RE Wolle
Die Aktion "Triangel" gerät zur Panne
Von Olaf Sundermeyer
Die Berliner Feuerwehr hatte einen Großeinsatz während der Fußball-WM simuliert. Und dabei wurden eklatante Mängel im Zusammenspiel verschiedener Institutionen aufgedeckt. Es hapert an Abstimmung sowie einem gemeinsamen Einsatzplan.
Im Volksparkstadion in Berlin-Tempelhof spielt für gewöhnlich der FC Mariendorf Fußball. An diesem Wochenende war dort die Berliner Feuerwehr im Einsatz: Eine Katastrophe während der Fußballweltmeisterschaft wurde simuliert. 835 Feuerwehrleute probten den Einsatz.
Das Szenario: Bei einer öffentlichen Spielübertragung kippt eine Großbildleinwand um, Menschen werden darunter begraben. "Wir werden 200 Verletzte und 20 Tote haben", sagt Matthias Waligora, Pressesprecher der Berliner Feuerwehr. Etwas später kommt es im S-Bahnhof Gesundbrunnen zu einer Schadstoffausströmung und in Karlshorst, an dritter Stelle, zu einer "Gasexplosion mit Großbrand".
Die Fußball-WM bedeutet für die Sicherheitsbehörden im ganzen Land den größten Einsatz ihrer Geschichte. Zuletzt war der Weltjugendtag in Köln im vergangenen Jahr mit einer Million Besuchern ein Testlauf.
In Berlin wie in den übrigen elf WM-Städten beschäftigen sich Sonderstäbe bei Feuerwehr und Polizei seit mehr als einem Jahr ausschließlich mit dem Sicherheitskonzept, das nun für Berlin erstmals in dem Großeinsatz "Triangel" an drei verschiedenen Orten getestet wird. Landesbranddirektor Albrecht Broemme hätte sich eigentlich einen einheitlichen Plan auf Bundesebene gewünscht: "Der ist leider nicht gekommen, daher haben wir nun ein eigenes Berliner Konzept."
Auf der Tribüne des Volksparkstadions stehen Journalisten und "Fachbesucher" aus Organisationen wie der Bundeswehr, THW und Rotes Kreuz. Die Stimmung ist gut, das Wetter schlecht: Es schneit ununterbrochen.
Die Übung beginnt mit einem Notruf von der Unfallstelle an die Leitstelle der Feuerwehr. Minuten vergehen, bis der erste Rettungswagen das Stadion erreicht. Bei der Schadstoffausströmung auf einer Baustelle am S-Bahnhof Gesundbrunnen dauert es 75 Minuten, bis Feuerwehrleute in Schutzanzügen auftauchen - zu spät. Im Ernstfall hätte wohl kein Passant den Unfall überlebt; hier wird die Übung gar abgebrochen. Einzig bei der Explosion in Karlshorst läuft es ohne Verzug.
Angekündigt waren die Retter für fünf Minuten nach Übungsbeginn. Als die Feuerwehrleute endlich da sind, geht aber alles schnell, die Handgriffe sitzen. Die Laiendarsteller, Soldaten und Freiwillige, werden auf zwei Behandlungsplätze getragen, die zügig mit rot-weißem Polizeiflatterband markiert wurden. "Unsere Aufgabe ist es, die Wirkung zu bekämpfen, nicht die Ursache", kommentiert Waligora die Übung und das Erst-Hilfe Chaos auf dem Schneefeld.
Problemfall Krankenhaus
Auf der Tribüne stehen auch Männer, die ihr Berufsleben als Retter schon hinter sich haben. So wie ein Berliner, der jahrzehntelang an maßgeblicher Stelle im Einsatz war: "Viel wichtiger als das, was wir hier sehen ist doch, was hinterher in den Krankenhäusern passiert. Wie die Leute aussortiert werden."
Die Krankenhäuser in der Umgebung werden informiert als feststeht, dass sich bei dem Einsatz um die Kategorie "Massenanfall von Verletzten" handelt - mehr als dreißig Betroffene. Eines der Krankenhäuser ist das Wanckebach-Klinikum, das zum Vivantes Konzern gehört, der jährlich ein Drittel aller Berliner Krankenhauspatienten in neun Häusern und 5250 Betten betreut. Zwei Kilometer geradeaus.
Auf der Gegenfahrbahn schiebt sich eine Kolonne Krankentransporter des Roten Kreuzes durch den Schneematsch: Neunzig Minuten, nachdem der Notruf in der Leitstelle der Feuerwehr gelandet ist. Zwanzig weitere Minuten später taucht der erste Krankenwagen vor der Notfallaufnahme des Klinikums auf.
