Soeren1313
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| WM-INTERVIEW MIT NICK HORNBY "Ich boykottierte Spiele der Engländer" Heute Abend spielt England gegen Schweden um den Gruppensieg. Nick Hornby, sonst ein großer Fußballfan, interessiert das Spiel nicht. Im GALORE-Interview erklärt der Kultautor, warum er das englische Team ignoriert und was er grundsätzlich von Weltmeisterschaften hält. Frage: Herr Hornby, kürzlich fand in Berlin ein Symposium statt, in dessen Rahmen international bekannte Schriftsteller wie Henning Mankell und Javier Marías ihre Liebe zum Fußball thematisierten. Hat man Sie, den größten Fan von allen, vergessen zu fragen? Hornby: Nein, natürlich haben die auch bei mir angeklopft. Ich musste ihnen allerdings eine Abfuhr erteilen, so freundlich wie möglich. Frage: Warum das? Hornby: Weil ich das Thema nicht überstrapazieren möchte. Ich habe viel dazu geschrieben und mich auch immer wieder zu Fußball und seiner Bedeutung in meinem Leben geäußert. Eigentlich mag ich dazu nichts mehr sagen. Zudem muss ich mir als Vater dreier Kinder meine Zeit sehr genau einteilen. Sogar zu Auswärtsspielen meines Lieblingsclubs FC Arsenal, früher Pflichttermine, fahre ich heute nur noch in Ausnahmefällen. Fans, die in den Norden des Landes pilgern und erst um zwei Uhr nachts wieder daheim ankommen, verstehe ich nicht mehr. Frage: Stellt die WM einen hinreichenden Grund für Ihre Abwesenheit von der Familie dar? Hornby: Ich bezweifle es. Allerdings interessieren mich Weltmeisterschaften generell eher wenig, wofür es zwei Gründe gibt: Erstens hat sich speziell hier in England, aber auch in Italien oder Spanien gezeigt, dass der Clubfußball heute höherwertiger ist als internationale Begegnungen auf Länderebene. Als ich ein Kind war, verhielt es sich genau andersrum: Jede Clubmannschaft hatte zwei oder drei großartige Spieler in ihren Reihen, und dementsprechend war das Nationalteam eines Landes eine Art Fußball-Supergroup. Das hat sich durch die Internationalisierung der Clubs komplett verändert. Autor Hornby: "Mich interessieren Weltmeisterschaften generell eher wenig" Frage: Was ist der zweite Grund? Hornby: Das ist das Aufkommen einiger weniger Super-Nationen, die alles dominieren. Wenn Barcelona oder Chelsea keinen deutschen Spieler beschäftigen, dann weiß man, warum: weil ihr momentan zu schlecht seid! Hinzu kommt, dass sich die wirklich erstklassigen Spieler im normalen Saisonbetrieb derart auspowern, dass sie bei Länderspielen oft nur ein Schatten ihrer Selbst sind. Frage: Mögen Sie die englische Auswahl? Das Team ist bereits für das Achtelfinale qualifiziert und spielt heute Abend in Köln gegen Schweden um den Gruppensieg. Hornby: Ich halte sie schon für fähig, so ist es nicht. Aber liberal eingestellte Menschen, zu denen ich mich zähle, haben seit jeher ein Problem mit der Nationalelf, weil sich in der Vergangenheit immer wieder bewahrheitet hat, dass man mit den meisten ihrer Fans nicht wirklich gerne ein Bier trinken will. Sie rekrutierten sich zumindest bis zum Beginn der neunziger Jahre vornehmlich aus rechtslastigen Gewalttätern und Hooligans. Totale Dumpfbirnen waren das, weshalb ich Spiele der Nationalmannschaft konsequent boykottierte. Frage: Aber gab und gibt es das Hooligan-Problem nicht auch auf nationaler Ebene? Hornby: Schon, aber eben nicht bei meinem Club. Arsenal hatte immer schon eine Reihe schwarzer Leistungsträger im Team. Ich habe meinen Club seit jeher als kosmopolitisch empfunden, sogar lange, bevor er es tatsächlich wurde. Das SPIEGEL special mit allen Infos zur Fußball- WM 2006 ist im Handel sowie im SPIEGEL