Fans unter Generalverdacht

Kupferdreher
Erst die WH beim Pokalspiel, jetzt die UB beim Ligaspiel:

Fans unter Generalverdacht
Polizeipraxis in der Kritik. Fans und Fanprojekte beschweren sich über zunehmende Kriminalisierung
VON HOLGER PAULER
Der Bieberer Berg in Offenbach. Ein lauer Abend. 11.000 Zuschauer sehen den Zweitligakick Kickers Offenbach gegen den VfL Bochum. Am Ende steht ein müdes Null zu Null. Zumindest auf dem Rasen. Nur die Fans des VfL Bochum fühlten sich als Verlierer: Sie mussten am vergangenen Freitag erfahren, wie ernst es der Staatsmacht im Vorfeld der Fußball WM 2006 mit der Gewaltprävention ist. Ein Bus der Bochumer Ultras wurde vor dem Spiel des VfL bei Kickers Offenbach angehalten und durchsucht. Die Beamten entdeckten nach Angaben des Einsatzleiters neben dem Bus einen Haufen Rauchpulver, der wohl kurz vor der Durchsuchung weggeworfen worden sei. Die Konsequenz: Die Ultras wurden komplett in einen separaten Block gesperrt - getrennt von den restlichen Fans des VfL Bochum.

"Vor dem Spiel hatten wir eine Choreografie angemeldet, die Polizei hatte uns alles erlaubt", sagt Manuel Kovalik von den Ultras Bochum. "Irgendwie ging es aber alles zu glatt." Auf die Busladung Fans warteten zwei Ordner mit Eintrittskarten für einen separaten Block. Wer von den Ultras ein Karte für den eigentlichen Fanblock hatte, durfte trotzdem nicht dort hinein. Die Gruppe sollte zusammen bleiben. "Es schien, als sei alles bereits geplant gewesen", so Manuel Kovalik. Für die Ultras wurde ein eigenes Dixie-Klo aufgestellt, zum Essen oder Trinken mussten sie unter Polizeibegleitung in den Offenbacher Block. Auf die angemeldete Choreografie verzichteten die Ultras lieber.

"Natürlich waren die Jungs aufgrund der Trennung sauer", sagt Jürgen Scheidle vom Fanprojekt Bochum. Er war ebenfalls beim Spiel anwesend. Als Sozialarbeiter ist Scheidle seit 1992 im Bochumer Fanprojekt tätig. Dort kümmert er sich um so genannte "Hooligans" und "Ultras". Zwei Fangruppierungen, die in der Öffentlichkeit keine allzu gute Lobby haben: Schlägereien, Leuchtraketen, bengalische Feuer. Nur ein Klischee? "Die Fans werden unter Generalverdacht gestellt und können sich nicht dagegen wehren. Die Gefahr durch Fußballfans bestimmt die öffentliche Wahrnehmung", sagt Jürgen Scheidle. "Alles andere wird ausgeblendet." Sicher komme es auch zu Ausschreitungen, "aber dies ist nur ein geringer Teil des Fanlebens". Über positive Dinge wie die gesangliche und choreografische Unterstützung des Vereins oder den Kampf gegen Kommerzialisierung werde kaum gesprochen.

Eine Tatsache, die auch bei einer polizeilichen Übung im niederrheinischen Weeze (siehe unten) zu tragen kam. 15 bis 17-jährige Kids wurden dazu angehalten, sich wie randalierende Fußballfans zu verhalten: Steine flogen, Schläge wurden ausgeteilt - "durchaus authentisch", sagt Scheidle. "Es war wie ein Abtauchen in die Kinowelt." Warum für die Vorführung allerdings ausgerechnet Minderjährige ausgesucht wurden, verstehe er nicht. Irgendwann lief die Sache sogar aus den Rudern: "Die Kiddis mussten reglementiert werden", so Scheidle. Anwesende Pressevertreter wurden verletzt.

Weniger als polizeiliche Übung, sondern vielmehr als "Dokumentation der eigenen Stärke nach außen", fasste Jürgen Scheidle das Spektakel von Weeze auf. Die "ausgestorbene Kulissenstadt" mit ihren vielen "Schauspielern" habe schon einen heftigen Eindruck hinterlassen. "An der Realität in den Fußballstadion geht die Übung allerdings vorbei", so Scheidle.

