hendrik
"Die sind zu verwöhnt"
Werders Spieler reagieren mit heftiger Kritik auf die frühen Pfiffe des eigenen Publikums
Von unseren Redakteuren
Thorsten Waterkamp und Oliver Matiszick
Jurica Vranjes nimmt kein Blatt vor den Mund. Foto: dpa
BREMEN. Es dauerte nicht lange am späten Mittwochabend, da kam Torsten Frings auf den Punkt. Einige einleitende Worte zum UEFA-Cup-Rückspiel gegen Celta Vigo, dann legte er los, der Kapitän. Denn Kapitäne sollen für die Mannschaft sprechen, und wenn die Mannschaft schimpft, warum sollten nicht auch sie schimpfen? Und so schimpfte Torsten Frings - auf die Zuschauer im Weserstadion diesseits und jenseits der Ostkurve."Ich verstehe nicht, dass wir uns hier auspfeifen lassen müssen", ärgerte sich der Spielführer über das eigene Publikum nach dem 2:0-Sieg.
Er spreche für die ganze Mannschaft, erklärte Frings den Journalisten vor der Kabinentür, ausnehmen von seiner Kritik wollte er ausdrücklich nur die Fans der Ostkurve. Und dann machte der 30-Jährige aus seinem Herzen keine Mördergrube: "Wahrscheinlich denken alle, sie kommen ins Weserstadion und sehen fünf, sechs Tore. Die sind zu verwöhnt." Bumm, das saß zu nächtlicher Bremer Stunde.Zur Mittagsstunde am Tag danach war der Ärger über den Anhang nicht verflogen. Denn die Wut des Kapitäns hatte sich - außer an den frühen Pfiffen in Halbzeit eins - vor allem auf die Auswechslung von Jurica Vranjes (64.) bezogen.
Nun hatte der Kroate im Bremer Mittelfeld zwar eine Leistung abgeliefert, für die die Verwendung des Adjektivs "mittelprächtig" eine unzulässige Übertreibung gewesen wäre. Dass aber die eigenen Zuschauer den Spieler auslachen und mit ironischem Applaus vom Platz schickten, ging dann doch arg weit. So weit, dass später selbst Trainer Schaaf die Kritik seiner Spieler an den Zuschauern billigen sollte.Es ist schließlich nicht das erste Mal in diesen Tagen des wenig erbaulichen Werder-Fußballs, dass sich Fan-Frust an einzelnen Spielern entlädt. Beispiel Aaron Hunt gegen Bochum: Der Stürmer hatte zwar früh das 1:0 erzielt, sich in der Folge aber einige Fehler geleistet.
Als er dann in einer Phase, in der der gesamten Elf kaum Produktives gelang, erneut patzte, brach ein beeindruckendes Pfeifkonzert über den 20-Jährigen herein. 17 Minuten und zwei weitere Hunt-Tore später wurde der Stürmer ausgewechselt - und von demselben Publikum gefeiert, das ihn kurz zuvor verdammt hatte.Thomas Schaaf nahm gestern die Causa Vranjes zum Anlass zu mahnen: "Die Unzufriedenheit mit unserem Spiel darf man nicht so an einer Person festmachen", stellte der Trainer klar - und führte eine gewagte Gratwanderung zwischen Diplomatie und Kritik am zahlenden Publikum vor.
Denn natürlich "haben die Zuschauer das Recht, uns zu kritisieren". Aber eben dieses Recht in umgekehrter Richtung wollte er seinen Spielern auch nicht absprechen. Im Gegenteil: Über die Reaktion von Frings und Co. "bin ich sehr froh, das fand ich toll". Weil sie als Mannschaft gezeigt hatten, dass sie einen Einzelnen nicht im Regen stehen lassen.Womit es an Jurica Vranjes war, ein paar Worte aus der Sicht des Betroffenen hinzuzufügen. Der Kroate ließ sich nicht lumpen und Diplomatie Diplomatie sein. "Richtige Fans", sagte Vranjes, "sind die, die 90 Minuten in der Ostkurve stehen. Vor denen habe ich Respekt. Die anderen sind nur da, wenn wir Erfolg haben. Die pfeifen sofort, nach zwei, drei Fehlpässen, egal ob die Frings, mir oder wem auch immer passieren."
Über die frühen Pfiffe der ersten Halbzeit schüttelte der 27-Jährige ("Ich habe schlecht gespielt") verständnislos den Kopf: "Die haben wohl nicht gesehen, dass Vigo mit zehn Mann hinten drin gestanden hat." Ihm selbst tue es nicht weh, für die Mannschaft aber sei es schade. "Aber am Ende lache ich über die Pfiffe von solchen Fans."Als Ursache für die vermeintlichen Ungerechtigkeiten von der Tribüne sehen alle - ob Spieler, Trainer oder Sportdirektor - die ausgezeichneten spielerischen Leistungen der Vorrunde.
Die daraus erwachsene Erwartungshaltung bedient Werder zurzeit trotz diverser Siege aber nicht. Und nun sprechen die Spieler von einem "verwöhnten Publikum", während Klaus Allofs feststellt: "Die Mannschaft müsste eigentlich mehr Kredit bei den Fans haben." Daniel Jensen, der gegen Vigo verletzungsbedingt zusah (und zuhörte), erklärte ganz nüchtern die Folgen der Zornesbekundungen aus dem Publikum: "Wenn du zwei, drei schlechte Szenen hast, wird sofort gepfiffen. Und dann beginnst du, über deine nächste Aktion nachzudenken - das ist das Schlimmste, was dir passieren kann." Mit den Pfiffen, bilanzierte Torsten Frings schon am Mittwoch kurz vor Mitternacht, "helfen die Fans der Mannschaft nicht weiter".
