende der Winterpause stellte der DFB einige Änderungen in Aussicht. So könnte die Dauer von Stadionverboten kürzer werden, weil die Vergabe generell flexibler gestaltet werden soll. Hier soll vor allem der Einzelfall genauer betrachtet werden. Dem Bezugsverein, also dem eigenen, wird dabei eine gestärkte Position zufallen. In Punkto Flexibilität ist angedacht, dass Stadionverbote künftig auf Bewährung ausgesprochen werden, das heißt die gelbe Karte findet auch auf den Rängen Eingang. Dazu soll das Anhörungsrecht garantiert werden. Neue Hoffnung können sich die circa 3.000 Personen machen, die derzeit von einem Stadionverbot betroffen sind. „Es wäre unredlich, die Altfälle nicht zu prüfen“, erklärte Helmut Spahn, Sicherheitsbeauftragter des DFB.
Wie weit dieses Ergebnis im Dialog erarbeitet wurde, liegt sicherlich am Blickwinkel. Das positive Gefühl - gesetzt den Fall alles wird eins-zu-eins umgesetzt - bei den Fanvertretern wurde dadurch nicht geschmälert. Martin Endemann von BAFF brachte es auf den Punkt: „Die Freude über die Ankündigung der Änderung der Stadionverbotsrichtlinien ist groß. Es ist sicher noch kein endgültiger Durchbruch, aber das Deutlichste, das der DFB diesbezüglich jemals von sich gegeben hat.“ Auf Seiten des DFB wurde der gesamte Kongress als kompletter Erfolg gewertet, obwohl längst nicht alles rund lief.
Irritation auf Seiten der Fans
Irritationen gab es bereits bevor DFB-Präsident Dr. Theo Zwanziger in einem Blitzlichtgewitter den großen Hörsaal der sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig ohne jegliche Beifallsbekundungen betrat. Die Skepsis gegenüber dem „Feindbild“ DFB war spürbar. Schnell hatte die Runde gemacht, dass die abschließende Pressekonferenz am Sonntag aus „taktischen“ Gründen auf 13 Uhr, also noch vor Beendigung des Kongresses, vorverlegt worden war, unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden und nur ein Vertreter der Initiativen, die sich besonders in die Vorbereitung des Kongresses eingebracht hatten, auf dem Podium sitzen sollte. Letztendlich konnten sich mit Mathias Scheurer und Rechtsanwalt Stefan Minden von Unsere Kurve, Philip Markhardt von Pro Fans und Martin Endemann doch noch vier den Fragen der Pressevertreter stellen. Wie sein Verband bekam auch Zwanziger die Kurve: Am Ende seiner Eröffnungsrede, die von Worten wie „Gerechtigkeit“ und „Transparenz“ geprägt war, kannte der Beifall fast keine Grenzen.
„Der Dialog zwischen Fans und dem DFB hat eine Stufe erreicht, die er vorher nicht hatte“, betonte Stefan Minden, musste seine Aussage aber zugleich etwas relativieren, „auch wenn die Meßlatte der Vergangenheit, die es zu überspringen galt, nicht allzu hoch war.“ Philip Markhardt sah den Dialog nicht überall gegeben: „Der Bereich Fankulturen war wenig erfolgreich. Da Entscheider gefehlt haben, gab es keine Möglichkeiten, die Machbarkeit unserer Forderungen abzuklopfen.“ Vor allem im Bereich der einheitlichen Regelung für die Mitnahme von Fanutensilien wie Fahnen oder Megafonen, den nicht wenige Fans nach der Stadionverbotsproblematik als den zweitwichtigsten Kongresspunkt überhaupt ansahen, war es zu keinem nennenswerten Ergebnis gekommen, weil Fans mangels Teilnahme von zuständigen Stellen wie den Vereinen oder Sicherheitskräften die meiste Zeit unter sich blieben. So hatte beispielsweise die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) nur wenige Ansprechpartner entsandt. Auch die DFL-Spitze machte sich in Leipzig rar: Ferienzeit und persönliche Gründe waren allerorten zu hören. Wolfgang Holzhäuser, kommissarischer Präsident des Ligaverbands DFL, reklamierte letzteres für sich, sorgte aber trotzdem für Aufruhr. Im Vorwort des Programms hatte er unter anderem die Behauptung aufgestellt, das Wort Fan komme „eben nicht von fanatisch.“
Zukunftsweisendes Modell Sankt Pauli?