25.000 Euro ließ es sich das Land kosten, um der interessierten Öffentlichkeit das unbekannte Wesen Fußballfan näher zu bringen. "Wir werden Randale durch Fans konsequent unterbinden", sagt NRW Innenminister Ingo Wolf (FDP). Und das Land tut einiges dafür. Die Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) beim Landeskriminalamt (LKA) Düsseldorf hat rund 6.200 Hooligans in der Datei "Gewalttäter Sport" gespeichert. Die Daten sind Grundlage für die Erteilung von Stadionverboten durch den DFB - rund 2.400 Fans sind davon betroffen. Oft genügt die polizeiliche Registrierung persönlicher Daten am Rande eines Fußballspiels. Die Daten werden bis zu fünf Jahre gespeichert. Das LKA erteilt Auskünfte nur nach Anfrage. Wer keine Initiative zur Löschung betreibt, bleibt oft auch länger gespeichert.

Aus Protest gegen das Vorgehen der Offenbacher Ordnungskräfte wollten die Bochumer Ultras übrigens das Spiel zur Halbzeit verlassen. "Es macht nicht viel Spaß sich das Spiel getrennt von den eigenen Fans anzuschauen", sagt Manual Kovalik. Der Weg zum Bus wurde den Ultras mit Hinweis der Polizei, dass man nicht wisse, wo dieser sich befinde, aber verwehrt. Zum Heimspiel am kommenden Montag gegen 1860 München ist eine Protestaktion geplant.

taz NRW Nr. 7780 vom 28.9.2005, Seite 3, 152 Zeilen (TAZ-Bericht), HOLGER PAULER

quelle: www.taz.de
Lenwe
Guter Bericht

Aber die TAZ ist auch so ziemlich die einzige Zeitung die sich mit dem Thema aus Sicht der Fans behandelt.
mazzo
die Junge Welt ist auch gut. Manchmal stehen auch gute Artikel in der Süddeutschen, der FAZ und anderen grossen Nicht-Springer-Blättern
Dr. Steif
Wo Mazzo gerade die Junge Welt erwähnt:


Projekt gläserner Fußballfan

»Die Welt zu Gast bei Freunden« heißt der offizielle Werbeslogan zur WM 2006, hinter dem vulgäre Marketing- und beängstigende Sicherheitskonzepte prächtig gedeihen

Seine dunkelste Zeit erlebte der europäische Fußball in den achtziger Jahren. 1985 griffen vor dem Endspiel im Europapokal der Landesmeister im Brüsseler Heysel-Stadion Hooligans des FC Liverpool Anhänger von Juventus Turin aus einem benachbarten Block an. Panik brach aus, in deren Folge eine Betonwand einstürzte, was 39 italienische Fans das Leben kostete. Im englischen Bradford brannte im gleichen Jahr eine Holztribüne und forderte 56 Opfer. Vier Jahre später kamen bei einem Pokalspiel in Sheffield 96 Menschen um, nachdem Hunderte Fans des FC Liverpool in einen bereits überfüllten Block drängten und die Zuschauer zerquetschten.

Nach dem Desaster in Brüssel sah sich die Europäische Fußball Union (UEFA) zum Handeln gezwungen und sperrte englische Klubs für fünf Jahre für alle europäischen Wettbewerbe.

Die Stereotypen waren da, Fußballfans wurden fortan in gut und böse unterteilt – nur wer ein Hooligan war und wer nicht, das war nie ganz klar. Die Präventionsmaßnahmen bekamen hingegen alle zu spüren: Die folgende Europameisterschaft fand 1988 in Deutschland statt. Präventiv wurden die Stadien dafür hochgerüstet: Die Blöcke wurden verkleinert und sahen nun wie Käfige für Menschen aus. Begrenzungszäune wurden zum Teil mit Stacheldrahtrollen gesichert. Dazu begleiteten massive Polizeiaufgebote die Spiele. Die Soziologen Gunter A. Pilz und Dieter Bott, forderten seinerzeit ein Konzept, das ein kulturelles Rahmenprogramm zu den Spielen vorsah. Sie wollten so menschliche Bedürfnisse nach Kommunikation und kulturellem Austausch fördern. Den Fußballfans aus den verschiedenen Nationen sollte ermöglicht werden, aufeinander zuzugehen, statt sie durch Einsatzkräfte hermetisch voneinander zu trennen. Ihr Konzept fand jedoch nur wenig Beachtung. Die befürchteten Ausschreitungen beim Turnier blieben indes aus.


