Frankfurter Rundschau: "Wir müssen auf der Hut sein"

Bömmel
"Wir müssen auf der Hut sein"

Bundesinnenminister Otto Schily über die Sicherheitsmaßnahmen für die Fußball-WM, deutsche Verdrießlichkeit und seinen Optimismus für den Wahlkampf

Frankfurter Rundschau: Herr Minister Schily, wenn die politische Großwetterlage sich nicht gewaltig ändert, dann decken Sie jetzt schön den Tisch, beim WM-Festbankett im Sommer 2006 wird aber an ihrer Stelle vermutlich der CSU-Innenpolitiker Günther Beckstein in der ersten Reihe sitzen. Das muss Sie doch schmerzen?

Otto Schily: Das weiß jetzt noch keiner. Da bewerben sich ja viele. Die streiten sich wie die Kesselflicker. Herr Westerwelle will Innenminister werden, Beckstein meint, der sei dafür nicht qualifiziert, umgekehrt scheint die gleiche Meinung zu herrschen. Wie das eine verlässliche Innenpolitik werden soll, weiß der Himmel. Wir gehen mit großem Selbstvertrauen in den Wahlkampf. Im Moment sind die Umfragen für uns nicht günstig, aber wie im Sport, so ist auch in der Politik vieles möglich. Ich habe mit großer Freude das Champions-League- Finale gesehen, wo die Schwarzen (Mailand, Anm. der Redaktion) zunächst scheinbar uneinholbar vorne lagen, die Roten (Liverpool) dann aber doch gewannen.

Dann muss das Mannschaftsspiel sich bei den Roten aber noch deutlich verbessern?

Das stimmt. Da sind einige ins Abseits gelaufen. Aber der Kanzler ist ein begabter Stürmer.

Ein Jahr vor Beginn der Fußball-WM gibt es viel Unmut über die Kartenvergabe. Viele Fans kritisieren die Personalisierung der Tickets und befürchten zudem, dass die angestrebte freundliche Atmosphäre durch zu viele Kontrollen erstickt wird.

Die Fans haben in der Mehrzahl Verständnis dafür, dass Gewalttäter aus den Stadien fern gehalten werden müssen. Die Personalisierung ist notwendig zur Abwehr von Hooligans oder anderen Gewaltbereiten, die sich einschleichen wollen. Damit wollen wir auch den Schwarzhandel unterbinden. Ich wüsste nicht, wem die Personalisierung schaden könnte.

In zwölf Monaten kann viel passieren, da stellen sich viele die Frage, wie und wo die personalisierten Karten auf andere Personen übertragen werden können?

Dafür will das Organisationskomitee eine Lösung finden. Das soll ohne größere bürokratische Prozedur, aber bei Aufrechterhaltung der Personalisierung gehen.

Nach unserer Kenntnis werden für rund 350 000 VIP-Tickets und für weitere hunderttausende Gäste, die über Sponsorenkarten in die Stadien kommen, bestenfalls Namenslisten angefertigt. Schaffen Sie damit nicht eine Zweiklassengesellschaft?

Also, wenn das VIPs sind, dann sind sie nicht anonym. Die Personalien von Staatsgästen sind ja bekannt. Von denen geht ja sicher keine Gefahr aus. Der entscheidende Punkt ist doch der: Wir wollen nicht zulassen, dass jemand anonym ins Stadion kommt.

Aber es geht ja hier nicht um wenige Staatsgäste, sondern um ein Kartenkontingent, das beinahe ein Drittel aller Tickets umfasst.

Wie im Detail mit den Karten für die Sponsoren verfahren wird, werden OK und Fifa noch klären. Aber auch da wird dafür gesorgt, dass sich keine Personen einschleichen können, die etwas Böses im Schilde führen. Die Gastgeber wissen schon, wen sie in ihre Logen einladen.

Der "normale" Fan muss, um ein Ticket zu bestellen, 16 persönliche Angaben machen, wird mehrfach kontrolliert und fühlt sich damit unter Generalverdacht gestellt, während für andere Personen offensichtlich andere Kriterien gelten.