Für einen Schwerverletzten ist sind das viele, viel zu viele Minuten. Der ärztliche Direktor, Florian Wenzel im langen Wollmantel und mit Krawatte, weist darauf hin, dass dies keine Übung seines Krankenhauses sei, sondern eine der Feuerwehr. Seine Kollegen übernehmen unterdessen zwei Patienten, Wenzel übergibt an Pressesprecher Uwe Dolderer. "Im Katastrophenfall entscheidet der leitende Notfallmediziner darüber, wie viele Patienten verlegt werden, oder welche Leichtverletzten gleich nach der Behandlung entlassen werden können."
So 30 bis 40 Notfallpatienten könne das Klinikum sofort aufnehmen, sagt Dolderer. "Aber kein Krankenhaus hält extra Betten frei, für den Fall, dass eine Katastrophe passiert." Auch nicht während der WM. "Das wäre unwirtschaftlich", so der Krankenhaussprecher."
Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ist die Abstimmung zwischen Einsatzleitung und Krankenhäusern aus Sicht der WM-Kommunen das größte Problem bei den Notfallszenarien. Während Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) beispielsweise für die Polizei und Feuerwehr während der WM eine Urlaubssperre erwirken konnte, kann er das für die nicht öffentlichen Krankenhäuser eben nicht. Und die Personalplanung ist wesentlicher als die Bettenzahl, weil ein Patient kurzzeitig bis zu drei Ärzte (Chirurg, Anästhesist, Internist) und eine Hand voll Pflegepersonal bindet.
Körting fürchtet bei der WM allerdings weniger einstürzende Leinwände, Explosionen, oder gar eine Terrorgefahr: ""Am meisten Sorgen bereiten uns Betrunkene und Hooligans." Zum Beispiel kroatische Fans, weil deren Mannschaft in Berlin spielt, oder polnische, weil die berüchtigt sind und einen kurzen Anreiseweg haben.
Für Landesbranddirektor Broemme sind die Sorgen allerdings schon jetzt zu greifen, "denn steht fest, dass die Übung nicht so geklappt hat, wie ich es mir vorgestellt hatte". Bleiben noch drei Monate, um das zu ändern.
Quelle: Spiegel-online 12.3.06
Von Olaf Sundermeyer
Die Berliner Feuerwehr hatte einen Großeinsatz während der Fußball-WM simuliert. Und dabei wurden eklatante Mängel im Zusammenspiel verschiedener Institutionen aufgedeckt. Es hapert an Abstimmung sowie einem gemeinsamen Einsatzplan.
Im Volksparkstadion in Berlin-Tempelhof spielt für gewöhnlich der FC Mariendorf Fußball. An diesem Wochenende war dort die Berliner Feuerwehr im Einsatz: Eine Katastrophe während der Fußballweltmeisterschaft wurde simuliert. 835 Feuerwehrleute probten den Einsatz.
Das Szenario: Bei einer öffentlichen Spielübertragung kippt eine Großbildleinwand um, Menschen werden darunter begraben. "Wir werden 200 Verletzte und 20 Tote haben", sagt Matthias Waligora, Pressesprecher der Berliner Feuerwehr. Etwas später kommt es im S-Bahnhof Gesundbrunnen zu einer Schadstoffausströmung und in Karlshorst, an dritter Stelle, zu einer "Gasexplosion mit Großbrand".
Die Fußball-WM bedeutet für die Sicherheitsbehörden im ganzen Land den größten Einsatz ihrer Geschichte. Zuletzt war der Weltjugendtag in Köln im vergangenen Jahr mit einer Million Besuchern ein Testlauf.
In Berlin wie in den übrigen elf WM-Städten beschäftigen sich Sonderstäbe bei Feuerwehr und Polizei seit mehr als einem Jahr ausschließlich mit dem Sicherheitskonzept, das nun für Berlin erstmals in dem Großeinsatz "Triangel" an drei verschiedenen Orten getestet wird. Landesbranddirektor Albrecht Broemme hätte sich eigentlich einen einheitlichen Plan auf Bundesebene gewünscht: "Der ist leider nicht gekommen, daher haben wir nun ein eigenes Berliner Konzept."
Auf der Tribüne des Volksparkstadions stehen Journalisten und "Fachbesucher" aus Organisationen wie der Bundeswehr, THW und Rotes Kreuz. Die Stimmung ist gut, das Wetter schlecht: Es schneit ununterbrochen.
