Südländer
Naja, etwas sehr oberflächlich. Dennoch zur Kenntnisnahme:
Das Nationale Sicherheitskonzept für die Fußball-WM: ¸¸Wir kommen der deutschen Gründlichkeit gefährlich nahe"
Willkommen bei Freunden
Urlaubssperre bei der Polizei, Awacs-Überwachung und Extra-Vorräte an Medikamenten - die Organisatoren jedenfalls fühlen sich bestens gerüstet
Von Annette Ramelsberger
Gelsenkirchen, 7. Februar - Der große Bruder sieht alles - auch die sechs Schalker Fans ganz hinten im Stadion, die da gegen die Wand aus Panzerglas treten, die sie vom Borussen-Block trennt. Die Jungs mit den blauen Schals zeigen den gelben Borussen-Fans den Stinkefinger, spucken gegen das Glas, versuchen, über die drei Meter hohe Scheibe zu klettern. Und sie werden dabei ganz genau beobachtet - in Großaufnahme, scharf bis auf den Pickel auf der Backe.
Der große Bruder, der alles sieht, heißt Friedhelm Bremen und sitzt vor einer Wand aus Monitoren in der Leitzentrale der Schalke-Arena in Gelsenkirchen. 96 Kameras halten jede Bewegung im Stadion fest. 600 Ordner kümmern sich um die Fans, ein paar Hundertschaften Polizisten haben sie zum Stadion begleitet. Herr Bremen zoomt sich den Ausschnitt auf dem Monitor noch etwas näher heran. ¸¸Geht mal in Block S 1 und holt die Jungs da weg", sagt Bremen ins Funkgerät. Das Telefon klingelt. ¸¸Im Kuzorra gibt es Ärger", sagt Bremen, ohne auch nur die Stimme zu erheben. ¸¸Schickt schon mal unsere Leute hin." Fünf Minuten später kommt Bremens Assistent von der Stadionkneipe zurück. ¸¸Ist schon wieder ruhig. Da hat eine Frau einem Mann das Nasenbein gebrochen. Wir haben die beiden zur Polizeiwache gebracht." Der Chef nickt nur kurz.
Gelassen am Monitor
Friedhelm Bremen, 59 Jahre alt, tadelloser Anzug, Krawatte, gestärktes Hemd, ist der Herr über die 600 Ordner in der Arena von Schalke 04. Schon als Kind hat er auf Schalke gekickt, seit 25 Jahren ist er nun auch für die Ordnung beim Verein zuständig. An diesem Tag überwacht er die brisanteste Begegnung der Saison. 55 000 blau-weiße Schalker treffen auf 6000 knallgelbe Borussen-Fans, Schalke 04 gegen Borussia Dortmund, das härteste Derby der Bundesliga, das Revier-Duell.
Friedhelm Bremen steht still vor seinen Monitoren und streicht sich ein Staubkorn vom Anzug. ¸¸Wir haben das Champions-League-Finale 2004 hier gehabt, und es ist nichts passiert", sagt er. ¸¸Wir hatten 2003 Chelsea gegen Besiktas Istanbul hier. Das wurde wegen mehrerer Terroranschläge in Istanbul aus Sicherheit zu uns verlegt. Da schaffen wir die WM auch." Ob er nervös ist wegen der Weltmeisterschaft? Um Bremens Lippen kräuselt sich nur ein spöttisches Lächeln.
Wenn etwas sicher ist bei der Weltmeisterschaft, dann sind es die Stadien. ¸¸Hochsicherheitsfestungen", sagen sogar die Verantwortlichen bei der Polizei. Für die WM wird Friedhelm Bremen die Zahl seiner Ordner verdoppeln, gleichzeitig werden 10 000 Fans weniger als sonst im Stadion sein - dann kommen 1200 Sicherheitsleute auf 50 000 Besucher. Es wird dann keine Stehplätze mehr geben, die Fans werden noch strenger getrennt. Schon 100 Meter vor dem Stadion wird jeder Besucher durchsucht und abgetastet. Und es wird auch kein Islamist hinterm Würstelstand stehen und sich kein Hooligan in die Putztruppe einschleichen. Denn jeder der 250 000 Beschäftigten in den Stadien wird vorher von Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz genau überprüft - eine der größten Aktionen in der Geschichte des Verfassungsschutzes.
