mazzo
Wenn die Fans nicht mehr mitspielen
von Christoph Twickel, Hamburg
In der Fußballszene gärt es: Die Zuschauer haben es satt, nur noch als Sicherheitsrisiko behandelt zu werden.
Jubelnde Hansa-Fans im OstseestadiumRostock-Fan Sebastian Eggert hatte den Zwischenfall beim Auswärtsspiel in Dortmund fast schon wieder vergessen: Wie er nach der Partie in eine Fangruppe geriet, die von der Polizei eingekesselt wurde. Wie er die Beamten darum bat, seinen Weg fortsetzen zu können, weil er wegen eines Meniskusschadens an Krücken unterwegs sei. Wie man ihm die Personalien abnahm und ihn mit anderen in einen Bus verfrachtete. Am Bahnhof erhielt er seine Papiere zurück. Nichts weiter war geschehen.
Die böse Überraschung kam drei Wochen später. Der 24-Jährige, der bei Spielen des FC Hansa und der Nationalmannschaft selten fehlt, wollte am 3. Juni für seinen Flug zum Länderspiel nach Belfast einchecken, als ihm Grenzschutzbeamte mitteilten, er habe einen Eintrag in der bundesweiten "Datei Gewalttäter Sport". Alle Beteuerungen halfen nichts, Eggert durfte nicht ausreisen. Der zuständige "szenekundige" Beamte aus Rostock bestätigte telefonisch, Eggert sei harmlos, doch die Grenzschützer blieben hart. "Pass mal auf, du Spinner, du weißt warum du hier bist", habe ihm ein Beamter gesagt. Die WM 2006 werfe schon jetzt "einen Schatten auf Fußballdeutschland", kommentiert Eggert seine Geschichte.
Schily und das Risiko
Der Rostocker Fan ist nicht der Einzige, der das so sieht. Unter Deutschlands "Ultras" - einer Fanbewegung, die nach italienischem Vorbild Transparente, Blockfahnen und komplexe Sprechchöre in die Stadien bringt - wächst der Unmut. Dass es im Lande 10.000 gewaltbereite Fans gebe, wie Ende Mai bei der Präsentation des Sicherheitskonzeptes zur WM 2006 verlautete, halten die bundesweiten Fanvereinigungen Pro Fans oder BAFF für völlig überzogen. Die 6200 Einträge in die "Datei Gewalttäter Sport" und die 2370 Stadionverbote erklärten sich daraus, dass die Polizei bei immer nichtigeren Vorfällen immer drastischer einschreite, so der HSV-Fan Philipp Markhardt: "Wenn ich zum Beispiel am Stadion 'wild uriniere', wie es im Beamtendeutsch heißt, etwa weil ein Polizeikordon den Weg zu den Toiletten versperrt, kann ich theoretisch dafür schon Stadionverbot bekommen." Und dass Innenminister Otto Schily Fußballfans scheinbar nur noch als Sicherheitsrisiko betrachten kann, nervt zusätzlich.
Um gegen diese Entwicklung zu protestieren, hat Markhardt mit Fanaktivisten aus 48 Gruppierungen in Frankfurt eine Demonstration organisiert. "Getrennt bei den Farben - vereint in der Sache" heißt das Motto, unter dem am Mittwoch, zum Auftakt des Confederations Cup, Fans aus dem gesamten Bundesgebiet auf die Straße gehen.
Fanfeindliche Anstoßzeiten
Sie protestieren nicht nur gegen "Hooliganhysterie" und "Polizeirepression", es geht um mehr. Da sind die fernsehfreundlichen, aber fanfeindlichen Anstoßzeiten am Sonntag- oder Montagabend. Da ist die Umwandlung von Steh- in Sitzplätze im Zuge des Neu- und Umbaus der Stadien zu "Arenen". Und da ist die zunehmende Kommerzialisierung des Spektakels Fußballs: Videoclips dröhnen in der Halbzeit, Schaumgummi-Limonadenflaschen und aufblasbare Handys laufen übers Spielfeld, Unternehmen präsentieren Ecken, Fouls oder Zwischenergebnisse oder kaufen gleich den Namen der Arena selbst. So verschwanden traditionsreiche Orte wie das Hamburger Volksparkstadion oder das Frankfurter Waldstadion aus dem kollektiven Gedächtnis..
Das Ticketingkonzept für die WM 2006 verärgert viele: Wo Fans einst durch Schlangestehen Ausdauer und Engagement beweisen konnten, herrscht jetzt mit der Internetlotterie das Zufallsprinzip. Fans haben keine Chance mehr, organisiert ins Stadion zu kommen, was Aktivist Markhardt für einen erwünschten Nebeneffekt hält: "Die WM ist das Medienevent überhaupt. Die Lotterie dünnt das Feld der aktiven Fans, die Kritik in die Stadien tragen könnten, aus."
Fanproteste können heilsam sein. Beim HSV hatte man Sprechgesänge über die Stadionlautsprecher eingespielt, musste das nach heftigem Widerstand aber rasch beenden. Die Missachtung der Basis könnte sich rächen. Ein zwar zahlungskräftiges, aber unengagiertes Schönwetterpublikum nimmt dem Fußball eben jenen "Eventcharakter", der ihn von konkurrierenden Massenveranstaltungen unterscheidet. Für Sebastian Eggert wäre eine solche Entwicklung fatal: "Die wollen sich da ein Tennispublikum erziehen. Aber Fußball war schon immer ein Ventil der Gesellschaft und muss es auch bleiben." Das Länderspiel am Mittwoch gegen Australien ist für den Rostock-Fan Nebensache: "Ich gehe erst zum Spiel, wenn die Demo zu Ende ist. Auch wenn ich eine Halbzeit verpasse."
http://www.ftd.de/sp/10610.html
von Christoph Twickel, Hamburg
In der Fußballszene gärt es: Die Zuschauer haben es satt, nur noch als Sicherheitsrisiko behandelt zu werden.