Werders Spieler reagieren mit heftiger Kritik auf die frühen Pfiffe des eigenen Publikums
Von unseren Redakteuren
Thorsten Waterkamp und Oliver Matiszick
Jurica Vranjes nimmt kein Blatt vor den Mund. Foto: dpa
BREMEN. Es dauerte nicht lange am späten Mittwochabend, da kam Torsten Frings auf den Punkt. Einige einleitende Worte zum UEFA-Cup-Rückspiel gegen Celta Vigo, dann legte er los, der Kapitän. Denn Kapitäne sollen für die Mannschaft sprechen, und wenn die Mannschaft schimpft, warum sollten nicht auch sie schimpfen? Und so schimpfte Torsten Frings - auf die Zuschauer im Weserstadion diesseits und jenseits der Ostkurve."Ich verstehe nicht, dass wir uns hier auspfeifen lassen müssen", ärgerte sich der Spielführer über das eigene Publikum nach dem 2:0-Sieg.
Er spreche für die ganze Mannschaft, erklärte Frings den Journalisten vor der Kabinentür, ausnehmen von seiner Kritik wollte er ausdrücklich nur die Fans der Ostkurve. Und dann machte der 30-Jährige aus seinem Herzen keine Mördergrube: "Wahrscheinlich denken alle, sie kommen ins Weserstadion und sehen fünf, sechs Tore. Die sind zu verwöhnt." Bumm, das saß zu nächtlicher Bremer Stunde.Zur Mittagsstunde am Tag danach war der Ärger über den Anhang nicht verflogen. Denn die Wut des Kapitäns hatte sich - außer an den frühen Pfiffen in Halbzeit eins - vor allem auf die Auswechslung von Jurica Vranjes (64.) bezogen.
Nun hatte der Kroate im Bremer Mittelfeld zwar eine Leistung abgeliefert, für die die Verwendung des Adjektivs "mittelprächtig" eine unzulässige Übertreibung gewesen wäre. Dass aber die eigenen Zuschauer den Spieler auslachen und mit ironischem Applaus vom Platz schickten, ging dann doch arg weit. So weit, dass später selbst Trainer Schaaf die Kritik seiner Spieler an den Zuschauern billigen sollte.Es ist schließlich nicht das erste Mal in diesen Tagen des wenig erbaulichen Werder-Fußballs, dass sich Fan-Frust an einzelnen Spielern entlädt. Beispiel Aaron Hunt gegen Bochum: Der Stürmer hatte zwar früh das 1:0 erzielt, sich in der Folge aber einige Fehler geleistet.
Als er dann in einer Phase, in der der gesamten Elf kaum Produktives gelang, erneut patzte, brach ein beeindruckendes Pfeifkonzert über den 20-Jährigen herein. 17 Minuten und zwei weitere Hunt-Tore später wurde der Stürmer ausgewechselt - und von demselben Publikum gefeiert, das ihn kurz zuvor verdammt hatte.Thomas Schaaf nahm gestern die Causa Vranjes zum Anlass zu mahnen: "Die Unzufriedenheit mit unserem Spiel darf man nicht so an einer Person festmachen", stellte der Trainer klar - und führte eine gewagte Gratwanderung zwischen Diplomatie und Kritik am zahlenden Publikum vor.
Denn natürlich "haben die Zuschauer das Recht, uns zu kritisieren". Aber eben dieses Recht in umgekehrter Richtung wollte er seinen Spielern auch nicht absprechen. Im Gegenteil: Über die Reaktion von Frings und Co. "bin ich sehr froh, das fand ich toll". Weil sie als Mannschaft gezeigt hatten, dass sie einen Einzelnen nicht im Regen stehen lassen.Womit es an Jurica Vranjes war, ein paar Worte aus der Sicht des Betroffenen hinzuzufügen. Der Kroate ließ sich nicht lumpen und Diplomatie Diplomatie sein. "Richtige Fans", sagte Vranjes, "sind die, die 90 Minuten in der Ostkurve stehen. Vor denen habe ich Respekt. Die anderen sind nur da, wenn wir Erfolg haben. Die pfeifen sofort, nach zwei, drei Fehlpässen, egal ob die Frings, mir oder wem auch immer passieren."
Über die frühen Pfiffe der ersten Halbzeit schüttelte der 27-Jährige ("Ich habe schlecht gespielt") verständnislos den Kopf: "Die haben wohl nicht gesehen, dass Vigo mit zehn Mann hinten drin gestanden hat." Ihm selbst tue es nicht weh, für die Mannschaft aber sei es schade. "Aber am Ende lache ich über die Pfiffe von solchen Fans."Als Ursache für die vermeintlichen Ungerechtigkeiten von der Tribüne sehen alle - ob Spieler, Trainer oder Sportdirektor - die ausgezeichneten spielerischen Leistungen der Vorrunde.
Die daraus erwachsene Erwartungshaltung bedient Werder zurzeit trotz diverser Siege aber nicht. Und nun sprechen die Spieler von einem "verwöhnten Publikum", während Klaus Allofs feststellt: "Die Mannschaft müsste eigentlich mehr Kredit bei den Fans haben." Daniel Jensen, der gegen Vigo verletzungsbedingt zusah (und zuhörte), erklärte ganz nüchtern die Folgen der Zornesbekundungen aus dem Publikum: "Wenn du zwei, drei schlechte Szenen hast, wird sofort gepfiffen. Und dann beginnst du, über deine nächste Aktion nachzudenken - das ist das Schlimmste, was dir passieren kann." Mit den Pfiffen, bilanzierte Torsten Frings schon am Mittwoch kurz vor Mitternacht, "helfen die Fans der Mannschaft nicht weiter".