Die Sicherheit in den Stadien ist in Wirklichkeit ein Nebenkriegsschauplatz, auch wenn die Stiftung Warentest laut Alarm geschlagen hat. Es blieb nicht viel übrig von der Kritik. Die fehlende Fluchtmöglichkeit auf den Rasen - die meisten Stadien setzen auf die Flucht nach draußen: In der Schalke-Arena zum Beispiel ist das Stadion in acht Minuten leer, 128 Ausgänge leiten die Besucher nach draußen. Oder die Kritik an den Videomonitoren im Schalker Fanbereich, die angeblich als Wurfgeschosse benutzt werden könnten - sie hängen fest verschraubt in drei Metern Höhe und wiegen mit Halterung 38 Kilogramm. Wer an ihnen herumschraubt, ist sofort im Visier der Kameras. ¸¸Hätten wir hier etwas für gefährlich gehalten, dann hätten wir es abgestellt", sagt trocken Konrad Kordts, Erster Polizeihauptkommisar in Gelsenkirchen. Er geht seit 40 Jahren regelmäßig auf Schalke.
Die Gefahr liegt im Abseits
Aber die Weltmeisterschaft findet nicht nur in den Stadien statt. Hunderttausende Fans werden durch das Land ziehen, ganze Karawanen werden die 32 Mannschaften begleiten. Seit Anfang 2001 arbeitet das Bundesinnenministerium am ¸¸Nationalen Sicherheitskonzept" für die WM, hunderte Seiten ist es dick. Während die Fans noch darum bangen, ob sie vielleicht doch noch eine Karte bekommen, haben die Behörden längst ein Sicherheitsnetz über Deutschland gesponnen, das so dicht ist wie bei keinem Wettkampf zuvor. ¸¸Ich glaube, wir kommen der deutschen Gründlichkeit gefährlich nahe", sagt Kommissar Kordts.
Die Nato wird den Luftraum während der WM mit Awacs-Überwachungsmaschinen sichern. Die Bundeswehr hat ständig zwei Phantom-Jets auf Abruf, um in Minutenschnelle verdächtige Flugzeuge abzufangen. Rund um die Stadien herrscht während der Spiele Flugverbot. Und falls doch was passiert, hat das Amt für Bevölkerungsschutz vorsorglich alle Spielorte mit Zusatzmedikamenten für mehr als 1000 Menschen versorgt. Die Polizei hat Urlaubssperre. Und die Unions-Innenminister wollen am liebsten auch noch die Bundeswehr einsetzen, damit ja nichts passiert. Kommissar Kordts bahnt sich gerade den Weg durch lauter brave Schalke-Familien, die ihre Sprösslinge an der Hand halten: ¸¸Bundeswehr", sagt er, ¸¸das kann ich mir nicht vorstellen. Die Leute gehen doch zum Fußball und ziehen nicht in den Krieg."
Die Gefahr bei der WM lauert anderswo, weitab der Stadien - in der Innenstadt, am Bahnhof. Da geht es an diesem Tag auch in Gelsenkirchen zur Sache. 250 Dortmunder Fans durchbrechen die Polizeikette, rennen in die Stadt, traktieren ein Auto mit Füßen. Fans werfen mit Flaschen auf die Polizisten - einen Beamten treffen sie am Auge. Die Wunde muss mit elf Stichen genäht werden, die Kollegen bangen darum, ob sich die Netzhaut im Auge ablöst. Trotzdem entscheiden die Polizisten, die Fans, die sich wieder halbwegs beruhigt haben, noch ins Stadion zu lassen - um noch mehr Krawall zu verhindern. Die Borussen stehen dann auch brav in ihrem Fanblock, sie entrollen nur ein Transparent mit der Aufforderung ¸¸Fickt Euch" und wedeln mit ein paar hundert rosa Luftballons in Penisform. Sonst bleibt es ruhig. Borussia Dortmund setzt am Montag eine Belohnung von 3000 Euro aus für den, der Hinweise auf den Flaschenwurf gegen den Polizisten gibt.
