Dicht
Heute im Weser-Kurier:
Werder zeigt Rassisten die Rote Karte
Aufruf zu Zivilcourage im Stadion / Neonazis nutzen Ostkurve als Rekrutierungsfeld
Von unserem Redakteur
Jürgen Hinrichs
BREMEN. Zuletzt hat es am Sonnabend geknallt. Fans von Borussia Mönchengladbach, die zusammen mit einigen Werder-Anhängern das Bundesligaspiel im Weserstadion als Kulisse für Gewalttaten missbrauchten. Fußball zieht so etwas an. Fußball wird nicht selten auch als Rekrutierungsfeld genutzt, von Neonazis. Werder weiß das und hat jetzt in einem Gespräch mit unserer Zeitung klar Position bezogen: Gegen Gewalt, gegen Rassismus, gegen Faschismus.
"Wir sind der SV Werder Bremen, und das SV steht auch für soziale Verantwortung", versichert Vereinsvorstand Klaus-Dieter Fischer. Es ist ein Dreiklang, den er damit meint. Die vielen Aktionen zuerst, mit denen Werder Bremen solche Werte wie Fairness und Toleranz vermittelt. In dem Projekt "100 Schulen, 100 Vereine" zum Beispiel oder mit der "Roten Karte gegen Rassismus".
Drückt sich darin eine politische Haltung des Vereins aus? "Nein", sagt Fischer, "politisch sind wir neutral." Anders als etwa der FC St. Pauli, der sich immer schon dezidiert links positioniert hat. Werder wird stattdessen grundsätzlich: "Wir nehmen eine gesellschaftspolitische Haltung ein." Was das heißt, ist - zweitens - ein möglichst enger Kontakt zu den Fans. Dass dies schwer zu bewerkstelligen ist, räumt der Vorstand ein. "Früher habe ich bald jedes Vereinsmitglied persönlich gekannt, da waren es 2000 oder 3000, heute liegen wir bei 23000, da ist das gar nicht mehr möglich", sagt Fischer. Trotzdem werde über das Fanprojekt und den Fanbeauftragten immer wieder die Nähe gesucht.
Und drittens: Wenn gar nichts anderes mehr hilft, kein Zureden und keine Prävention, zieht Werder nach den Worten von Fischer einen klaren Strich. Er nennt das Ordnungspolitik. Ein Beispiel: Als die mittlerweile aufgelöste "Eastside", eine Gruppe so genannter Ultra-Fans, nicht bereit war, schriftlich einen allumfassenden Gewaltverzicht zu erklären, entzog ihr der SV Werder die Unterstützung.
Sind Gewalttäter im Stadion oder drumherum auffällig geworden, haben Hooligans Unfrieden gestiftet oder stadtbekannte Neonazis offen rechtsradikale Sprüche geklopft - dann setzt es sogar Stadionverbote. 20 davon gelten zurzeit, oft dauert es Jahre, bis die Verbote wieder aufgehoben werden.
Werder streitet gar nicht erst ab, dass es im Stadion immer mal wieder Probleme mit Neonazis gibt - wie schwer sie in den Griff zu bekommen sind, schildert Wolfgang Welp vom Bremer Fanprojekt: "Die marschieren ja nicht mit dem Hitlergruß ins Stadion ein." Das "Andocken" an Fans vor allem in der Ostkurve geschehe viel subtiler. Es geht um Hegemonie. Wer bestimmt den Ton im Block und wie schrill wird er?
Das Fanprojekt muss notgedrungen hoffen, dass sich vieles von selbst reguliert. Welp: "Wir können und wollen nicht jedes pädagogische Feld besetzen." Doch wer hat im Block den Mut, laut zu widersprechen? Nicht viele, weiß Fischer. "Auch hier zeigt sich ein Phänomen, das die ganze Gesellschaft betrifft und nicht aufs Stadion beschränkt bleibt", sagt der Werder-Vorstand. "Es ist der Mangel an Zivilcourage. Wer so etwas wie rassistische Sprüche auf den Rängen mitbekommt, sollte das sofort melden. Nur dann können wir einschreiten." Einschreiten - dafür sind im Stadion die Männer und Frauen von der "elko&werder Security" da. Nun gibt es allerdings den Verdacht, dass mit einigen von ihnen der Bock zum Gärtner gemacht wird. Dass also sie selbst einer Szene nahe stehen, die sie überwachen sollen - den Hooligans oder, auch dafür gibt es Hinweise, der berüchtigten Rockerbande "Hell's Angels".
Lars Mühlbradt, Geschäftsführer von "elko&Werder Security", kann das nicht vollkommen ausschließen. "Wir sind ein privates Unternehmen und haben deshalb keinen Zugriff auf datengeschützte Karteien mit potenziellen Störern", sagt Mühlbradt. Natürlich aber werde bei der Einstellung neuer Mitarbeiter auf einen guten Leumund geachtet. Jeder Mitarbeiter, darunter zu 40 Prozent Frauen, müsse ein polizeiliches Führungszeugnis beibringen. Darüber hinaus ziehe "elko" auch anderweitig Erkundigungen ein, zum Beispiel beim Stadtamt. "Elko" ist trotz aller Vorkehrungen nicht gefeit davor, von Schlägern und Neonazis benutzt zu werden. So wie Werder nicht jederzeit für ein friedliches Stadion garantieren kann. "Wir haben es im Fußball mit sämtlichen Ausdrucksformen unserer Gesellschaft zu tun", sagt Klaus-Dieter Fischer. Eines aber betont er auch: "Bremen gehört zu den Städten in der Fußball-Bundesliga, die eine relativ ruhige Szene haben."

