RE Wolle
Ist zwar schon älter, bin aber drüber gestolpert, keine Ahnung ob es hier schonmal stand!
Willkommen im Stadionknast
Von Peter Ahrens
Wer sich auf den Rängen der Hertha-Spielstätte daneben benimmt, muss damit rechnen, das Berliner Olympiastadion auf besondere Weise kennenzulernen: In den Katakomben befinden sich die Arrestzellen.
In gewissem Sinne hat Chester Meifert nie seinen Job gewechselt. Vor knapp 20 Jahren war er Torwächter bei den Hertha-Profis, und bei seiner Gestalt, mehr Baum als Mann, kann man sich noch heute gut vorstellen, dass so mancher Stürmer Heidenrespekt vor ihm hatte. Torwächter ist er immer noch. Allerdings hat er jetzt nicht mehr dafür zu sorgen, dass keine Bälle reingehen, sondern dafür, dass keine Fußballfans rauskommen. Meifert ist beim Landeskriminalamt angestellt, und samstags ist sein Arbeitsplatz das Stadiongefängnis des Berliner Olympiastadions.
Offizieller Name Festnahme-Sammelstelle, abgekürzt Fesa: Fünf Einzel- und zwei Sammelzellen, vor den Sammelzellen hängen Schildchen "Heim" und "Gast" wie bei den Umkleidekabinen im Stadion. Alles picobello. Dies ist das Reich von Polizeioberkommissar Jörg Doese und Wachleiter Klaus Petzoldt, und die beiden sind stolz darauf hinzuweisen, dass "die Mängel, die wir am Anfang noch festgestellt hatten, nach und nach abgeschafft wurden". Am Anfang konnten die eingebuchteten Fans noch an den Gitterstäben rütteln, jetzt hat man nachträglich Streben eingebaut, nun ist Ruhe. Moderner, so will Petzoldt erfahren haben, sei nur die Konkurrenz in München. Die Allianz Arena hat 80 Knastplätze und Monitore überall.
Doeses Arbeitsplatz hat keine Fenster, die Räume liegen unterirdisch in den Katakomben des Olympiastadions. Wuchtige Stelen, hohe Decken, der Vorraum ist riesig, einschüchternd. Albert Speers Vorstellungen spiegeln sich überall wider. Die Atmosphäre atmet Naziarchitektur, nicht umsonst heißt das Gelände immer noch Marchhof nach dem Architekten Werner March, der gemeinsam mit Speer das Olympiastadion für die Spiele 1936 entworfen hat.
"Man hat sich beim Umbau sehr viel Mühe gegeben, dass alles so bleibt, wie es damals war", sagt Doese. Nur die unebenen Bodenplatten wurden rausgerissen, die Gefahr, dass die Festgenommenen stolpern, wäre zu groß gewesen. An diesem Tag ist die Stolpergefahr geringer denn je. Als Gast der Hertha hat sich Mainz 05 angesagt, und Doese muss keinen langen Blick auf die Tabelle werfen, um zu wissen: "Das wird ein eher ruhiger Tag. Wir werden nicht viel zu tun kriegen."
Die Tabelle an der Wand führt keine Punkte und Tore auf. Die Rubriken, nach denen die Bundesligavereine hier aufgeführt sind, heißen "Feindschaft", "Rivalität", "Neutralität" und "Freundschaft". Mainz ist als neutraler Verein eingruppiert, so wie Wolfsburg oder Leverkusen. Unter "Freundschaft" stehen Bayern, Dortmund und Werder Bremen. Der große Rest ist Feindschaft oder Rivalität. Petzoldt sagt: "Wer hier unten arbeitet, muss kein Fußballfan sein", und so leicht ist es auch nicht, hier seine Leidenschaft für den Fußball zu behalten. Hier unten werden die angespült, die mit der Eventkultur 2006 wenig am Hut haben. Die man von der Erdoberfläche der gepflegten Rundlederwelten so rasch wie möglich unter die Erde schafft. Besoffene und Skinheads sind dabei, eine Beamtin sagt: "Für mich erfüllen sich hier unten alle Klischees, die ich von männlichen Fußballfans zuvor im Kopf hatte."
