stern.de: Adrenalin pur

LeHrAs
Wer Fußball nicht mag, ist selbst schuld. Ein Besuch im Bremer Weser-Stadion würde so manchen von seinem Anti-Fußball-Syndrom befreien.

Gibt es sie eigentlich noch, die bemitleidenswerte Spezies Mensch, die sich nicht für Fußball interessiert? Ja, man hört davon - immer wieder. Es wäre vermessen, das versprengte Grüppchen der Anti-Fußballer als krank zu bezeichnen, aber - und diese Bemerkung sei dem objektiven Sportjournalisten mit dem Hang zum Fanatismus erlaubt -, diesen Leuten fehlt etwas Elementares in ihrem Leben. Oder hatten Sie schon mal einen 90-minütigen Adrenalin-Kick? Fußball-Freunde (nennen wir sie ruhig mal die Guten) kennen dieses Hochgefühl, dafür werden sie von den Bösen (in unserem Fall also die Ahnungslosen) beneidet.

Aber - und das ist die gute Nachricht - es ist noch nicht zu spät. Noch gibt es Hoffnung für die kränkelnde Minderheit, die im tristen Hamsterrad sitzt und die Guten voller Neid wahlweise im Samstag-Mittwoch-Rhythmus in die Augen blickt. Ein Tipp: Gehen Sie zu Ihrem Fußball besessenen Hausarzt und lassen Sie sich ein Rezept über ein Ticket für das Bremer Weser-Stadion verschreiben. Über die durchaus einzukalkulierenden Risiken und Nebenwirkungen wird Sie dann schon Ihr Sitznachbar aufklären. Gut möglich, dass er Ihnen etwas von akuten Kreislaufproblemen oder Herzflattern erzählt. Versuchen Sie daran aber vorerst nicht zu denken, sondern lassen Sie ganz einfach das Spektakel auf dem Grünen Rasen auf sich einwirken.

Sechs-Minuten-Wahnsinn"
Ein paar Genesungs-Chancen haben Sie allerdings schon verpasst, die letzte am Mittwoch beim Champions-League-Spiel der Bremer gegen Udinese Calcio. Jeder der über 35.000 Fans in der Arena wird diese Begegnung in seinem Leben nicht vergessen. Es war ein Fußball-Thriller, spannender als jeder Horror-Streifen, bei dem Wes Craven Regie geführt hat. Im vorentscheidenden Gruppenspiel glänzte Werder mit einem fulminanten Start, führte schnell mit 2:0, legte in der 51. Minute gar einen dritten Treffer nach. Wieder einmal zelebrierte das Team von Trainer Thomas Schaaf Fußball der allerersten Klasse - Leidenschaft, Kampf und Spielwitz inklusive. Die Zuschauer hielt es nicht mehr auf ihren Sitzen, bis das Unfassbare passierte.

Innerhalb von sechs Minuten verspielten die bis dahin so brillant aufspielenden Norddeutschen ihre komfortable Drei-Tore-Führung. Die Werder-Anhängerschaft erstarrte zur Salzsäule und schrie einen stummen Schrei aus, so als hätte man ihr das grün-weiße Herz herausgerissen. Nach dem "Sechs-Minuten-Wahnsinn" schien die Mannschaft mausetot, die Beine der Spieler blockiert. Klose und Co. bewegten sich im Zeitlupentempo über den vom Nieselregen aufgeweichten Rasen imWeser-Stadion. Keiner hätte zu diesem Zeitpunkt auch nur einen Cent auf diese in ihr Verderben laufende Mannschaft gesetzt. Alles sprach jetzt für die Gäste aus Udine. Aber, und genau das meinen die Guten, wenn sie von der 'Faszination Fußball' sprechen, es kam wieder anders.

"Bei uns ist immer was los"
Angetrieben von ihrem genialen Regisseur Johan Micoud, der in diesem denkwürdigen Match die vielleicht stärkste Leistung seiner Karriere ablieferte, mobilisierte Werder die letzten Kräfte und schwang sich zum Schlussspurt auf. Und der wurde tatsächlich vom Erfolg gekrönt. In der 67. Minute gelang den Bremern der frenetisch umjubelte Siegtreffer. Aber dummerweise war der Achterbahn-Fußball, der die Sinne der Zuschauer verwirrte, noch längst nicht vorbei. Auf der Tribüne wurde gezittert. Man mochte nicht mehr hinsehen. Angriff auf Angriff rollte auf das Bremer-Gehäuse zu bis, ja bis der Schlusspfiff ertönte. Der Jubel danach war anders als sonst, irgendwie gespenstisch. Wildfremde Menschen (wahrscheinlich auch einige Böse) lagen sich in den Armen, so als hätten sie einen Flugzeugabsturz überlebt. Mit zitternden Knien verließ die Werder-Gefolgschaft die Arena am Weserbogen, die schon Schauplatz so mancher Europapokal-Schlacht war. Die Zuschauer in Bremen sind Gefühlswechselbäder gewohnt, aber so eine Horror-Show hatten sie noch nie erlebt.

