Frankfurter Rundschau: Blonde Offensive

Bömmel
Blonde Offensive


Der Abo-Kanal Premiere muss während der WM 45 000 Sendeminuten füllen und tut das mit dem Ehepaar Effenberg und Boris Becker
VON WOLFGANG HETTFLEISCH (LEIPZIG)


Die WM wird ziemlich blond. Jedenfalls für all jene, die einen Premiere-Decoder ihr eigen nennen. Der Abo-Sender stellte anlässlich der Endrunden-Auslosung in Leipzig vor, was der für Sport verantwortliche Vorstand Hans Mahr ohne Umschweife "ein Dream Team" nennt. Und da kletterten im beeindruckenden Ambiente des ehemaligen Tanzpalasts Ring Café neben den üblichen Verdächtigen Marcel Reif und Sebastian Hellmann und den fürs Turnier als Experten verpflichteten Ottmar Hitzfeld und Lothar Matthäus auch zwei blonde Herren und eine sehr blonde Dame auf die Bühne, an deren Anblick sich der Fußballfan bei Premiere noch wird gewöhnen müssen: Tennis-Legende Boris Becker und das Ehepaar Effenberg. Letzteres wurde vom als Moderator fungierenden Moderator Hellmann mit der rhetorischen Frage vorgestellt: "Wer kann Meinung machen in Deutschland?" In der Tat wird es wohl Meinungen hageln anlässlich der anschließend beschriebenen Aufgabenteilung im Dream Team. So soll Claudia Effenberg den Premiere-Zuschauern das Turnier aus bislang sträflich vernachlässigter Perspektive näher bringen. Das 40-jährige Ex-Model an der Seite des ewigen "Tigers" beschreibt es so: "Lifestyle ist mehr mein Ding." Will meinen, Frau Effenberg wird sich um das eigentlich Wesentliche kümmern: Spielerfrauen, Night Life und, volle Deckung, "Outfits fürs Stadion".

Wen das noch nicht überzeugt, der wird vielleicht beim Einsatz von Boris Becker auf seine Kosten kommen, der Hellmann zufolge als Außenreporter "an den großen Stars ganz nah dran" sein wird. Auf Du und Du mit den Stars war Becker ja schon mal beim Deutschen Sportfernsehen, falls sich jemand erinnert. Also weiß er: "Sportler haben Vertrauen in mich." Dann kann ja nichts schief gehen bei Beckers Versuch, "dieses Fünkchen zu bekommen", das Reporter Kreti und Kollege Pleti beim Versuch, den Stars mal was ganz Intimes zu entlocken, so beharrlich versagt bleibt.

Komplettiert wird die WM-Mannschaft von Premiere übrigens durch den zum Brasilien-Beauftragten erklärten Giovane Elber und den mit Neuling Effenberg ins Analyse-Fach drängenden Christoph Daum. Die übliche Premiere-Crew um die Mikro-Routiniers Reif und Fritz von Thurn und Taxis tritt natürlich auch an. Schließlich wollen biblisch anmutende 45 000 Sendeminuten gefüllt sein. Denn Premiere wird nicht nur alle 64 Spiele übertragen und morgens in voller Länge wiederholen, sondern für alle pathologischen Fußballfans auch noch rund um die Uhr mit einem Endlos-Kanal auf Sendung gehen. "Premiere ist immer dran", verspricht Mahr, weshalb einem garantiert kein Frisurenwechsel im Fußballerfrauenlager entgehen wird. Und auf dem Spielfeld schon gar nichts, dank "Beobachtungskameras", die uns den Arbeitstag von Ballack oder Ronaldinho noch einmal ganz individuell näher bringen sollen. Natürlich wahlweise in den Formaten 4:3 oder 16:9, weshalb die Besitzer betagterer Fernsehapparate nur bei der bösen Konkurrenz einen Balken vorm Kopf haben werden.

Bei Premiere spricht man stolz von "Unterscheidungskriterien", wobei in der gestrigen Pressekonferenz offen blieb, ob sich das mehr auf die genannten Gimmicks und die neue hochauflösende Technik HDTV bezieht, in deren Genuss die Kundschaft, den entsprechenden Fernseher vorausgesetzt, bei der WM kommen wird, oder auf die blonde Offensive. Vermutlich beides. Ideal wären 24 Stunden Sylvie van der Vaart in High Definition. Vielleicht nimmt WM-Society-Reporterin Claudia Effenberg sogar den Kaugummi raus.

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