Andree
Schleichender Stimmungstod in den Stadien
Der Zuschauerstrom in die neuen Fußball-Tempel ist ungebremst: Jedes Jahr stellt die Bundesliga neue Rekorde auf. In der vergangenen Spielzeit kamen mehr als elfeinhalb Millionen Besucher in die Stadien, und für Saison 2005/06 deutet sich schon wieder eine neue Bestmarke an. Doch damit steigt nicht zwangsläufig auch die Stimmung. Fußball wird mehr und mehr zum Event und die Weltmeisterschaft im eigenen Land könnte unter fehlender Atmosphäre leiden.
von Tobias Goldbrunner, 31.03.2006
Thomas Breitkopf kennt dieses Gefühl nur allzu gut - das "allergrößte" Gefühl: "In einer riesigen Gruppe zu stehen und 90 Minuten durch zu singen", erklärt der gebürtige Bremer. Mit neun Jahren schnupperte er erstmals Stadionatmosphäre, seit 33 Jahren begleitet Breitkopf seinen SV Werder bei jedem Heim- und Auswärtsspiel. 2005 kürte der Verein ihn zum "Fan des Jahres". Wer über so eine lange Zeit die Bundesliga hautnah miterlebt hat, weiß aber auch: "Die Stimmung in deutschen Stadien ist schlechter geworden."
Die Gründe dafür benennt auch Fanforscher und -psychologe Gunther A. Pilz: "Fußball ist mehr und mehr zum Event verkommen, das nur noch durch ein 90-minütiges Spiel unterbrochen wird", schildert er. Die Arenen seien voll, weil der Sport mit dem runden Leder modern ist und die neuen Stadien mit allem Komfort ausgestattet seien. "Doch das Gesicht der Atmosphäre ist ein ganz anderes geworden", meint Pilz.
Der Schuldige daran sei - der Sitz. "Mit den Stehplätzen verschwindet auch die einzigartige Akustik aus den Stadien", weiß Pilz. Das sieht auch Werder-Fan Breitkopf so: "Früher konntest du hoch und runter hüpfen, jetzt sind die Zuschauer ans Sitzen gebunden."
Dabei war es gerade das, was die Motivation des Fans einst ausmachte: sich wild gestikulierend an einem Spiel erfreuen, das einfach und spannend zugleich ist. Emotionen auf eine Art und Weise rauslassen, die in der Gesellschaft ansonsten nicht erlaubt sind. "Und sich bei einem Sieg Selbstbewusstsein holen, das man sonst im Leben nicht bekommt", erläutert Pilz. Dem Event-Fan ist das fremd. "VIP-Logen und dergleichen sind durchaus legitim, doch sie dürfen die wahre Fankultur nicht herausdrängen", warnt Pilz daher.
Die Treuesten der Treuen: BVB-Fans in der Kurve
Eine leichte Entfremdung stellt auch Holger Sitter, Herausgeber eines Dortmunder Fan-Magazins fest. "Die Kommerzialisierung wird unter den ursprünglichen Anhängern nicht so gerne gesehen." Hardcore-Fans gebe es nur noch zu einem kleinen Prozentsatz. "Was nicht heißen soll, dass die Anhänger nicht mehr hundertprozentig hinter ihrem Verein stehen. Egal, ob es gut oder schlecht um diesen steht", betont Sitter.
Die BVB-Südkurve stehe zum Glück unter Denkmalschutz. Sitter weiter: "Und wer als gegnerischer Spieler einmal vor dieser erdrückenden Menschenwand auflaufen musste, der weiß, wie sehr das einen einschüchtern kann."
Der zwölfte Mann noch mächtig genug?
Schließlich besagen viele Studien ja auch, dass das Fanverhalten großen Einfluss auf ein Spiel haben kann. Demnach werden weitaus weniger Fouls gegen die Heimmannschaft verhängt, je lauter die Kulisse agiert. Auch die Nachspielzeit gestaltet sich kürzer, wenn das Heimteam führt. Versuche besagen sogar, dass Heimmannschaften weniger verweigerte "gerechte" und dafür mehr gegebene "ungerechte" Elfmeter zu verzeichnen haben.
Ist der zwölfte Mann also noch mächtig genug? "Deine Fans können dir über schwere Situationen im Spiel hinweghelfen, dich nach einem Gegentreffer wieder aufbauen oder dir Mut für den nächsten Zweikampf machen", befindet Michael Thurk, der mit Mainz 05 in einem der kleinsten, aber dafür auch geräuschvollsten Stadien der Liga spielt.