So wie an dem Tag, als die Fans von Hansa Rostock in Berlin einfielen, "die hatten mittags um zwölf schon die erste Schnapsflasche intus". 39 Festnahmen, Arbeit bis nachts um zwei Uhr, bisher der Rekord für die Hertha- Wache. 39-mal Protokoll aufnehmen, 39-mal am ganzen Körper durchsuchen, 39-mal den Festgenommenen alles abnehmen, was sie bei sich haben. 39-mal kommen sie nebenan zu Chester Meifert, der ihnen die Fingerabdrücke abnimmt, sie "erkennungsdienstlich behandelt", wie das im Polizeideutsch heißt, und 39-mal ab in die Zelle. In der bestenfalls eine Pritsche steht, sonst nichts, nackte Fliesen, ganz leicht abschüssig, damit diverse Körperflüssigkeiten abfließen können. Wenn der Alkohol sein Recht verlangt.
"Für ei"Für ein paar Jungs ist die WM schon jetzt zu Ende" n paar Jungs ist die WM schon jetzt zu Ende"
Exakt über der Stelle, wo jetzt Doese und Petzoldt ihren Job machen, war 1913 beim Bau der Vorgängerarena, die damals noch "Deutsches Stadion" hieß, die Kaiserloge Wilhelms II. für Olympia 1916 geplant. Der Erste Weltkrieg kam dazwischen, "wir sind hier wirklich auf historischem Boden". Petzoldt hat Zeit, das alles zu erzählen, bis eine halbe Stunde vor Spielbeginn gibt es nichts zu tun. Der kleine Fernseher - die einzige Möglichkeit für die Beamten, das Spiel mitzubekommen - zeigt die Aufwärmbemühungen der Profis. Demnächst sollen noch zwei Monitore aufgehängt werden. Das soll deeskalierend wirken, sagt Doese.
Wenn die festgesetzten Fans einen Blick aufs Spielgeschehen mitbekommen, kochen sie meistens gleich ein paar Grad runter, "die sind doch schließlich auch hergekommen, um Fußball zu gucken". Für einige wird der Fernseher längere Zeit die einzige Möglichkeit sein, am Spiel teilzuhaben. Die meisten Festgenommen erhalten zwar nur die Rote Karte für den aktuellen Spieltag; der Strafenkatalog geht allerdings hin bis zu bundesweitem Stadionverbot. Dafür hat der Staatsanwalt vor Ort ein eigenes Büro.
"Für ein paar Jungs ist die Fußball-WM schon jetzt zu Ende", sagt Petzoldt. Letztens wurde einer festgesetzt, der eine Fanfahne geklaut hatte. "Der hat uns angefleht, damit er kein Stadionverbot bekommt." Stadionverbote sind an diesem Nachmittag nicht nötig, die Mainzer werden ihrem Ruf als neutrale Gäste gerecht. Zwei, drei gerauchte Joints, ein paar harmlose Beamtenbeleidigungen, und, wie fast immer, werden ein, zwei Leute wegen des Tragens verfassungsfeindlicher Symbole festgenommen.
Eine Frau ist auch dabei, ganz selten hier unten. Mit den Nerven am Ende hockt sie auf dem Arme-Sünder-Bänkchen, über das ein paar stolze Stadionbauer das Schildchen gehängt haben: "Dies ist eine historische Sitzbank von 1936." Das ist der Frau reichlich egal, ihr Freund hat ihr eine Jacke geschenkt, die sie angeblich arglos übergezogen habe und auf der - dumm für sie - das verbotene NS-Symbol, die Wolfsangel, zu sehen ist. Sie habe davon doch keine Ahnung gehabt, so ist ihre Version: "Da zieht man einmal eine verkehrte Jacke an und ist gleich kriminell." An einem Strafverfahren führt kein Weg vorbei.
Der Freund wartet draußen, er hat zumindest den Anstand, sich nicht das Spiel anzugucken, während sie die Prozedur des Beamtenapparates über sich ergehen lassen muss. Acht Festnahmen verzeichnet die Polizei an diesem Tag, die Zellen bleiben nicht lange besetzt, keiner ist handgreiflich geworden, alles ruhig, am frühen Abend kann Chester Meifert sein Instrumentarium wieder einpacken. Am Abend ist der Stadionknast ausgestorben. Bis zum nächsten Heimspiel. Ein ganz normaler Tag.