Shop erhältlich und kostet 5 Euro. "Ein prima Heft mit Tiefgang", sagt Meistercoach Ottmar Hitzfeld, "die Hintergründe helfen mir bei der Vorbereitung auf die WM." Frage: Viele Fans kritisieren die unglaublich hohen Gehälter der Fußballprofis heutzutage. Was sagen Sie dazu? Hornby: Nun, mir ist es lieber, die Spieler bekommen das viele Geld, statt dass sich die Clubfunktionäre alles auf ihre Konten schaufeln. Es kann immer noch schlimmer kommen. Frage: Aber hat nicht das Big Business in England längst das Ruder übernommen? Hornby: Die Entwicklung geht definitiv in diese Richtung. Ich bin jedoch nach wie vor der Ansicht, dass die meisten Vereine weiterhin das Gute am Fußball im Sinn haben. Noch setzen sie die Gelder für die richtigen Dinge ein. Arsenal wird in einer Art geführt, die der Mannschaft helfen soll, erfolgreich zu spielen. Die Aktionäre sind gleichzeitig Fans, das heißt, es geht ihnen nicht um schnelle Dividenden. Noch nicht. Frage: Was ist mit Arsenals Londoner Rivalen Chelsea, der Club, der einem russischen Oligarchen gehört? Hornby: Da ist es ja noch extremer: Dieser Typ versenkt Unsummen seines Privatvermögens in diesem Team, ohne auch nur das Mindeste zurück zu bekommen. Roman Abramowitsch geht es ganz sicher nicht um Profit. Er ist ein Verrückter, der sich den Spleen leistet die Meisterschaft und die Champions League zu gewinnen - koste es, was es wolle. Ein Milliardär mit einem Fußballtick. Frage: Arsenal wiederum hat kürzlich einen mit 100 Millionen Pfund dotierten Sponsoring-Vertrag mit der Airline "Emirates" abgeschlossen, der unter anderem den Namen des neuen Stadions einschließt. Was halten Sie davon? Hornby: Als sie den neuen Namen "Emirates Stadium" bekannt gaben, war ich zunächst ein bisschen verärgert. Es wirkt ja auch reichlich unromantisch, nicht? Meine Hoffnung ist, dass man das nach einer Weile vergisst. Irgendwann klingt es nicht mehr wie der Name eines Konzerns, sondern wie derjenige eines Ortes. Der Fußball ist stark genug, um diese Dinge zu absorbieren. Aber wissen Sie ... Frage: ... bitte ... Hornby: ... es gibt doch einen Aspekt der WM, der mich interessiert: wie sich Jens Lehmann im deutschen Tor bewährt. Frage: Meinen Sie, das macht einen Unterschied? Hornby: Keine Ahnung. Ich schaue diesem Spinner einfach gerne zu. Hier bei Arsenal nennt ihn aufgrund seiner unberechenbaren Eskapaden jeder nur noch "Mad Jens". Die Spiele, in denen bei ihm mal nicht die rote Lampe angeht, kann man an einer Hand abzählen. Ich werde nie vergessen, wie Lehmann im April 2004 in der letzten Minute des allerletzten Matches gegen unsere Erzrivalen Tottenham, als wir die Meisterschaft schon sicher im Sack hatten, noch einen Elfmeter provozierte. Mit dem Resultat, dass die glänzende Serie von 49 Arsenal-Siegen in Folge ein eher unrühmliches Ende fand. Hoffentlich verhält er sich im deutschen Tor ähnlich. Frage: Wieso? Hornby: Weil mir alles recht wäre - nur nicht, dass ausgerechnet Deutschland den Titel holt. Wollen Sie wissen, warum ihr meistens trotz mieser Leistungen doch noch gewinnt? Weil spätestens nach 50 Minuten die Gegner komplett das Interesse an euch verloren haben. Ihr Deutschen spielt einen derart langweiligen Fußball, dass einem schon beim Zusehen die Beine einschlafen. Frage: Und deshalb gewinnen wir regelmäßig alle entscheidenden Spiele gegen England? Hornby: Nein, das ist ein hausgemachtes Problem. Wir sind im internationalen Vergleich schlicht nicht gut genug. Es reicht, um die Gruppenspiele zu dominieren - und dann im Viertelfinale auszuscheiden. Wir Engländer sind Viertelfinalisten. Die Fragen stellte Patrick Großmann |
