Suffältester
Freude ist das beste Rezept gegen Gewalt"
Fußball: Gespräch mit dem Sportwissenschaftler Gunter A. Pilz. Deutschlands renommiertester Fanforscher zu Wandlungen im Verhalten der Zuschauer und deren Bedeutung für die Fußball-WM 2006.
Von B. J. TREDE
ABENDBLATT: Herr Professor Pilz, Sie haben gerade eine umfangreiche wissenschaftliche Studie zum Wandel des Zuschauerverhaltens im Profifußball fertiggestellt. Wie lauten Ihre wichtigsten Erkenntnisse?
PILZ: Neben den Hooligans hat sich in den letzten Jahren mit den sogenannten Ultras eine neue große Fan-Gruppierung manifestiert. Ursprünglich einte sie die gemeinsame Ablehnung der zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs. Charakteristisch waren die eigentlich sehr positiven Wege, mit denen sie ihrem Protest Ausdruck verliehen: äußerst kreative, stimmungsvolle Choreographien in den Stadien und vor allem die strikte Ablehnung von Gewalt.
ABENDBLATT: Sie sprechen in der Vergangenheit. Ist das heute nicht mehr so?
PILZ: Leider nicht. Es ist zu beobachten, daß sich die Ultras mehr und mehr von ihrer selbstverordneten Gewaltlosigkeit zu lösen beginnen. Sie suchen verstärkt den Kampf auf der Straße. Die neue Qualität liegt darin, daß die Aggression kultiviert wird. Sie beschränkt sich nicht, wie etwa bei vielen Hooligans, auf ein Wochenende oder die 90 Minuten des Spiels, sondern wird radikal und ausdauernd gelebt - sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag.
ABENDBLATT: Welches sind die Feindbilder der Ultras?
PILZ: Die Rivalitäten sind stark vereinsgebunden. Doch neben den Anhängern verfeindeter Klubs sehen die Ultras das "Böse" in den Verbänden, also dem Deutschen Fußball-Bund und dem Weltverband Fifa, sowie den Medien, also in den Organisationen, die ihrer Wahrnehmung nach der exzessiven Vermarktung und Eventisierung des Sports Vorschub leisten. Hinzu kommt die Polizei, die dieses System schützt. Die Beamten haben es besonders schwer.
ABENDBLATT: Warum?
PILZ: Während Hooligans die Polizei als sportliche Gegner betrachten und sich durch ihre Anwesenheit aufgewertet fühlen, wird sie von den Ultras per se als Bedrohung empfunden, auf die sofort aggressiv reagiert werden muß. Den Hooligans muß mit massiver Präsenz und knallharter Kompromißlosigkeit begegnet werden, gegenüber den Ultras ist es dagegen eher angebracht, verdeckt zu operieren und auf Selbstregulierung zu setzen. Wenn sich nun aber Hools und Ultras mischen, kann die Polizei eigentlich nur Fehler machen.
ABENDBLATT: Die Sicherheitsvorkehrungen bei der WM sind so hoch wie noch nie. Die Stadien gleichen Festungen, sind mit weiträumigen Bannmeilen versehen. Werden sich die Brennpunkte der Polizeiarbeit auf die großen, öffentlichen Fan-Feste verlagern?
PILZ: Ja und nein. Dort, wo große Menschenmassen aufeinandertreffen und Alkohol und Emotionen im Spiel sind, wird es immer Ärger geben. Für gewaltbereite Fans sind die Plätze, an denen das Public Viewing stattfindet, aber in der Regel völlig uninteressant. Sie bieten viel zuwenig Bewegungsmöglichkeiten für das gewollte Katz-und-Maus-Spiel mit verfeindeten Fans oder der Polizei. Wenn es Probleme gibt, dann wohl eher weit außerhalb der Städte, fernab der Stadien und Fan-Feste. Hierzu trägt allein der Modus der WM bei.
ABENDBLATT: Sie meinen das seit der Frankreich-WM 1998 praktizierte System, daß die Teams in der Vorrunde nicht an einem Ort bleiben?
