4 HSVer in U-Haft wegen Landfriedensbruch

Suffältester
es geht laut dem NWU-Post hierbei nicht um Zwischenfälle beim Pokalspiel,sondern vom Bundesligaspiel in der letzten Saison. Also nicht um die Zaunfahnensache,welche sich ja beim Pokalspiel ereignete. Es ist erstmal also völlig im dunklen, worum es sich im Endeffekt handelt. Ist daher auch recht schwer ne Beurteilung der Maßnahme zu treffen,obwohl ich sie schon auf dem ersten Blick für wahnwitzig halte.
mazzo
Einen Spendenaufruf für die Prozess/Anwaltskosten zu machen und dabei die Vorwürfe gegen die Betroffenen im dunklen zu lassen halte ich für unseriös.

Sollten diese Typen (ich mach mal den Schwarzmaler, hab ich von Schily gelernt) auf am Boden liegende mit Stahlkappen eingetreten und diese schwer verletzt haben, oder brennende Fackeln in ein Haus geworfen haben, wäre das Gewaltdelikt schon so gravierend, dass Knast als Strafe die Folge sein könnte und somit eine U-Haft gerechtfertigt sein könnte.

Wenn es sich dabei um besonders krasse Repression gegenüber Verdächtigen einer "normalen" (so bekloppt ich das dennoch finde) Ranglei/Schlägerei/Schaufenster-kaputtgegangen handelt, ist diese Maßnahme sicher beispiellos. Aber das würde ich als Unterstützer auch dazuschreiben.
Kleener
Ich finde auch mehrere Punbkte unseriös:

1) Keine Aufklärung der Vorwürfe, wie der Herr B. aus B. schon sagt.
2) Die Unterstützer(Hessen Fanshop, LevSzene)
3) Kein Impressum oder Kontakt auf der Seite

Ich will das damit nicht einfach abtun, aber wenn man Hilfe möchte, muss man auch etwas aufklären. Und wenn man dann noch unterstützer aus der Rechten und der (vermute ich mal) Hoolszene (Lev) hat, dann wird es sehr komisch...

Das rumgeschreie BRD Bullenstaat ohne die andere seite gehört zu haben ist jedenfalls genau das gleiche was dem staat vorgeworfen wird...
mansonblack
der fanshop der die da unterstützt ist echt krass!
was die da für sachen verkaufen...
am besten gefällt mir gürtelschnalle nr.1

oder unter accesoirs die plastikfigur eines wehrmachtssoldats inklusive waffe...

also wirklich, wer da spendet, ist selber schuld...
HSV-LinkerFlügel
Stellt euch mal vor, bei den Vieren handelt es sich um Neonazis, die das "Fansein" nur als Deckmantel für ihren politischen Dreck nutzen.
Schwerer Landesfriedensbruch, keine Aussetzung der U-Haft, "Wir nennen keine Gründe" - da müßen doch die Glocken läuten.

Und stellt euch mal weiter vor, die Typen werden nicht aus der Untersuchungshaft entlassen, weil die Staatsanwaltschaft befürchtet, daß "massiver Druck" auf Zeugen ausgeübt werden könnte - alles klar?
MrBonde
Die vorgeworfene Tat im Internet zu schildern dürfte angesichts des laufenden Verfahrens ziemlich kontraproduktiv sein. Zwangsläufig tappen wir also im Dunkeln, das ist den Initiatoren der Unterstützerseite aber absolut nicht vorzuwerfen.