Nicht alle Vereine blieben dem Fan-Kongress fern: Der FC Sankt Pauli war sich seiner Verantwortung schon im Vorfeld bewusst und hat kürzlich ein Modell vorgestellt, mit dem sich die Mehrzahl der deutschen Gruppen anfreunden können wird. Das so genannte Sankt-Pauli-Modell sieht vor, dass die Fans eines jedes Gastvereins, der nächste Saison zum Millerntor reist, grundsätzlich alles erlaubt bekommen. Sollte dieser Vertrauensvorschuss in irgendeiner Form missbraucht werden, erhält die entsprechende Szene bei den fünf darauf folgenden Spielen strikte Auflagen. Einzig der darin beinhaltete totale Verzicht auf den Einsatz pyrotechnischer Gegenstände stieß nicht überall auf ungeteilte Stimmung. „Wir haben mit dem Thema noch nicht abgeschlossen“, sagten viele Kongressteilnehmer.
Die übrigen drei Foren lieferten keine unerwarteten Ergebnisse. Vor allem im Bereich Antidiskriminierungsarbeit war klar, dass Einstimmigkeit herrschte, etwas zu unternehmen. Das Wie stand im Vordergrund: Verschiedene Möglichkeiten für Verbände und Vereine wurden entwickelt, dieses Thema noch weiter in die Öffentlichkeit zu tragen. So können beispielsweise Ordner besser geschult werden, Werbetafeln in Stadien angebracht werden und eine bessere Vernetzung stattfinden. Eine Erklärung namens „Leipziger Erklärung gegen Antidiskriminierung im Fußball“ wurde nicht verabschiedet, weil die Angst bestand, das könne die anderen Ergebnisse des Kongresses in der Berichterstattung in den Hintergrund drängen. Im Forum Fanbetreuung blieben die Fanarbeiter fast ausschließlich unter sich. Ihre Forderungen drehten sich vor allem um professionellere Strukturen sowie mehr Anerkennung. Der Punkt Länderspiele rückte angesichts der anderen Themen und der Nichtbeteiligung vieler aktiver Fans am Nationalteam in den Hintergrund. In der Presseerklärung der aktiven Fans wurde die Abschaffung des Fanclubs Nationalmannschaft aufgrund des zu hohen Kommerzialisierungsgrades gefordert.
In den Hintergrund rückte ein Vorfall, der sich auf der im offiziellen Kongress-Programm beworbenen Veranstaltung der Faninitiative „Wir sind Ade“ ereignete. Bei der Verfolgung möglicher Straftäter, die mit dem Fan-Kongress nichts zu tun hatten, stürmten etwas zehn Polizisten das Gelände und schlugen einige Unbeteiligte nieder.
Es ist ein langer Weg, der allen Anwesenden und Nichtanwesenden, die mit dem Fußball zu tun haben, bevorsteht. Allerorten hörte man, dass es sich lediglich um einen Anfang, einen ersten Schritt handeln könne. Viele Fans nahmen jedoch mit, dass der DFB Probleme bei der Stadionverbots-Praxis anerkannt hat. Der Leiter der Fananlaufstelle des DFB Gerald von Gorrissen kündigte die Fortsetzung des Dialogs an: „Es ist bemerkenswert wie der Dialog von den Fans angenommen wurde. Aber er muss in Arbeitsgemeinschaften fortgesetzt werden. Deswegen gibt es unter anderem die neue AG Fandialog.“ (Stadionwelt, 25.6.2007)