bastian
So, Panikmache jetzt...
HOOLIGANS
"Wenn es knallt, dann gegen Polen"
Von Christian Gödecke und Mike Glindmeier
Sein Hobby ist Gewalt: Hooligan Hendrik K. prophezeit für das Länderspiel zwischen Deutschland und Polen Ausschreitungen in Dortmund. Viele Gewalttäter hätten sich in den vergangenen Jahren zurückgehalten - um bei der WM in Deutschland für Aufsehen zu sorgen.
Seit acht Jahren kann keine Geschichte über deutsche Hooligans ohne Daniel Nivel erzählt werden. An jenem warmen 21. Juni 1998 stand der französische Gendarm Posten in einer Seitengasse in Lens, im nahen Stadion Félix Bollaert hatte kurz zuvor ein Vorrundenspiel der Fußball-WM stattgefunden, Deutschland gegen Jugoslawien, 2:2. Ein brasilianischer Kameramann war verprügelt worden, ein paar hundert Deutsche lieferten sich Scharmützel mit der Police Nationale, Scheiben gingen zu Bruch. Die Randalierer wurden von den Einsatzkräften zurückgedrängt, die Situation war unter Kontrolle. Eigentlich.
"Es ist alles sehr unglücklich gelaufen." Hendrik K. sitzt an einem weißen Tisch in einer süddeutschen Großstadt und raucht die dritte Zigarette in 20 Minuten. K. ist Ende Dreißig, gepflegt, grauer Pullover, kariertes Hemd. Selbst seine Größe ist Durchschnitt, er würde nicht auffallen auf der Straße. Oder vor irgendeinem Fußballstadion. Gerade hat er von seinen Verletzungen erzählt, gebrochene Hände, Platzwunden am Kopf. Was man sich so holt bei Prügeleien. Er hat sich schon oft geprügelt, K. ist Hooligan. Sein bundesweites Stadionverbot ist erst vor ein paar Tagen abgelaufen.
Vor acht Jahren war auch K. in Lens. Einer von 600 Deutschen, die an diesem Tag in Frankreich keine Gleichgesinnten aus Jugoslawien fanden und stattdessen Stühle durch die Gegend schmissen. In einer Seitenstraße, abseits der Krawalle, stand Nivel und bewachte einen Polizeiwagen. Minuten später lag er blutüberströmt am Boden, zusammengetreten von 30 deutschen Hooligans. Nivel erwachte erst nach sechs Wochen aus dem Koma, schwerstbehindert. Auf dem rechten Auge ist er seither blind, der rechte Arm steif. Die Täter werden durch Fotos überführt, die zwei deutsche Fußballtouristen an die Presse statt wie üblich an die Hooligans selbst verhökert hatten. Fünf Jahre Haft wegen "gemeinschaftlicher schwerer Körperverletzung" lautet das Urteil gegen den Hauptangeklagten Markus Warnecke. Nach vier Jahren kommt Warnecke frühzeitig aus dem Gefängnis.
"Das ist von vorn bis hinten unglücklich gelaufen", sagt K. "Die Sache, wie sie passiert ist und wie sie rausgekommen ist. Einfach alles. Das ist dumm gelaufen."
Hätte die Hooligan-Szene eine Hierarchie, K. würde oben stehen. Deshalb will er nicht, dass sein Name genannt wird, auch nicht die Stadt, in der er wohnt. Seit mehr als 15 Jahren ist er in der Szene, die abgeschottet ist wie ein Geheimbund, in der viele ungeschriebene Gesetze gelten: Im Kampf sind Messer und Pistolen verboten. Der am Boden liegende Gegner wird nicht getreten. Bei Länderspielen hält man seit einem Freundschaftsspiel in Holland 1980 unabhängig von der Vereinszugehörigkeit zusammen. Es sind die Gesetze einer archaischen Gruppe, gewachsen über Jahrzehnte. Hier erfährt ein halbtoter Polizist die gleiche Gewichtung wie "Verrat" durch den Verkauf von Fotos.
"Es passiert von alleine"
Bei der WM in Deutschland soll ein gigantisches Sicherheitskonzept - mehr als 100.000 Polizisten - verhindern, dass sich 1998 wiederholt. In der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) beim LKA Düsseldorf sind 7000 potentielle Gewalttäter aus ganz Europa registriert, 3000 aus Deutschland. Die Botschaft: Die WM ist sicher.
Doch Hendrik K. sagt: "Die Sicherheitsbehörden versprechen viel zu viel, die werden ihr blaues Wunder erleben. Die Polizei setzt auf Prävention und versucht, die Situation mit Maßnahmen wie Meldeauflagen zu beruhigen, aber das geht schief. Viele ältere Hooligans sind in keiner Gewalttäter-Sport-Datei und werden bei der WM in Erscheinung treten."
