tagesschau.de zur WM Sicherheit

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Interview zum WM-Sicherheitskonzept
"Fans werden als Gewalttäter stigmatisiert"

Das Bündnis Aktiver Fußballfans (BAFF) hat die Planungen für die Weltmeisterschaft scharf kritisiert. Nicht das Fußball-Fest stehe im Vordergrund, sondern die Debatte über die Sicherheit, sagte BAFF-Sprecher Matthias Bettag im Interview. Kein Konzept könne verhindern, dass sich "50 Verrückte irgendwo ein Schlachtfeld suchen".

tagesschau.de: Wie hat sich die Hooligan-Szene in Deutschland aus ihrer Sicht entwickelt?

Matthias Bettag: Die Szene tritt in Deutschland im aktiven Fußball kaum noch zutage. Man hat in den sieben bis acht Jahren konstant sinkende Statistiken über Gewaltvorkommen. Vor allem in der 1. und 2. Bundesliga ist das Thema Hooligans keines mehr. Daher halte ich Drohszenarien von politischen Scharfmachern wie Günther Beckstein oder Wolfgang Schäuble für fahrlässig, da es Panikmache ist. Außerdem werden Fußball-Fans generell als Problem für die Sicherheit stigmatisiert. Im Endeffekt geht es gar nicht darum, die angeblich gefährdete Sicherheit bei der WM zu sichern, sondern das Ereignis wird als Einfallstor für die Ausweitung polizeilicher Kompetenzen missbraucht.

tagesschau.de: In den vergangenen Monaten gab es dennoch immer wieder Gewalt und auch offenen Rassismus beim Fußball, auch bei Spielen der Nationalmannschaft.

Bettag: Natürlich gibt es Gewalt beim Fußball. Die kommt vor allem in den unteren Ligen vor. Die Vorfälle bei der Nationalmannschaft sind in meinen Augen kein Hooliganismus, sondern das waren Aktionen von Neonazis. Das wird so aber nicht kommuniziert. Die Sprechchöre aber waren eindeutig. Doch in der Welt des DFB wird dafür lieber der Begriff "Gewalttäter" statt "Neonazi" benutzt. Die Situation bei dem Spiel Slowenien gegen Deutschland eskalierte dadurch, dass im deutschen Block Neonazis Parolen riefen und eine andere Gruppe deutscher Fans dagegen vorging. Auch beim Spiel Slowakei gegen Deutschland gab es massive rechtsradikale Sprüche aus dem deutschen Block.
Das Problem der Gewalt bei Spielen der deutschen Nationalmannschaft scheint also kein Hooligan-, sondern ein Neonazi-Problem zu sein. Da muss differenziert werden, denn es handelt sich um keinen homogenen Fan-Block. Fan-Beauftragte könnten die Polizei über die Zusammensetzung der Gruppierungen informieren. Dann müsste die Polizei nicht gegen alle vorgehen. Denn dabei kann es schnell zur Solidarisierung zwischen den Gruppen kommen. Es gab in den vergangenen Jahren Repressionen gegen alle Fans, immer mit dem Argument "Hooligan". Das hat für viel Frust in den Szenen gesorgt, gerade bei aktiven friedlichen Fans. Sogar diese wurden kriminalisiert. Daher ist die Stimmung in vielen Fan-Szenen wachsend schlecht.

tagesschau.de: Wie gefährlich sind die Hooligans aus anderen Ländern, speziell aus Polen?

Bettag: Man kann nicht sagen, weil es in Polen ein Hooligan-Problem in der Liga gibt, muss es auch ein Problem bei der WM werden. Zwar gibt es in Polen viele Hooligans, bis zu 500 bei lediglich 3000 Zuschauern. Man kann daraus aber nicht automatisch herleiten, dass jetzt alle Hooligans aus Polen oder auch Kroatien hier das Land unsicher machen wollen. In Italien beispielsweise gibt es eine gewaltbereite Szene, doch diese sind an ihre Clubs gebunden und interessieren sich wenig für die Nationalmannschaft.

tagesschau.de: Wie reagieren aktive Fangruppen in Deutschland auf die Sicherheitsdiskussion?

