mazzo
Quelle:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeit...ema/548791.html
SPORT & KOMMERZ - Kräftig horteten Sponsoren Karten für die WM, nun
könnten sie auf den Billets sitzen bleiben. Der Staatsanwalt ermittelt
wegen verschenkter Tickets. Schon fürchten Fans öde Spiele vor leeren
Rängen.
Stell dir vor, es ist Fußball, und keiner geht hin
Jakob Schlandt und Sebastian Wolff
BERLIN. Schon vor dem ersten Anpfiff schienen sie die großen Gewinner
der Fußball-WM zu sein: die 21 großen Konzerne, die vom
Weltfußballverband Fifa als offizielle Sponsoren ausgewählt waren. Doch
nun wird es für einige der Firmen ungemütlich: Während sich viele Fans
vergeblich um Karten für das Spektakel bemühen, bleiben die Sponsoren
auf einem Teil ihrer riesigen Ticket-Kontingente offenbar sitzen.
Beobachter befürchten deshalb, dass bei den Spielen reihenweise Sitze
leer bleiben werden. Immerhin verfügen die 21 Sponsoren gemeinsam über
knapp 450 000 Tickets für die Spiele - damit könnten sie allein locker
die Stadien für rund neun WM-Begegnungen füllen.
Das Problem: Politiker, Manager, Beamte oder Journalisten, an die die
Firmen ihre Tickets gerne verschenken, um Kontakte zu pflegen, wagen es
zum Teil nicht, die begehrten Karten anzunehmen. Sie fürchten, sich der
unberechtigten Vorteilsannahme schuldig zu machen. Ihnen steht das
Beispiel des Chefs des Energiekonzerns und WM-Sponsors EnBW, Utz Claasen
vor Augen: Gegen ihn und sieben Amtsträger ermittelt nach Berichten der
Süddeutschen Zeitung die Staatsanwaltschaft - wegen Vorteilsgewährung
beziehungsweise Vorteilsannahme.
Mit mehreren Gutachten versucht der Stromkonzern derzeit die Vorwürfe zu
entkräften. Eine der Begründungen: Die Einladungen fielen hinsichtlich
ihrer Höhe und Verwertbarkeit nicht "aus dem Rahmen des für
repräsentative Einladungen typischen gehobenen Konsums heraus". Zudem
sei nur ein ganz geringer Teil der Tickets für Politiker bestimmt
gewesen, sagt ein Unternehmenssprecher. Der Großteil gehe an Kunden oder
werde für Verlosungsaktionen verwendet.
Ähnlich wie EnBW sehen auch die anderen Sponsoren offiziell keine
Problem bei der Ticketvergabe: "Auch wir vergeben vereinzelt Tickets an
Politiker", heißt es etwa beim Getränkekonzern Coca-Cola. Wir schalten
aber jedes Mal die jeweilige Aufsichtsbehörde ein, damit erst gar keine
Probleme entstehen." Manchmal würden Tickets zurückgegeben, doch diese
würden etwa über Verlosungen an Kunden weitergereicht. "Wir bleiben
nicht auf den Karten sitzen", heißt es auch bei der Postbank und anderen
Sponsoren angesichts zurückgegebener oder nicht angenommener
Einladungen.
Bei der Deutschen Bahn hat man vor einigen Wochen aufgehört, Politikern
und Beamten WM-Tickets anzubieten - eine Sprecherin teilt mit, man habe
sich dazu angesichts der aufkommenden Diskussion entschieden. "Besonders
Journalisten, die uns langjährig begleitet haben, speziell Verkehrs- und
Wirtschaftsjournalisten, laden wir auch auf Spiele ein. Dann gehen wir
allerdings auch zusammen mit ihnen ins Stadion." Hin und wieder gebe es
aber Journalisten, die die Einladung ablehnten, heißt es bei der Bahn.
Auf vielen Tickets werde die Bahn dennoch nicht sitzen bleiben, falls
Politiker und Journalisten die Einladungen ablehnen sollten: "Das sind
nicht viele Karten. Der Großteil kommt durch Gewinnspiele in die
Öffentlichkeit oder wurde an Mitarbeiter vergeben".
