Neo Nazi war einmal

SEMS
Raus aus der Neonazi-Szene
Länder bieten Hilfe für Aussteiger



HANNOVER (DPA). Die Tätowierungen überall an seinem Körper mussten weg. Der Mann im eleganten schwarzen Anzug, der seinen Namen aus Sicherheitsgründen nicht nennt, trug reihenweise verbotene Nazi- Symbole auf der Haut. Nun hat er sie mühsam mit harmlosen Motiven überdecken lassen. Andere Kleidung, andere Musik, andere Freunde - der ehemalige Rechtsextremist, Ende 20, hat der Szene den Rücken gekehrt. Mit Hilfe der Aussteigerhilfe Rechts des Landes Niedersachsen wagte der Neonazi-Anführer und rechtsradikale Schläger noch in der Haft den langen Weg eines Neuanfangs. "Der Fall ist positiv abgeschlossen", sagt Bettina, die Sozialpädagogin der Initiative.
Die Sicherheitsbehörden sind derzeit vor allem mit einem Anstieg rechtsextremistischer Straftaten beschäftigt - im vergangenen Jahr kletterte die Zahl bundesweit auf einen neuen Höchststand. Auch in Niedersachsen gibt es laut Verfassungsschützern einen Anstieg, zudem haben sich Aktionen der NPD gehäuft. Innenminister Uwe Schünemann (CDU) wird an diesem Freitag bei der Vorstellung des Verfassungsschutzberichtes zur Entwicklung des Rechtsextremismus Stellung nehmen.

Die meisten Bundesländer, die private Initiative Exit-Deutschland aber auch der Bundesverfassungsschutz bieten Aussteiger-Programme an, um die rechtsextremistische Szene zu schwächen. Niedersachsens Justizministerin Elisabeth Heister-Neumann (CDU) ist überzeugt, dass sich das Projekt seit Ende 2001 bewährt hat - auch wenn mitunter Rechtsextremisten rückfällig werden und in die rechte Szene zurückkehren.

Der "ausgestiegene" Neonazi aus Niedersachsen, der zum "Kader" einer gewaltbereiten Kameradschaft gehörte, verprügelte Andersdenkende und verbreitete rechtsradikale Hass-Botschaften. Rund neun Jahre saß er im Gefängnis, erst Ende 2006 kam er frei. "Mein Leben bestand nur daraus, in der Szene aktiv zu sein. Ich war nur der Kameradschaft verantwortlich", sagt der redegewandte Mann. Als er plötzlich Vater wurde, begann ein Umdenken. Noch im Gefängnis nahm er im Jahr 2003 Kontakt zur Aussteigerhilfe Rechts auf.

Insgesamt 27 rechtsextremistische Straftäter hat die Initiative in Niedersachsen seit Ende 2001 aus der rechten Szene heraus begleitet. Dabei werden nach Angaben der Aussteigerhilfe längst nicht alle, die anklopfen, auch in das Programm aufgenommen, unter anderem weil sie finanzielle Bedingungen stellen oder sich nicht genügend vom rechtsradikalen Umfeld trennen.

Immer wieder aufkommende Kritik, der Verfassungsschutz wolle Ausstiegswillige als Informanten anwerben, weisen die Behörden vehement zurück. Ein Sprecher des Bundesamtes für Verfassungsschutz sagt, eine Verbindung der Ausstiegshilfe für Rechtsextremisten mit der Informationsbeschaffung sei ausdrücklich ausgeschlossen worden. Bundesweit sind von 2006 bis Januar 2007 nach Angaben des Verfassungsschutzes 110 Ausstiegswillige betreut worden, einige Fälle sind abgeschlossen.

Auf große finanzielle Unterstützung können Ausstiegswillige in der Regel nicht setzen. In Niedersachsen steht jährlich ein Topf mit insgesamt rund 5000 Euro zur Verfügung - damit können die Sozialpädagogen bei Umzügen, Führerschein-Prüfungen oder der Entfernung von Tätowierungen helfen.

Der entscheidende Knackpunkt für den Ausstieg ist für die Fachleute in Niedersachsen eine Abkehr vom rechten Gedankengut. "Ich habe die Ideologie zu einem Teil von mir gemacht", erzählt der Aussteiger. Sozialpädagogin Bettina, die auch ihren ganzen Namen nicht nennen will, sah Filme mit ihm, diskutierte über Literatur und aktuelle politische Themen. "Er ist ein wirklich anderer Mensch geworden", sagt die Sozialarbeiterin nach dem Jahre langen Ausstiegsprozess.

Heute will der Niedersachse seine Erfahrungen an andere Jugendliche weitergeben. Er hält Vorträge an Universitäten und verschafft Berufsschullehrern einen Überblick über rechtsradikale Symbole und Musik. "Ich bin glücklich, es läuft stabil", sagt er. Vorsichtig muss er wegen möglicher Bedrohungen aber immer noch bleiben - gelten Aussteiger in der rechten Szene doch als "Verräter". Fußballstadien, in denen sich häufig auch Rechtsradikale treffen, hat er deshalb aus seinem Freizeitprogramm gestrichen.
Joinsen
Vielleicht findet sich hier ja ein Mitleser, der Interesse hat...