Alles für die WM

Steve
Alles für die WM

(...) Die WM soll eine gigantische Werbeveranstaltung für Deutschland werden. Wieder einmal soll die Wirtschaft einen neuen Schub erhalten und neue Arbeitsplätze kommen. Was dem reibungslosen Ablauf der Veranstaltung nützt, ist legitim. So werden Ladenöffnungszeiten genauso wenig zählen wie eine Reihe von Arbeitsschutzbedingungen. „Die Welt zu Gast bei Freunden“ soll merken, dass ihr alles möglich gemacht wird. Dass die Welt den Freunden eigentlich nur Kohle und Prestige bringen soll, ist zwar offensichtlich, wird aber dennoch verschwiegen.
Und wehe, jemand wagt es Kritik an diesem Werbespektakel zu äußern. Es geht um Deutschland und sein Ansehen in der Welt. Der Sieg bei der WM scheint für die Nation inzwischen eine Frage von Leben oder Tod zu sein, und alle sind dafür mitverantwortlich, weil ja alle Deutschland sind. Sogar die Werbekampagnen der offiziellen Sponsoren und auch der von der FIFA als Trittbrettfahrer bezeichneten Konkurrenzunternehmen schlagen in die nationalistische Kerbe. Die adidas-Kampagne zu den neuen deutschen Nationaltrikots (z.B. auswärts zum ersten Mal seit 1938 wieder in rot) und zum WM-Ball „Teamgeist“ (z.B. ohne das Team wäre ich nichts) wirkt wie eine Kopie von „Du bist Deutschland“. Ohne es aber zu sein, sondern lediglich „Zeitgeist“ und „Trend“ folgend. Aber zumindest bis zur WM ist in dieser Logik auch Gerald Asamoah Deutschland, während aus dem gleichen Schalker Verein ein Jugendspieler abgeschoben werden. Schalkes Manager und Möllemannfreund Rudi Assauer hielt zwar auch diesen für brauchbar, aber Schalke 04‘s A-Jugend ist für die Behörden dann doch nicht Deutschland genug.
Dass sich die Sicherheitsfanatiker zu diesem Ereignis die Hände lecken, ist sonnenklar. Die WM ist ein echter Ernstfall für den Überwachungsapparat und gleichzeitig Übungsfeld für alles, was technisch und personell für die entsprechenden Behörden und Organe möglich ist. Das dies gleichzeitig DFB- und FIFA-Interesse ist, erweitert die Möglichkeiten noch zusätzlich. Die Überwachungschips in den Eintrittskarten dürften die Augen von so manchem Innenminister zum Leuchten bringen.
Hooligans sind dabei Hauptfeindbild und Testballon für Sicherheitsstrategien zugleich. Diese behördlich und medial relativ willkürlich gefasste Personengruppe gilt als der potentiellen Standortbeschmutzer im Sommer 2006. Dass sich in den Hooligan-Dateien nicht nur Nazis und Menschen befinden, die sich wirklich einfach nur prügeln wollen, fällt in der Öffentlichkeit völlig hinten runter. Gerade Faninitiativen und aktive Fußballfans, die sich gegen pauschale Überwachung und ständige Polizeirepression und Rassismus wenden, werden zusehends verstärktes Ziel der polizeilichen Willkür am Rande von Fußballspielen.
Allen, die die Staatsgewalt jedenfalls zu „Hooligans“ zählt und macht, steht ein harter Sommer bevor: Meldeauflagen, WM-Tickets gibt es sowieso nicht, Platzverweise und Stadtverbote nach Augenschein, viel mehr noch als linke politische AktivistInnen von größeren Demonstrationen kennen, nur Ausreiseverbote und Passeinziehungen wird dieses Mal wohl nicht geben, weil ja alles in Deutschland stattfindet.
In der öffentlichen Diskussion um die Sicherheit während der WM haben die Hooligans sogar die „islamistische Bedrohung“ verdrängt. Aber vielleicht ist es inzwischen auch schon selbstverständlich, wenn AWACS-Maschinen über den WM-Stadien kreisen und die Bundeswehr nun doch endlich mal im Innern eingesetzt werden soll, ohne dass Bayern gerade überflutet ist oder in Schneemassen versinkt. (...)

VerfasserInnen: redical [m] aus göttingen
Tapir
http://www.fussball-konflikte.de/

schöne Seite. (hoffe, die wurde nich schon gepostet?)


Zitat:
Der gemeinsam von indirekter-freistoss.de und politik-digital.de entwickelte
„Konfliktatlas zur Fußball-WM“ beleuchtet die vielfältigen Beziehungen der
Teilnehmernationen auf und neben dem Spielfeld anhand des Spielplans. Politische
Differenzen, historische Erfahrungen und wirtschaftliche Konkurrenz sind der
jeweils zwölfte unsichtbare Mann auf dem Spielfeld.

Am 12. Juni prallen in Kaiserslautern zwei Vertreter mit unterschiedlichen
Ansichten über Walfang aufeinander, die zu diplomatischen Verstimmungen auf
höchster Ebene geführt haben. Am selben Tag messen sich in Gelsenkirchen zwei
Mannschaften, aus deren Heimatländern zwei Brauereien seit Jahrzehnten einen
Markennamenstreit führen. Die Engländer müssen gegen ein Land antreten, aus dem
jüngst eine Investorengruppe ihre größte Fish & Chips-Kette übernommen hat. In
der Vorrunde werden außerdem zwei Teams die Möglichkeit haben, sich für ein
verlorenes Finale zu revanchieren. Wissen Sie, in welchen drei Spielen eine
Kolonialgeschichte neu verhandelt wird? Und auch Napoleon spielt eine Rolle bei
dieser WM.

Was hat das noch mit Fußball zu tun? Sehr viel, wie wir finden, zumindest
einiges. Mit der interaktiven Weltkarte auf fussball-konflikte.de erhalten Sie
auf kurzweilige Art Nachhilfeunterricht. Gehen Sie auf Entdeckungsreise durch
die Welt der Fußball-Beziehungen! Und helfen Sie uns! Selbstverständlich haben
Sie die Möglichkeit, uns Ihre Ideen zu senden. Mit fortschreitender Turnierdauer
wird auch der Konflikt-Atlas weiter entwickelt – schon im Achtelfinale könnte es
zu Klassikern wie Deutschland gegen England kommen. Bleiben Sie dran, und halten
Sie es mit John Cleese: „Don´t mention the war!“