Ich weiß nicht, was Sie da zusammengerechnet haben. Das ist die typische Art, alles furchtbar schlecht zu reden. Manche Medien machen das ja gerne. Bei meinen Begegnungen mit Menschen aus allen sozialen Schichten sind meine Erfahrungen ganz anders. Die Menschen freuen sich auf die WM. Es wird niemand unter Generalverdacht gestellt.

Unseres Wissens nach ist es das erste Mal, dass Eintrittskarten für eine Sportveranstaltung personalisiert und sogar nach Kinderausweisnummern gefragt wird.

Was ist daran so schrecklich, frage ich Sie. Was ist los? Die Kontrollen dienen der Sicherheit der friedlichen Fans und sind doch keine Schikane. Sie regen sich doch auch nicht auf, wenn bei einem Flug von Frankfurt nach New York Ihr Ticket und zugleich Ihr Pass kontrolliert werden.

Können denn Karten von Personen, die krank geworden sind oder aus anderen Gründen nicht kommen können, ihre Karten auf andere Interessierte umschreiben lassen?

Das hat das OK zugesagt. Aber selbstverständlich gibt es Regeln. Ein generelles Rückgaberecht wird es nicht geben.

Wenn jemand am Stadion erscheint und anstelle seines großen Bruders jetzt den kleineren mitgebracht hat, dann hat er trotz des Passes mit dem gleichen Namen keine Chance, eingelassen zu werden?

Das soll so sein. Denn Personalisierung heißt nun Mal Personalisierung. In Stichproben wird das Ticket mit der Passnummer abgeglichen. Dann darf bei fehlender Übereinstimmung auch keine Aufregung entstehen, wenn der Eintritt in das Stadion verweigert wird. Deshalb habe ich ja schon gesagt, dass bei eBay ersteigerte Karten nicht mehr sind als ein Stück Papier, das sich der Erwerber einrahmen und an die Wand hängen kann.

Unter den Fußballfans hat sich noch aus anderen Gründen Ärger aufgestaut. Fünf Minuten vor dem Ende der letzten Zweitligapartie dieser Saison ist im Frankfurter Stadion eine Hundertschaft Polizisten mit Schlagstöcken, Helmen und Schutzschilden aufgezogen. Auf einen Schlag ist die fröhliche und vor allem friedliche Atmosphäre in eine aggressive Stimmung umgeschlagen. Die Fans fühlten sich durch den martialischen Aufmarsch provoziert. Können Sie den Unmut der Leute nachvollziehen?

Selbstverständlich müssen die Einsätze so gestaltet werden, dass keine ungute Stimmung aufkommt. Ich habe immer dafür geworben, strikte Sicherheitsvorkehrungen zu treffen, ohne dass die sportliche Stimmung darunter leidet. Salt Lake City unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September war für mich ein positives Paradebeispiel. Trotz strengster Kontrollen hatten die Sicherheitskräfte immer einen aufmunternden Spruch auf den Lippen.

So sind die Deutschen aber nicht gestrickt.

Das kann man alles lernen. Wir sollten die Verdrießlichkeit ablegen, uns lieber von dem Stil anderer etwas abgucken und von der Begeisterung anstecken lassen. Aber klar muss sein, wir wollen keine Szenen erleben wie beispielsweise in einigen italienischen Stadien. Wir haben eine großartige Chance, uns mit der WM als weltoffenes, modernes und fröhliches Land darzustellen. Das ist auch meine Bitte an die Medien, nicht immer nur das Negative herauszustellen, sondern dazu beizutragen, dass eine lockere Atmosphäre entsteht.

Die Fans sehen in diesem Frankfurter Fall und in anderen vergleichbaren Fällen aber bereits Probeläufe für die WM und befürchten, dass Enthusiasmus unter zu viel Sicherheitsdenken erstickt wird.

Wer sind die Fans? Man kann das nicht verallgemeinern.

Also die Frankfurter Zeitungen hatten die Leserbriefspalten voll...

Beim Thema WM 2006 interessiert Sie offenbar nur, die Veranstaltung negativ darzustellen. Ich lege großen Wert darauf, dass Fans und Polizei zusammenarbeiten. Ich habe den Eindruck, das gelingt auch. Die überwiegende Mehrheit der Fans ist friedlich und will ein fröhliches Fußballfest erleben. Ich bin überzeugt, dass diese Mehrheit der Fans auch Verständnis für die Sicherheitsvorkehrungen hat.