Keine guten Aussichten für die Polizei und die WM-Organisatoren verheißen diese Aussagen eines bestens vernetzten Hooligans. Geplant hätten die Deutschen noch nichts, sagt K., "aber wenn etwas passiert, dann passiert es von allein. Wir sind in einer Stadt, und wenn es so sein soll, geht es los." Äußere Erkennungszeichen müssen nicht vereinbart werden - man kennt sich. Viele haben sich laut K. in den vergangenen Jahren zurückgehalten, um nicht registriert und während der WM überwacht zu werden.
K sagt: "Wenn es knallt, dann in Dortmund gegen Polen. Da sind 60.000 im Stadion, 50.000 Menschen werden ohne Ticket anreisen, da wird die Polizei keine Sicherheit garantieren können. Wenn da ein paar hundert Leute loslegen, gehen die unter." Eine Ankündigung, die Jens Weidner als Beleg dafür nimmt, dass es ruhig bleiben wird. "Es ist ein Indiz dafür, dass nichts passiert", sagt der Professor für Erziehungswissenschaften und Kriminologie aus Hamburg.
Weidner hat das Anti-Aggressivitäts-Training entwickelt, damit werden heute schon in über 100 Projekten Gewalttäter erfolgreich behandelt. "Die Polizei wird bei diesem Spiel so massiv präsent sein, dass da nichts passieren wird. Wenn doch, wäre das umso peinlicher für die Sicherheitsbehörden, die immer betonen, alles im Griff zu haben", erklärt Weidner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
"Wir sind eine gewachsene Subkultur"
Bei der Dortmunder Polizei ist man vor dem Spiel jedoch relativ gelassen. Die Kernbotschaft, die auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz verkündet wurde, lautet: Man ist vorbereitet. Noch habe man keine konkreten Hinweise auf "geplante Auseinandersetzungen", dafür aber am Spieltag "genügend Kräfte im Einsatz, die schon vor dem Spiel in der Stadt verstärkt präsent sind", sagt Polizeisprecher Klaus Finke SPIEGEL ONLINE. Die personelle Besetzung sei der Lage angepasst, dazu kämen "szenekundige Beamte auch aus Polen".
Doch gerade das System der "szenekundigen Beamten", die den Registrierten immer wieder Besuche abstatten oder diese auf Fahrten begleiten, schreckt Hooligans nicht. "Die sind seit mehr als 15 Jahren im Einsatz und haben immer noch nicht begriffen, worum es geht. Wir sind eine gewachsene Subkultur, die nie aussterben wird", behauptet K.
Das schlechte Bild der Hooligans hätten auch "die Medien" gezeichnet, "Manipulation" nennt er das. So sei im Jahr 2000, als während der EM vor dem Spiel England-Deutschland im belgischen Charleroi Plastikstühle flogen, "überhaupt nichts dramatisch gewesen". Die Medien hätten das dramatisiert. "Da werden Bilder von zehn Sekunden immer wieder aus anderen Perspektiven gezeigt und die Welt denkt: Krieg."
Eine Nähe zur rechten Szene bestreitet der Hooligan. "Wir sind nicht politisch. Uns mit Rechtsradikalen in Verbindung zu bringen, ist Schwachsinn", erklärt K. "Wir wollen mit diesen Leuten nichts zu tun haben." Kriminologe Weidner bestätigt das. "Hooligans sind größtenteils unpolitisch. Ich habe einen Iraner behandelt, der in einer norddeutschen Hooligan-Szene aktiv war. Der war bei seinen deutschen Kollegen absolut anerkannt, weil er schon fast suizidal in die Straßenkämpfe ging", berichtet Weidner. Viele Hooligans bedienten sich Nazi-Symbolik, um zu provozieren - so wie etwa das Plakat bei einem Spiel in Polen, auf dem "Schindler-Juden" stand.
An Polen sei das Plakat nicht gerichtet gewesen, sagt K. "Es war an die deutsche Presse und den DFB adressiert und hat seinen Zweck vollends erfüllt."
Als K. den Raum verlässt, verabschiedet er sich höflich. Er weiß noch nicht, ob er nach Dortmund fahren wird - aber er träumt von 2000 Hooligans beim Spiel Deutschland-Polen.
Der DFB hat zu dieser Partie einen Ehrengast eingeladen: Daniel Nivel, den Gendarm aus Lens.