Gewalt-Hedonismus

In Deutschland gerieten Hooligans seit Mitte der achtziger Jahre zunehmend in den Blick der Öffentlichkeit. 1990 starb der Berliner Mike Polley durch eine Polizeikugel, nachdem es im Anschluß an das Spiel Sachsen Leipzig gegen FC Berlin zu Ausschreitungen gekommen war. Als 1991 ein Europacupspiel zwischen Dynamo Dresden und Roter Stern Belgrad wegen Fanausschreitungen abgebrochen wurde, drohte dem Deutschen Fußball wie dem Englischen die Verbannung von der europäischen Bühne. Der Deutsche Fußball Bund (DFB) mußte zähneknirschend feststellen, daß auch er ein Problem mit gewalttätigen Fußballfans hatte.

Inmitten dieses Klimas kam in den neunziger Jahren in den deutschen Stadien eine neue Subkultur auf, die ihren Ursprung in Italien hat. Die treuen Anhänger in den Kurven nennen sich dort »Ultras«. Ultra meint hier, daß sie, was immer auch komme, hinter ihrem Verein stehen. Oft sind sie es, die durch ihren Enthusiasmus maßgeblich dazu beitragen, das Spiel im Stadion zum Erlebnis zu machen. Von den Verantwortlichen der Vereine werden sie regelmäßig dafür gerügt und geächtet, wenn sie über die Stränge schlagen. Natürlich ist es verboten, in den Stadien Feuerwerkskörper abzubrennen. Andererseits schwenkt jede Fernsehkamera auf die Ränge, wenn die Atmosphäre in ein nebliges Rot der bengalischen Feuer getaucht ist und die Gesänge besonders laut ertönen. Vergöttern die Ultras ihren Verein und ihre Mannschaft, so kritisieren sie den vulgären Kapitalismus, mit dem gewöhnlich die Vereinspolitik betrieben wird. Zur Vereinsführung haben viele Ultragruppierungen ein gespanntes Verhältnis. In ihr sehen sie oftmals nur eine verlogene Autorität, die die Seele ihres Clubs dem Teufel verkauft.

Sowohl auf dem Platz als auch hinter den Kulissen gilt der Profifußball als äußerst ruppiges Geschäft. Karl Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern München, bringt dies auf den Punkt, wenn er sagt: »Fußball ist die klarste Leistungsgesellschaft, die wir in der Republik haben. Das ist in wenigen Berufen heute noch festzustellen«. (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.7.2005) Für die Vereine sind die Gelder aus dem Ticketverkauf schon lange nicht mehr die hauptsächliche Einnahmequelle. Ihr Etat speist sich vor allem aus TV-Geldern und Werbeverträgen. Die Mannschaften indessen werden Jahr für Jahr neu zusammengesetzt. Zeiten, in denen ein Spieler einem Verein die Treue hält, erscheinen nostalgisch; heute gleichen sie modernen Söldnern, die, ähnlich den Gladiatoren in der Antike, das Volk unterhalten sollen. In Szene gesetzt wird das Spiel durch das Fernsehen. Fußball ist die Speerspitze der Unterhaltungsindustrie im spätkapitalistischen 21. Jahrhundert.