Hoffen auf die Ultras
"Nach vorne peitschen kann man das Team aber längst nicht mehr", glaubt Breitkopf. "In manchen Stadien kannst du dir die Kehle rausbrüllen und ein paar Meter weiter hört der Spieler das noch nicht einmal." Selbst Fangesänge seien nicht mehr das, was sie einmal waren. "Die beschränken sich auf einige Wörter, und gegen die Briten ist das in Deutschland erst recht monoton und mau", berichtet Pilz.
Hoffnung liege seiner Meinung nach einzig in den Ultras, die für die Existenz der Fankultur kämpfen - so lange sie auf Gewalt verzichten. Für Unmut sorgen schließlich zahlreiche Einschränkungen: Plakate und Fahnen sind größtenteils limitiert oder gar gänzlich aus den Stadien verbannt worden. "Der Fußball muss aufpassen, dass er nicht beerdigt wird", befürchtet Pilz.
Dabei sprechen sich selbst die Schiedsrichter für "ordentlich Stimmung" aus, wie DFB-Referee Lutz Wagner erklärt. Auch Songs wie "Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht" gehörten dazu, die Atmosphäre dürfe nur nicht einen Spieler negativ anstecken. "Wenn der dadurch aus dem Ruder läuft, wird es gefährlich", weiß Wagner.
"You'll never walk alone", schallt es stets von den Rängen. "Dabei läuft der Fußball Gefahr, bald alleine zu sein", behauptet Pilz. Die große (räumliche) Distanz die mittlerweile zwischen Anhängern und Profis herrsche, spiegele sich sogar in einer typischen Fußball-Aktion wieder: der Welle.
"Daran sieht man, dass sich die Fans oft mehr mit sich selbst beschäftigen, als mit dem Spiel", so Pilz. Immerhin hätten die Spieler gelernt, sich nach dem Match bei ihren Anhängern zu bedanken. Und das ist es, was das wahre Fandasein schließlich ausmacht: "Sich ein Leben lang mit einer Region, einer Stadt identifizieren."
Quelle: http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/24/0,1872,3919224,00.html
Der Zuschauerstrom in die neuen Fußball-Tempel ist ungebremst: Jedes Jahr stellt die Bundesliga neue Rekorde auf. In der vergangenen Spielzeit kamen mehr als elfeinhalb Millionen Besucher in die Stadien, und für Saison 2005/06 deutet sich schon wieder eine neue Bestmarke an. Doch damit steigt nicht zwangsläufig auch die Stimmung. Fußball wird mehr und mehr zum Event und die Weltmeisterschaft im eigenen Land könnte unter fehlender Atmosphäre leiden.
von Tobias Goldbrunner, 31.03.2006
Thomas Breitkopf kennt dieses Gefühl nur allzu gut - das "allergrößte" Gefühl: "In einer riesigen Gruppe zu stehen und 90 Minuten durch zu singen", erklärt der gebürtige Bremer. Mit neun Jahren schnupperte er erstmals Stadionatmosphäre, seit 33 Jahren begleitet Breitkopf seinen SV Werder bei jedem Heim- und Auswärtsspiel. 2005 kürte der Verein ihn zum "Fan des Jahres". Wer über so eine lange Zeit die Bundesliga hautnah miterlebt hat, weiß aber auch: "Die Stimmung in deutschen Stadien ist schlechter geworden."
Die Gründe dafür benennt auch Fanforscher und -psychologe Gunther A. Pilz: "Fußball ist mehr und mehr zum Event verkommen, das nur noch durch ein 90-minütiges Spiel unterbrochen wird", schildert er. Die Arenen seien voll, weil der Sport mit dem runden Leder modern ist und die neuen Stadien mit allem Komfort ausgestattet seien. "Doch das Gesicht der Atmosphäre ist ein ganz anderes geworden", meint Pilz.
Der Schuldige daran sei - der Sitz. "Mit den Stehplätzen verschwindet auch die einzigartige Akustik aus den Stadien", weiß Pilz. Das sieht auch Werder-Fan Breitkopf so: "Früher konntest du hoch und runter hüpfen, jetzt sind die Zuschauer ans Sitzen gebunden."