Bei der Baumarkt-Kette Obi hat man die Neiddebatte um Sponsoren-Tickets
und die Angst vor leeren Rängen schon im voraus erahnt. Der nationale
Förderer der WM hat deshalb mehr als 80 Prozent seiner rund 12 000
Karten unter seinen Kunden verlost und den Rest unter der Belegschaft
verteilt. "Bei uns hat nicht einmal der Vorstand Karten bekommen,
geschweige denn Geschäftspartner", heißt es aus dem Unternehmen.
Obwohl der große Skandal bis jetzt ausgeblieben ist: Mit jeder
Diskussion um die Ticketvergabe verdüstert sich die Laune der Sponsoren.
"Wir merken den Unmut der Fans schon. Wenn in einem Stadion Plätze frei
bleiben, dann wird das sofort auf uns geschoben", klagt etwa ein
Marketing-Mitarbeiter eines Hauptsponsors, der 60 Millionen Euro an die
Fifa gezahlt hat. Irgendwann, so heißt es, frage man sich, warum man
sich das antue. Fußballfans werden die Schlussfolgerungen aufmerksam
verfolgen.
Berliner Zeitung, 09.05.2006
++++++++++++++++++++++++++
und das Interview mit mir (ich hab zwar ganz normal mit dem geplaudert,
also nicht "geklagt", geschimpft" und "moniert" aber hey):
++++++++++++++++++++++++++
Quelle:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeit...ema/548793.html
"Wir sind nur noch Staffage"
Sebastian Wolff
BERLIN. Wegen des Gerangels um die Ticketvergabe ist vielen echten
Fußballfans der Spaß an der WM schon vor dem Ereignis vergangen. Einer
von ihnen ist Matthias Bettag, Sprecher des Bündnisses aktive
Fußballfans (Baff), einer Organisation, die für die Interessen der
Fußball-Begeisterten eintritt: "Viel zu viele Karten sind an Sponsoren
gegangen, das ist das Grundproblem", klagt Bettag. "Die Fans haben keine
realen Chancen, an diese Karten heranzukommen".
Zwar würden die meisten dieser Tickets verlost, doch das zwinge die
Gewinner, Kunden dieser Firmen zu werden, und ihnen ihre persönliche
Daten zu überlassen, die diese dann zu Werbezwecken nutzen können. "Dazu
haben viele keine Lust", sagt Bettag. "Ich auch nicht."
Schwerer Schaden befürchtet
Noch problematischer sei aber die Weitergabe der Eintrittstickets an
Geschäftspartner oder Kunden der Sponsoren: "Die WM-Karten werden zu
Werkzeugen, die den Firmen dazu dienen, ihre Geschäfte zu tätigen",
schimpft Fan-Vertreter Bettag. "Das beweist, dass die
Fußball-Weltmeisterschaft zu einem großen Wirtschaftswettbewerb
verkommen ist, in dem der Fan nur Staffage ist." Damit füge die
Weltmeisterschaft dem Fußball einen schweren Schaden zu.
Gut möglich, sagt der Fan-Vertreter, dass die Firmen am Ende massenhaft
auf Tickets sitzenbleiben - etwa weil Kunden die ihnen zugedachten
Karten wieder zurückgeben, weil sie fürchten, in den Verdacht der
Vorteilsannahme zu geraten. Ein kapitaler Fehler sei es in diesem
Zusammenhang auch, dass die Tickets alle personalisiert würden - dass
also nur Zuschauer ins Stadion gelassen werden sollen, deren Tickets
auch auf ihren Namen ausgestellt sind. "Das ist die Folge von
übertriebenem Perfektionismus", moniert Bettag.
"Es würde mich nicht wundern, wenn einige Kartenbesitzer gar nicht ins
Stadion hereingelassen werden", sagt der Fan-Vertreter. Viele Plätze in
den WM-Stadien drohten am Ende deshalb leer zu bleiben, klagt Bettag -
und das, obwohl sich Millionen von Fußballfans nichts sehnlicher
wünschen würden, als bei einem WM-Spiel live dabei sein zu können.