Doch am nächsten Tag geht es zur Sache. Und das hat keiner erwartet. Ausgerechnet auf dem Bahnhof der kleinen Stadt Stendal in Sachsen-Anhalt. Dort steigen am Sonntagmittag 450 Rostocker Fußballfans aus dem Zug. Sie wollen nach Braunschweig, doch das Spiel ihrer Mannschaft ist wegen schlechten Wetters abgesagt. Jetzt sind sie in Stendal, sie haben Wut und Bier im Bauch und vor ihnen stehen diese paar Polizisten. Steine fliegen, die Polizisten gehen in Deckung, die Fans ziehen johlend durch die Stadt, lassen fünf Polizeieinsatzwagen in Flammen aufgehen, setzen noch vier andere Autos in Brand. Neun brennende Autos - eine solche Schlacht hat Stendal noch nicht gesehen.
Überraschung in Stendal
400 Kilometer weiter westlich, im Landeskriminalamt Düsseldorf, sitzen die Leute, die eigentlich verhindern sollen, dass so etwas passiert: Die Männer der Zis, der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze. Hier laufen alle Informationen zusammen, die die Polizei europaweit über Hooligans hat. Die Zis erfährt, welche Fans mit welchen Bussen fahren, sie weiß, wo sich Fanströme kreuzen, sie warnt, wenn Hooligans sich plötzlich noch für einen Abstecher entscheiden. ¸¸Es gibt Polizeidienststellen, die sind so schmal besetzt, die dürfen nicht überrascht werden", sagt Zis-Vize Andreas Morbach.
Die Zis wusste von der Fahrt der Rostocker Fans, die Polizei hatte eigens Kollegen in die Züge geschickt, um die Fans zu begleiten, und doch wurde Stendal überrascht: Dass die Wut auf ihrem Bahnhof explodiert, das konnte keiner voraussagen. Am Ende waren zwei Beamte schwer verletzt, zwei leicht, die Stadt war in Aufruhr. Es sind solche Vorfälle, die die Verantwortlichen bei der WM am meisten fürchten - dass irgendwo, irgendwann im Land etwas passiert. Und keiner ist darauf vorbereitet.
Deshalb bearbeiten sie schon jetzt ihre Klientel. Bekannte ¸¸Problemfans" erhalten lange vor der WM Besuch von der Polizei. Machen sie den Polizisten die Tür nicht auf, kommen die Beamten auch gerne in Uniform an den Arbeitsplatz. ¸¸Das wirkt ungemein", sagt Zis-Mann Morbach. Schwere Fälle müssen sich dann am Spieltag bei der heimischen Polizei melden, damit sie nicht zum Spiel reisen können. ¸¸Wenn es sein muss, auch dreimal am Tag", sagt Morbach. 10 000 Hooligans zählt die Zis in Deutschland.
Die Methode Zermürbung scheint zu wirken. Letzte Woche war Schalke-Geschäftsführer Peter Peters bei den Fans, die in Gelsenkirchen schon seit Jahren Stadionverbot haben, weil es früher mal Ärger gab. Sie trafen sich in der Kneipe ¸¸AufSchalke" und bangten, ob sie sich während der WM überhaupt noch aus dem Haus wagen dürften. Viele wohnen ganz in der Nähe der alten Glückauf-Kampfbahn, wo die Spiele auf eine Großleinwand übertragen werden. ¸¸Die haben ganz brav gefragt, ob sie vielleicht vor ihren Häusern noch kicken dürfen", sagt Peters.
Die Auflagen sind hart. 2400 Fans haben ein bundesweites Stadionverbot, damit bekommen sie keine Karte für die WM. 7000 Fans sind in der Datei ¸¸Gewalttäter Sport" registriert, auch sie haben es schwer, ein Ticket zu bekommen oder auch nur in die Nähe der Großleinwände zu gelangen. ¸¸Unsere Leute haben wir ganz gut im Griff", sagt Zis-Mann Morbach. Die, die die Polizei nicht im Griff hat, sind die ausländischen Hooligans. Die Briten sind besonders gefürchtet und die Niederländer, neuerdings schlagen auch die Polen zu. In einem Wald bei Frankfurt/Oder haben sich 100 deutsche und polnische Hooligans eine Schlacht darum geliefert, wer von ihnen das Sagen hat.