Quelle: Spiegel-online 29 November 2005
Willkommen im Stadionknast
Von Peter Ahrens
Wer sich auf den Rängen der Hertha-Spielstätte daneben benimmt, muss damit rechnen, das Berliner Olympiastadion auf besondere Weise kennenzulernen: In den Katakomben befinden sich die Arrestzellen.
In gewissem Sinne hat Chester Meifert nie seinen Job gewechselt. Vor knapp 20 Jahren war er Torwächter bei den Hertha-Profis, und bei seiner Gestalt, mehr Baum als Mann, kann man sich noch heute gut vorstellen, dass so mancher Stürmer Heidenrespekt vor ihm hatte. Torwächter ist er immer noch. Allerdings hat er jetzt nicht mehr dafür zu sorgen, dass keine Bälle reingehen, sondern dafür, dass keine Fußballfans rauskommen. Meifert ist beim Landeskriminalamt angestellt, und samstags ist sein Arbeitsplatz das Stadiongefängnis des Berliner Olympiastadions.
Offizieller Name Festnahme-Sammelstelle, abgekürzt Fesa: Fünf Einzel- und zwei Sammelzellen, vor den Sammelzellen hängen Schildchen "Heim" und "Gast" wie bei den Umkleidekabinen im Stadion. Alles picobello. Dies ist das Reich von Polizeioberkommissar Jörg Doese und Wachleiter Klaus Petzoldt, und die beiden sind stolz darauf hinzuweisen, dass "die Mängel, die wir am Anfang noch festgestellt hatten, nach und nach abgeschafft wurden". Am Anfang konnten die eingebuchteten Fans noch an den Gitterstäben rütteln, jetzt hat man nachträglich Streben eingebaut, nun ist Ruhe. Moderner, so will Petzoldt erfahren haben, sei nur die Konkurrenz in München. Die Allianz Arena hat 80 Knastplätze und Monitore überall.
Doeses Arbeitsplatz hat keine Fenster, die Räume liegen unterirdisch in den Katakomben des Olympiastadions. Wuchtige Stelen, hohe Decken, der Vorraum ist riesig, einschüchternd. Albert Speers Vorstellungen spiegeln sich überall wider. Die Atmosphäre atmet Naziarchitektur, nicht umsonst heißt das Gelände immer noch Marchhof nach dem Architekten Werner March, der gemeinsam mit Speer das Olympiastadion für die Spiele 1936 entworfen hat.
"Man hat sich beim Umbau sehr viel Mühe gegeben, dass alles so bleibt, wie es damals war", sagt Doese. Nur die unebenen Bodenplatten wurden rausgerissen, die Gefahr, dass die Festgenommenen stolpern, wäre zu groß gewesen. An diesem Tag ist die Stolpergefahr geringer denn je. Als Gast der Hertha hat sich Mainz 05 angesagt, und Doese muss keinen langen Blick auf die Tabelle werfen, um zu wissen: "Das wird ein eher ruhiger Tag. Wir werden nicht viel zu tun kriegen."
Die Tabelle an der Wand führt keine Punkte und Tore auf. Die Rubriken, nach denen die Bundesligavereine hier aufgeführt sind, heißen "Feindschaft", "Rivalität", "Neutralität" und "Freundschaft". Mainz ist als neutraler Verein eingruppiert, so wie Wolfsburg oder Leverkusen. Unter "Freundschaft" stehen Bayern, Dortmund und Werder Bremen. Der große Rest ist Feindschaft oder Rivalität. Petzoldt sagt: "Wer hier unten arbeitet, muss kein Fußballfan sein", und so leicht ist es auch nicht, hier seine Leidenschaft für den Fußball zu behalten. Hier unten werden die angespült, die mit der Eventkultur 2006 wenig am Hut haben. Die man von der Erdoberfläche der gepflegten Rundlederwelten so rasch wie möglich unter die Erde schafft. Besoffene und Skinheads sind dabei, eine Beamtin sagt: "Für mich erfüllen sich hier unten alle Klischees, die ich von männlichen Fußballfans zuvor im Kopf hatte."
