Frankreich
... und dann ist plötzlich ein Schuss zu hören
Philippe Broussard ist der Hooligan-Experte der Pariser Zeitung "l'Express". Er hat die Schüsse nach dem Uefa-Cup-Spiel aus nächster Nähe erlebt. In einem atemberaubenden Bericht in seiner Zeitung beschreibt er das Drama in Paris. Für WELT.de hat Katrin Scheib übersetzt.
Von Philippe Broussard
Nach dem Spiel ging ich zur Porte de Saint-Cloud, 300 Meter vom Prinzenpark entfernt. Denn der Ausgang der Begegnung (eine Niederlage für PSG) und die Anwesenheit von mindestens 15.000 Tel-Aviv-Anhängern, Franzosen wie Israelis, ließ Zusammenstöße mit der gewalttätigsten Gruppe unter den PSG-Fans befürchten.
Gegen 22.50 Uhr, als ich gerade an der Metrostation Porte de Saint-Cloud ankomme, gibt es die ersten Zwischenfälle. Einige hundert Pariser, die meisten von ihnen sehr jung, versuchen sich hier und da mit den gegnerischen Fans anzulegen (von denen es hier nur wenige gibt). Die Polizisten rücken vor und drängen sie zurück zum Vorplatz der Porte de Saint-Cloud, einem sehr großen Platz, umgeben von Cafés, Restaurants, einer Kirche, einem großen Busbahnhof und einem Depot der Pariser Verkehrsbetriebe.
Das Spiel ist seit zwanzig Minuten vorbei, aber es ist noch ein Menschenauflauf auf dem Platz. Andererseits kaum Polizisten. Eine überraschende Zurückhaltung angesichts der Tatsache, dass sich in dieser Ecke traditionell die härtesten Paris-Fans treffen: die von der Boulogne-Tribüne, die als empfänglich für rechtsextreme Thesen gelten.
Als ich auf dem Platz ankomme, stürmen einige Paris-Fans in Richtung Busbahnhof, offenbar, weil sie jemanden dorthin verfolgen. Dann kehrt diese Gruppe um und beginnt, aus der Ferne einen Mann zu bedrohen, der in raschem Tempo in der Mitte der Straße läuft. Ich sehe ihn: ein junger Schwarzer, vielleicht 30 Jahre alt, ziemlich groß, der einen beigefarbenen Wollpullover trägt. In der Hand trägt er eine große Spraydose mit Tränengas und versucht, sich der zunehmend aggressiven Masse entgegenzustellen. Allem Anschein nach versucht er, jemanden zu schützen, der sich hinter ihm befindet (später werde ich erfahren, dass es sich wahrscheinlich um einen Fan von Tel Aviv handelte) und ruft immer wieder: „Bleib hinter mir! Bleib hinter mir!“
Die Angreifer beschleunigen ihre Schritte, sie beschimpfen den Mann. Er weicht zurück, erschrickt, versucht nach rechts zu fliehen, verliert seine Spraydose mit dem Tränengas, hebt sie wieder auf, zieht sich wieder zurück. Und die Masse rückt immer weiter vor, einige Dutzend Jugendliche als Vorposten, zwei- oder dreihundert dahinter.
Der junge Schwarze sieht sich um, als ob er nach Hilfe sucht, aber immer noch sind auf dem ganzen Platz keine Polizisten zu sehen. Jetzt muss er fliehen, damit sie ihn nicht lynchen. Er läuft also auf das McDonald’s zu, auf der anderen Seite des Platzes. Links von dem Imbiss ist das riesige Tor des Bahndepots. Dieser Teil des Platzes ist schlecht beleuchtet und könnte ihm keinen Schutz bieten.
In diesem Moment, kurz vor 23 Uhr, geschieht das Drama: Ich bekomme es nicht direkt mit, weil ich noch rund 50 Meter entfernt bin. Aber ich bemerke eine Bewegung in der Masse, als ob der „Flüchtende“ von seinen Angreifern in der Nähe des Depots eingeholt worden ist. „Er hat eine Knarre, er hat eine Knarre“, rufen mehrere Personen. Und dann ist plötzlich ein Schuss zu hören. Ich werfe mich auf den Boden. Ich sehe kein Opfer, aber ich sehe, dass der Mann sich ins McDonald’s hat retten können, wo mehrere Gäste sitzen.
Seine Verfolger haben ihn gesehen. Sie stürmen den Imbiss, treten die Scheiben ein. Drinnen zieht der junge Mann eine Waffe. Zum ersten Mal sehe ich sie. Dann zeiht er ein Funkgerät. Erst da verstehe ich, dass es sich um einen Polizisten handelt. „Das ist ein Bulle, das ist ein Bulle“, rufen die Angreifer, die auch erst gerade festzustellen scheinen, dass sie es mit einem Polizisten zu tun haben. Andere schreien weiter „dreckiger Neger“ oder „„Blau, weiß, rot – Frankreich den Franzosen“. Rassistischer Hass, verzehnfacht durch ein Gerücht, das sich schnell verbreitet: Bei dem Schuss soll es einen „Schwerverletzten“ gegeben haben. Zunächst halte ich das noch für ein Gerücht.