Sich mit Geld aus dem Verkauf von Neonazi-Artikeln unterstützen zu lassen allerdings schon.
chobolinse
Ich glaube unser Hamburger Freund hier bringt die Sache auf den Punkt. Natürlich ist das nur eine reine Vermutung von mir. Was zu dem Schema passt ist, dass es mittlerweile auch schon Aktionen von Neonazis gegen Polizeigewalt gab /gibt. Jetzt ist es eben eine fans-helfen- Aktion. Allerdings wundert mich, dass die CFHH drinnen steckt. Die sind doch eigentlich dem Selbstverständnis nach unpolitisch. Oder würde mich einer von denen zur Sau machen, weil es hier nicht um Nazis, sondern um Fans geht? Also solange nicht mehr Infos bekannt sind, kann man wirklich nichts anderes machen als wage Vermutungen zu postulieren. Oder auch nicht.
mazzo
Zitat:
Original von MrBonde
Die vorgeworfene Tat im Internet zu schildern dürfte angesichts des laufenden Verfahrens ziemlich kontraproduktiv sein. Zwangsläufig tappen wir also im Dunkeln, das ist den Initiatoren der Unterstützerseite aber absolut nicht vorzuwerfen.

Sich mit Geld aus dem Verkauf von Neonazi-Artikeln unterstützen zu lassen allerdings schon.


wenn man Geld sammelt, kann man aber wenigstens grob sagen was los ist bzw. was eben nicht los ist. Oder man lässt es mit enier Webseite und sammelt etwas weniger öffentlich.
Hornsby
Zitat:
Original von Andree-UTB
P.S.: Es geht das Gerücht herum, dass die vier von einer Person verpfiffen wurden, die ihren Kopf aus der Schlinge ziehen wollte und deshalb wahrscheinlich alles erzählt hat, was die Cops hören wollten. Es scheint also, dass deren neue Linie die ist, besonders anfälligen Delinquenten (in der Ausbildung, wenig Geld) solche Spitzelgeschäfte vorzuschlagen. Heute in HH morgen in ganz Deutschland! Seid aufmerksam!


Also diese Methode ist nun wirklich nicht neu.
Und ganz sicher - die gab es auch in der Bremer Szene schon.
JanR
Solidarität mit den Hamburger Jungs!!!

F*** the System...
oberhausener
Zitat:
Original von JanR
Solidarität mit den Hamburger Jungs!!!

F*** the System...


lies dir das thema nochmal genauer durch und dann überdenke diese aussage doch noch einmal.
JanR
@Oberhausener

Wieso? Die HSV Jungs wurden mit vollkommen übertriebener Härte von der Polizei eingeknackt. Das kann jedem fan, von jedem verein passieren, deshalb erkläre ich mich solidarisch.
Und mit dem fuck the system wollte ich einfach nur meinem ärger luft machen.

oder habe ich etwa irgendwas übersehen?
oberhausener
wie gesagt, les dir das thema mal genauer durch. dann wirst du vielleicht auch eine begründung für meinen einwand sehen.

und der hat gewiss nichts damit zu tun, dass es sich hierbei um leute aus hh handelt.
Dr. Steif
kopfnuss
Zitat:
Original von CiderExpressCrew im NWU:

Folgender Brief lag HEUTE (!) im Briefkasten.

Moin A!

Sonntag, 25.12.2005, 16:00 Uhr. Mein tägliches Highlight ist beendet. Eine Stunde Hofgang. Immer im Kreis, wie im Film.
Weltklasse!!!

Tja, so ist es hier im „Erholungsheim Holstenglacis“. Kein Fernsehen, kein Radio, kein Telefon (wobei mir das vielleicht mal ganz gut tut), kein Strom, nicht mal eine Uhr. Dasfür allerdings etwa 100Jahre alte Möbel, ein Klo und fließendes (kaltes) Wasser. Das ist meine gemütliche Einzelzelle.....
Weltklasse!!!

Doch jetzt geht es aufwärts. Seit heute habe ich zumindest Papier und Stift, so dass ich Dir jetzt auf den Sack gehen kann.....
Weltklasse!!!

Und jetzt wird es noch besser: Meine erste Bild-Zeitung habe ich heute auch bekommen. Endlich was „sinnvolles“ zum lesen. Auch wenn das gute Stück vom 14.12. ist...egal!!! Schließlich wurde die Hausordnung dieser Anstalt nach 4 Tagen dann doch etwas langweilig. Naja, zumindest kenne ich jetzt alle offiziellen Knastregeln.
Weltklasse!!!

