Frankfurter Rundschau: Die Welt in Leipzig

Bömmel
Die Welt in Leipzig

Vor der Auslosung der Gruppen für die WM-Endrunde 2006 überlassen die Herren des Fußballs nichts dem Zufall

VON WOLFGANG HETTFLEISCH (LEIPZIG)



Die Freitagsdemo von Roter Stern Leipzig fällt aus. Eigentlich wollte der kleine Fußballverein die mediale Aufmerksamkeit anlässlich der heutigen Auslosung der Endrunden-Gruppen für die Fußball-Weltmeisterschaft nutzen, um auf seine Probleme aufmerksam zu machen. Seit Jahren sucht man vergeblich nach einem Sportplatz in der Stadt, der angemessene Bedingungen für Trainings- und Spielbetrieb bietet. Die Kommune, so die bittere Erkenntnis des Amateurklubs, stecke ihre Millionen lieber in Prestige-Projekte wie die Olympia-Bewerbung, mit der Leipzig erwartungsgemäß auf die Nase fiel, oder eben in die Gastgeberrolle zur Fußball-Weltmeisterschaft. Schließlich saßen der Noch-Oberbürgermeister und Neu-Bundesminister Wolfgang Tiefensee und seine olympischen Mitstreiter nach der Absage vom Internationalen Olympischen Komitee auf einem prall gefüllten Fördertopf für ein vor allem städtebaulich ambitioniertes Sofortprogramm. "Den Topf", assistiert die Leipziger Volkszeitung nun brav, "galt es kongenial zu leeren."

Die kongeniale Leerung dient primär dazu, die derzeit einer gigantischen Baustelle ähnelnde sächsische Metropole pünktlich zur WM im kommenden Sommer in neuem Glanz erstrahlen zu lassen. Mit forcierter Basisarbeit für den darbenden Leipziger Fußball - der FC Sachsen spielt in der Oberliga, der zwischenzeitlich konkurs gegangene Traditionsklub Lok ist gar siebtklassig - lässt sich die Weltöffentlichkeit nun mal nicht beeindrucken. Natürlich könnten Fernsehbilder demonstrierender Amateurfußballer den erwünschten Imagetransfer empfindlich stören, weshalb die Stadt Leipzig den Aktivisten von Roter Stern zu verstehen gegeben haben soll, sie werde eine solche "Konfrontation" nicht dulden und gegebenenfalls Fördermittel für soziale Projekte im Umfeld des Klubs streichen. Das reichte.

Wenn die Welt zu Gast bei Freunden ist, wie es im WM-Slogan heißt, soll nichts und niemand das Bild trüben. Und die heutige Ziehung der WM-Gruppen, die dem strengen Zeitplan zufolge exakt von 21.20 bis 21.53 Uhr über die mit 4800 Quadratmeter annähernd fußballfeldgroß geratene Bühne gehen soll, ist für den Vize-Präsidenten des Organisationskomitees, Wolfgang Niersbach, "die Nagelprobe für unsere Organisation". Vielleicht ist es sogar mehr als das. Es spricht eine Art wilder Entschlossenheit aus den Worten von Heribert Fassbender, wenn das ARD-Urgestein das Ziel der Anstrengungen des übertragenden Senders so beschreibt: "Unser Teil der Aufgabe besteht darin, Deutschland als sympathisches, fußballbegeistertes Land darzustellen." Und es ist - zumindest aus Binnensicht - eine Spur zu pathetisch, wenn Niersbach die Entscheidung, die populärste Losziehung der Welt in Leipzig, dem einzigen WM-Spielort auf dem Boden der ehemaligen DDR, vorzunehmen, zum Symbol dafür erklärt, "dass dies ein anderes Land geworden ist".

Ohnehin ist die Fußball-Weltmeisterschaft, das zeigte sich in Leipzig auch in vergangenen Tagen, keine originär deutsche Angelegenheit. Die Freunde, bei denen die Welt vom 9. Juni bis zum 9. Juli zu Gast sein wird, sitzen eigentlich in der Organisations- und Marketing-Abteilung des Fußball-Weltverbands Fifa. Dessen Präsident, der Schweizer Joseph Blatter, wird auf seinem täglichen Weg ins Medienzentrum zur Pressekonferenz von Kameraleuten verfolgt wie ein Pop-Star. Die Strategen des Weltverbands überlassen nichts dem Zufall. Zur WM in Deutschland wurde gar ein eigener Duft kreiert. Frisch und fruchtig soll er laut Eigenwerbung sein, und natürlich von "männlichem Charakter". Die Herren des Weltfußballs, das lässt sich in Leipzig eingehend studieren, haben die Weltmeisterschaft und deren Präliminarien in eine perfekt durchgestylte Produkt-Präsentation verwandelt.