Die Hooligans, das ist die alte Gefahr. Die, mit der man umzugehen gelernt hat. Die neue Gefahr sieht anders aus: Sie schwebt wie ein Damokles-Schwert über der WM. Der Schrecken des islamistischen Terrors, von dem die meisten nur raunen. Man will ja nichts heraufbeschwören. ¸¸Auch Muslime lieben Fußball", sagt einer. Manche spotten die Angst weg: ¸¸Bin Laden hat kein Tonband geschickt, dass er zur WM kommt", sagt Jürgen Rollmann, der früher bei Werder Bremen und beim MSV Duisburg im Tor stand und nun im Bundesinnenministerium die WM-Vorbereitung koordiniert. Für ihn sind die 1,5 Millionen Fans zu allererst gern gesehene Gäste.
Doch was ist, wenn ein solcher Gast mit einem Rucksack vor die Großbildleinwände geht, die in mehr als 300 Städten aufgestellt werden? Mitten hinein in die gedrängte Menschenmenge? Was ist, wenn Fußballfans aus arabischen Ländern den Streit über die Mohammed-Karikaturen zur WM tragen? Den Luftraum über Deutschland haben sie im Griff, die Rucksäcke der Fans nicht. Mittlerweile haben die Innenminister empfohlen, die Plätze vor den Großleinwänden zumindest einzuzäunen, damit man am Eingang wenigstens in die Rucksäcke schauen kann. Die seien in den Zeiten der Selbstmordattentäter einfach nicht mehr unverdächtig, sagt Münchens Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer. Er lässt bereits seine Polizisten schulen im Umgang mit Fans aus Tunesien und Saudi-Arabien, die zum Spiel am 14. Juni nach München kommen. Vor allem die Polizistinnen. Damit die nicht entgeistert sind, wenn arabische Besucher auf sie erstmal gar nicht reagieren. ¸¸Wir setzen da genauso viele Frauen ein wie bei jedem anderen Spiel", sagt Schmidbauer. ¸¸Freundlich, streng, konsequent" sollen die Polizistinnen dann sein. Und sich nichts gefallen lassen.
Blaulicht für jedes Team?
Am meisten sorgen sich die Verantwortlichen in den Zeiten des Terrors um die amerikanische Fußball-Mannschaft. Die hat sich ausgerechnet auf Hamburgs großer Einkaufsmeile, der Mönckebergstraße, einquartiert. Sie wollten ¸¸mitten drin im Leben sein", sagt ihr Trainer. Und Polizeidirektor Thomas Model soll dafür sorgen, dass ihnen mitten im Leben nichts passiert. ¸¸Wir werden das Hotel nicht zu Fort Knox ausbauen", versichert Model. Die Einkaufspassage unter dem Hotel bleibt offen, aber vor dem Hotel wird ständig Polizei stehen, die Straße dahinter wird gesperrt, Parkplätze im nahen Parkhaus werden geräumt, die Fenster der Fußballer liegen nur 20 Meter entfernt. Verlässt die Mannschaft das Hotel, fährt sie mit Blaulicht und Polizeibegleitung durch die Stadt. An roten Ampeln hält sie nicht. Eigentlich ist diese Behandlung nur für Briten und Amerikaner vorgesehen, die wegen des Irakkriegs höchste Sicherheitsstufe haben. Doch mittlerweile wetten viele, dass bald jede Mannschaft einen Grund finden wird, weshalb sie mit Blaulicht durchs Land fahren muss.
Doch was sind schon Hooligans und Terroristen gegen Vips? Wenn die mit ihren Leibwächtern anrollen, dann schlagen sie die mutigsten Ordner in die Flucht. ¸¸Es braucht hier keiner zu meinen, nur weil er viel Geld hat, er könnte sich alles kaufen", sagt Schalke-Geschäftsführer Peter Peters. Er erinnert sich noch an das Spiel Besiktas Istanbul gegen Chelsea vor zwei Jahren. ¸¸Da hatten wir plötzlich 20 bewaffnete Kleiderschränke vor dem Eingang, die sich irgendein zweitklassiger Diplomat angeheuert hatte. Die sind ohne Eintrittskarten durch alle Kontrollen durchgebrochen." Die türkischen und englischen Ehrengäste saßen gerade so lange friedlich in der Loge, bis das erste Tor gegen Istanbul fiel. Da holten die Engländer ein paar Fähnchen heraus, und die türkischen Ehrenmänner gingen auf sie los. Unten im Stadion verfolgten die Fans friedlich das Spiel, oben in den Suiten prügelten sich die Vips.
