Soeren1313
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| Die Mission der Elefanten Von Ullrich Fichtner Dass Sport und Politik miteinander nichts zu tun hätten, darüber können die Nationalspieler der Elfenbeinküste nur lachen. Sie werden bei der WM in Deutschland auch um den Frieden in ihrem Land kämpfen. Es sind Flugzeuge über der Stadt, vierstrahlige Uno-Maschinen, sie zeigen ihre grauen Bäuche im Tropenhimmel, sie überfliegen Abobo im Norden, seine erdigen Slums und Märkte, sie überfliegen die Prachtbauten der Reichen und Mächtigen von Cocody, sie landen Schlag auf Schlag in Abidjan, und wenn gerade Sonntag ist, später Nachmittag, dann passieren sie im Sinkflug grob geschätzt 2000, 3000 zeitgleich laufende Fußballspiele. Kinder füllen die Straßen, Halbstarke sind auf den Plätzen, wenn aus der Vier-Millionen-Stadt an der Atlantikküste langsam die größte Hitze weicht, dann beginnt das große Spiel, überall. Sie spielen am Hafen, an den Stränden, auf Parkplätzen, unter Palmen, sie spielen auf zwei Tore oder nur auf ein Tor, auf Kleiderhaufen, sie schießen auf Tore, markiert von Ästen, Mülltüten, Waschpulvertonnen. Die Bälle springen so unkontrollierbar auf wie Rugby-Eier, bei Pfostenschüssen wollen die morschen Tore umstürzen, und es sind ständig - weil auch am Spielfeldrand überall Knäuel von Kindern ihre Turniere spielen - zwei, drei Bälle auf dem Feld, aus Plastik, aus Leder, aus verknoteten Lumpen. Bei Torschüssen zischt der Ball durch die löchrigen Netze, so dass nach jedem Treffer diskutiert werden muss, im Pulk um den Schiedsrichter, ob überhaupt ein Tor gefallen sei. Das Spielfeld endet nicht an Linien, sondern dort, wo die Füße des Publikums beginnen, und die Zuschauer tragen Sonntagskleidung, frische Trikots, die doppelt hell leuchten im Ocker, im Umbra, im fahlen Braun westafrikanischer Luft: Juventus Turin. Paris St. Germain. Arsenal London. Bayern München. Ajax Amsterdam. FC Barcelona. Auch in Yopougon, dem westlichen Teil Abidjans, spielen sie. Frauen in grellem Tuch kreuzen die Spielfelder mit gewaltigen Kopflasten, Eselskarren ziehen durch die Tore, Ziegenmärkte ufern aus in den Strafraum, es weht Wäsche hinter jeder Szene, vor jedem Haus, und vor jedem fünften steht ein verwitterter, handbemalter Kickertisch. Hier, in einem verwinkelten Viertel aus einstöckigen, fensterlosen Betonbauten, trat Didier Zokora, den sie den "Maestro" nennen, zum ersten Mal gegen einen Ball. Zokora trägt die Nummer 5 der Nationalmannschaft von Côte d'Ivoire. Mit 17 schon, vor 8 Jahren, machte er sein erstes Spiel für die Elefanten, es gab ein 2:2 gegen Tunesien, 1998 in Abidjan. Zokora kam damals zur Halbzeit, und er wurde seitdem nicht mehr oft ausgewechselt. Es gibt Mittelfeldspieler, die eigentlich Stürmer sind, und solche, die besser Verteidiger wären. Zokora ist für die Mitte geboren, er ist für das Kraftzentrum des Fußballs gemacht, für das mittlere Drittel des Geschehens, wo sich ständig zehntausend Optionen bieten, wo das Spiel keinen Rand hat, wo die Mannschaft im Angriff in Splittersekunden die wesentlichen Entscheidungen zu fällen hat. Zokora ist schnell, und er war es von klein auf. In den Straßen um sein Elternhaus finden sich Augenzeugen dafür in Scharen, Freunde von damals, gealterte Talente, die mit ihm spielten im Staub der Straßen. Er war nicht nur ein schneller Läufer, sondern schnell vor allem in den Hüften, in den Schultern, im Becken, er ist es geblieben, bis