Stadien neuen Typs

Mit dieser Kommerzialisierung, scheint es, haben die Deutschen ihren liebsten Sport anscheinend noch ein bißchen mehr lieb gewonnen. Wird ein Produkt heftig umworben, so zeitigt das entsprechende Resultate. Das gilt für Fußball wie für Schampoo. Nötig war dazu allerdings, den Rahmen zu ändern: Beinahe jeder Verein aus der ersten Bundesliga besitzt heute eine moderne Fußballarena. Für die Vereine haben sie die Funktion einer Visitenkarte. Mit seinem Stadion wird der Verein immer wieder in Verbindung gebracht. Für das Marketing ist auch die Stimmung in der Arena enorm wichtig. Dieser Aspekt ist aber nur eine Seite der Medaille. Die andere ist die, daß in den neuen Stadien der Komfort angehoben werden sollte. Im Vergleich zu den Stadien, in denen die Europameisterschaft 1988 ausgetragen wurde, haben die Arenen der Weltmeisterschaft 2006 ein gänzlich anderes Erscheinungsbild. Waren sie einst ein mehr oder weniger offenes Rund und trugen den Beinamen »Betonschüssel«, ähneln heutige Stadien eher Hallen. Für internationale Spiele sind nur noch Sitzplätze zugelassen, Haupttribünen sind mit Logen und Restaurants ausgestattet. Die Zeiten von Bier und Bratwurst gehören – zumindest was den Spitzenfußball angeht – der Vergangenheit an. Daß Fußball die Samstagnachmittag-Beschäftigung für den Mann ist ebenso: Heute wird er als Event für die ganze Familie verkauft. Diese Vermarktungsstrategie trägt offensichtlich Früchte: Seit über einem Jahrzehnt steigt der Zuschauerschnitt bei Bundesligaspielen kontinuierlich an. Im Schnitt besuchten in der vergangenen Erstligasaison über 35000 Zuschauer ein Spiel, Mitte der achtziger Jahre waren es nur etwa halb so viele.


Polizeiwillkür

Einhergehend mit diesem Konsumwandel verschwanden die Hooligans mehr und mehr aus dem Rampenlicht. Vor allem im Umfeld der Fußballstadien treten sie inzwischen deutlich zurückhaltener auf. Repressive Maßnahmen, die auf unterschiedlichste Weise gegen sie eingesetzt wurden, scheinen ihre Wirkung zu zeigen. Videoüberwachung als Prävention, Stadionverbote bei Ausschreitungen, massive Polizeipräsenz sowie der Einsatz von sogenannten szenekundigen Beamten (SKB) haben vermehrt dazu geführt, daß Hooligans sich für ihre Auseinandersetzungen oft weit ab von den Stadien treffen. Vorher verabredet, tragen sie nunmehr in Wald- und Wiesenschlägereien ihre Kämpfe aus. Mit Fußball hat das unmittelbar nichts zu tun, abgesehen davon, daß sie sich einem Verein zugehörig fühlen.

Gleich mit einem ganzen Instrumentarium von Repressalien zieht die Polizei gegen die Hooliganszene ins Feld. Bundesweit koordiniert werden die Einsätze in der Zentralen Informationsstelle Sportveranstaltungen (ZIS). Die Katastrophen der achtziger Jahre haben das kollektive Polizeigedächtnis geprägt; die Grundannahme der ZIS ist, daß sie es bei Fußballspielen mit Massen zu tun haben, die nur schwer zu kontrollieren sind. Fußballfans werden in drei Kategorien eingestuft: vom harmlosen Anhänger A bis zur Gruppe C der Gewalttäter und Hooligans. Letztere werden in der Datei »Gewalttäter Sport« geführt, die mehrere tausend Einträge umfaßt. Hausbesuche, Ausreiseverwehrungen bei internationalen Spielen, Platzverbote und bundesweit geltende Stadionverbote sind gängige Sanktionen, die gegen mögliche Gewalttäter verhängt werden. Diese Maßnahmen sollen auch auf europäischer Ebene umgesetzt werden. In den Fanszenen der Bundesligavereine ruft diese Datei seit jeher Unmut hervor, denn die Mehrzahl ihrer Einträge beruht in der Regel nicht auf rechtskräftigen Verurteilungen, sondern auf bloßen Verdachtsmomenten. Oft reicht es aus, sich in einer Gruppe aufzuhalten, in der die Polizei Gewalttäter der Kategorie B und C vermutet. Dann greift der klassische Fall von Kollektivschuld, wie kürzlich der SEK-Überfall am 21. August auf die Berliner Diskothek »Jeton« vor dem Berliner Derby zwischen Union und dem BFC Dynamo zeigte (jW berichtete).