Bettag: Viele Leute sind über die Politiker erschrocken, die die WM benutzen, um ihre sicherheitspolitischen Forderungen durchzudrücken. Da entsteht auch viel Wut. Das sind besonders junge Leute, die aus dieser Perspektive die Staatsgewalt erleben und in ihren demokratischen Prinzipien erschüttert werden. BAFF hat ein ganzes Buch darüber geschrieben: die 100 schönsten Schikanen gegen Fußball-Fans. Leider war es überhaupt kein Problem, dieses Buch zu füllen. Aus Sicht der Politiker und Funktionäre ist ein Fußball-Fan ein Kunde oder ein Sicherheitsproblem. Die sollen fröhlich lächeln und Fähnchen schwenken und ordentlich konsumieren. Die anderen werden als Gewalttäter stigmatisiert - auch wenn sie nur kritisch sind.

Bei der WM-Planung sollte das Fest im Vordergrund stehen - und nicht die Gewaltprävention. Bei den EM-Endrunden in England und Portugal herrschten hervorragende Bedingungen für ein Fußball-Fest. Ganz tolle Stimmung und keine Gewalttaten, außer Schlägerein zwischen Besoffenen in Kneipen. Aber das gibt es in jedem größeren Ferienort im Sommer. Durch Repression und Überwachung gegen alle Fußball-Fans wird man es nicht verhindern können, dass 50 Verrückte sich irgendwo ein Schlachtfeld suchen. Das ist Aktionismus und geht am Ziel vorbei.

Das Interview führte Patrick Gensing, tagesschau.de
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Sicherheit bei der WM 2006
Gewalt blüht in einem Klima der Angst

In den vergangenen Wochen hat die Sicherheit bei der Weltmeisterschaft 2006 die öffentliche Diskussion bestimmt. Zwar wird es vor dem Turnier nicht mehr zu der von Bundesinnenminister Schäuble angestrebten Grundgesetzänderung für einen Bundeswehreinsatz im Innern kommen, doch will die Union weiterhin Soldaten zur Unterstützung der Polizei abkommandieren.

Von Patrick Gensing, tagesschau.de

Neben der Angst vor Terror-Anschlägen beherrscht die Sorge vor Hooligan-Attacken die Debatten. Baden-Württembergs Chef des Verfassungsschutzes, Johannes Schmalzl, sagte im Magazin "Focus": "Die Hooligans sitzen in den Startlöchern. Sie spekulieren darauf, dass die Polizei bei der WM nicht überall sein kann. Das wollen sie nutzen". Dem bayerischen Innenminister Günther Beckstein zufolge bereitet sich die Szene "intensiv auf die WM vor".
"Die Gewalt blüht in einem Klima der Angst"

Der Soziologe und Fan-Forscher Gunter Pilz von der Universität Hannover kritisiert diese Diskussion. Äußerungen wie die von Beckstein und Schmalzl seien dümmlich und gefährlich, sagte Pilz im Interview mit tagesschau.de. Auch Debatten wie die über den Einsatz der Bundeswehr produzierte ein Klima der Angst und des Schreckens. In einer solchen Atmosphäre könne Gewalt erst recht blühen, so Pilz. Umgekehrt habe bei der Europameisterschaft in Portugal vor zwei Jahren ein entspanntes und fröhliches Klima geherrscht. Und da falle es selbst einem Hooligan schwer, "jemandem die Faust ins Gesicht zu schmeißen", sagt der Soziologe.

Dies bestätigt auch der Sprecher des Bündnisses aktiver Fußballfans (BAFF), Matthias Bettag. Durch Drohszenarien würden Fußball-Fans als potenzielle Gewalttäter stigmatisiert, sagte er gegenüber tagesschau.de. Politikern, die diese Diskussionen anstoßen, gehe es nicht um die angeblich gefährdete Sicherheit bei der WM, sondern sie wollten das Ereignis als "Einfallstor für die Ausweitung polizeilicher Kompetenzen" nutzen. Das sieht auch Pilz so: Er habe bereits bei anderen Großveranstaltungen beobachtet, wie Innenminister sich im Vorfeld weiter vorgewagt hätten. Dies sei zuletzt besonders bei der Diskussion um die Bundeswehr festzustellen gewesen.
Bis zu 10.000 Hooligans - aber wenig organisiert