Das war ein kleiner Einblick in meine Erlebnisse der letzten Tage. Genau das Richtige für jemanden der mal so richtig das Leben genießen will und seinen Festtagsurlaub, fernab vom x-mas Stress, in aller Ruhe verbringen will.
Weltklasse!!!

Und was geht bei Dir so? Hast Du ähnlich vergnügsame Tage hinter Dir? Hat Dich der Weihnachtsmann reich beschert? Oh!!! Wo wir gerade beim bescheren sind: Mein Abendbrot wurde mir gerade aufs Zimmer serviert und das hat es mal wieder in sich. 5 Scheiben leicht vertrocknetes Graubrot, 3 Päckchen Halbfettmargarine, eine kleine Teewurst und eine Schale mit schwarzen Tee (ohne Zucker). Das werde ich mir gleich einverleiben.....
Weltklasse!!!

Danach noch der übliche Trott. Körperpflege (rasieren mit Einwegrasierer, Seife und Pinsel – sehr, sehr blutige Geschichte...), Socken und Unterwäsche waschen (zur Zeit mein einziges Paar) und zum Abschluss noch in der antiken Zeitung blättern.
Weltklasse!!!

Spätestens wenn ich dann auf der Sportseite angekommen bin, dort wird gerade über das bevorstehende Nordderby Werder vs HSV berichtet, werden meine Gedanken dann wohl abschweifen. Dann bin ich bei Euch, denn Ihr seid....
Nein, nicht weltklasse, sondern ein Teil meines Lebens den ich wiederhaben will!!!

Ich vermisse Euch alle!!!

Deshalb
Grüße an:
Hamburg Outsiders, Hamburg Riot Crew, Hamburg Ultras, Poptown, Chosen Few, die Sportfreunde, TSV Wedel 2. Herren, Sven Freese und Paula, der irgendjemand nen Bussi von mir geben soll, am Besten Björn. Außerdem an alle die sich angesprochen fühlen und die ich nicht genannt habe.

Keine Grüße an:
Naja, lassen wir das lieber.....

Wenn Du Zeit und Lust hast, kannst Du den Text ja so abändern, dass sich alle angesprochen fühlen und ihn in die bekannten Foren / Gästebücher setzen.
Das wäre echt weltklasse!!!
So, damit hat mein Einfallsreichtum ein Ende. Ich hoffe auf baldiges wiedersehen.

Schwarz – Weiß – Blaue Grüße

N

Anmerkung von A: Ich habe den Brief 1 zu 1 übernommen
Steve
Zitat:
Original von Dr. Steif
http://www.ultra-stpauli.com/copper/albu.../thumb_DSCF3433


Free the Munich 4! USP


hmm... sehr merkwürdig die ganze geschichte... aber wenn die USP so ein transpi machen, wird es sich kaum um nazis oder hools handeln...???! ein bisschen info für die öffentlichkeit wäre schon nicht schlecht, wenn man sich solidarität wünscht...
JanR
so wies aussieht sind die jungs immernoch in haft...
leinaD
Nils ist heute überraschend frei gekommen.

Quelle: NWU Forum und CFHH Gästebuch
Suffältester
HSV-Fan drei Monate in U-Haft - aber warum?

Sicherheit: Hysterie oder bittere Notwendigkeit? Wie sich Deutschland auf ungebetene Gäste bei der am Freitag in München beginnenden Fußball-Weltmeisterschaft vorbereitet hat. Die unglaubliche Geschichte des Hamburgers Nils Bethge einte Fans in ganz Deutschland in ihrer Abneigung gegen staatliche Repressalien im WM-Vorfeld.