Protestbewegungen

Die Faninitiativen der Bundesligaclubs klagen zunehmend über polizeiliche Schikanen; mitunter drängt sich der Verdacht auf, daß gegen unliebsame Personen vorgegangen wird, ganz egal ob sie nun als Gewalttäter auffallen oder nicht. Ultra-Anhänger, die sich als unbequeme Kritiker zeigen, aber äußerst selten durch Prügeleien auffallen, fühlen sich immer häufiger pauschal kriminalisiert. Um die Hooligans hingegen – gegen die sich diesen Maßnahmen ursprünglich richteten – ist es vielerorts ruhig geworden. Seit Jahren ist ihre Zahl rückläufig, so daß der Eindruck entsteht, ein hochgerüsteter Polizeiapparat suche seine Existenz dadurch zu legitimieren, daß er harmlose Fans provoziert. Ein Jahr vor dem Beginn der WM mehren sich inzwischen die Klagen über Polizeiübergriffe bei Fußfallspielen, und allwöchentlich demonstrieren Faninitiativen in den Stadien dagegen.

Den Confederations Cup, der im Juni stattgefunden hat, betrachteten die Veranstalter als Generalprobe für die WM. Horst R. Schmidt vom WM-Organisationskomitee sagte, es würden »spezifische Turnier-Abläufe getestet, wie beispielsweise Maßnahmen des Ordnungsdienstes oder die Zutrittskontrollen. In Frankfurt testen wir insgesamt das WM-Format. Somit wird es rund um das Stadion auch einen äußeren Sicherheitsring geben.« Pünktlich zum Eröffnungsspiel in Frankfurt am Main protestierten etwa 1 500 Anhänger aus 40 Vereinen gegen zunehmende Repressionen gegen Fußballfans. Am 23. Juni fand ein Treffen von Fanvertretern und Innenminister Otto Schily statt, im Beisein von Vertretern des DFB, des WM-Organisationskomitees und der Polizei. Delegierte von der Faninitiative BAFF (Bündnis aktiver Fußballfans), Pro Fans und der Koordinierungsstelle der Fanprojekte haben deutlich gemacht, was schon auf der Demonstration, die eine Woche zuvor stattgefunden hatte, thematisiert wurde: Willkürliche Polizeimaßnahmen in Verbindung mit einem immer repressiver auftretenden Sicherheitsapparat verärgern nicht nur Anhänger des runden Leders, sondern widersprechen auch der Idee einer fröhlichen und sicheren WM. Schily regte an, ein Gremium unter Einschluß aller Beteiligten zu gründen, das über eine Verbesserung der Situation entscheiden soll.


Sicherheitsmaßnahmen zur WM

Indessen werden die Organisatoren der WM nicht müde, die Deutschen zur Gastfreundschaft zu ermahnen. Niemand habe die Absicht, daß das Land sich paramilitärisch präsentiere, bekundete Otto Schily auf dem Fortschrittsbericht zur Vorbereitung auf die WM am 10. August. Generelle Flugverbote über den WM-Stadien solle es nicht geben, gleichwohl werde man die Lufträume natürlich überwachen. Mit abschreckenden Polizeieinsätzen wie bei der Europameisterschaft 1988 wird im kommenden Jahr nicht zu rechnen sein. Die Zeiten, in denen Wasserwerfer und massive Polizeieinheiten im Stadioninnenraum Präsenz zeigten, scheinen vorerst vorbei zu sein. Dennoch ist zu erwarten, daß die Strategie jederzeit geändert werden kann, um martialisch gegen mögliche oder scheinbare Ausschreitungen vorzugehen.

