Das größte Sammelbild der Welt - endlich komplett

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Das größte Sammelbild der Welt - endlich komplett

Mit Per Mertesacker haben die Bremer den Bau ihres Kaders in der Theorie vollendet - gegen Bayern folgt jetzt der Praxistest

Von Christof Kneer


Der Grabredner hatte nicht viel Zeit. Paul Stalteri sagte ein paar schnelle Sätze, ein ziemlich gehetzter Nachruf wurde das, aber niemand hat ihm das übelgenommen. Es ist ja kein einfaches Schicksal, wenn einem plötzlich die halbe Mannschaft wegstirbt. ,,Es ist so traurig‘‘, sagte Stalteri, ,,wenn Ailton und Krstajic jetzt zu Schalke gehen, werden wir nie mehr mit dieser Elf spielen, und es wird schwer, wieder eine Elf zu finden, die so gut wird wie diese.‘‘ Dann ging er, er musste duschen. Und feiern.

Der 31. Mai 2004 war ein komischer Abend. Die Spieler von Werder Bremen hatten dank eines 3:2 gegen Aachen gerade den DFB-Pokal und damit das erste Double in der 105-jährigen Vereinsgeschichte gewonnen, aber vor der Siegerehrung haben sie im Mittelkreis ein nüchternes Rudel gebildet, das aussah, als folge gleich noch ein Elfmeterschießen. Viel mehr als pflichtschuldige Fröhlichkeit wollte einfach nicht aufkommen an diesem Abend - das branchenübliche Hände-zum-Himmel wäre ihnen wohl pietätlos vorgekommen am offenen Grab einer Mannschaft, die sie selber waren.

So tot möchte man auch mal sein, wenn man dann zwei Jahre später besser lebt denn je. Zwei Jahre später hat Bremen eine Mannschaft, der es gar nichts ausmacht, dass außer Ailton und Krstajic auch Stalteri fehlt. Er spielt inzwischen bei Tottenham, genauer gesagt sitzt er dort meistens, auf der Bank. Aber im Grunde vermissen sie ihn in Bremen mehr als Ailton und Krstajic. Stalteri konnte nicht besonders flanken und nicht besonders kombinieren, aber Kult sein konnte er so gut wie kein zweiter. Er war immer der Beweis, dass Werder auch anders kann. Sie können nicht nur Micoud. Sie können auch Stalteri.

In jenem Werder-Kader, der an diesem Samstag den FC Bayern zum Spitzenspiel des 8. Spieltages willkommen heißt, gibt es keinen Stalteri mehr. Die Planstelle des liebenswert Unvollkommenen haben sie einfach gestrichen, und einige meinen, dass die 2006er-Elf schon jetzt besser ist als die 2004er-Elf es je war. ,,Das kann ich so nicht unterschreiben‘‘, sagt Sportchef Klaus Allofs. Romantik gehört nicht in sein Ressort, für ihn zählt, was im Briefkopf steht. ,,Besser ist die Elf erst, wenn sie das Double noch mal schafft‘‘, sagt er, ,,und das geht diese Saison nicht mehr.‘‘ Sie haben ja in Pirmasens verloren, in der ersten Pokalrunde.

Gespräche mit Klaus Allofs sind ein bisschen sonderbar zurzeit. Sie laufen genau andersherum als sonst. Sonst geben sich Manager alle Mühe, ihre Teams besser zu reden als sie sind. Allofs dagegen sagt, dass der Eingewöhnungsprozess von Regisseur Diego ,,noch lange nicht abgeschlossen ist‘‘. Er sagt, dass ein Spieler, der so gut ist wie Diego, ,,noch besser lernen muss, zwischen Direktspiel und Dribbling zu variieren‘‘. Und vor allem sagt er, ,,dass man nicht davon ausgehen kann, dass unsere Elf auch in drei Monaten oder zwei Jahren funktioniert, nur weil sie im Moment funktioniert‘‘.

Die Spieler dürfen in Bremen gerne sagen, dass sie Meister werden wollen, aber die Bosse reden ihr Team manchmal lieber klein. Sie können ja schlecht öffentlich sagen, dass sie sich derzeit den besten Kader der Geschichte halten. Dass Leistungsträger wie Torwart Tim Wiese (24), die Abwehrspieler Naldo (24), Clemens Fritz (25) und Per Mertesacker (22), Mittelfeldspieler Diego (21) oder Stürmer Aaron Hunt (20) so jung sind, dass man sie guten Gewissens Perspektivspieler nennen darf. Dass dieser Kader so optimiert und austariert scheint, dass er die Bayern nicht nur in dieser Saison, sondern dauerhaft herausfordern könnte. All das sagen sie nicht. Sie denken es.

Im tiefsten Innern sind sie ziemlich stolz auf ihr Werk, und gelegentlich klingt durch, was sie wirklich von sich halten. ,,Schon sehr interessant‘‘ sei dieser Kader, sagt Allofs später, man sei ,,weitestgehend zufrieden‘‘. Ein Kader ist ja so etwas Ähnliches wie ein panini-Sammelalbum, immer fehlt etwas, und in Bremen haben sie große Mühe darauf verwandt, die fehlenden Bildchen aufzutreiben. Sie haben Micoud durch Diego ersetzt, sie haben Fritz angeworben, um Owomoyela Beine zu machen, und sie haben den Kader breiter gemacht. Spieler wie Jensen und Andreasen, im vorigen Jahr Nummer 12 oder 13 im Kader, sind jetzt auf 15 oder 16 zurückgerutscht; auf 12 und 13 stehen jetzt Nationalspieler wie Schulz oder Almeida. Vor allem aber haben sich die Bremer Per Mertesacker ins Album geklebt. Mertesacker ist das größte Sammelbild der Welt, er misst 1,98 Meter und gibt dem Spiel jene Statur, die vorher fehlte. ,,Endlich haben wir Ruhe im Spiel‘‘, sagt Allofs, ,,wir wollen uns zwar, wenn wir 3:0 führen, auch weiter ein bisschen Unvernunft leisten und das 4:0, 5:0, 6:0 anstreben. Aber wir wollen auch nüchterner spielen können, wenn’s sein muss, so wie gegen Sofia.‘‘

Man kann davon ausgehen, dass das Spiel gegen den FC Bayern zum ersten Praxistest gerät. In der Theorie haben die Bremer getan, was sie tun können, aber ob das reicht, um ihren heimlichen Ansprüchen gerecht zu werden, wissen sie selbst nicht. Immerhin scheint es, als habe Werder gerade eine Nische erwischt, aus der heraus sich trefflich eine Mannschaft entwickeln lässt. ,,Wenn Spieler von uns heute zu Schalke oder Bayern wechseln würden, könnten sie als Argument nicht mehr mit der sportlichen Perspektive kommen‘‘, sagt Allofs. ,,Sie müssten dann offen sagen, dass es ums Geld geht.‘‘ Werder ist inzwischen zu groß, um weiter von Schalke oder München ausgeplündert zu werden - aber noch zu klein, um schon ins Beuteschema von Chelsea zu passen. ,,Das stimmt‘‘, sagt Allofs, ,,in England holen sie ihre Spieler eher aus Frankreich oder Italien, wir hoffen schon, dass wir unseren Kader eine Weile zusammenhalten können.‘‘

Aber zu große Hoffungen sollten sie sich vielleicht doch nicht machen, denn die Engländer haben vor zwei Jahren schon einmal einen Bremer Spieler weggekauft: Paul Stalteri.


Quelle: http://www.sueddeutsche.de/sport/bundesl...ikel/337/89248/


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stefan