weiß nicht, ob es schon gepostet wurde.
Guter Artikel, der es auf den Punkt bringt.
Quelle:
http://www.direkter-freistoss.de/2007/03...r-haupttribune/
Verwöhnte Bremer Haupttribüne
von Detlev Claussen
Endlich wieder einmal live dabei. Mehr als das – mittendrin im europäischen Fußballalltag, Viertelfinalrückspiel Uefa-Cup Werder gegen Vigo. Schön ist es, mal wieder im Stadion Fußball schauen zu können; man darf sich selbst aussuchen, was man gerne sehen möchte. Allerdings muß man auch mit dem Zweifel leben Millimetergenaue Abseitsentscheidungen lassen ohne Zeitlupen sich nicht so genau überprüfen. Sicher konnte man sich nicht sein – weder beim ersten Tor von Werder (zu weit weg) noch beim annullierten von Celta (sitze direkt hinter dem Tor); dem Gefühl nach hätte ich es gegeben, aber genau konnte man es nur von der Seite sehen. Die Abseitsregel wird inzwischen bizarr ausgelegt: Jetzt werden einzelne Körperteile diskutiert, die nicht auf gleicher Höhe sein sollen. Das verkehrt den Sinn der Regel – es sollte doch beim säkularen Trend zum Mauern erleichtert werden, Tore zu schießen, also im Zweifel für den Torschützen. Für jede Mannschaft muß es ein Risiko sein, auf Abseits zu spielen. Es passiert auch immer noch oft, daß ein Abseits falsch gepfiffen wird. Aber Celta sollte nicht zu sehr jammern ; sie haben sehr spät, erst nach dem 0:1, in Bremen den Versuch gemacht, überhaupt ein Tor zu erzielen. Das Gehader mit dem Schiedsrichter kann nicht darüber täuschen, daß man in beiden Begegnungen selbst zu wenig getan hat um weiterzukommen.
Beim 0:0 in der Halbzeit traute ich meinen Ohren nicht. Mittendrin saß ich in einem Pfeifkonzert. Die Westkurve pfiff die Mannschaft aus, kein 6:0 in Sicht. Für den Europapokalalltag gab es kein Verständnis. Es kam eben nicht Barcelona, sondern Vigo. Vigo weiß, wie Barcelona in Schwierigkeiten zu bringen ist. Acht Mann in Ballnähe – das wurde gekonnt vorgeführt. Der Preis ist eben hoch; kaum Zeit für eigenes Offensivspiel, 180 Minuten null Tore, wenig eigene Chancen. Von Werder wird das zauberhafte Kurzpaßspiel des vergangenen Oktober erwartet; gegen ein an Barcelona geschultes Vigo ließ sich das nicht durchsetzen. In einem Falle wie diesem helfen nur Geduld, Aufmerksamkeit und nicht nachlassender Elan. Jede Mannschaft, die gegen einen mauernden Gegner wie diesen schlecht aussieht, braucht Hilfe von den eigenen Zuschauern. Schon bei einem normalen Ligaspiel, erst recht in einem Viertelfinale. Ein böses Live-Erlebnis: Nach drei Jahren Champions League scheint ein Teil des Bremer Publikums strukturell größenwahnsinnig geworden zu sein. Die Krise einer angeschlagenen Mannschaft wird nicht akzeptiert; man läßt sie sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen.
Die Erwartung des Publikums kann zur Achillesferse einer Mannschaft werden. Das Gift hochgeschraubter Ansprüche kennt man aus Madrid und Barcelona. Da kann ein mißlungenes Heimspiel schnell zum Spießrutenlaufen werden. Gerade Mannschaften, die den Anspruch haben, attraktiv zu spielen, wecken Hoffnungen, die nicht immer erfüllt werden können. Schlimmer noch, wenn die Schere zwischen Anspruch und Vermögen sich öffnet. In Bremen zeigte sich im Uefa-Pokal auf den besseren Plätzen das häßliche Gesicht von Angestellten, die sich wie mitleidlose Bosse aufführen wollen. Die spielenden wirklichen Angestellten werden gedemütigt; nicht nach den Ursachen für eine mangelnde Leistung wird gesucht, sondern dem Spieler wird eine existentielle Unfähigkeit unterstellt. Als einzige Erklärung läßt man Arbeitsunwilligkeit gelten; das Gerede von den „Millionären in den kurzen Hosen“ begleitet die mitleidlose Abschätzigkeit des Publikums. Diese Zuschauer glauben sich im Recht; sie orientieren sich an der Pay-TV-Connaisseurhaltung der deutschen Sportmedien, die alles unter Chelsea, Milan und Barcelona für zweitklassig halten. Das wirkliche Spiel wird langweilig, wenn man einen Fernseh-Mythos vor Augen hat. Entlädt sich die Wut darüber, daß man eben nicht in einer Fußballmetropole zu einem Spektakel geht, an den Spielern, die eben keine Weltstars sind, aber gestern noch Weltstars haben Paroli bieten können?