Nichtsdestotrotz sind alle Verantwortlichen des Turniers sichtlich darum bemüht, ein freundliches Bild abzugeben. »Die Welt zu Gast bei Freunden«, heißt das offizielle Motto der WM; »Deutschland freut sich auf seine internationalen Gäste«, verkündet die offizielle WM-Website der Bundesregierung, die sichtlich um einen reibungslosen Verlauf der Veranstaltung bemüht ist. Visa sollen zügig ausgestellt, nötige Arbeitsgenehmigungen für alle Beteiligten aus Nicht-EU-Staaten unkompliziert erteilt werden. Das Finanzministierium garantiert Sportlern, Offiziellen sowie Medienvertretern erleichterte zoll- und steuerrechtliche Regelungen. Ein elitäres Kulturprogramm ist Teil eines freundlichen Gesamtkonzepts, und im Stadioninneren sind die hohen Zäune am Spielfeldrand abgebaut worden. Eine Überwachung der Tribünen soll durch Kameras gewährleistet werden. Was den für Sicherheitsfragen Zuständigen noch Sorge bereitet, sind jene Fans, die sich um die unsichtbaren Überwachungsmaßnahmen nicht scheren, sogenannte »Flitzer« beispielsweise, die beim Confederations Cup aufs Spielfeld stürmten und dort für eine Minute ihren großen Auftritt hatten. Den Verantwortlichen graut schon davor, daß sich das im kommenden Jahr wiederholen könnte. »Das darf uns bei der WM nicht passieren«, sagte Theo Zwanziger, Präsident des DFB. »Wenn das bei 64 Spielen häufiger eintritt, haben wir nicht nur einen Skandal, sondern ein Sicherheitsrisiko ersten Ranges.«


High-Tech-Überwachung

Anfängliche Probleme bereitete den Organisatoren der Ticketverkauf. Nicht, daß sie auf den Karten sitzen bleiben und die Veranstaltung ein Flop werden könnte, war ihre Sorge; rund zehn Millionen Kartenwünsche sind eingegangen, als die erste Verkaufsrunde im Februar via Internet gestartet wurde. 812000 Tickets der insgesamt 3,37 Millionen Karten wurden hier ausschließlich personengebunden veräußert. Etwa ein Drittel der Karten sind für Sponsoren vorgesehen; für diese Tickets war jedoch keine individualisierte Abgabe vorgesehen. Das rief Polizeivertreter auf den Plan, die darin ein Sicherheitsrisiko erkannt haben wollten. Doch auch Verbraucherschützer mahnen diese Klassifikationen bei der Ticketvergabe an. »Bei den Fans setzt man sich über alle Datenschutzbedenken hinweg, bei Sponsoren ist das Prozedere anders«, sagte Carel Mohn von der Bundeszentrale für Verbraucherschützer. »Damit macht man sich unglaubwürdig.« (FR, 2.8.2005) Innenminister Schily sah sich veranlaßt, darauf zu reagieren; auf dem letzten Fortschrittsbericht zur Vorbereitung auf die WM kündigte er Nachbesserungen an: Auch für Sponsoren und Ehrengäste sollen nun die Tickets individualisiert werden.

Um eine Karte für die Spiele erwerben zu können, verlangt die FIFA von den Käufern die Preisgabe einer Reihe persönlicher Daten. Offizielle Begründung dafür: um dem Handel mit den Karten auf dem Schwarzmarkt vorzubeugen. Daß die entstehenden Besucher-Datenbanken auf vielfältige Weise mißbraucht werden können, darauf weisen Datenschützer immer wieder hin. Angaben wie E-Mailadresse und Geburtsdatum können nämlich mitunter für die Werbebranche und die Marktforschung von erheblichem Nutzen sein. Bisher gibt es auch noch keine Aussagen darüber, ob die Besucher-Datenbanken nach der WM wieder gelöscht werden. Darüber hinaus haben personenbezogene Daten für die Ticketvergabe einen erheblichen Wert für die Sicherheitsbehörden. Auf den Eintrittskarten werden batterielose RFID-Chips (Radio Frequency Identification) eingearbeitet. Lesegeräte im Eingangsbereich erfassen über Funksignal die persönlichen Angaben, die auf dem Chip gespeichert sind. Zuschauerdatenbanken können mühelos mit der »Datei Gewalttäter Sport« abgeglichen und ausgesprochene Stadionverbote effektiv durchgesetzt werden. Die Lesegeräte sollen mit einer Reichweite von zehn bis 15 Zentimeter ausgestattet sein, heißt es. Überprüfen kann das aber niemand; technisch ist nämlich eine Reichweite von bis zu zehn Metern möglich. Für die Polizei öffnet das völlig neue Möglichkeiten der Kontrolle, denn je mehr Lesegeräte in den Stadien postiert werden, desto flächendeckender kann eine Überwachung erfolgen – ohne daß es irgendein Fan mitbekommt – und desto besser können Bewegungsprofile einzelner Verdächtiger erstellt werden. Auch wenn die Möglichkeiten der Kontrolle bei dem Turnier nicht im vollen Umfang genutzt werden, wird die Einführung dieses Ticketsystems eine der fragwürdigsten Errungenschaften der WM sein.