heute, und das bringt ihm, Mann gegen Mann, endlose Möglichkeiten der Täuschung. Zokora kann eine Bewegung seines Körpers binnen eines Wimpernschlags zurücknehmen und in die Gegenrichtung drehen, er gibt seinen Gegnern Rätsel auf, über die sie noch grübeln, wenn er schon, längst an ihnen vorbei, seine Mitspieler mit schnurgeraden Pässen bedient. GEFUNDEN IM SPIEGEL SPECIAL Illustration Tim O'Brien für SPIEGEL special Was der Fußball über die Welt erzählt, das ist das Thema des neuen SPIEGEL special, in dem auch dieser Beitrag zu lesen ist. Das special kostet 5 Euro und ist ab Dienstag im Handel erhältlich. Seine Karriere lässt sich auf viele Weisen erzählen: Die einfache Variante ist die Geschichte vom Kind aus armer afrikanischer Vorstadt, das durch Talent und Fleiß und Gottesglauben seine Ziele erreicht. Er wurde entdeckt erst in seiner Straße, dann in seinem Viertel, dann in Yopougon, dann kannte man ihn bald in ganz Abidjan. Er spielte für ASEC Mimosas, das ist das Bayern München Westafrikas, er wurde gezogen für die Nationalmannschaft der Junioren, reiste mit ihr zu Turnieren, wurde entdeckt, gekauft, und jetzt findet um ihn, in diesen Wochen und Monaten vor der WM 2006, ein Bietergefecht statt, in dem es um Millionen geht. Es geht für Zokora, den im Moment noch unersetzbaren Regisseur des AS St. Etienne, um den Durchbruch in die Champions League. Es geht um Namen wie Chelsea. Wie Manchester. Wie Lyon. Turin. Mailand. Seine Eltern wohnen jetzt in einem großen Haus in Yopougon, das aussieht wie ein Bunker hinter hohen Mauern, ein Geschenk des erfolgreichen Sohns, bezahlt vom ersten Geld, das er als Profi in Europa verdiente. Der Bau steht in einem Zug besserer Straßen, dort parken schöne Autos vor Garagen, und kein Marktbetrieb stört die Ruhe der Tage. In der Mauer öffnet sich eine Metalltür auf einen kleinen Hof, dort sitzt Zokoras Vater Augustin wie ein Fürst, in knöchellangem, besticktem Gewand. Im Schatten lungern die Brüder. Vater Zokora ist ein an der Diabetes erkrankter Mann, das Weiß seiner Augen schimmert gelb. "Ich bin nur noch am Leben", sagt er, "weil mir Didier die Operationen bezahlt hat." Alphonsine, die Mutter, eine Kindergärtnerin, die noch immer jeden Tag arbeiten geht, für 170 Euro Lohn im Monat, bittet in den Salon, es ist Sonntag. Der Weg führt vorbei an kleinen Schreinen für die Heilige Mutter Gottes von Lourdes, drinnen der große Raum ist gerichtet wie für ein Fest, Schüsseln mit Essen stehen auf breiten Tischen, Frauen sitzen die Wand entlang, in üppigen Gewändern, Kreuze um den Hals oder Schleier um den Kopf, es ist eine Szene wie aus einem Traum. "Didier hat mir zum Geburtstag ein Auto geschenkt", sagt die Mutter, "stellen Sie sich vor: einen BMW, mit einem Chauffeur." Danach spricht sie lange und liebevoll von ihrem Kind, einem von sieben: Fünf Brüder hat Zokora und eine Schwester. Die Mutter erinnert sich der Zeiten, als der Kleine verschwunden war, tagelang, verstrickt in seine endlose Fußballspielerei. Sie erzählt, wie sie seine Kleider versteckte, um ihn am Spielen zu hindern, und wie er sich trotzdem davonmachte, nur mit einem Tuch um die Lenden. Die Nationalelf: eine Melange der Ethnien und Religionen Als die Familie noch zu neunt in engen Räumen lebte, die Küche dort nur ein schwarzes, verrußtes Erdloch, lief die halbe heutige Nationalmannschaft der Elfenbeinküste durch die Wohnung der Zokoras - zehn-, elfjährige Knaben damals, die