Von Björn Jensen

Hamburg -
Da ist dieses Zittern, wenn die Wut wieder in ihm aufwallt. Ein Zittern, das vom Brustkorb in die Arme zieht. Es ist das einzige sichtbare Zeichen von Zorn, das sich Nils Bethge gestattet, wenn er über die drei Monate spricht, die sein Leben verändert haben. Drei Monate, von denen er hofft, daß sie die schlimmste Erfahrung seines Lebens bleiben werden. Drei Monate, die eine Geschichte erzählen über die Kehrseite der WM-Hysterie in diesem Land.



Nils Bethge, 26, gelernter Zimmermann, in Wedel aufgewachsen und wohnhaft in Sülldorf, ist seit 1987 Anhänger des HSV. Seit 1994 wird er als Dauerkarten-Kunde, seit 2003 als Vereinsmitglied geführt. Als reger Auswärtsspiel-Besucher ("Allesfahrer") ist er in der Fanszene bekannt und bei der Polizei als Anhänger der "Kategorie B - gewaltbereiter Fußballfan" eingestuft. Mit seinem Kurzhaarschnitt und dem kräftigen Oberkörper mag er äußerlich das Klischee des Schlägers erfüllen; Freunde, Familie und Vorgesetzte beschreiben ihn als "höflich, diszipliniert und in seinem Selbstbewußtsein sehr gefestigt". Dirk Mansen, als früherer HSV-Fanbeauftragter mit der Szene vertraut, nennt ihn "ein unbeschriebenes Blatt". Bethge selbst sieht Fußball als seine größte Leidenschaft und sich als treuen Fan. "Ich bin nicht latent gewaltbereit, aber ich würde mich verteidigen, wenn ich es müßte", sagt er. Bethge war Zeitsoldat, seine Geisteshaltung ist quasi Berufsethos.

21. Januar 2005 - der Tag, an dem alles begann
Am 21. Januar 2005 organisiert er eine Busreise zum Bundesligaspiel des HSV beim FC Bayern München. Nach der Partie trifft er in einem Schwabinger Lokal einen Bekannten, der wie er dem Fanklub "Outsiders" angehört. Dieser war von Münchner Fans verprügelt worden. In der allgemeinen Erregung darüber beschließt eine 25köpfige Gruppe, sich für den Kameraden "geradezumachen". Bethge, wie meist bei Fußballspielen nüchtern und bis dato niemals polizeilich als gewalttätig aufgefallen, macht den Fehler, der im nachhinein als folgenschwer einzustufen ist: Er schließt sich der Gruppe an.

Diese wartet am mit den Münchner Schlägern ausgemachten Treffpunkt, einem Schnellimbiß, und wird dort von einer Übermacht angreifender Bayern überrascht. Der Bitte der Hamburger, die Kneipe zu verriegeln und die Polizei zu rufen, kommt der Wirt nach. Die Münchner fliehen, eine Schlägerei findet nicht statt. Die eingetroffenen Beamten nehmen die Personalien der Hamburger auf und entlassen sie wenig später. Nils Bethge tritt in dem von ihm organisierten Bus die Heimreise an. Da gilt er noch als Opfer.

Am 30. Oktober wird aus dem Opfer offiziell ein Täter. Bethge erhält auf Grund belastender Aussagen eines Gastes des besagten Münchner Schnellimbisses Post von der Staatsanwaltschaft München. Inhalt des Schreibens: Gegen ihn werde wegen schweren Landfriedensbruchs, Organisation einer Schlägerei und Rädelsführerschaft ermittelt. Am 1. November wird er auf einer Hamburger Polizeiwache mit den Vorwürfen konfrontiert. "Da war ich baff, habe die Aussage verweigert und mir einen Anwalt genommen", erinnert sich Bethge.