Dabei war es gerade das, was die Motivation des Fans einst ausmachte: sich wild gestikulierend an einem Spiel erfreuen, das einfach und spannend zugleich ist. Emotionen auf eine Art und Weise rauslassen, die in der Gesellschaft ansonsten nicht erlaubt sind. "Und sich bei einem Sieg Selbstbewusstsein holen, das man sonst im Leben nicht bekommt", erläutert Pilz. Dem Event-Fan ist das fremd. "VIP-Logen und dergleichen sind durchaus legitim, doch sie dürfen die wahre Fankultur nicht herausdrängen", warnt Pilz daher.
Die Treuesten der Treuen: BVB-Fans in der Kurve
Eine leichte Entfremdung stellt auch Holger Sitter, Herausgeber eines Dortmunder Fan-Magazins fest. "Die Kommerzialisierung wird unter den ursprünglichen Anhängern nicht so gerne gesehen." Hardcore-Fans gebe es nur noch zu einem kleinen Prozentsatz. "Was nicht heißen soll, dass die Anhänger nicht mehr hundertprozentig hinter ihrem Verein stehen. Egal, ob es gut oder schlecht um diesen steht", betont Sitter.
Die BVB-Südkurve stehe zum Glück unter Denkmalschutz. Sitter weiter: "Und wer als gegnerischer Spieler einmal vor dieser erdrückenden Menschenwand auflaufen musste, der weiß, wie sehr das einen einschüchtern kann."
Der zwölfte Mann noch mächtig genug?
Schließlich besagen viele Studien ja auch, dass das Fanverhalten großen Einfluss auf ein Spiel haben kann. Demnach werden weitaus weniger Fouls gegen die Heimmannschaft verhängt, je lauter die Kulisse agiert. Auch die Nachspielzeit gestaltet sich kürzer, wenn das Heimteam führt. Versuche besagen sogar, dass Heimmannschaften weniger verweigerte "gerechte" und dafür mehr gegebene "ungerechte" Elfmeter zu verzeichnen haben.
Ist der zwölfte Mann also noch mächtig genug? "Deine Fans können dir über schwere Situationen im Spiel hinweghelfen, dich nach einem Gegentreffer wieder aufbauen oder dir Mut für den nächsten Zweikampf machen", befindet Michael Thurk, der mit Mainz 05 in einem der kleinsten, aber dafür auch geräuschvollsten Stadien der Liga spielt.
Hoffen auf die Ultras
"Nach vorne peitschen kann man das Team aber längst nicht mehr", glaubt Breitkopf. "In manchen Stadien kannst du dir die Kehle rausbrüllen und ein paar Meter weiter hört der Spieler das noch nicht einmal." Selbst Fangesänge seien nicht mehr das, was sie einmal waren. "Die beschränken sich auf einige Wörter, und gegen die Briten ist das in Deutschland erst recht monoton und mau", berichtet Pilz.
Hoffnung liege seiner Meinung nach einzig in den Ultras, die für die Existenz der Fankultur kämpfen - so lange sie auf Gewalt verzichten. Für Unmut sorgen schließlich zahlreiche Einschränkungen: Plakate und Fahnen sind größtenteils limitiert oder gar gänzlich aus den Stadien verbannt worden. "Der Fußball muss aufpassen, dass er nicht beerdigt wird", befürchtet Pilz.
Dabei sprechen sich selbst die Schiedsrichter für "ordentlich Stimmung" aus, wie DFB-Referee Lutz Wagner erklärt. Auch Songs wie "Schiri, wir wissen, wo dein Auto steht" gehörten dazu, die Atmosphäre dürfe nur nicht einen Spieler negativ anstecken. "Wenn der dadurch aus dem Ruder läuft, wird es gefährlich", weiß Wagner.
"You'll never walk alone", schallt es stets von den Rängen. "Dabei läuft der Fußball Gefahr, bald alleine zu sein", behauptet Pilz. Die große (räumliche) Distanz die mittlerweile zwischen Anhängern und Profis herrsche, spiegele sich sogar in einer typischen Fußball-Aktion wieder: der Welle.
"Daran sieht man, dass sich die Fans oft mehr mit sich selbst beschäftigen, als mit dem Spiel", so Pilz. Immerhin hätten die Spieler gelernt, sich nach dem Match bei ihren Anhängern zu bedanken. Und das ist es, was das wahre Fandasein schließlich ausmacht: "Sich ein Leben lang mit einer Region, einer Stadt identifizieren."
Quelle: http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/24/0,1872,3919224,00.html