nicht in die Schule wollten, nicht an den Esstisch, nicht ins Bett, die immerfort die Welt vergaßen, sobald in der Nähe irgendwo das schmatzende Geräusch eines aufspringenden Balls zu hören war. Hat sie noch Kontakt zu den anderen Müttern? Alphonsine Zokora macht ein leeres Gesicht, dann lacht sie laut und schallend. Sie macht eine große Armbewegung durch ihr Wohnzimmer und sagt: "Aber sie sind doch alle hier!" Dort, an der Wand, lachen jetzt all die anderen Frauen, die festlich gekleideten Gäste, es sind die Mütter von Arouna Koné, PSV Eindhoven, von Bakari Kone, O.G.C. Nizza, von Emmanuel Eboue, Arsenal London, von Aruna Dindane, RC Lens, von Arthur Boka, RC Strasbourg, von Jean-Jacques Tizié, Espérance Tunis. Es fehlen ein paar, die Mütter von Kolo Touré, Arsenal London, von Bonaventure Kalou, Paris St. Germain, sie haben sich entschuldigt, denn dies hier ist eine Vereinssitzung, ein Treffen der Amef, und Amef heißt so viel wie "Mütterclub der Elefanten". Gewiss wäre auch Madame Drogba dabei, die Mutter des Sturmwunders von Chelsea. Aber die Familie hat das Land verlassen, vor 20 Jahren schon, als Didier Drogba vier Jahre alt war. Zokoras Elternhaus in Yopougon ist jetzt voller Geschichten bis in den Abend hinein, die Mütter schnattern durcheinander, Frauen aus dem Norden, Frauen aus dem Süden, Frauen, die zu Allah halten, und Frauen, die zur Mutter Maria beten. Man muss das erwähnen, wenn es um die Elfenbeinküste geht, denn es geht dabei vor allem um Zwietracht und Krieg. Es hätte aus Didier Zokora und den anderen Söhnen weit weniger und weit weniger Vorzeigbares werden können, das betrifft eine andere Möglichkeit, die Geschichte Zokoras zu erzählen. Denn als er reif wurde, vor sechs Jahren, für die europäischen Ligen, als sich für ihn die kühnen Hoffnungen erfüllten, zerfiel in seinem Rücken die Heimat, Stück für Stück. Als er 1999 bei einem Juniorenturnier in Toulon von den Spähern des belgischen Erstligisten KRC Genk entdeckt wurde, putschte sich daheim General Robert Gueï mit Teilen der Armee an die Macht und beendete eine Epoche von 39 Jahren ruhiger, postkolonialer Geschichte. Ein Jahr später wagte Zokora wirklich den Sprung nach Genk. Und trotz Fremde und Kälte gelang es ihm, sich in den ersten Spielen als zentraler Mittelfeldspieler zu etablieren. Zurück in der Heimat ließ sich Laurent Gbagbo im Zuge frisierter Wahlen zum Präsidenten wählen. Die neue Führung ging daran, den Reichtum des Landes für die eigenen Clans nutzbar zu machen, vor allem die Gewinne aus der weltgrößten Kakaoproduktion, und sie diktierte dem Volk eine Debatte darüber, wer eigentlich Ivorer sei und wer nicht - ein giftiger Gedanke in einem Land, in dem bis dahin 60 Ethnien geräuschlos miteinander gelebt hatten. Zokora wurde mit Genk 2002 belgischer Fußballmeister. In der Champions League schieden sie sieglos nach der Vorrunde aus, unter anderem von Real Madrid mit 6:0 nach Hause geschickt. In der Elfenbeinküste brach jetzt der Krieg aus. Das Land zerfiel in Nord und Süd, Teile der Armee desertierten und formierten sich im Norden neu als Rebellenbewegung. Es wurde entlang willkürlichen ethnischen und religiösen Linien gekämpft, es wurde geschossen, gebombt, gestorben. Im Jahr darauf sah sich Zokora erstmals umworben, von Lille damals noch, von Auxerre, von Straßburg und Nantes. Für seine Heimat handelte Frankreich, bis 1960 Kolonialherr der Elfenbeinküste, die Bildung einer Regierung "der