Die folgenden Minuten sind extrem gewalttätig. Der Polizist hält die Waffe in der Faust, richtet sie auf die immer zahlreicheren Angreifer, die sich vor dem McDonald’s zusammenschließen. Er ist natürlich immer noch drinnen, halbwegs geschützt von den Scheiben des Imbiss, die eine nach der anderen nachgeben. Als die Verstärkung auf sich warten lässt, versucht er, mit den Gästen über die Treppe zu fliehen. Die Angreifer versuchen, ins innere des Lokals einzudringen, geben den Versuch aber rasch wieder auf, aus Angst, eingeklemmt zu werden. Insgesamt dauert es gut zehn Minuten, ehe die Polizei eingreift. Eine Ewigkeit. Erst recht am Abend eines Fußballspiels, für das nicht weit entfernt mehr als 600 Mann mobilisiert wurden.
Auf dem Platz an der Porte de Saint-Cloud herrscht immer noch völliges Durcheinander. Die Fans sind außer sich, sie brüllen: „Jemand ist verletzt, Skandal, jemand ist verletzt!“. Das steigert die Gewalttätigkeit derjenigen, die, seien sie nun Rassisten oder nicht, zu Beginn des Vorfalls noch nicht anwesend waren. Ich sehe den Körper, dort unten, vor dem Seiteneingang des Busdepots. Es scheint sich um einen sehr jungen Mann zu handeln. Einige Jungs von der Boulogne-Tribüne versuchen, ihm zu helfen, indem sie ihm mit Wasser das Gesicht abwischen. Sie sagen, er sei in den Oberkörper getroffen worden. In völliger Panik erzählen sie, dass sie den Rettungsdienst gerufen haben, aber keiner kommt. Auch ich versuche, Hilfe zu rufen, aber Feuerwehr und Krankenwagen brauchen ebenfalls mehrere Minuten.
Diese Verzögerung lässt sich mit der angespannten Situation rund um das McDonald’s-Lokal erklären – die Eingreiftruppen versprühen Tränengas – aber es ist dennoch überraschend, dass am Abend eines Spiels, drei Fußminuten vom stark bewachten Stadion entfernt, die Rettungskräfte mehr als zehn Minuten brauchen, um zu handeln. Dabei muss man klarstellen: Zu keinem Moment versuchen die PSG-Fans, die Retter anzugreifen, sie machen vielmehr Platz, um ihnen den Einsatz zu erleichtern.
Inzwischen ist es 23.12 Uhr. Die Rettungsleute bringen den Verletzten ins Innere des Depots, aus dem Blickfeld der Massen, und versuchen ihn zu retten. Einige Minuten später erfahre ich, dass er tot ist. Er hieß Mounir, war regelmäßig auf der Boulogne-Tribüne. Nach Angaben der Polizeikräfte von der allgemeinen Auskunftstelle der Pariser Präfektur, Experten für die Hooliganszene, galt er als einer der „Independants“ (Unabhängigen), die gewalttätigste Gruppe unter den Fans des Hauptstadtklubs.
Gleichzeitig erfahre ich, dass ein anderer, etwa 25 Jahre alter Fan von einer Kugel getroffen worden ist – ein Lungenschuss. Er wird im „Trois Obus“, der Gaststätte nebenan, behandelt. Offenbar kam auch er regelmäßig auf die Boulogne-Tribüne. Wenn er auch ernsthaft verletzt ist, ist doch sein Leben nicht in Gefahr. Hat es also einen zweiten Schuss gegeben? Ich für meinen Teil habe nur einen gehört. Genauso, nach allem was ich weiß, die anderen Anwesenden. Die Ermittlungen werden zeigen, ob dieselbe Kugel zwei Menschen verletzt hat, und wo sich die beiden befanden, als sie getroffen wurden.
Ab 23.30 Uhr haben die Ordnungskräfte das Viertel wieder unter Kontrolle. Sie sichern das Mc Donald’s, in dem sich immer noch der Urheber des Schusses oder der Schüsse und die anderen Gäste verkrochen haben. Polizeiobrige erscheinen vor Ort: Der Führungsstab der Kriminalpolizei, der Präfekt, und zuletzt die Ermittler der IGS, der Polizei in der Polizei. Letztere übernehmen einen Fall, wenn ein Polizist beteiligt ist.
„Wir haben nichts, wir beginnen bei Null“, sagt ein hoher Beamter von der Pariser Generalstaatsanwaltschaft sichtlich ratlos. Er weiß, dass sie Ermittlungen schwierig werden. Mit entscheidenden Fragen: Wurde der Polizist von den betroffenen Männern direkt bedroht? Trug er eine Polizei-Armbinde oder nicht? Kann man es so bewerten, dass er aus Notwehr handelte? Fest steht nur: Mehrere Dutzend Menschen haben sich auf ihn gestürzt und wollten ihn wegen seiner Hautfarbe angreifen.
Jetzt ist es 1 Uhr morgens. Im ersten Stock des Mc Donald’s wird der junge Polizist von einem Kollegen von der IGS befragt. Er ist dort, mit den Händen auf dem Tisch, der Blick verloren, wie fortgerissen von einem Drama, das ihn überfordert. Draußen hat sich die Aufregung gelegt. Der Verletzte aus dem „Trois Obus“ ist ins Krankenhaus gebracht worden. Im Bahndepot liegt der Körper von Mounir unter einem weißen Tuch. |