Berliner Zeitung, 09.05.2006
http://www.berlinonline.de/berliner-zeit...ema/548791.html
SPORT & KOMMERZ - Kräftig horteten Sponsoren Karten für die WM, nun
könnten sie auf den Billets sitzen bleiben. Der Staatsanwalt ermittelt
wegen verschenkter Tickets. Schon fürchten Fans öde Spiele vor leeren
Rängen.
Stell dir vor, es ist Fußball, und keiner geht hin
Jakob Schlandt und Sebastian Wolff
BERLIN. Schon vor dem ersten Anpfiff schienen sie die großen Gewinner
der Fußball-WM zu sein: die 21 großen Konzerne, die vom
Weltfußballverband Fifa als offizielle Sponsoren ausgewählt waren. Doch
nun wird es für einige der Firmen ungemütlich: Während sich viele Fans
vergeblich um Karten für das Spektakel bemühen, bleiben die Sponsoren
auf einem Teil ihrer riesigen Ticket-Kontingente offenbar sitzen.
Beobachter befürchten deshalb, dass bei den Spielen reihenweise Sitze
leer bleiben werden. Immerhin verfügen die 21 Sponsoren gemeinsam über
knapp 450 000 Tickets für die Spiele - damit könnten sie allein locker
die Stadien für rund neun WM-Begegnungen füllen.
Das Problem: Politiker, Manager, Beamte oder Journalisten, an die die
Firmen ihre Tickets gerne verschenken, um Kontakte zu pflegen, wagen es
zum Teil nicht, die begehrten Karten anzunehmen. Sie fürchten, sich der
unberechtigten Vorteilsannahme schuldig zu machen. Ihnen steht das
Beispiel des Chefs des Energiekonzerns und WM-Sponsors EnBW, Utz Claasen
vor Augen: Gegen ihn und sieben Amtsträger ermittelt nach Berichten der
Süddeutschen Zeitung die Staatsanwaltschaft - wegen Vorteilsgewährung
beziehungsweise Vorteilsannahme.
Mit mehreren Gutachten versucht der Stromkonzern derzeit die Vorwürfe zu
entkräften. Eine der Begründungen: Die Einladungen fielen hinsichtlich
ihrer Höhe und Verwertbarkeit nicht "aus dem Rahmen des für
repräsentative Einladungen typischen gehobenen Konsums heraus". Zudem
sei nur ein ganz geringer Teil der Tickets für Politiker bestimmt
gewesen, sagt ein Unternehmenssprecher. Der Großteil gehe an Kunden oder
werde für Verlosungsaktionen verwendet.
Ähnlich wie EnBW sehen auch die anderen Sponsoren offiziell keine
Problem bei der Ticketvergabe: "Auch wir vergeben vereinzelt Tickets an
Politiker", heißt es etwa beim Getränkekonzern Coca-Cola. Wir schalten
aber jedes Mal die jeweilige Aufsichtsbehörde ein, damit erst gar keine
Probleme entstehen." Manchmal würden Tickets zurückgegeben, doch diese
würden etwa über Verlosungen an Kunden weitergereicht. "Wir bleiben
nicht auf den Karten sitzen", heißt es auch bei der Postbank und anderen
Sponsoren angesichts zurückgegebener oder nicht angenommener
Einladungen.
Bei der Deutschen Bahn hat man vor einigen Wochen aufgehört, Politikern
und Beamten WM-Tickets anzubieten - eine Sprecherin teilt mit, man habe
sich dazu angesichts der aufkommenden Diskussion entschieden. "Besonders
Journalisten, die uns langjährig begleitet haben, speziell Verkehrs- und
Wirtschaftsjournalisten, laden wir auch auf Spiele ein. Dann gehen wir
allerdings auch zusammen mit ihnen ins Stadion." Hin und wieder gebe es
aber Journalisten, die die Einladung ablehnten, heißt es bei der Bahn.
Auf vielen Tickets werde die Bahn dennoch nicht sitzen bleiben, falls
Politiker und Journalisten die Einladungen ablehnen sollten: "Das sind
nicht viele Karten. Der Großteil kommt durch Gewinnspiele in die
Öffentlichkeit oder wurde an Mitarbeiter vergeben".