21. Dezember 2005 - der Tag der Verhaftung
Auf die erste Vorladung folgt zunächst nichts. Bis zum 21. Dezember, dem Tag, an dem der HSV im DFB-Pokal-Achtelfinale erneut beim FC Bayern antreten muß. Bethge, der verständlicherweise keine Lust auf eine München-Reise hat, schaut die Partie im Sportpub Tankstelle, einem offiziellen HSV-Lokal auf dem Kiez. In der Halbzeit wird er von einem ihm bekannten "szenekundigen Beamten" in einen Polizeiwagen gebeten. Dort wird ihm ein Haftbefehl vorgelegt, man bringt ihn zunächst auf die Davidwache und anschließend in die Haftanstalt am Holstenglacis. Der Alptraum beginnt.

Der mit dem Fall betraute Rechtsanwalt Norbert John hat in seinem Beruf viel erlebt, aber Bethges Geschichte erschüttert auch ihn. "Es gab keine Beweise, noch nicht einmal Anhaltspunkte, die gegen Nils vorlagen. Die Konstruktion des ganzen Falls war abenteuerlich. Als Haftgrund wurde Verdunklungsgefahr genannt, weil er mal einen Bekannten gefragt hatte, ob der gegen ihn ausgesagt habe. Der Junge hatte einen festen Arbeitsplatz und einen festen Wohnsitz vorzuweisen und keinerlei Eintragungen in seinem Strafregister. Ihn in U-Haft zu nehmen, das war völlig abwegig", sagt er.

Abwegig oder nicht, die Staatsanwaltschaft München besteht auf Haftverbleib. Die Weihnachtstage muß Bethge, ebenso wie drei weitere in dem Fall festgenommene HSV-Fans, in Haft verbringen, zwischen Rotlicht-Größen und Drogendealern, "die mich alle fast bemitleidet haben. Die haben über meine Haftgründe nur gelacht." Ihm selbst verging das Lachen spätestens am 13. Januar, als er vom Holstenglacis nach München-Stadelheim verlegt wurde. Der Abtransport erfolgte eine Stunde bevor seine Eltern ihn erstmals hätten besuchen sollen. Für Mutter Monika, die sich in den Tagen seit der Inhaftierung ihres Sohnes "von Weinkrampf zu Weinkrampf" gehangelt hatte, bricht eine Welt zusammen. Der Sohn erfährt davon nichts; er darf zu niemandem Kontakt haben.

Sieben Tage dauert der Transport, per Bus werden auf dem Weg nach München 24 deutsche Gefängnisse abgefahren. Der Trotz, der Bethge die Erfahrungen der ersten Haftwochen ertragen ließ, weicht auf der Reise dem Gefühl der Hoffnungslosigkeit. "Ich habe da realisiert, daß das Ganze ernst gemeint ist", sagt er. In München hat er schnell Gewißheit für diese Annahme. "Ich durfte nicht mal telefonieren lassen, nur Briefe schreiben war möglich, und die wurden auf ihren Inhalt kontrolliert." Kontakte zur Außenwelt sind so auf ein Minimum reduziert. Bethge beschreibt die ersten Tage in München als Hölle. "Die Ungewißheit, wie es weitergeht, war brutal."

31. Januar 2006 - Nils hat Geburtstag und Besuch seiner Eltern
Am 31. Januar, es ist sein 26. Geburtstag, erhält Bethge erstmals Besuch von seinen Eltern. Gemeinsam mit Schwester Nina sitzen sie von ihm durch eine Sichtblende getrennt, sie können ihn nicht richtig in den Arm nehmen, den Gesprächen lauscht ein Aufseher. "Das war skurril, wir waren bis dahin nie mit dem Gesetz in Konflikt. Wir fühlten uns wie in einem schlechten Krimi", erinnert sich Monika Bethge, der die Gedanken an diese Zeit noch immer Magenschmerzen verursachen. Nils beschreibt den ersten Besuch seiner Familie als "emotionale Ausnahmesituation".