So wie an dem Tag, als die Fans von Hansa Rostock in Berlin einfielen, "die hatten mittags um zwölf schon die erste Schnapsflasche intus". 39 Festnahmen, Arbeit bis nachts um zwei Uhr, bisher der Rekord für die Hertha- Wache. 39-mal Protokoll aufnehmen, 39-mal am ganzen Körper durchsuchen, 39-mal den Festgenommenen alles abnehmen, was sie bei sich haben. 39-mal kommen sie nebenan zu Chester Meifert, der ihnen die Fingerabdrücke abnimmt, sie "erkennungsdienstlich behandelt", wie das im Polizeideutsch heißt, und 39-mal ab in die Zelle. In der bestenfalls eine Pritsche steht, sonst nichts, nackte Fliesen, ganz leicht abschüssig, damit diverse Körperflüssigkeiten abfließen können. Wenn der Alkohol sein Recht verlangt.
"Für ei"Für ein paar Jungs ist die WM schon jetzt zu Ende" n paar Jungs ist die WM schon jetzt zu Ende"
Exakt über der Stelle, wo jetzt Doese und Petzoldt ihren Job machen, war 1913 beim Bau der Vorgängerarena, die damals noch "Deutsches Stadion" hieß, die Kaiserloge Wilhelms II. für Olympia 1916 geplant. Der Erste Weltkrieg kam dazwischen, "wir sind hier wirklich auf historischem Boden". Petzoldt hat Zeit, das alles zu erzählen, bis eine halbe Stunde vor Spielbeginn gibt es nichts zu tun. Der kleine Fernseher - die einzige Möglichkeit für die Beamten, das Spiel mitzubekommen - zeigt die Aufwärmbemühungen der Profis. Demnächst sollen noch zwei Monitore aufgehängt werden. Das soll deeskalierend wirken, sagt Doese.
Wenn die festgesetzten Fans einen Blick aufs Spielgeschehen mitbekommen, kochen sie meistens gleich ein paar Grad runter, "die sind doch schließlich auch hergekommen, um Fußball zu gucken". Für einige wird der Fernseher längere Zeit die einzige Möglichkeit sein, am Spiel teilzuhaben. Die meisten Festgenommen erhalten zwar nur die Rote Karte für den aktuellen Spieltag; der Strafenkatalog geht allerdings hin bis zu bundesweitem Stadionverbot. Dafür hat der Staatsanwalt vor Ort ein eigenes Büro.
"Für ein paar Jungs ist die Fußball-WM schon jetzt zu Ende", sagt Petzoldt. Letztens wurde einer festgesetzt, der eine Fanfahne geklaut hatte. "Der hat uns angefleht, damit er kein Stadionverbot bekommt." Stadionverbote sind an diesem Nachmittag nicht nötig, die Mainzer werden ihrem Ruf als neutrale Gäste gerecht. Zwei, drei gerauchte Joints, ein paar harmlose Beamtenbeleidigungen, und, wie fast immer, werden ein, zwei Leute wegen des Tragens verfassungsfeindlicher Symbole festgenommen.
Eine Frau ist auch dabei, ganz selten hier unten. Mit den Nerven am Ende hockt sie auf dem Arme-Sünder-Bänkchen, über das ein paar stolze Stadionbauer das Schildchen gehängt haben: "Dies ist eine historische Sitzbank von 1936." Das ist der Frau reichlich egal, ihr Freund hat ihr eine Jacke geschenkt, die sie angeblich arglos übergezogen habe und auf der - dumm für sie - das verbotene NS-Symbol, die Wolfsangel, zu sehen ist. Sie habe davon doch keine Ahnung gehabt, so ist ihre Version: "Da zieht man einmal eine verkehrte Jacke an und ist gleich kriminell." An einem Strafverfahren führt kein Weg vorbei.
Der Freund wartet draußen, er hat zumindest den Anstand, sich nicht das Spiel anzugucken, während sie die Prozedur des Beamtenapparates über sich ergehen lassen muss. Acht Festnahmen verzeichnet die Polizei an diesem Tag, die Zellen bleiben nicht lange besetzt, keiner ist handgreiflich geworden, alles ruhig, am frühen Abend kann Chester Meifert sein Instrumentarium wieder einpacken. Am Abend ist der Stadionknast ausgestorben. Bis zum nächsten Heimspiel. Ein ganz normaler Tag.
Quelle: Spiegel-online 29 November 2005