Laut der Datei "Gewalttäter Sport" beim Landeskriminalamt Düsseldorf gibt es in Deutschland zwar 6000 bis 10.000 Hooligans, allerdings ist die Szene wenig organisiert. Es gebe Koalitionen zwischen den Hooligans einzelner Vereine, sagt Holger Dreyer von der Polizeidirektion Braunschweig. Er leitet die Abteilung der örtlichen szenenahen Beamten. Die Hooligans von Eintracht Braunschweig hätten in den vergangenen Jahren "die Füße still gehalten", um nicht von der Polizei registriert zu werden, sagt Dreyer gegenüber tagesschau.de. Doch ein gemeinsames Vorgehen aller deutschen Hooligans bei der WM hält er für "nicht unbedingt denkbar". Auch wisse niemand, wer wirklich dabei sei, betont Fan-Forscher Pilz. Selbst die Hooligans wüssten das kaum.

Außerdem seien Hooligans eher ein Auslaufmodell, so Pilz weiter. Nur in den neuen Bundesländern sei die Szene teilweise im Kommen. Auch BAFF-Sprecher Bettag weist darauf hin, dass es in der 1. und 2. Bundesliga nur noch wenige Hooligans gebe. Das Problem sei inzwischen in den unteren Ligen zu finden, wo die Sicherheitsauflagen nicht so hoch sind.

International sieht das allerdings anders aus. Besonders die polnischen Hooligans wurden zuletzt als große Gefahr gehandelt. Allerdings ist auch hier noch nicht abzusehen, wie viele nach Deutschland reisen werden. Ein Problemspiel könnte die WM-Partie zwischen Deutschland und Polen werden. Denn bei den Spielen der deutschen Nationalmannschaft war es in der Vergangenheit immer wieder zu Ausschreitungen gekommen.

BAFF-Sprecher Bettag ist jedoch davon überzeugt, dass es sich bei den Vorfällen bei den Spielen Slowakei gegen Deutschland in Bratislava und Slowenien gegen Deutschland in Celje im vergangenen Jahr nicht um Hooligan-Aktionen gehandelt habe. Vielmehr seien das Neonazis gewesen, die die Bühne Fußball genutzt hätten. "Die Vorfälle in Bratislava waren die schlimmsten rassistischen Ausschreitungen seit 1996 in Polen, als deutsche Fans ein Transparent mit der Aufschrift 'Schindler-Juden wir grüßen Euch!' hochhielten", sagt auch BAFF-Mitarbeiter Gerd Dempowski.
"Die Welt zu Gast bei Freunden"

Bratislava und Celje zeigen aber auch: Das nationale Konzept Sport und Sicherheit funktioniert in Deutschland recht gut. Daher wichen Krawallmacher ins Ausland aus, besonders nach Osteuropa, wo die Sicherheitsauflagen nicht so hoch seien, so Pilz. Das Sicherheits-Konzept werde auch bei der WM greifen. Davon ist er überzeugt. Auch die BAFF-Vertreter warnen vor Panikmache. Es sei einfach nicht möglich, 50 Verrückte daran zu hindern, sich irgendwo zu prügeln, sagt Bettag, egal mit welchem Konzept. Bei der Planung der WM sollte daher das Fest im Vordergrund stehen. Auch Pilz betont: "Natürlich muss man wachsam sein - doch dafür gibt es die Polizei. Wir sollten uns darauf konzentrieren, gute Gastgeber zu sein."
MrBonde
Den wichtigsten Satz haben sie zielsicher erkannt:

Kein Konzept könne verhindern, dass sich "50 Verrückte irgendwo ein Schlachtfeld suchen".


Ich hab solche Angst vor der WM


Bei der nächsten Anfrage solltest du darauf bestehen, _endlich_ Mal von Wickert in den Tagesthemen interviewt zu werden. Etwa so: "Wissen sie eigentlich wer ich bin? Ich bin Matthias Bettag, ICH ESSE MIT DEM INNENMINISTER ZU MITTAG UND SIE WOLLEN EIN _ONLINE_ INTERVIEW????"

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