Ein weiterer zentraler Aspekt im nationalen Sicherheitsplan ist die Kameraüberwachung. Neben den Stadien selbst werden eine Vielzahl öffentlicher Orte von der Observation betroffen sein: Bahnhöfe, Partymeilen und Plätze vor Videoleinwänden. Neben herkömmlichen Kameras sollen auch solche zum Einsatz kommen, die Gesichter von Personen scannen und biometrisch auswerten können, berichtet Spiegel-online am 25.5.2005. Personifizierte Merkmale können dann mit bereits erfaßten Gesichtern von Gewalttätern abgeglichen werden. Damit eröffnen sich mit Hilfe der Gesichtserfassung Tausender Passanten ganz neue Möglichkeiten der Kontrolle des öffentlichen Raumes.

Dieses Arsenal an unsichtbaren Überwachungsmaßnahmen soll ebenso wie der konventionelle Einsatz von Polizeieinheiten im Einklang mit dem Marketingkonzept von Offenheit und Gastfreundlichkeit stehen. In diesem Sicherheitskonzept liegt der Schwerpunkt auf der abschreckenden Wirkung der Überwachung: Jedem Fan soll bewußt sein, daß ein Auge auf ihn geworfen und jegliche kriminelle Handlung geahndet wird. Das Sicherheitsversprechen ist allerdings ein trügerisches: Die Auftritte der »Flitzer« während des Konföderationenturniers haben das auf spielerische Weise gezeigt. Gegen mögliche Anschläge nämlich bietet der nationale Sicherheitsplan keinen Schutz – zumindest keinen, ohne den Grundsatz zu verlassen, es handle sich um ein Turnier in einer offenen Gesellschaft.

Die Planungen für die Sicherheit bei der WM werden zumeist im Verborgenen erarbeitet; vordergründig ist vor allem der Rhythmus der Werbetrommel zu hören, die ein Fußballfieber heraufbeschwören soll. Schnell werden noch ein paar letzte Tickets für das Eröffnungsspiel verlost usw. Inmitten dieser »Euphorie« fällt es indessen kaum auf, daß auch die Fans, die Woche für Woche in die Bundesligastadien pilgern, in ihren Bündnissen und Organisationen im Stillen Abstand von dem Event gewonnen haben. Matthias Bettag von BAFF meint etwa: »Die WM 2006 hat nur vordergründig mit Fußball zu tun und ist eigentlich eine Wirtschaftsshow für den Standort Deutschland. Die Wirtschaft und die Politik wollen sich präsentieren und nutzen den populären Fußball als Bühne.« Das verwundert niemanden, der die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte mitverfolgt hat: Punktgenau präsentiert sich im kommenden Sommer »die schönste Nebensache der Welt« von ihrer modernsten Seite – das Projekt der »gläsernen Arena« wird vollendet sein.

http://www.jungewelt.de/2005/09-27/004.php (Stefan Otto)
GNANNICK
Zitat:
Original von Lenwe
Guter Bericht

Aber die TAZ ist auch so ziemlich die einzige Zeitung die sich mit dem Thema aus Sicht der Fans behandelt.

ich würde es eher als eine neutrale und sachliche sichtweise bezeichnen.
Hebbeler


Euer kopieren nervt, denkt ihr jemand lieset sich 1000 Seiten durch?

Kürzer is besser
MrBonde
Zitat:
Original von Hebbeler


Euer kopieren nervt, denkt ihr jemand lieset sich 1000 Seiten durch?

Kürzer is besser



Denken wir, ja. Und ich les lieber hier, als auf 10 Seiten rumzusurfen.

Freudiges Weiterkopieren noch.
Dominik
Zitat:
Original von mazzo
die Junge Welt ist auch gut.


Bezieht sich die Wertung nur auf deren Fussballartikel (die uebrigens im Grossteil auch Muell sind) oder auf dieses Schmierblatt im Allgemeinen? Frag' ja nur.