Quelle: http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,420605,00.html
HOOLIGANS
"Wenn es knallt, dann gegen Polen"
Von Christian Gödecke und Mike Glindmeier
Sein Hobby ist Gewalt: Hooligan Hendrik K. prophezeit für das Länderspiel zwischen Deutschland und Polen Ausschreitungen in Dortmund. Viele Gewalttäter hätten sich in den vergangenen Jahren zurückgehalten - um bei der WM in Deutschland für Aufsehen zu sorgen.
Seit acht Jahren kann keine Geschichte über deutsche Hooligans ohne Daniel Nivel erzählt werden. An jenem warmen 21. Juni 1998 stand der französische Gendarm Posten in einer Seitengasse in Lens, im nahen Stadion Félix Bollaert hatte kurz zuvor ein Vorrundenspiel der Fußball-WM stattgefunden, Deutschland gegen Jugoslawien, 2:2. Ein brasilianischer Kameramann war verprügelt worden, ein paar hundert Deutsche lieferten sich Scharmützel mit der Police Nationale, Scheiben gingen zu Bruch. Die Randalierer wurden von den Einsatzkräften zurückgedrängt, die Situation war unter Kontrolle. Eigentlich.
"Es ist alles sehr unglücklich gelaufen." Hendrik K. sitzt an einem weißen Tisch in einer süddeutschen Großstadt und raucht die dritte Zigarette in 20 Minuten. K. ist Ende Dreißig, gepflegt, grauer Pullover, kariertes Hemd. Selbst seine Größe ist Durchschnitt, er würde nicht auffallen auf der Straße. Oder vor irgendeinem Fußballstadion. Gerade hat er von seinen Verletzungen erzählt, gebrochene Hände, Platzwunden am Kopf. Was man sich so holt bei Prügeleien. Er hat sich schon oft geprügelt, K. ist Hooligan. Sein bundesweites Stadionverbot ist erst vor ein paar Tagen abgelaufen.
Vor acht Jahren war auch K. in Lens. Einer von 600 Deutschen, die an diesem Tag in Frankreich keine Gleichgesinnten aus Jugoslawien fanden und stattdessen Stühle durch die Gegend schmissen. In einer Seitenstraße, abseits der Krawalle, stand Nivel und bewachte einen Polizeiwagen. Minuten später lag er blutüberströmt am Boden, zusammengetreten von 30 deutschen Hooligans. Nivel erwachte erst nach sechs Wochen aus dem Koma, schwerstbehindert. Auf dem rechten Auge ist er seither blind, der rechte Arm steif. Die Täter werden durch Fotos überführt, die zwei deutsche Fußballtouristen an die Presse statt wie üblich an die Hooligans selbst verhökert hatten. Fünf Jahre Haft wegen "gemeinschaftlicher schwerer Körperverletzung" lautet das Urteil gegen den Hauptangeklagten Markus Warnecke. Nach vier Jahren kommt Warnecke frühzeitig aus dem Gefängnis.
"Das ist von vorn bis hinten unglücklich gelaufen", sagt K. "Die Sache, wie sie passiert ist und wie sie rausgekommen ist. Einfach alles. Das ist dumm gelaufen."
Hätte die Hooligan-Szene eine Hierarchie, K. würde oben stehen. Deshalb will er nicht, dass sein Name genannt wird, auch nicht die Stadt, in der er wohnt. Seit mehr als 15 Jahren ist er in der Szene, die abgeschottet ist wie ein Geheimbund, in der viele ungeschriebene Gesetze gelten: Im Kampf sind Messer und Pistolen verboten. Der am Boden liegende Gegner wird nicht getreten. Bei Länderspielen hält man seit einem Freundschaftsspiel in Holland 1980 unabhängig von der Vereinszugehörigkeit zusammen. Es sind die Gesetze einer archaischen Gruppe, gewachsen über Jahrzehnte. Hier erfährt ein halbtoter Polizist die gleiche Gewichtung wie "Verrat" durch den Verkauf von Fotos.
"Es passiert von alleine"
Bei der WM in Deutschland soll ein gigantisches Sicherheitskonzept - mehr als 100.000 Polizisten - verhindern, dass sich 1998 wiederholt. In der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) beim LKA Düsseldorf sind 7000 potentielle Gewalttäter aus ganz Europa registriert, 3000 aus Deutschland. Die Botschaft: Die WM ist sicher.
Doch Hendrik K. sagt: "Die Sicherheitsbehörden versprechen viel zu viel, die werden ihr blaues Wunder erleben. Die Polizei setzt auf Prävention und versucht, die Situation mit Maßnahmen wie Meldeauflagen zu beruhigen, aber das geht schief. Viele ältere Hooligans sind in keiner Gewalttäter-Sport-Datei und werden bei der WM in Erscheinung treten."