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.32, Mittwoch, den 08. Februar 2006 , Seite 3
Das Nationale Sicherheitskonzept für die Fußball-WM: ¸¸Wir kommen der deutschen Gründlichkeit gefährlich nahe"
Willkommen bei Freunden
Urlaubssperre bei der Polizei, Awacs-Überwachung und Extra-Vorräte an Medikamenten - die Organisatoren jedenfalls fühlen sich bestens gerüstet
Von Annette Ramelsberger
Gelsenkirchen, 7. Februar - Der große Bruder sieht alles - auch die sechs Schalker Fans ganz hinten im Stadion, die da gegen die Wand aus Panzerglas treten, die sie vom Borussen-Block trennt. Die Jungs mit den blauen Schals zeigen den gelben Borussen-Fans den Stinkefinger, spucken gegen das Glas, versuchen, über die drei Meter hohe Scheibe zu klettern. Und sie werden dabei ganz genau beobachtet - in Großaufnahme, scharf bis auf den Pickel auf der Backe.
Der große Bruder, der alles sieht, heißt Friedhelm Bremen und sitzt vor einer Wand aus Monitoren in der Leitzentrale der Schalke-Arena in Gelsenkirchen. 96 Kameras halten jede Bewegung im Stadion fest. 600 Ordner kümmern sich um die Fans, ein paar Hundertschaften Polizisten haben sie zum Stadion begleitet. Herr Bremen zoomt sich den Ausschnitt auf dem Monitor noch etwas näher heran. ¸¸Geht mal in Block S 1 und holt die Jungs da weg", sagt Bremen ins Funkgerät. Das Telefon klingelt. ¸¸Im Kuzorra gibt es Ärger", sagt Bremen, ohne auch nur die Stimme zu erheben. ¸¸Schickt schon mal unsere Leute hin." Fünf Minuten später kommt Bremens Assistent von der Stadionkneipe zurück. ¸¸Ist schon wieder ruhig. Da hat eine Frau einem Mann das Nasenbein gebrochen. Wir haben die beiden zur Polizeiwache gebracht." Der Chef nickt nur kurz.
Gelassen am Monitor
Friedhelm Bremen, 59 Jahre alt, tadelloser Anzug, Krawatte, gestärktes Hemd, ist der Herr über die 600 Ordner in der Arena von Schalke 04. Schon als Kind hat er auf Schalke gekickt, seit 25 Jahren ist er nun auch für die Ordnung beim Verein zuständig. An diesem Tag überwacht er die brisanteste Begegnung der Saison. 55 000 blau-weiße Schalker treffen auf 6000 knallgelbe Borussen-Fans, Schalke 04 gegen Borussia Dortmund, das härteste Derby der Bundesliga, das Revier-Duell.
Friedhelm Bremen steht still vor seinen Monitoren und streicht sich ein Staubkorn vom Anzug. ¸¸Wir haben das Champions-League-Finale 2004 hier gehabt, und es ist nichts passiert", sagt er. ¸¸Wir hatten 2003 Chelsea gegen Besiktas Istanbul hier. Das wurde wegen mehrerer Terroranschläge in Istanbul aus Sicherheit zu uns verlegt. Da schaffen wir die WM auch." Ob er nervös ist wegen der Weltmeisterschaft? Um Bremens Lippen kräuselt sich nur ein spöttisches Lächeln.
Wenn etwas sicher ist bei der Weltmeisterschaft, dann sind es die Stadien. ¸¸Hochsicherheitsfestungen", sagen sogar die Verantwortlichen bei der Polizei. Für die WM wird Friedhelm Bremen die Zahl seiner Ordner verdoppeln, gleichzeitig werden 10 000 Fans weniger als sonst im Stadion sein - dann kommen 1200 Sicherheitsleute auf 50 000 Besucher. Es wird dann keine Stehplätze mehr geben, die Fans werden noch strenger getrennt. Schon 100 Meter vor dem Stadion wird jeder Besucher durchsucht und abgetastet. Und es wird auch kein Islamist hinterm Würstelstand stehen und sich kein Hooligan in die Putztruppe einschleichen. Denn jeder der 250 000 Beschäftigten in den Stadien wird vorher von Bundeskriminalamt und Verfassungsschutz genau überprüft - eine der größten Aktionen in der Geschichte des Verfassungsschutzes.