nationalen Versöhnung" aus, man gelobte die Entwaffnung der verfeindeten Parteien, aber deren Mühen währte nicht lang. Ein Jahr später, als Zokora 2004 seinen Fünfjahresvertrag bei AS St. Etienne unterschrieb, zerbrach in Yamoussoukro, der kleinen künstlichen Hauptstadt der Côte d'Ivoire, die Einheitsregierung, man hörte von rassistischen Mordtaten, und von April an standen über 6000 Uno-Blauhelme im Land, um die verfeindeten Landesteile durch eine Pufferzone zu trennen. Mit der Nationalmannschaft spielte Zokora um die Qualifikation für die WM in Deutschland. Sie spielten, bis auf den Torhüter alle europäische Exilanten, mit bangem Herzen für ihr Land, in dem die meisten von ihnen Kinder waren, Kinder des Nordens, Kinder des Südens. Bis heute ist die Equipe eine Melange der Ethnien und Religionen kreuz und quer zu den Bürgerkriegsfronten, niemand stört sich daran bei Siegesfeiern, und im Team hätte keiner sich je die Frage gestellt, ob er ein "richtiger" oder ein nur "zugewanderter" Ivorer sei. Sie spielten Fußball. Gegen Libyen und Ägypten im Juni 2004, gegen Kamerun im Juli, gegen Sudan im September, gegen Benin im Oktober, sie spielten gut, sie wurden, in den Kampfpausen zu Hause, wie Götter gefeiert. Aber im Lauf der Monate heizte sich die Lage im Land weiter auf. Im November 2004 flog die Luftwaffe Angriffe auf Ziele im Norden, in Abidjan verwüsteten präsidententreue Milizen internationale Reisebüros, französische Schulen, oppositionelle Zeitungen, ein Mob zog durch die Stadt und ließ alle Weißen, und die Franzosen zumal, Spießruten laufen. Frankreich verstärkte seine Militäroperation "Licorne" auf 6000 Mann, es wurde mit dem Schlimmsten gerechnet, es wurden 6000 Ausländer über eine dramatisch inszenierte Luftbrücke evakuiert, der Uno-Sicherheitsrat tagte, sanktionierte, die EU appellierte, und in Leitartikeln fanden sich Vergleiche mit der Lage in Ruanda vor den Massakern. Die Elfenbeinküste war nicht mehr das Land, in dem Zokora Kind war. Sie war jetzt ein hässliches Bild in den Fernsehnachrichten. Das hörte nicht auf im Jahr 2005. Zokoras Spielkunst weckte das Interesse von Monaco, Lyon und Marseille. Das Nationalteam kämpfte in der Rückrunde der Qualifikation um die erste WM-Teilnahme des Landes, im März gegen Benin, im Juni gegen Libyen und Ägypten. Im Oktober fanden die von der Uno geforderten Neuwahlen nicht statt, weil sich Amtsinhaber Gbagbo, ein korrupter kleiner König, das Mandat per Dekret verlängerte. Es half ihm sehr, dass sich im Oktober, am 8. des Monats, das "Wunder von Omdurman" ereignete: Die Elfenbeinküste qualifizierte sich mit einem 3:1-Sieg gegen Sudan doch noch für die verlorengeglaubte WM-Teilnahme, weil Kamerun in der Nachspielzeit gegen Ägypten den entscheidenden Elfmeter verschoss und den Gruppensieg verschenkte. Die Elefanten wurden eingeflogen zum Triumphzug, in einer vom Präsidenten gestellten Maschine, die Massen in Abidjan umlagerten den Flughafen Félix Houphouët-Boigny schon Stunden vor der Landung, dann fuhren die Helden in offenen Wagen, Soldaten mit Kalaschnikows an der Seite, in stundenlanger Kriechtour zum Präsidentenpalast, wurden fürstlich bewirtet, wurden von Gbagbo zu "Rittern des Verdienstordens" geschlagen und mit dem Versprechen verabschiedet, jeder von ihnen werde für die WM-Qualifikation eine Villa in Abidjan im Wert von Millionen als Geschenk erhalten. Dass Sport und Politik miteinander nichts zu tun hätten, das ist kaum irgendwo