Thomas Schaaf fand nach dem Psycho-Schocker als Erster seine Sprache wieder, wenn auch in gewohnt einsilbiger Form. "Bei uns ist immer etwas los. Das kann man ruhig an jeden weitergeben." Wen er damit meinte, war klar: die bösen Ahnungslosen. Für sie bietet sich am 7. Dezember die nächste Gelegenheit auf eine Befreiung vom Anti-Fußball-Syndrom. Dann empfangen die Grün-Weißen am letzten Champions-League-Spieltag Panathinaikos Athen. Spektakel garantiert!
Bömmel
Scheiß Artikel. Warum? Darum:

Zitat:
Original von LeHrAs

die Arena am Weserbogen


Das ist unterschwellige Einflußnahme auf den Leser, damit er sich schon mal dran gewöhnt.
SVW-Fan
also ich finde den Artikel ganz gut und man kann ja auch alles schwarz sehen. Ich denke nicht, dass da nun unbedingt ein Hintergrund hinter dem Wort Arena ist.
Jimmy
Bömmel...

sorry, aber das ist lächerlich!

Ich weiss nicht, wie sehr ironisch das gemeint war, aber falls nicht tust du mir leid!
MrBonde
Ihr seid total bekloppt und ich habe hier _kein_ Sarkasmusmonopol.
Achim
Zitat:
Original von LeHrAs
so als hätten sie einen Flugzeugabsturz überlebt


Das trifft es sehr gut, finde ich. Aus dem siebten Himmel abgestürzt, aber doch weich gelandet.
Achim
http://www.werderfans-nrw.de
kackstelze
der schriftsteller gehört zu den bösen menschen!
mazzo
Der Artikel ist in der Tat böse und schlimm. Bömmel hat absolut Recht.

Ausserdem führt diese allgemeine Werderverherrlichung bei neutralen oder nicht-Fussballfans nur zu unangemessenem interesse am Verein und, daraus folgend, werden als solchen bekannten Werderfans (vor allem ausserhalb Bremens) alberne Kommentare und Möchtegern-Fachsimpeleien aufgezwungen. Unerträglich. Ausserdem reden Schulkinder mit Hertha-Tornistern in der UBahn über unseren Verein, als sei es der Spielfilm vom Vorabend. Sowas hat es früher nicht gegeben!





... und ich hab auch kein Sarkasmusmonopol.
Exten-City
Zitat:
Original von mazzo
Der Artikel ist in der Tat böse und schlimm. Bömmel hat absolut Recht.

Ausserdem führt diese allgemeine Werderverherrlichung bei neutralen oder nicht-Fussballfans nur zu unangemessenem interesse am Verein und, daraus folgend, werden als solchen bekannten Werderfans (vor allem ausserhalb Bremens) alberne Kommentare und Möchtegern-Fachsimpeleien aufgezwungen. Unerträglich. Ausserdem reden Schulkinder mit Hertha-Tornistern in der UBahn über unseren Verein, als sei es der Spielfilm vom Vorabend. Sowas hat es früher nicht gegeben!





... und ich hab auch kein Sarkasmusmonopol.


:dito:
Dr. Steif
Ist halt der Stern.

Mir egal ob Leute Werder erst jetzt oder schon ganz lange gut finden. Hauptsache sie finden Werder gut und bleiben dabei. Was allerdings bei vielen zu bezweifeln ist. Wenn ich da an die vielen BVB-Trikot-Träger bei den Jugendlichen nach den (teuer) erkauften Erfolgen vor einigen Jahren denke... Naja. Irgendwann hat jeder mal irgendwie angefangen. Lieber spät klug werden als nie. Allerdings müssen die dann mit dem Makel leben erst in der Phase der Kommerzialisierung und Farbenfreude in unseren erlauchten Kreis gestossen zu sein ;-) Es werden auch wieder Zeiten kommen in denen die Eventbesucher nicht mehr dabei sind und die teuren Plätze auf den Geraden füllen.

Früher hat es dafür andere Sachen gegeben die auch nicht gut waren. Erfolge vom H?V zum Beispiel.
ace
Zitat:
Original von MrBonde
Ihr seid total bekloppt und ich habe hier _kein_ Sarkasmusmonopol.


Danke!

Naja, war ganz nett zu lesen, zumindest die Einleitung.