Bei der Baumarkt-Kette Obi hat man die Neiddebatte um Sponsoren-Tickets
und die Angst vor leeren Rängen schon im voraus erahnt. Der nationale
Förderer der WM hat deshalb mehr als 80 Prozent seiner rund 12 000
Karten unter seinen Kunden verlost und den Rest unter der Belegschaft
verteilt. "Bei uns hat nicht einmal der Vorstand Karten bekommen,
geschweige denn Geschäftspartner", heißt es aus dem Unternehmen.
Obwohl der große Skandal bis jetzt ausgeblieben ist: Mit jeder
Diskussion um die Ticketvergabe verdüstert sich die Laune der Sponsoren.
"Wir merken den Unmut der Fans schon. Wenn in einem Stadion Plätze frei
bleiben, dann wird das sofort auf uns geschoben", klagt etwa ein
Marketing-Mitarbeiter eines Hauptsponsors, der 60 Millionen Euro an die
Fifa gezahlt hat. Irgendwann, so heißt es, frage man sich, warum man
sich das antue. Fußballfans werden die Schlussfolgerungen aufmerksam
verfolgen.
Berliner Zeitung, 09.05.2006
++++++++++++++++++++++++++
und das Interview mit mir (ich hab zwar ganz normal mit dem geplaudert,
also nicht "geklagt", geschimpft" und "moniert" aber hey):
++++++++++++++++++++++++++
Quelle:
http://www.berlinonline.de/berliner-zeit...ema/548793.html
"Wir sind nur noch Staffage"
Sebastian Wolff
BERLIN. Wegen des Gerangels um die Ticketvergabe ist vielen echten
Fußballfans der Spaß an der WM schon vor dem Ereignis vergangen. Einer
von ihnen ist Matthias Bettag, Sprecher des Bündnisses aktive
Fußballfans (Baff), einer Organisation, die für die Interessen der
Fußball-Begeisterten eintritt: "Viel zu viele Karten sind an Sponsoren
gegangen, das ist das Grundproblem", klagt Bettag. "Die Fans haben keine
realen Chancen, an diese Karten heranzukommen".
Zwar würden die meisten dieser Tickets verlost, doch das zwinge die
Gewinner, Kunden dieser Firmen zu werden, und ihnen ihre persönliche
Daten zu überlassen, die diese dann zu Werbezwecken nutzen können. "Dazu
haben viele keine Lust", sagt Bettag. "Ich auch nicht."
Schwerer Schaden befürchtet
Noch problematischer sei aber die Weitergabe der Eintrittstickets an
Geschäftspartner oder Kunden der Sponsoren: "Die WM-Karten werden zu
Werkzeugen, die den Firmen dazu dienen, ihre Geschäfte zu tätigen",
schimpft Fan-Vertreter Bettag. "Das beweist, dass die
Fußball-Weltmeisterschaft zu einem großen Wirtschaftswettbewerb
verkommen ist, in dem der Fan nur Staffage ist." Damit füge die
Weltmeisterschaft dem Fußball einen schweren Schaden zu.
Gut möglich, sagt der Fan-Vertreter, dass die Firmen am Ende massenhaft
auf Tickets sitzenbleiben - etwa weil Kunden die ihnen zugedachten
Karten wieder zurückgeben, weil sie fürchten, in den Verdacht der
Vorteilsannahme zu geraten. Ein kapitaler Fehler sei es in diesem
Zusammenhang auch, dass die Tickets alle personalisiert würden - dass
also nur Zuschauer ins Stadion gelassen werden sollen, deren Tickets
auch auf ihren Namen ausgestellt sind. "Das ist die Folge von
übertriebenem Perfektionismus", moniert Bettag.
"Es würde mich nicht wundern, wenn einige Kartenbesitzer gar nicht ins
Stadion hereingelassen werden", sagt der Fan-Vertreter. Viele Plätze in
den WM-Stadien drohten am Ende deshalb leer zu bleiben, klagt Bettag -
und das, obwohl sich Millionen von Fußballfans nichts sehnlicher
wünschen würden, als bei einem WM-Spiel live dabei sein zu können.
Berliner Zeitung, 09.05.2006