Die Übung beginnt mit einem Notruf von der Unfallstelle an die Leitstelle der Feuerwehr. Minuten vergehen, bis der erste Rettungswagen das Stadion erreicht. Bei der Schadstoffausströmung auf einer Baustelle am S-Bahnhof Gesundbrunnen dauert es 75 Minuten, bis Feuerwehrleute in Schutzanzügen auftauchen - zu spät. Im Ernstfall hätte wohl kein Passant den Unfall überlebt; hier wird die Übung gar abgebrochen. Einzig bei der Explosion in Karlshorst läuft es ohne Verzug.
Angekündigt waren die Retter für fünf Minuten nach Übungsbeginn. Als die Feuerwehrleute endlich da sind, geht aber alles schnell, die Handgriffe sitzen. Die Laiendarsteller, Soldaten und Freiwillige, werden auf zwei Behandlungsplätze getragen, die zügig mit rot-weißem Polizeiflatterband markiert wurden. "Unsere Aufgabe ist es, die Wirkung zu bekämpfen, nicht die Ursache", kommentiert Waligora die Übung und das Erst-Hilfe Chaos auf dem Schneefeld.
Problemfall Krankenhaus
Auf der Tribüne stehen auch Männer, die ihr Berufsleben als Retter schon hinter sich haben. So wie ein Berliner, der jahrzehntelang an maßgeblicher Stelle im Einsatz war: "Viel wichtiger als das, was wir hier sehen ist doch, was hinterher in den Krankenhäusern passiert. Wie die Leute aussortiert werden."
Die Krankenhäuser in der Umgebung werden informiert als feststeht, dass sich bei dem Einsatz um die Kategorie "Massenanfall von Verletzten" handelt - mehr als dreißig Betroffene. Eines der Krankenhäuser ist das Wanckebach-Klinikum, das zum Vivantes Konzern gehört, der jährlich ein Drittel aller Berliner Krankenhauspatienten in neun Häusern und 5250 Betten betreut. Zwei Kilometer geradeaus.
Auf der Gegenfahrbahn schiebt sich eine Kolonne Krankentransporter des Roten Kreuzes durch den Schneematsch: Neunzig Minuten, nachdem der Notruf in der Leitstelle der Feuerwehr gelandet ist. Zwanzig weitere Minuten später taucht der erste Krankenwagen vor der Notfallaufnahme des Klinikums auf.
Für einen Schwerverletzten ist sind das viele, viel zu viele Minuten. Der ärztliche Direktor, Florian Wenzel im langen Wollmantel und mit Krawatte, weist darauf hin, dass dies keine Übung seines Krankenhauses sei, sondern eine der Feuerwehr. Seine Kollegen übernehmen unterdessen zwei Patienten, Wenzel übergibt an Pressesprecher Uwe Dolderer. "Im Katastrophenfall entscheidet der leitende Notfallmediziner darüber, wie viele Patienten verlegt werden, oder welche Leichtverletzten gleich nach der Behandlung entlassen werden können."
So 30 bis 40 Notfallpatienten könne das Klinikum sofort aufnehmen, sagt Dolderer. "Aber kein Krankenhaus hält extra Betten frei, für den Fall, dass eine Katastrophe passiert." Auch nicht während der WM. "Das wäre unwirtschaftlich", so der Krankenhaussprecher."
Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ist die Abstimmung zwischen Einsatzleitung und Krankenhäusern aus Sicht der WM-Kommunen das größte Problem bei den Notfallszenarien. Während Berlins Innensenator Ehrhart Körting (SPD) beispielsweise für die Polizei und Feuerwehr während der WM eine Urlaubssperre erwirken konnte, kann er das für die nicht öffentlichen Krankenhäuser eben nicht. Und die Personalplanung ist wesentlicher als die Bettenzahl, weil ein Patient kurzzeitig bis zu drei Ärzte (Chirurg, Anästhesist, Internist) und eine Hand voll Pflegepersonal bindet.
Körting fürchtet bei der WM allerdings weniger einstürzende Leinwände, Explosionen, oder gar eine Terrorgefahr: ""Am meisten Sorgen bereiten uns Betrunkene und Hooligans." Zum Beispiel kroatische Fans, weil deren Mannschaft in Berlin spielt, oder polnische, weil die berüchtigt sind und einen kurzen Anreiseweg haben.
Für Landesbranddirektor Broemme sind die Sorgen allerdings schon jetzt zu greifen, "denn steht fest, dass die Übung nicht so geklappt hat, wie ich es mir vorgestellt hatte". Bleiben noch drei Monate, um das zu ändern.
Quelle: Spiegel-online 12.3.06