PILZ: Richtig. Es werden riesige Wanderbewegungen per Zug oder Auto einsetzen, wenn die Anhänger ihren Teams zum nächsten Spielort folgen. Hinzu kommt die zentrale Lage Deutschlands. Da können aus den angrenzenden Ländern mal eben morgens 20 000 Anhänger ins Land und abends wieder hinausfahren. Die neuralgischen Punkte sind nicht die Spielorte. Sie liegen vielmehr da, wo sich Autobahnen und Bahnlinien kreuzen
ABENDBLATT: So gesehen hatte Portugal als Gastgeber der letzten EM ja eine traumhafte geographische Lage. Dort sorgte höchstens mal ein Flitzer auf dem Spielfeld für Aufsehen. Müssen wir ängstlich sein?
PILZ: Dazu gibt es keinen Grund. Im Gegenteil: Ich sehe ein Problem darin, daß schon im Vorfeld das Thema Sicherheit von Medien und vor allem Politikern so hochgespielt wird. Ständig wird gefragt, was alles passieren könnte. Unser Interview geht ja auch gerade in diese Richtung. So kann auch ohne eigentlichen Anlaß ein Klima der Angst entstehen, das den Spielraum, souverän und angemessen mit tatsächlich aufkommenden Problemen umzugehen, minimal werden läßt.
ABENDBLATT: Was können wir dagegen tun?
PILZ: Uns auf die WM freuen und auch denjenigen, die kein Ticket abbekommen, das Gefühl geben, ein Teil dieses Fußballfestes zu sein. Das ist die beste Gewaltprävention. Hamburg ist da sehr gut aufgestellt; das hiesige Fan-Office leistet, wie ich finde, ganz hervorragende Arbeit. Wenn es uns als Gastgebern gelingt, authentische Begeisterung auszustrahlen, werden wir den wunderbaren WM-Slogan von der Welt, die zu Gast bei Freunden ist, mit Leben füllen und damit ganz automatisch fröhliche, entspannte und problemlose Spiele erleben.
erschienen am 17. November 2005 (Hamburger Abendblatt)
http://www.abendblatt.de/daten/2005/11/17/503947.html
Fußball: Gespräch mit dem Sportwissenschaftler Gunter A. Pilz. Deutschlands renommiertester Fanforscher zu Wandlungen im Verhalten der Zuschauer und deren Bedeutung für die Fußball-WM 2006.
Von B. J. TREDE
ABENDBLATT: Herr Professor Pilz, Sie haben gerade eine umfangreiche wissenschaftliche Studie zum Wandel des Zuschauerverhaltens im Profifußball fertiggestellt. Wie lauten Ihre wichtigsten Erkenntnisse?
PILZ: Neben den Hooligans hat sich in den letzten Jahren mit den sogenannten Ultras eine neue große Fan-Gruppierung manifestiert. Ursprünglich einte sie die gemeinsame Ablehnung der zunehmenden Kommerzialisierung des Fußballs. Charakteristisch waren die eigentlich sehr positiven Wege, mit denen sie ihrem Protest Ausdruck verliehen: äußerst kreative, stimmungsvolle Choreographien in den Stadien und vor allem die strikte Ablehnung von Gewalt.
ABENDBLATT: Sie sprechen in der Vergangenheit. Ist das heute nicht mehr so?
PILZ: Leider nicht. Es ist zu beobachten, daß sich die Ultras mehr und mehr von ihrer selbstverordneten Gewaltlosigkeit zu lösen beginnen. Sie suchen verstärkt den Kampf auf der Straße. Die neue Qualität liegt darin, daß die Aggression kultiviert wird. Sie beschränkt sich nicht, wie etwa bei vielen Hooligans, auf ein Wochenende oder die 90 Minuten des Spiels, sondern wird radikal und ausdauernd gelebt - sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag.
ABENDBLATT: Welches sind die Feindbilder der Ultras?
PILZ: Die Rivalitäten sind stark vereinsgebunden. Doch neben den Anhängern verfeindeter Klubs sehen die Ultras das "Böse" in den Verbänden, also dem Deutschen Fußball-Bund und dem Weltverband Fifa, sowie den Medien, also in den Organisationen, die ihrer Wahrnehmung nach der exzessiven Vermarktung und Eventisierung des Sports Vorschub leisten. Hinzu kommt die Polizei, die dieses System schützt. Die Beamten haben es besonders schwer.