Jubelnde Hansa-Fans im OstseestadiumRostock-Fan Sebastian Eggert hatte den Zwischenfall beim Auswärtsspiel in Dortmund fast schon wieder vergessen: Wie er nach der Partie in eine Fangruppe geriet, die von der Polizei eingekesselt wurde. Wie er die Beamten darum bat, seinen Weg fortsetzen zu können, weil er wegen eines Meniskusschadens an Krücken unterwegs sei. Wie man ihm die Personalien abnahm und ihn mit anderen in einen Bus verfrachtete. Am Bahnhof erhielt er seine Papiere zurück. Nichts weiter war geschehen.
Die böse Überraschung kam drei Wochen später. Der 24-Jährige, der bei Spielen des FC Hansa und der Nationalmannschaft selten fehlt, wollte am 3. Juni für seinen Flug zum Länderspiel nach Belfast einchecken, als ihm Grenzschutzbeamte mitteilten, er habe einen Eintrag in der bundesweiten "Datei Gewalttäter Sport". Alle Beteuerungen halfen nichts, Eggert durfte nicht ausreisen. Der zuständige "szenekundige" Beamte aus Rostock bestätigte telefonisch, Eggert sei harmlos, doch die Grenzschützer blieben hart. "Pass mal auf, du Spinner, du weißt warum du hier bist", habe ihm ein Beamter gesagt. Die WM 2006 werfe schon jetzt "einen Schatten auf Fußballdeutschland", kommentiert Eggert seine Geschichte.
Schily und das Risiko
Der Rostocker Fan ist nicht der Einzige, der das so sieht. Unter Deutschlands "Ultras" - einer Fanbewegung, die nach italienischem Vorbild Transparente, Blockfahnen und komplexe Sprechchöre in die Stadien bringt - wächst der Unmut. Dass es im Lande 10.000 gewaltbereite Fans gebe, wie Ende Mai bei der Präsentation des Sicherheitskonzeptes zur WM 2006 verlautete, halten die bundesweiten Fanvereinigungen Pro Fans oder BAFF für völlig überzogen. Die 6200 Einträge in die "Datei Gewalttäter Sport" und die 2370 Stadionverbote erklärten sich daraus, dass die Polizei bei immer nichtigeren Vorfällen immer drastischer einschreite, so der HSV-Fan Philipp Markhardt: "Wenn ich zum Beispiel am Stadion 'wild uriniere', wie es im Beamtendeutsch heißt, etwa weil ein Polizeikordon den Weg zu den Toiletten versperrt, kann ich theoretisch dafür schon Stadionverbot bekommen." Und dass Innenminister Otto Schily Fußballfans scheinbar nur noch als Sicherheitsrisiko betrachten kann, nervt zusätzlich.
Um gegen diese Entwicklung zu protestieren, hat Markhardt mit Fanaktivisten aus 48 Gruppierungen in Frankfurt eine Demonstration organisiert. "Getrennt bei den Farben - vereint in der Sache" heißt das Motto, unter dem am Mittwoch, zum Auftakt des Confederations Cup, Fans aus dem gesamten Bundesgebiet auf die Straße gehen.
Fanfeindliche Anstoßzeiten
Sie protestieren nicht nur gegen "Hooliganhysterie" und "Polizeirepression", es geht um mehr. Da sind die fernsehfreundlichen, aber fanfeindlichen Anstoßzeiten am Sonntag- oder Montagabend. Da ist die Umwandlung von Steh- in Sitzplätze im Zuge des Neu- und Umbaus der Stadien zu "Arenen". Und da ist die zunehmende Kommerzialisierung des Spektakels Fußballs: Videoclips dröhnen in der Halbzeit, Schaumgummi-Limonadenflaschen und aufblasbare Handys laufen übers Spielfeld, Unternehmen präsentieren Ecken, Fouls oder Zwischenergebnisse oder kaufen gleich den Namen der Arena selbst. So verschwanden traditionsreiche Orte wie das Hamburger Volksparkstadion oder das Frankfurter Waldstadion aus dem kollektiven Gedächtnis..
Das Ticketingkonzept für die WM 2006 verärgert viele: Wo Fans einst durch Schlangestehen Ausdauer und Engagement beweisen konnten, herrscht jetzt mit der Internetlotterie das Zufallsprinzip. Fans haben keine Chance mehr, organisiert ins Stadion zu kommen, was Aktivist Markhardt für einen erwünschten Nebeneffekt hält: "Die WM ist das Medienevent überhaupt. Die Lotterie dünnt das Feld der aktiven Fans, die Kritik in die Stadien tragen könnten, aus."
Fanproteste können heilsam sein. Beim HSV hatte man Sprechgesänge über die Stadionlautsprecher eingespielt, musste das nach heftigem Widerstand aber rasch beenden. Die Missachtung der Basis könnte sich rächen. Ein zwar zahlungskräftiges, aber unengagiertes Schönwetterpublikum nimmt dem Fußball eben jenen "Eventcharakter", der ihn von konkurrierenden Massenveranstaltungen unterscheidet. Für Sebastian Eggert wäre eine solche Entwicklung fatal: "Die wollen sich da ein Tennispublikum erziehen. Aber Fußball war schon immer ein Ventil der Gesellschaft und muss es auch bleiben." Das Länderspiel am Mittwoch gegen Australien ist für den Rostock-Fan Nebensache: "Ich gehe erst zum Spiel, wenn die Demo zu Ende ist. Auch wenn ich eine Halbzeit verpasse."
http://www.ftd.de/sp/10610.html