Die Ausnahme reißt ihn nur kurz aus dem freud- und sinnlosen Alltag. 23 Stunden am Tag ist er eingeschlossen, die Teilnahme an gesellschaftlichen Aktivitäten wie Sport oder Gottesdienst ist ihm nicht gestattet, weil in der JVA Stadelheim ein weiterer von den in seinem Fall festgenommenen HSV-Anhängern einsitzt. 14 Kilo nimmt er wegen des üblen Essens ab. Noch schlimmer sind die kleinen Gemeinheiten, die die Aufseher nutzen, um ihn zu schikanieren: Zwei Wassereimer, die er gefüllt zum Hanteltraining benutzt, werden ihm ohne Begründung abgenommen. Kreuzworträtsel, die ihm Freunde schicken, werden konfisziert - es bestehe die Gefahr, daß sie codierte Botschaften enthalten.

Unterdessen hat die Rückrunde der Fußball-Bundesliga begonnen, und Nils' Geschichte macht in den Fanszenen vieler Vereine die Runde. Überall kommt es zu Solidaritätskundgebungen, sogar vom Lokalrivalen FC St. Pauli gibt es Unterstützung. Bei HSV-Spielen werden Transparente aufgehängt, "Freiheit für die Jungs" steht auf einem, "Free Nils" auf einem anderen. Nils, der in seiner Zweimann-Zelle mittlerweile ein TV-Gerät bewilligt bekommen hat, sieht sie in der "Sportschau". Bei seinen Mithäftlingen ist er nun bekannt, "Freiheit für die Jungs" rufen sie ihm nach. Die öffentliche Unterstützung macht ihm Mut, noch mehr jedoch helfen ihm die Briefe, die ihm Familie, Freunde und Bekannte schicken. Nur ein kleiner Teil schafft es, unbeanstandet durch die Gefängnis-Zensur, dennoch füllen sie einen Leitz-Ordner, auf dem Nils' Hand ruht, während er seine Geschichte erzählt.

Am 7. Februar lehnt die Staatsanwaltschaft München die von Rechtsanwalt John eingelegte Haftbeschwerde ab. Mitgeteilt wird dem Häftling dies am 23. Februar, die Urteilsbegründung erhält er am 2. März. Es ist der Tag, an dem John kapituliert. "Ich mußte den Fall abgeben, weil ich merkte, daß ich über die räumliche Distanz nicht weiterkam. Ich hatte nach der Ablehnung das Gefühl, daß man Nils weichkochen wollte", sagt er. Dies gelingt: Bethge, entnervt von der drohenden Aussicht auf weitere Monate in Haft, kontaktiert den Münchner Anwalt Klaus Gußmann, und auf einmal geht alles schnell.

Für den 13. März erwirkt Gußmann eine richterliche Anhörung. Bethge reicht dafür eine schriftliche Stellungnahme ein, die dem Abendblatt vorliegt. Darin gesteht er ein, "daß ich mich in einer aufgewühlten Situation dazu habe hinreißen lassen, zu einer geplanten Schlägerei mitzugehen". Die Rädelsführerschaft und die Mitwirkung an der Planung leugnet er weiterhin. Die Anhörung dauert 20 Minuten. Bethge erkennt auf Anraten seines Anwalts den Vorwurf des schweren Landfriedensbruchs und die damit verbundene Mindeststrafe von sechs Monaten Haft auf Bewährung an. Das war das Signal, auf das die Staatsanwaltschaft gewartet hatte. John: "Von Anfang an hatte man mir gesagt, daß Nils nur zu gestehen brauche, dann käme er sofort frei. Doch es gab nichts zu gestehen. Daß Nils unter dem Druck letztlich doch eingeknickt ist, kann ich aber verstehen."

17. März 2006 - der Tag der Entlassung aus der U-Haft
Nach dem Teilgeständnis werden die restlichen Vorwürfe fallengelassen, ebenso ist keine Rede mehr von Verdunklungsgefahr. Vier Tage später wird Bethge aus der Haft entlassen. Am 17. März um 13.30 Uhr ruft er seine Familie aus München an und überbringt die frohe Kunde. Um 21 Uhr wird er am Bahnhof Altona von seinen Eltern, seiner Schwester und rund 100 HSV-Fans aus verschiedensten Gruppierungen begeistert empfangen. So plötzlich, wie der Alptraum begann, so schlagartig endet er.