ABENDBLATT: Warum?
PILZ: Während Hooligans die Polizei als sportliche Gegner betrachten und sich durch ihre Anwesenheit aufgewertet fühlen, wird sie von den Ultras per se als Bedrohung empfunden, auf die sofort aggressiv reagiert werden muß. Den Hooligans muß mit massiver Präsenz und knallharter Kompromißlosigkeit begegnet werden, gegenüber den Ultras ist es dagegen eher angebracht, verdeckt zu operieren und auf Selbstregulierung zu setzen. Wenn sich nun aber Hools und Ultras mischen, kann die Polizei eigentlich nur Fehler machen.
ABENDBLATT: Die Sicherheitsvorkehrungen bei der WM sind so hoch wie noch nie. Die Stadien gleichen Festungen, sind mit weiträumigen Bannmeilen versehen. Werden sich die Brennpunkte der Polizeiarbeit auf die großen, öffentlichen Fan-Feste verlagern?
PILZ: Ja und nein. Dort, wo große Menschenmassen aufeinandertreffen und Alkohol und Emotionen im Spiel sind, wird es immer Ärger geben. Für gewaltbereite Fans sind die Plätze, an denen das Public Viewing stattfindet, aber in der Regel völlig uninteressant. Sie bieten viel zuwenig Bewegungsmöglichkeiten für das gewollte Katz-und-Maus-Spiel mit verfeindeten Fans oder der Polizei. Wenn es Probleme gibt, dann wohl eher weit außerhalb der Städte, fernab der Stadien und Fan-Feste. Hierzu trägt allein der Modus der WM bei.
ABENDBLATT: Sie meinen das seit der Frankreich-WM 1998 praktizierte System, daß die Teams in der Vorrunde nicht an einem Ort bleiben?
PILZ: Richtig. Es werden riesige Wanderbewegungen per Zug oder Auto einsetzen, wenn die Anhänger ihren Teams zum nächsten Spielort folgen. Hinzu kommt die zentrale Lage Deutschlands. Da können aus den angrenzenden Ländern mal eben morgens 20 000 Anhänger ins Land und abends wieder hinausfahren. Die neuralgischen Punkte sind nicht die Spielorte. Sie liegen vielmehr da, wo sich Autobahnen und Bahnlinien kreuzen
ABENDBLATT: So gesehen hatte Portugal als Gastgeber der letzten EM ja eine traumhafte geographische Lage. Dort sorgte höchstens mal ein Flitzer auf dem Spielfeld für Aufsehen. Müssen wir ängstlich sein?
PILZ: Dazu gibt es keinen Grund. Im Gegenteil: Ich sehe ein Problem darin, daß schon im Vorfeld das Thema Sicherheit von Medien und vor allem Politikern so hochgespielt wird. Ständig wird gefragt, was alles passieren könnte. Unser Interview geht ja auch gerade in diese Richtung. So kann auch ohne eigentlichen Anlaß ein Klima der Angst entstehen, das den Spielraum, souverän und angemessen mit tatsächlich aufkommenden Problemen umzugehen, minimal werden läßt.
ABENDBLATT: Was können wir dagegen tun?
PILZ: Uns auf die WM freuen und auch denjenigen, die kein Ticket abbekommen, das Gefühl geben, ein Teil dieses Fußballfestes zu sein. Das ist die beste Gewaltprävention. Hamburg ist da sehr gut aufgestellt; das hiesige Fan-Office leistet, wie ich finde, ganz hervorragende Arbeit. Wenn es uns als Gastgebern gelingt, authentische Begeisterung auszustrahlen, werden wir den wunderbaren WM-Slogan von der Welt, die zu Gast bei Freunden ist, mit Leben füllen und damit ganz automatisch fröhliche, entspannte und problemlose Spiele erleben.
erschienen am 17. November 2005 (Hamburger Abendblatt)
http://www.abendblatt.de/daten/2005/11/17/503947.html