eine so leere Behauptung wie im Lande Côte d'Ivoire. Die Unruhe in der Heimat überträgt sich auf die Nationalmannschaft der Fußballer und auf ihr Spiel, das war nirgends deutlicher zu spüren als während des Afrika-Cups im Januar und Februar dieses Jahres. Im Mannschaftshotel weit draußen am Kairoer Airport herrschte gedämpfte Stimmung selbst nach den schönen Siegen gegen Kamerun und Nigeria. Junge Spieler kamen bedrückt die Treppe vom Speisesaal herunter, und wer sie nach dem Grund fragte, bekam zur Antwort, dass es zu Hause schlechte Nachrichten gebe. Didier Drogba, Chelseas Star, brach Gespräche ab, mit dem italienischen Fernsehen einmal, als er merkte, dass seine Gegenüber nichts von der Lage in der Elfenbeinküste wussten. Bei allen Begegnungen mit den Spielern herrschte eine Stimmung, als hätten sie keine Lust, über Fußball zu reden, wo es so viel Wichtigeres, Existentielleres zu besprechen gab. Henri Michel, der französische Trainer der Elefanten, Kettenraucher und ein Genie seines Fachs, der 1994 Kamerun zur WM in die USA coachte, 1998 Marokko zur WM in Frankreich, jetzt die Elfenbeinküste, er machte im Garten des Mövenpick mehrmals hintereinander eine Bewegung, als müsste er einen tonnenschweren Rucksack schultern. "Das ist die Lage meiner Leute", sagte er. "Sie laufen mit viel Gepäck auf. Sie glauben, der Frieden hängt von ihnen ab." Er sagte das ohne Ironie. Einer wie er, abgebrüht durch jahrelange Erfahrungen mit Afrika, durch die Welt gekommen, kann sich darüber mokieren, wenn in Abidjan von Zeit zu Zeit "Menschen meiner Hautfarbe nicht so gern gesehen werden". Aber um seine Leute ist es ihm bang. Sie sind jung, sie sind naiv, sie nehmen die Dinge persönlich. Er bekniet sie zwar, an nichts als an Fußball zu denken, wenn sie beim Anpfiff stehen. Er predigt ihnen, dass Fußball die eine Sache sei und Politik eine andere. Dass Schüsse auf dem Spielfeld mit Schüssen aus Gewehren nichts zu tun haben. Aber die prekäre Lage in der Heimat läuft immer mit aufs Feld, als zwölfter Mann, wenn die Elefanten kommen. Sie fühlen sich zum Siegen moralisch verpflichtet, weil Siege die Nerven beruhigen. Niederlagen aber verschärfen die Wut. Sie wollen, in der Gefahr, das Rettende sein. Es ist deshalb doppelt schwer, ein ivorischer Nationalspieler zu sein in diesen Zeiten. Auf Titelseiten von Sportmagazinen werden Drogba und Co. als hartgesottene Söldner gefeiert, als furchterregende schwarze Fußballmacht, aber wenn sich die Tür schließt hinter ihnen und sie auf ihren Zimmern Trainingspause haben, produzieren sie unglaubliche Telefonrechnungen bei ängstlichen Gesprächen mit ihren Müttern, Brüdern, Schwestern. Sie haben, sagt man im Sport, den Kopf nicht frei. Sie spielen nicht. Sie befinden sich auf einer Friedensmission. Didier Zokora federt die Treppe herunter in die Kairoer Hotellobby während des Afrika-Cups. Er ist ein mittelgroßer, drahtiger Mann, 25 Jahre, 1,79 Meter groß, 72 Kilogramm schwer, er wirkt größer auf dem Feld, massiver auch. Er macht für die Mannschaft oft den Spaßvogel, er tanzt, wenn die anderen muffig im Bus sitzen, er singt, wenn die anderen schlafen wollen. Er trägt Ringe in beiden Ohren, Gold um den Hals, er ist einer, der leichtsinnig wirkt, zuerst, unbelastet, frei. Aber Zokoras Gesicht, aus der Nähe, das ist ein seltsam erschüttertes Gesicht. Es hellt sich auf, wenn er von seiner Zeit als Internatszögling in der Fußball-Akademie des ASEC Mimosas erzählt, dem