Die Sicherheit in den Stadien ist in Wirklichkeit ein Nebenkriegsschauplatz, auch wenn die Stiftung Warentest laut Alarm geschlagen hat. Es blieb nicht viel übrig von der Kritik. Die fehlende Fluchtmöglichkeit auf den Rasen - die meisten Stadien setzen auf die Flucht nach draußen: In der Schalke-Arena zum Beispiel ist das Stadion in acht Minuten leer, 128 Ausgänge leiten die Besucher nach draußen. Oder die Kritik an den Videomonitoren im Schalker Fanbereich, die angeblich als Wurfgeschosse benutzt werden könnten - sie hängen fest verschraubt in drei Metern Höhe und wiegen mit Halterung 38 Kilogramm. Wer an ihnen herumschraubt, ist sofort im Visier der Kameras. ¸¸Hätten wir hier etwas für gefährlich gehalten, dann hätten wir es abgestellt", sagt trocken Konrad Kordts, Erster Polizeihauptkommisar in Gelsenkirchen. Er geht seit 40 Jahren regelmäßig auf Schalke.
Die Gefahr liegt im Abseits
Aber die Weltmeisterschaft findet nicht nur in den Stadien statt. Hunderttausende Fans werden durch das Land ziehen, ganze Karawanen werden die 32 Mannschaften begleiten. Seit Anfang 2001 arbeitet das Bundesinnenministerium am ¸¸Nationalen Sicherheitskonzept" für die WM, hunderte Seiten ist es dick. Während die Fans noch darum bangen, ob sie vielleicht doch noch eine Karte bekommen, haben die Behörden längst ein Sicherheitsnetz über Deutschland gesponnen, das so dicht ist wie bei keinem Wettkampf zuvor. ¸¸Ich glaube, wir kommen der deutschen Gründlichkeit gefährlich nahe", sagt Kommissar Kordts.
Die Nato wird den Luftraum während der WM mit Awacs-Überwachungsmaschinen sichern. Die Bundeswehr hat ständig zwei Phantom-Jets auf Abruf, um in Minutenschnelle verdächtige Flugzeuge abzufangen. Rund um die Stadien herrscht während der Spiele Flugverbot. Und falls doch was passiert, hat das Amt für Bevölkerungsschutz vorsorglich alle Spielorte mit Zusatzmedikamenten für mehr als 1000 Menschen versorgt. Die Polizei hat Urlaubssperre. Und die Unions-Innenminister wollen am liebsten auch noch die Bundeswehr einsetzen, damit ja nichts passiert. Kommissar Kordts bahnt sich gerade den Weg durch lauter brave Schalke-Familien, die ihre Sprösslinge an der Hand halten: ¸¸Bundeswehr", sagt er, ¸¸das kann ich mir nicht vorstellen. Die Leute gehen doch zum Fußball und ziehen nicht in den Krieg."
Die Gefahr bei der WM lauert anderswo, weitab der Stadien - in der Innenstadt, am Bahnhof. Da geht es an diesem Tag auch in Gelsenkirchen zur Sache. 250 Dortmunder Fans durchbrechen die Polizeikette, rennen in die Stadt, traktieren ein Auto mit Füßen. Fans werfen mit Flaschen auf die Polizisten - einen Beamten treffen sie am Auge. Die Wunde muss mit elf Stichen genäht werden, die Kollegen bangen darum, ob sich die Netzhaut im Auge ablöst. Trotzdem entscheiden die Polizisten, die Fans, die sich wieder halbwegs beruhigt haben, noch ins Stadion zu lassen - um noch mehr Krawall zu verhindern. Die Borussen stehen dann auch brav in ihrem Fanblock, sie entrollen nur ein Transparent mit der Aufforderung ¸¸Fickt Euch" und wedeln mit ein paar hundert rosa Luftballons in Penisform. Sonst bleibt es ruhig. Borussia Dortmund setzt am Montag eine Belohnung von 3000 Euro aus für den, der Hinweise auf den Flaschenwurf gegen den Polizisten gibt.
