Die Selbsthilfetruppe

Südländer
Ein ziemlicher Jubelartikel - liest man schon auch gerne sowas.

Sammelt eigentlich zufällig jemand hier Born-Zitate? Finde ich immer wieder köstlich.




Die Selbsthilfetruppe

Werder Bremen ist eine Mannschaft mit funktionierendem Immunsystem - in der Champions League muss sie das wieder beweisen


München - Es war kurz vor 23 Uhr auf dem Freimarkt, der Bremer Version des Oktoberfestes, als Willi Lemke ein paar Sätze auf eine Speisekarte kritzelte und die Verlängerung der Sperrstunde anordnete. Dann schob er das Papier auf dem sehr kleinen Dienstweg quer über den Tisch, wo der zuständige Innensenator Bernt Schulte das Papier gegenzeichnete. Hierauf wurde das Volk von dieser Regierungsmaßnahme in Kenntnis gesetzt, worauf das Volk in Jubel ausbrach.


Solche Geschichten hat er geliebt, der Mann, den sie Werder-Willi nannten. Die vorliegende Geschichte ist jetzt ziemlich genau fünf Jahre alt, und bestimmt ist es dem Werder-Willi am Wochenende wehmütig ums Herz geworden. Es ist wieder Freimarkt in Bremen, und die örtlichen Fußballer haben in der Tabelle den Lieblingsfeind aus München überholt. Früher, in Willis Welt, wäre das mindestens einen kleinen Ausnahmezustand wert gewesen; heute sieht der Ausnahmezustand so aus, dass der Bildungssenator Lemke im direkten Duell ums Amt des Bürgermeisters einem Parteifreund unterlegen ist. Vermutlich ist das ein letzter zarter Hinweis darauf gewesen, dass es ihn endgültig nicht mehr gibt, den SV Werder des ehemaligen Managers Lemke, der seine Bremer stets als die Guten inszenierte in einem Spiel, dessen Fratze die bösen Bayern waren.


Heute ist der SV Werder längst nicht mehr der Gegenentwurf zum FC Bayern, aber was er jetzt genau ist, ist noch nicht ganz entschieden. Als Bundesligatabellenführer sind die Bremer nach Italien aufgebrochen, wo sie am Dienstag bei Udinese Calcio in der Champions League antreten, und bei solchen Reisen merken die Bremer stets, dass sie ein wenig zwischen den Welten hängen. In der heimischen Liga spielt keiner einen hinreißenderen Fußball als diese Mannschaft, in der sich dank Trainer Thomas Schaaf eine fast französische Kombinationskultur verselbstständigt hat. Aber wenn die Bremer das Land verlassen, hält sich der Respekt vor ihnen in Grenzen. ¸¸Europa ist eben eine andere Nummer als Deutschland", sagt Vorstandschef Jürgen L. Born, ¸¸und Teams wie Barcelona stehen einfach ein Treppchen über uns." Schon in ihrer dritten Vorrundenpartie spielen die Bremer um ihre letzte Chance, nachdem sie gegen Barcelona (0:2) und in Athen (1:2) unterlegen waren. Sie müssen siegen jetzt, und natürlich darf sich die sportliche Leitung ein wenig Sorgen machen, weil die neuformierte Abwehr immer noch vor sich hin wackelt oder weil Ivan Klasnic in Udine gesperrt fehlt.


Abseits der Tagesaktualität aber hat sich eine gewisse Gelassenheit breit gemacht im Klub. In Bremen wissen sie, dass Champions-League-Sorgen eigentlich schöne Sorgen sind für ein Team, dem jährlich die besten Kräfte abhanden kommen. ¸¸Wichtig ist nur, dass wir jeden Morgen brav unsere Stehaufmännchen-Vitamine essen", sagt Born.


In der Tat ist Werder das Team mit dem besten Immunsystem der Liga. Fast scheint es, als würde sich die Elf einen Spaß daraus machen, umso entschlossener zu gesunden, je mehr Wunden man ihr schlägt. Man muss immer noch mal sagen, dass in den letzten Jahren unter anderem die Spieler Pizarro, Rost, Frings, Ailton, Krstajic, Ernst und Ismaël an die Konkurrenz verloren gingen, und immer haben die Bremer kurz getrauert, sich geschüttelt und einfach weiter Fußball gespielt. Sie machen das auch nach Niederlagen so, sie verlieren - wie im Vorjahr - 2:7 in Lyon und besitzen die Frechheit, nicht zusammenzubrechen. Über die Jahre ist aus dem SV Werder eine ziemlich eindrucksvolle Selbsthilfegruppe geworden, und die Hilfe zur Selbsthilfe leisten Trainer Schaaf und Manager Allofs. Ihre Spezialität ist es, Spieler aufzupäppeln, die anderswo als gescheitert galten. ¸¸Wir haben bei Transfers oft überlegt, ob wir glückliche oder unglückliche Spieler holen", sagt Jürgen Born. ¸¸Bei den glücklichen weiß man nie, ob sie glücklich bleiben, die Unglücklichen dagegen kannst du schneller glücklich machen."


Auf diese Weise hat die Selbsthilfetruppe aus Bremen einstweilen eine neue Stufe erreicht. ¸¸Wir sind kein reiner Ausbildungsverein mehr", sagt Born, ¸¸wir geben jetzt auch mal Geld aus für Spieler wie Owomoyela oder unseren Rückkehrer Frings." Der Verein ist nicht mehr derselbe, seit im vorletzten Sommer der fünf Millionen schwere Miroslav Klose in die Stadt kam, dessen Transfer sie inklusive Vierjahresvertrag auf 20 Millionen hochrechnen. ¸¸Das war der Anfang einer neuen Strategie", sagt Born, und sie haben damals in den Gremien lange gerungen. Sie haben nicht gewusst, ob sie sich das leisten können, weil sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, ob sie Einnahmen aus der Champions League einplanen können. Am Ende, sagt Born, habe die Mannschaft auch das wieder selbst entschieden. Die Selbsthilfetruppe habe ¸¸einfach so gut weiter gespielt, dass die Qualifikation für die Champions League frühzeitig sicher war". Christof Kneer

Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.240, Dienstag, den 18. Oktober 2005 , Seite 31