Nicht nur die Ungeduld der Zuschauer wirkt beunruhigend, auch die Unduldsamkeit. Sich als Fan zu geben, wenn es läuft, ist leicht; aber wenn es nicht läuft, dann läßt sich viel erkennen. Wieviel Miroslav Klose wert ist, erkennt man nicht an der dümmlichen Rechnung, wieviel Minuten er ohne Torerfolg sei. Ein Blick auf die Scorer-Liste genügt. Auch in der Zeit ohne Torerfolg beeindruckt die Zahl der Assists. Niemand in den normalen Sportmedien zählt die „eroberten Bälle“; aber man merkt es an einem Abend wie diesen, daß keiner so viele Bälle „stiehlt“ wir Klose. Aber das Haupttribünenpublikum hat laut dem zuverlässigen Frank Heike von der FAZ Klose schon vor Wochen schon geschmäht. Das wirkliche Problem von Werder liegt derzeit im Mittelfeld, dem Herzstück des Zauberfußballs seit 2003. Baumann und Borowski fehlen; jetzt war auch noch Jensen angeschlagen, der sich über die Jahre immer besser in das Bremer Spiel hineingefunden hat. Die Wut der Zuschauer entlud sich an Vranjes, dem das nicht gelang, was nur ein gesamtes Mittelfeld erreichen kann. Frings hatte zweifellos nicht seinen besten Tag, Schulz und Owomoyela sind auf diesen Positionen noch nicht oft genug erprobt worden. Wenn statt einer kombinierenden Raute das Mittelfeldspiel auf Einzelspieler reduziert wird, rückt Diego in die Rolle eines traditionellen Spielmachers, der bei Mauermannschaften dann von vier Spielern gehetzt wird. Wer soll da noch gut aussehen? Trotzdem spielt er sich zweimal durch die vier und scheitert nur ganz knapp. In Spanien hätte man geklatscht, in Bremen rührt sich keine Hand bei der Auswechslung.
Wenn zehn Mannschaften gegen den Abstieg kämpfen, wird es auch in der Bundesliga viele Spiele dieser Art geben. Die fünf Aspiranten auf die internationalen Plätze, die auch auswärts immer siegen müssen, treffen auf Mannschaften, die in der Rückrunde auch zuhause schamlos mauern. Der Supercatenaccio ist eine Reaktion auf die panikartige Abstiegsangst; wie wird Huub Stevens schon gefeiert?! Auch Funkel hat es gegen die Bayern wieder erfolgreich versucht. Wer dennoch zum Offensivspiel hält, muß sich überlegen, wie es gegen solche Mannschaften durchzuhalten ist. Otto Rehhagel hat man als ungebildeten „Anstreicher“ geschmäht; aber die „kontrollierte Offensive“ ist ein guter Ausdruck für ein Programm, auf Sieg zu spielen, ohne in jeder Partie den Heroismus der fliegenden Fahnen bemühen zu müssen. Haben die Zuschauer schon vergessen, wie sie sich über die haarsträubenden Abwehrfehler der Werderaner in der Vergangenheit mokiert haben? Ich bin bereit, auf ein paar „Wunder an der Weser“ weniger zu hoffen. Die Zuschauer müssen sich auch eine Meisterschaft erst noch verdienen; auf den von manchen verachteten Fanzoo in der Ostkurve ist da mehr Verlaß als auf die Tribünenplätze.
Der Beitrag wurde am Montag, den 19. März 2007 um 11:23 Uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS 2.0 Feed verfolgen. Du kannst einen Kommentar schreiben, oder einen Trackback auf deiner Seite einrichten.
Luigi