Doch am nächsten Tag geht es zur Sache. Und das hat keiner erwartet. Ausgerechnet auf dem Bahnhof der kleinen Stadt Stendal in Sachsen-Anhalt. Dort steigen am Sonntagmittag 450 Rostocker Fußballfans aus dem Zug. Sie wollen nach Braunschweig, doch das Spiel ihrer Mannschaft ist wegen schlechten Wetters abgesagt. Jetzt sind sie in Stendal, sie haben Wut und Bier im Bauch und vor ihnen stehen diese paar Polizisten. Steine fliegen, die Polizisten gehen in Deckung, die Fans ziehen johlend durch die Stadt, lassen fünf Polizeieinsatzwagen in Flammen aufgehen, setzen noch vier andere Autos in Brand. Neun brennende Autos - eine solche Schlacht hat Stendal noch nicht gesehen.
Überraschung in Stendal
400 Kilometer weiter westlich, im Landeskriminalamt Düsseldorf, sitzen die Leute, die eigentlich verhindern sollen, dass so etwas passiert: Die Männer der Zis, der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze. Hier laufen alle Informationen zusammen, die die Polizei europaweit über Hooligans hat. Die Zis erfährt, welche Fans mit welchen Bussen fahren, sie weiß, wo sich Fanströme kreuzen, sie warnt, wenn Hooligans sich plötzlich noch für einen Abstecher entscheiden. ¸¸Es gibt Polizeidienststellen, die sind so schmal besetzt, die dürfen nicht überrascht werden", sagt Zis-Vize Andreas Morbach.
Die Zis wusste von der Fahrt der Rostocker Fans, die Polizei hatte eigens Kollegen in die Züge geschickt, um die Fans zu begleiten, und doch wurde Stendal überrascht: Dass die Wut auf ihrem Bahnhof explodiert, das konnte keiner voraussagen. Am Ende waren zwei Beamte schwer verletzt, zwei leicht, die Stadt war in Aufruhr. Es sind solche Vorfälle, die die Verantwortlichen bei der WM am meisten fürchten - dass irgendwo, irgendwann im Land etwas passiert. Und keiner ist darauf vorbereitet.
Deshalb bearbeiten sie schon jetzt ihre Klientel. Bekannte ¸¸Problemfans" erhalten lange vor der WM Besuch von der Polizei. Machen sie den Polizisten die Tür nicht auf, kommen die Beamten auch gerne in Uniform an den Arbeitsplatz. ¸¸Das wirkt ungemein", sagt Zis-Mann Morbach. Schwere Fälle müssen sich dann am Spieltag bei der heimischen Polizei melden, damit sie nicht zum Spiel reisen können. ¸¸Wenn es sein muss, auch dreimal am Tag", sagt Morbach. 10 000 Hooligans zählt die Zis in Deutschland.
Die Methode Zermürbung scheint zu wirken. Letzte Woche war Schalke-Geschäftsführer Peter Peters bei den Fans, die in Gelsenkirchen schon seit Jahren Stadionverbot haben, weil es früher mal Ärger gab. Sie trafen sich in der Kneipe ¸¸AufSchalke" und bangten, ob sie sich während der WM überhaupt noch aus dem Haus wagen dürften. Viele wohnen ganz in der Nähe der alten Glückauf-Kampfbahn, wo die Spiele auf eine Großleinwand übertragen werden. ¸¸Die haben ganz brav gefragt, ob sie vielleicht vor ihren Häusern noch kicken dürfen", sagt Peters.
Die Auflagen sind hart. 2400 Fans haben ein bundesweites Stadionverbot, damit bekommen sie keine Karte für die WM. 7000 Fans sind in der Datei ¸¸Gewalttäter Sport" registriert, auch sie haben es schwer, ein Ticket zu bekommen oder auch nur in die Nähe der Großleinwände zu gelangen. ¸¸Unsere Leute haben wir ganz gut im Griff", sagt Zis-Mann Morbach. Die, die die Polizei nicht im Griff hat, sind die ausländischen Hooligans. Die Briten sind besonders gefürchtet und die Niederländer, neuerdings schlagen auch die Polen zu. In einem Wald bei Frankfurt/Oder haben sich 100 deutsche und polnische Hooligans eine Schlacht darum geliefert, wer von ihnen das Sagen hat.
