Schaaf reicht's mit Marco Reich
Gestern vom Trainingsplatz geschmissen / Ein Schuss vor den Bug oder schon die letzte Warnung?
Von Carsten Sander
BREMEN · Marco Reich und Werder Bremen - irgendwie werden die beiden nicht glücklich miteinander. Gestern hat es zwischen dem Mittelfeldspieler und Trainer Thomas Schaaf wieder kräftig gekracht. Der Coach schickte Reich während der Trainingseinheit am Vormittag vorzeitig in die Kabine. Erste Begründung: "Marco hat nicht so trainiert, wie ich mir das vorstelle."
Deshalb gleich die Verbannung in die Kabine? Aus der Sicht des Spielers eine (über)harte Sanktion. Zumal er sich keiner Schuld bewusst ist. Seine Schilderung des Vorfalls: "Der Trainer hat mich angeschrien, ich solle mich schneller bewegen. Ich habe ihn dann in normalem Ton gefragt: Warum schreien Sie mich so an? Dann hat er mich reingeschickt."
So weit Reich. Nun kommt Schaaf. Und der Coach machte deutlich, dass gestern nicht ein Einzelfall verhandelt wurde, sondern Reichs Trainingsengagement im Allgemeinen. "Marco muss 'was tun, wenn er in die Mannschaft will. Er muss sich in jedem Training voll reinhängen, muss alles geben. Das sehe ich bei ihm nicht."
Zack! Eine Ohrfeige für Reich. Dabei blieb's aber nicht. Schaaf weiter: "Ich reagiere doch nur auf das, was Marco mir anbietet. Da fehlt 'was, es reicht nicht. Das versuchen wir ihm auch schon seit geraumer Zeit zu erklären, aber er begreift es nicht."
Zack! Auch das sitzt. Reich kriegt's richtig ab. Verschärft wird die vernichtende Kritik noch durch die spezielle Situation des einstigen Super-Talents. Im Sommer 2002 kam er zum Schnäppchen-Preis aus Köln nach Bremen. Sein Ruf damals: "Disco-Profi" und schlampiges Genie. Doch Werder glaubte an sein Talent, wollte den Einmal-Nationalspieler wieder aufpäppeln. Es
zeigte sich, dass zumindest der Ruf des notorischen Disco-Gängers unberechtigt war. "Wir wissen, dass Marco ein wirklich netter Mensch ist. Das ist auch sein Glück. Sonst würden wir uns nicht so viel Mühe mit ihm geben", sagt Sportdirektor Klaus Allofs. Freilich verliert auch er langsam die Geduld. "Wir warten darauf, dass bei Marco endlich etwas passiert. Er muss die Kurve kriegen."
Laut Allofs steuert der 25-Jährige derzeit aber auf einem völlig falschen Kurs - der Vorfall gestern habe das erneut bewiesen. "Er sollte", so der Sportdirektor, "über jede Kritik froh sein". Doch anstatt sie umzusetzen, würde Reich sich ungerecht behandelt fühlen und die Fehler bei anderen suchen. "Marco denkt da eben umgekehrt", so Allofs.
Wohin das führen wird, ist für Thomas Schaaf ganz klar. Seine Warnung: "Er kriegt jetzt einen Schuss vor den Bug. Wenn sich nichts ändert, bekommt er noch einen. Und wenn das nichts hilft, fährt er vor die Wand." Und das kann nur heißen: Trennung nach Vertragsablauf - oder sogar früher.
Zumal Marco Reich gestern nicht das erste Mal "einen vor den Bug" bekommen hat. Bereits am 18. März 2003 gab's einen Verweis vom Trainingsplatz. Damals war eine Fast-Prügelei mit Ivica Banovic der Anlass. Und dann ist da ja auch noch die Rote Karte aus dem Testspiel gegen Bezirksligist FC Huchting. Reich hatte den Linienrichter beleidigt, ist noch für zwei Testspiele gesperrt. Alles in allem ein schlechter Gesamteindruck.
Trainer und Sportdirektor geben dennoch nicht auf. Allofs: "Wir werden immer wieder mit ihm reden. Bis der Lerneffekt bei ihm endlich einsetzt." Eine kleine Hoffnung bleibt also, dass Reich und Werder doch noch glücklich miteinander werden. Am Nachmittag durfte der Gescholtene immerhin wieder am Training teilnehmen.
[17.09.2003]
Kreiszeitung