FAZ.net: Erlebnispark Weserstadion

MrBonde
Erlebnispark Weserstadion

03. November 2005 Ende gut, alles gut - doch beinahe hätte Werder Bremen im grün-weißen „Erlebnispark Champions League” namens Weserstadion sein blaues Wunder und den vorzeitigen K.o in der Königsklasse erlebt. „Hier ist eben immer 'was los. Es ist glimpflich abgegangen, deshalb kann man hinterher auch schmunzeln”, beschrieb Trainer Thomas Schaaf einen 4:3-Sieg gegen Udinese Calcio, dessen Verlauf als wechselhaft zu beschreiben die Untertreibung des Jahres gewesen wäre.

Denn während der 94 packenden Minuten durchlitt der Werder-Coach ein buntes Kaleidoskop aller nur erdenklichen Emotionen, Nationalspieler Torsten Frings war sogar nach dem Abpfiff das Lachen noch völlig vergangen und urteilte daher weniger mild als sein Übungsleiter: „Wir haben uns zu sicher gefühlt, hatten das Bayern-Spiel schon im Kopf und wären für unsere Überheblichkeit fast noch bestraft worden.”


Alles deutete auf ein Bremer Fußballfest mit 35.424 Gästen hin, als Johan Micoud mit einem seiner seltenen Kopfballtreffer in der 51. Minute die 2:0-Halbzeitführung durch Miroslav Klose (15.) und Frank Baumann (24.) weiter ausgebaut hatte. Was folgte, war ein sechsminütiger Blackout mit zwei Toren von Antonio di Natale (54. und 57.) sowie einem Eigentor von Christian Schulz (60.). Erst Micouds zweiter Treffer zum 4:3 (67.) stoppte die Konfusion, die Sportdirektor Klaus Allofs später als „totale Orientierungslosigkeit” klassifizierte.

Während der Erzrivale Bayern München, bei dem schon am Samstag (15.30 Uhr, im FAZ.NET-Liveticker) in der Bundesliga die nächste große sportliche Herausforderung ansteht, den soliden Vorsprung unaufgeregt und kräfteschonend ins Ziel gebracht hätte, stürmten die Hanseaten im Hurra-Stil munter weiter und dabei fast ins Verderben (Siehe auch: 1:2 in Turin: Bayern verlieren und feiern - Gerd Müllers Geburtstag). „Die Italiener waren doch mausetot, da hätten wir nicht unbedingt ein viertes oder fünftes Tor schießen müssen. Es wäre besser gewesen, es uns leichter zu machen und das Ergebnis zu verwalten”, analysierte Mittelfeldspieler Tim Borowski.


Was der Nationalkicker vielleicht lieber für sich behalten wollte, Schaaf räumte es auf entsprechende Nachfragen ein. „Vielleicht ist es wirklich nicht unser Ding, ein solches Spiel cool nach Hause zu bringen”, sagte der 44jährige mit höchstens einem Hauch von Tadel in der Stimme. Und auch Allofs tat sich schwer, den Offensivdrang der Norddeutschen, die Schwächen in der Abwehrarbeit eingeschlossen, dezidiert zu kritisieren: „Ich werte diese Emotionen 'mal als Merkmal unseres Spiels.”

Kühle Rechner stellten indes schon kurz nach dem Abpfiff fest, daß der Bundesliga-Zweite nach dem ersten Sieg in der Vorrundengruppe C das Achtelfinale wieder aus eigener Kraft erreichen kann. Bei Punktgleichheit hat man schon den direkten Vergleich mit Udine für sich entschieden (1:1, 4:3), bei einem weiteren Heimsieg gegen Panathinaikos Athen würde das Gleiche gelten. Und selbst beim nächsten Spiel am 22. November beim FC Barcelona kann man, so Allofs, „durchaus mal einen Punkt holen”.
Auch Baumann trifft für Werder

Bis dahin dürfte auch Ivan Klasnic in das Werder-Team zurückgekehrt sein. Der kroatische Nationalspieler hatte sich wenige Stunden vor der Partie gegen Udine mit einer Blinddarmentzündung abmelden müssen und war ins Krankenhaus eingeliefert worden. Immerhin: Sein Vertreter Nelson Valdez bereitete drei Tore vor und gab anschließend forsch die Marschroute für den Nord-Süd-Gipfel an der Isar aus: „Wir müssen dort 90 Minuten lang spielen wie gegen die Italiener in der ersten Halbzeit.”