Die Hooligans, das ist die alte Gefahr. Die, mit der man umzugehen gelernt hat. Die neue Gefahr sieht anders aus: Sie schwebt wie ein Damokles-Schwert über der WM. Der Schrecken des islamistischen Terrors, von dem die meisten nur raunen. Man will ja nichts heraufbeschwören. ¸¸Auch Muslime lieben Fußball", sagt einer. Manche spotten die Angst weg: ¸¸Bin Laden hat kein Tonband geschickt, dass er zur WM kommt", sagt Jürgen Rollmann, der früher bei Werder Bremen und beim MSV Duisburg im Tor stand und nun im Bundesinnenministerium die WM-Vorbereitung koordiniert. Für ihn sind die 1,5 Millionen Fans zu allererst gern gesehene Gäste.
Doch was ist, wenn ein solcher Gast mit einem Rucksack vor die Großbildleinwände geht, die in mehr als 300 Städten aufgestellt werden? Mitten hinein in die gedrängte Menschenmenge? Was ist, wenn Fußballfans aus arabischen Ländern den Streit über die Mohammed-Karikaturen zur WM tragen? Den Luftraum über Deutschland haben sie im Griff, die Rucksäcke der Fans nicht. Mittlerweile haben die Innenminister empfohlen, die Plätze vor den Großleinwänden zumindest einzuzäunen, damit man am Eingang wenigstens in die Rucksäcke schauen kann. Die seien in den Zeiten der Selbstmordattentäter einfach nicht mehr unverdächtig, sagt Münchens Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer. Er lässt bereits seine Polizisten schulen im Umgang mit Fans aus Tunesien und Saudi-Arabien, die zum Spiel am 14. Juni nach München kommen. Vor allem die Polizistinnen. Damit die nicht entgeistert sind, wenn arabische Besucher auf sie erstmal gar nicht reagieren. ¸¸Wir setzen da genauso viele Frauen ein wie bei jedem anderen Spiel", sagt Schmidbauer. ¸¸Freundlich, streng, konsequent" sollen die Polizistinnen dann sein. Und sich nichts gefallen lassen.
Blaulicht für jedes Team?
Am meisten sorgen sich die Verantwortlichen in den Zeiten des Terrors um die amerikanische Fußball-Mannschaft. Die hat sich ausgerechnet auf Hamburgs großer Einkaufsmeile, der Mönckebergstraße, einquartiert. Sie wollten ¸¸mitten drin im Leben sein", sagt ihr Trainer. Und Polizeidirektor Thomas Model soll dafür sorgen, dass ihnen mitten im Leben nichts passiert. ¸¸Wir werden das Hotel nicht zu Fort Knox ausbauen", versichert Model. Die Einkaufspassage unter dem Hotel bleibt offen, aber vor dem Hotel wird ständig Polizei stehen, die Straße dahinter wird gesperrt, Parkplätze im nahen Parkhaus werden geräumt, die Fenster der Fußballer liegen nur 20 Meter entfernt. Verlässt die Mannschaft das Hotel, fährt sie mit Blaulicht und Polizeibegleitung durch die Stadt. An roten Ampeln hält sie nicht. Eigentlich ist diese Behandlung nur für Briten und Amerikaner vorgesehen, die wegen des Irakkriegs höchste Sicherheitsstufe haben. Doch mittlerweile wetten viele, dass bald jede Mannschaft einen Grund finden wird, weshalb sie mit Blaulicht durchs Land fahren muss.
Doch was sind schon Hooligans und Terroristen gegen Vips? Wenn die mit ihren Leibwächtern anrollen, dann schlagen sie die mutigsten Ordner in die Flucht. ¸¸Es braucht hier keiner zu meinen, nur weil er viel Geld hat, er könnte sich alles kaufen", sagt Schalke-Geschäftsführer Peter Peters. Er erinnert sich noch an das Spiel Besiktas Istanbul gegen Chelsea vor zwei Jahren. ¸¸Da hatten wir plötzlich 20 bewaffnete Kleiderschränke vor dem Eingang, die sich irgendein zweitklassiger Diplomat angeheuert hatte. Die sind ohne Eintrittskarten durch alle Kontrollen durchgebrochen." Die türkischen und englischen Ehrengäste saßen gerade so lange friedlich in der Loge, bis das erste Tor gegen Istanbul fiel. Da holten die Engländer ein paar Fähnchen heraus, und die türkischen Ehrenmänner gingen auf sie los. Unten im Stadion verfolgten die Fans friedlich das Spiel, oben in den Suiten prügelten sich die Vips.
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.32, Mittwoch, den 08. Februar 2006 , Seite 3