einzigen Trainingszentrum in Abidjan nach europäischen Maßstäben, mit flachen, gepflegten Rasenplätzen, präzise gekalkten Linien, Umkleide- und Duschräumen. Dort lebte und lernte Zokora, dort lebte und lernte die Hälfte des heutigen Nationalkaders der Elfenbeinküste. Zokora erzählt von seiner Ankunft in Belgien, er erzählt vom Schock des damals 19-Jährigen darüber, wie anders Europa war als in den Kinderträumen, wie kalt die Winter, wie versalzen das Essen. Er wusste nicht, dass die Menschen in Belgien Flämisch, aber oft kein Französisch sprechen, und fast wäre er wieder abgereist, als er davon erfuhr. Dass sie im Stadion Affenrufe machten, wenn er am Ball war, darüber lacht er heute, aber dieses Lachen hat einen bitteren Kern. Was ihn wirklich umtreibt, das ist der Krieg. Die Krise daheim vergällt ihm die Freude über jeden Erfolg. Der Krieg macht den Fußball klein und nebensächlich, er entwertet die Karrieren der Spieler. Sie alle sitzen in der Fremde wie Urlauber mit schlechten Nachrichten von zu Hause. "Die Elfenbeinküste", sagt Zokora, "war ein Vorbild, ein Leuchtturm in Westafrika, verstehst du? Jetzt ist das Land wie ein krankes Kind, und es ist unser Kind, und deshalb wollen wir alles tun, alles, damit es wieder gesund wird." Wer Zokoras Heimat in den Wochen nach dem Afrika-Cup besucht, nimmt vom Bürgerkrieg nur ein fernes Rauschen wahr. Es sind in Abidjan viele Uniformen zu sehen, viele Straßensperren zu passieren, und es sind auf den Hauptstraßen viele Militärtransporte unterwegs. Aber es wird nicht geschossen, es wird selten mit Waffen gefuchtelt, es wird nicht geplündert oder sonst Gewalt inszeniert. Der Krieg ist in Abidjan vor allem eine Fernsehnachricht aus den nördlichen Landesteilen, ein Zeitungsbericht über die Friedensverhandlungen im Golf-Hotel, wo die Unterhändler aus New York, Brüssel und Paris seit Jahresbeginn den Frieden suchen. In der Lobby streichen Bodyguards der Präsidentenfamilie um die Tische und versprechen Interviewtermine, es laufen Offizielle mit Aktenmappen von links nach rechts und zurück, vielleicht ist das die Ruhe, wie man sagt, im Auge des Orkans. Aber wer sich nicht für Krieg, sondern für den Fußball interessiert, muss einmal hinausfahren vor die Tore Abidjans, wo das Waisenhaus von Bingerville liegt. Es war einmal die Regierungszentrale der Elfenbeinküste, der Palast des französischen Kolonialverwalters. Das Haus ist eine große, verspielte Villa mit breiten Veranden, die Fassade aus Tropenhölzern geschnitzt, die Fenster schauen hinunter, weit, auf flirrende Inseln, dahinter zieht der Atlantik seinen Strich am Horizont. Die Beete des Vorgartens formen sich kunstvoll zu einem Elefantenkopf, und am Nachmittag, wenn die größte Hitze weicht, füllt sich der Garten mit Kindern. Es sind Kinder, die ihre Eltern verloren haben, durch Unfälle, durch Mordtaten, durch die Tumulte des Bürgerkriegs. Sie tragen Schuluniformen in Grau, fünf-, sechsjährige Jungen, sie vergessen bald die Villa, die Hitze, ihre Verluste. Denn sie bilden jetzt einen lärmenden Pulk um einen Ball, sie lachen und kreischen und werfen die Köpfe und Arme, und der Ball ist nichts als eine Plastiktüte, rund gestopft mit Blättern und Gras. Das ist es. Fußball. Glück des Augenblicks. Sekunden des Friedens. Genau darum geht es, wenn die Elefanten spielen. |
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Fotos

Bété,Kru; etwa 16% der Bevölkerung) hauptsächlich im Süden sowie