Zweieinhalb Monate sind seitdem ins Land gegangen. Nils Bethge hat, davon ist er weiterhin überzeugt, keine andere Wahl gehabt, als die Mindeststrafe zu akzeptieren. "Die hätten mich noch Monate in Haft behalten, aber ich mußte an meine Zukunft denken", sagt er. Für ihn sei klar, daß die Staatsanwaltschaft an ihm ein Exempel statuieren wollte. Im Vorfeld der WM habe man versucht, Härte gegen mutmaßliche Krawallmacher zu demonstrieren und zudem geglaubt, über ihn an Drahtzieher der Fußballgewalt herankommen zu können. Die Staatsanwaltschaft München wollte sich gegenüber dem Abendblatt zu dem gesamten Fall nicht äußern - auch, weil der mit Bethge in Stadelheim einsitzende HSV-Anhänger, dessen Fall wegen einer Vorstrafe anders gelagert ist, noch immer inhaftiert ist und das Verfahren deshalb als schwebend behandelt wird. Das zuständige Oberlandesgericht verwies auf Abendblatt-Anfrage nur an die Staatsanwaltschaft.

Was Bethge fasziniert, ist die Tatsache, daß ihn niemand fallengelassen hat. Zwar hat er die Bundeswehr verlassen müssen, "weil mit einer Vorstrafe die Aufstiegschancen verbaut sind", aber in allen Ehren, mit der vertragsgemäßen Abfindung und einer positiven Beurteilung seines Chefs, der stets zu ihm stand. Für ihn sei jetzt wichtig, schnell einen neuen Job zu finden, um sich im Alltag zu etablieren.

Die Sympathien der Fanszene, aus deren Spenden er die Prozeßkosten finanzieren konnte, und auch das Angebot von HSV-Vorstandsmitglied Christian Reichert, ihm bei Schwierigkeiten helfen zu wollen, haben ihn davon überzeugt, weiter zum Fußball zu gehen. "Natürlich gehe ich mit einem komischen Gefühl ins Stadion, weil ich weiß, daß ich mir nichts zuschulden kommen lassen darf. Aber ich will mir meine Leidenschaft nicht nehmen lassen." Ruhiger sei er durch den Gefängnisaufenthalt geworden, sagt Nils. "Sachen, die mich früher aufgeregt haben, bringen mich nicht mehr aus der Ruhe."

Die Familie hat die Leidenszeit überstanden, indem sie noch enger zusammengerückt ist. Am 9. April nahmen Nils' Eltern in Hamburg an einer Demonstration von 300 Fußballfans teil, die sich gegen "Repressalien der Polizei" wendete und auf der Nils als Hauptredner auftrat. "Ich war vorher noch nie bei einer Demo", sagt Monika Bethge, die selbst als Politesse arbeitet, "aber durch die Sache ist unser Weltbild ins Wanken geraten." Zwar habe sie das Vertrauen in den Rechtsstaat nicht verloren, "aber daß Unschuldige einfach so eingesperrt werden können, kann ich nicht begreifen". Ihr Sohn werde an der Geschichte noch lange zu knabbern haben. "Nils kann von Glück sagen, daß er ein so starkes Selbstbewußtsein hat. Andere wären an dieser Sache zerbrochen. Aber auch wenn er es nicht zeigt, innerlich bewegt ihn das Ganze doch sehr", sagt sie. Es ist dieses Zittern, das beweist, wie recht sie hat.

erschienen am 7. Juni 2006

Quelle: Hamburger Abendblatt
nucleo


Der letzte Inhaftierte ist nun auch frei. Morgen ist Party.