Keine guten Aussichten für die Polizei und die WM-Organisatoren verheißen diese Aussagen eines bestens vernetzten Hooligans. Geplant hätten die Deutschen noch nichts, sagt K., "aber wenn etwas passiert, dann passiert es von allein. Wir sind in einer Stadt, und wenn es so sein soll, geht es los." Äußere Erkennungszeichen müssen nicht vereinbart werden - man kennt sich. Viele haben sich laut K. in den vergangenen Jahren zurückgehalten, um nicht registriert und während der WM überwacht zu werden.
K sagt: "Wenn es knallt, dann in Dortmund gegen Polen. Da sind 60.000 im Stadion, 50.000 Menschen werden ohne Ticket anreisen, da wird die Polizei keine Sicherheit garantieren können. Wenn da ein paar hundert Leute loslegen, gehen die unter." Eine Ankündigung, die Jens Weidner als Beleg dafür nimmt, dass es ruhig bleiben wird. "Es ist ein Indiz dafür, dass nichts passiert", sagt der Professor für Erziehungswissenschaften und Kriminologie aus Hamburg.
Weidner hat das Anti-Aggressivitäts-Training entwickelt, damit werden heute schon in über 100 Projekten Gewalttäter erfolgreich behandelt. "Die Polizei wird bei diesem Spiel so massiv präsent sein, dass da nichts passieren wird. Wenn doch, wäre das umso peinlicher für die Sicherheitsbehörden, die immer betonen, alles im Griff zu haben", erklärt Weidner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
"Wir sind eine gewachsene Subkultur"
Bei der Dortmunder Polizei ist man vor dem Spiel jedoch relativ gelassen. Die Kernbotschaft, die auf einer eigens einberufenen Pressekonferenz verkündet wurde, lautet: Man ist vorbereitet. Noch habe man keine konkreten Hinweise auf "geplante Auseinandersetzungen", dafür aber am Spieltag "genügend Kräfte im Einsatz, die schon vor dem Spiel in der Stadt verstärkt präsent sind", sagt Polizeisprecher Klaus Finke SPIEGEL ONLINE. Die personelle Besetzung sei der Lage angepasst, dazu kämen "szenekundige Beamte auch aus Polen".
Doch gerade das System der "szenekundigen Beamten", die den Registrierten immer wieder Besuche abstatten oder diese auf Fahrten begleiten, schreckt Hooligans nicht. "Die sind seit mehr als 15 Jahren im Einsatz und haben immer noch nicht begriffen, worum es geht. Wir sind eine gewachsene Subkultur, die nie aussterben wird", behauptet K.
Das schlechte Bild der Hooligans hätten auch "die Medien" gezeichnet, "Manipulation" nennt er das. So sei im Jahr 2000, als während der EM vor dem Spiel England-Deutschland im belgischen Charleroi Plastikstühle flogen, "überhaupt nichts dramatisch gewesen". Die Medien hätten das dramatisiert. "Da werden Bilder von zehn Sekunden immer wieder aus anderen Perspektiven gezeigt und die Welt denkt: Krieg."
Eine Nähe zur rechten Szene bestreitet der Hooligan. "Wir sind nicht politisch. Uns mit Rechtsradikalen in Verbindung zu bringen, ist Schwachsinn", erklärt K. "Wir wollen mit diesen Leuten nichts zu tun haben." Kriminologe Weidner bestätigt das. "Hooligans sind größtenteils unpolitisch. Ich habe einen Iraner behandelt, der in einer norddeutschen Hooligan-Szene aktiv war. Der war bei seinen deutschen Kollegen absolut anerkannt, weil er schon fast suizidal in die Straßenkämpfe ging", berichtet Weidner. Viele Hooligans bedienten sich Nazi-Symbolik, um zu provozieren - so wie etwa das Plakat bei einem Spiel in Polen, auf dem "Schindler-Juden" stand.
An Polen sei das Plakat nicht gerichtet gewesen, sagt K. "Es war an die deutsche Presse und den DFB adressiert und hat seinen Zweck vollends erfüllt."
Als K. den Raum verlässt, verabschiedet er sich höflich. Er weiß noch nicht, ob er nach Dortmund fahren wird - aber er träumt von 2000 Hooligans beim Spiel Deutschland-Polen.
Der DFB hat zu dieser Partie einen Ehrengast eingeladen: Daniel Nivel, den Gendarm aus Lens.
Quelle: http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,420605,00.html