Werder zeigt Rassisten die Rote Karte
Aufruf zu Zivilcourage im Stadion / Neonazis nutzen Ostkurve als Rekrutierungsfeld
Von unserem Redakteur
Jürgen Hinrichs
BREMEN. Zuletzt hat es am Sonnabend geknallt. Fans von Borussia Mönchengladbach, die zusammen mit einigen Werder-Anhängern das Bundesligaspiel im Weserstadion als Kulisse für Gewalttaten missbrauchten. Fußball zieht so etwas an. Fußball wird nicht selten auch als Rekrutierungsfeld genutzt, von Neonazis. Werder weiß das und hat jetzt in einem Gespräch mit unserer Zeitung klar Position bezogen: Gegen Gewalt, gegen Rassismus, gegen Faschismus.
"Wir sind der SV Werder Bremen, und das SV steht auch für soziale Verantwortung", versichert Vereinsvorstand Klaus-Dieter Fischer. Es ist ein Dreiklang, den er damit meint. Die vielen Aktionen zuerst, mit denen Werder Bremen solche Werte wie Fairness und Toleranz vermittelt. In dem Projekt "100 Schulen, 100 Vereine" zum Beispiel oder mit der "Roten Karte gegen Rassismus".
Drückt sich darin eine politische Haltung des Vereins aus? "Nein", sagt Fischer, "politisch sind wir neutral." Anders als etwa der FC St. Pauli, der sich immer schon dezidiert links positioniert hat. Werder wird stattdessen grundsätzlich: "Wir nehmen eine gesellschaftspolitische Haltung ein." Was das heißt, ist - zweitens - ein möglichst enger Kontakt zu den Fans. Dass dies schwer zu bewerkstelligen ist, räumt der Vorstand ein. "Früher habe ich bald jedes Vereinsmitglied persönlich gekannt, da waren es 2000 oder 3000, heute liegen wir bei 23000, da ist das gar nicht mehr möglich", sagt Fischer. Trotzdem werde über das Fanprojekt und den Fanbeauftragten immer wieder die Nähe gesucht.
Und drittens: Wenn gar nichts anderes mehr hilft, kein Zureden und keine Prävention, zieht Werder nach den Worten von Fischer einen klaren Strich. Er nennt das Ordnungspolitik. Ein Beispiel: Als die mittlerweile aufgelöste "Eastside", eine Gruppe so genannter Ultra-Fans, nicht bereit war, schriftlich einen allumfassenden Gewaltverzicht zu erklären, entzog ihr der SV Werder die Unterstützung.
Sind Gewalttäter im Stadion oder drumherum auffällig geworden, haben Hooligans Unfrieden gestiftet oder stadtbekannte Neonazis offen rechtsradikale Sprüche geklopft - dann setzt es sogar Stadionverbote. 20 davon gelten zurzeit, oft dauert es Jahre, bis die Verbote wieder aufgehoben werden.
Werder streitet gar nicht erst ab, dass es im Stadion immer mal wieder Probleme mit Neonazis gibt - wie schwer sie in den Griff zu bekommen sind, schildert Wolfgang Welp vom Bremer Fanprojekt: "Die marschieren ja nicht mit dem Hitlergruß ins Stadion ein." Das "Andocken" an Fans vor allem in der Ostkurve geschehe viel subtiler. Es geht um Hegemonie. Wer bestimmt den Ton im Block und wie schrill wird er?
Das Fanprojekt muss notgedrungen hoffen, dass sich vieles von selbst reguliert. Welp: "Wir können und wollen nicht jedes pädagogische Feld besetzen." Doch wer hat im Block den Mut, laut zu widersprechen? Nicht viele, weiß Fischer. "Auch hier zeigt sich ein Phänomen, das die ganze Gesellschaft betrifft und nicht aufs Stadion beschränkt bleibt", sagt der Werder-Vorstand. "Es ist der Mangel an Zivilcourage. Wer so etwas wie rassistische Sprüche auf den Rängen mitbekommt, sollte das sofort melden. Nur dann können wir einschreiten." Einschreiten - dafür sind im Stadion die Männer und Frauen von der "elko&werder Security" da. Nun gibt es allerdings den Verdacht, dass mit einigen von ihnen der Bock zum Gärtner gemacht wird. Dass also sie selbst einer Szene nahe stehen, die sie überwachen sollen - den Hooligans oder, auch dafür gibt es Hinweise, der berüchtigten Rockerbande "Hell's Angels".
Lars Mühlbradt, Geschäftsführer von "elko&Werder Security", kann das nicht vollkommen ausschließen. "Wir sind ein privates Unternehmen und haben deshalb keinen Zugriff auf datengeschützte Karteien mit potenziellen Störern", sagt Mühlbradt. Natürlich aber werde bei der Einstellung neuer Mitarbeiter auf einen guten Leumund geachtet. Jeder Mitarbeiter, darunter zu 40 Prozent Frauen, müsse ein polizeiliches Führungszeugnis beibringen. Darüber hinaus ziehe "elko" auch anderweitig Erkundigungen ein, zum Beispiel beim Stadtamt. "Elko" ist trotz aller Vorkehrungen nicht gefeit davor, von Schlägern und Neonazis benutzt zu werden. So wie Werder nicht jederzeit für ein friedliches Stadion garantieren kann. "Wir haben es im Fußball mit sämtlichen Ausdrucksformen unserer Gesellschaft zu tun", sagt Klaus-Dieter Fischer. Eines aber betont er auch: "Bremen gehört zu den Städten in der Fußball-Bundesliga, die eine relativ ruhige Szene haben."