Selbst die offiziellen Sponsoren, die sich auf einem kleinen Ausstellungsgelände in der Glashalle der Leipziger Messe vorstellen, werden an der kurzen Leine gehalten. "Man darf hier nichts von alledem machen, das man normalerweise tut", klagt einer aus dem Lager der solventen Großsponsoren. Keine Snacks, keine Getränke, keine Musik. Die Fifa reguliert alles - bis hin zur Anzahl der Werbemappen, die über die Tresen der Messestände gehen dürfen. Aufpasser sorgen dafür, dass niemand aus der Reihe tanzt. Kritik ist nicht erwünscht. Den Termin mit zwei europäischen Sportministern, die sich mit Blatter in Leipzig treffen wollten, um über Fragen des Transferrechts zu diskutieren, sagte der Schweizer verschnupft ab, weil die Politiker Fachleute aus ihren Profi-Ligen mitbringen wollten. "Die Zusammensetzung der Delegation hat uns nicht gefallen", berichtete Blatter kühl, wobei der Plural nicht etwa einem beginnenden Cäsarenwahn, sondern der Tatsache geschuldet ist, dass der Fifa-Boss die barsche Absage von seinem Exekutivkomitee absegnen ließ.

Das größte Sportereignis der Welt, das "am Freitag um 21.53 Uhr sein ganz präzises Gesicht haben wird" (Wolfgang Niersbach), lässt sich aus vielen verschiedenen Blickwinkeln betrachten, und nicht jeder ist so schmeichelhaft, wie es die frontale Kamerafahrt auf Co-Moderatorin Heidi Klum verheißen könnte. Natürlich gibt es auch die vielen hilfsbereiten Leipziger, die den dieser Tage durch ihre Stadt irrenden Fremden geduldig den Weg erklären. Es gibt die knapp 250 Freiwilligen, die ohne Eigennutz und Hintergedanke helfen, die Großveranstaltung auf dem Messegelände zu stemmen, für die allein die ARD 120 Sattelschlepper-Ladungen Material herbeikarrte. Und da waren dann ja am Donnerstag auch noch die vielen Menschen, die sich bei wenig einladendem Wetter in der City zu einem vier Kilometer langen Lindwurm formierten, um ihre Begeisterung für die Weltmeisterschaft zu demonstrieren. Das große Turnier in einem halben Jahr, es soll eben doch auch ihre WM sein. Ohne das große Tamtam, das die 3700 geladenen Gäste heute Abend in Halle 1 erwartet. Mit Mozart und Weltraumbildern. Mit Beckmann und Klum, mit Merkel, Köhler und Schröder. Und natürlich mit 32 Loskugeln, deren Inhalt sich dank des Zugriffs von Pelé, Johan Cruyff, Lothar Matthäus und anderen Größen des Fußballs zum Tableau der Fußball-WM 2006 fügen wird.

Steffen Kubald, der Präsident von Lok Leipzig, wird sich das mit Interesse am Fernseher ansehen. Er hat das Seine getan, die Veranstaltung nach Kräften zu unterstützen. Von der D-Jugend aufwärts hat er die "Lokisten" an die nach den 32 qualifizierten Teams aufgeteilte Strecke der Menschenkette in die Innenstadt beordert - Abschnitt England. Dort stand auch Kubald selbst mit seinem Sohn. Vor kurzem hatte Lok Leipzig für Schlagzeilen gesorgt. Beim Auswärtsspiel in Wurzen hatte es schwere Zusammenstöße mit der Polizei gegeben. Darauf setzten in Kommunalpolitik und örtlicher Presse die üblichen Reflexe ein. Der Ruf des Traditionsklubs ist ohnehin ramponiert. Und für Ursachenforschung oder eine differenzierte Aufarbeitung bleibt keine Zeit. Jetzt, da doch die Welt zu Gast bei Freunden ist.

Frankfurter Rundschau