Bei der EM in Portugal hat es sehr viele Freiräume für die Fans aus den verschiedenen Ländern gegeben. In Deutschland, so heißt es, sollen die Fangruppen schon bei der Anfahrt getrennt werden.

Die Polizei hat sehr gute Erfahrungen damit gemacht in den Fällen, in denen die Stimmung etwas aufgeladen ist, die Fans zu trennen. Das hat sich bewährt und niemanden gestört. Wir haben auch die Vorgabe der Fifa zu beachten, rivalisierende Fans auseinander zu halten. Trotzdem wäre es natürlich schön, wenn die Fans auch zusammen feiern können. Aber wir müssen auf der Hut sein. Denken Sie an das Temperament bestimmter englischer und deutscher Fans, das schon mal in Wallung gerät.

Bei den Olympischen Spielen in Athen sind etwa 1,3 Milliarden Euro für Sicherheitsmaßnahmen ausgegeben worden. Die Fußball-WM ist von ihren Dimensionen her eine vergleichbare Veranstaltung. Wie hoch sind die Kosten, die auf Deutschland zukommen?

Olympische Spiele sind nicht vergleichbar, sie haben einen anderen Charakter. Zahlen zu nennen wäre spekulativ und nicht seriös. Aber der Gewinn, den wir aus der WM ziehen, ist mit Sicherheit bei weitem höher als alle Aufwendungen, die zu leisten sind.

Sehen Sie denn auch einen psychologischen Gewinn, in einem Land, in dem die Menschen eher furchtsam denn fröhlich in die Zukunft blicken?

Das Ansehen unseres Landes ist im Ausland sehr viel besser, als das, was in Deutschland über die Medien vermittelt wird. Manche neigen dazu, alles in den schwärzesten Farben zu sehen, dabei haben wir wirklich allen Grund, selbstbewusst zu sein. Die Chance eines solchen Großereignisses müssen wir nutzen, um für unser Land zu werben, nicht, um es schlecht zu reden.

Nicht erst seit dem 11. September 2001 haben wir es auch mit einer Bedrohung von außen zu tun. Hat sich im Hinblick auf terroristische Gefahren etwas geändert?

Es ist uns gelungen, Al Qaida erheblich zu schwächen. Aber die Gefahr ist nicht vorüber. Wir sind Teil eines Gefahrenraumes. Es gibt aber keinen Grund, uns die Freude auf die WM vergällen zu lassen. Es gibt aktuell keine konkreten Hinweise auf Anschläge terroristischer Netzwerke, wir müssen aber wachsam bleiben.

In Athen hat die Nato die Sicherheitskräfte unterstützt. Ist an ähnliche Einsätze auch in Deutschland gedacht?

Ob es notwendig ist, Unterstützung durch die Nato anzufordern, entscheiden wir, wenn es soweit ist.

Wie sieht der Sportminister die Entwicklung der Nationalelf unter Jürgen Klinsmann?

Jürgen Klinsmann ist ein glänzender Teamchef. Er hat die Nationalelf physisch und mental sehr gut eingestellt. Ich erinnere mich an eine Begegnung in der Kabine. Da hatte der Bundestrainer eine Art Motivationsanleitung aufgezeichnet. Am Ende der Einleitung stand das Wort "Enthusiasmus". Das gefällt mir.

Beneiden Sie Klinsmann manchmal um die Freiräume, die er sich nimmt?

Ich finde, er hat das selbstverständliche Recht dazu, in die USA zurückzukehren, zumal auch seine Familie dort lebt. Manchmal ist es gut, auch etwas Abstand zu gewinnen. Trotz Wahlkampf werde auch ich in Urlaub gehen. Wir sind ja hier in Düsseldorf, der Geburtsstadt von Heinrich Heine, der seine Reisen nach Paris damit begründetete: Ich muss mich von meinem Vaterlande ausruhen.

Sie sind jetzt fast 73 Jahre alt, aber Sie wären 2006 noch immer gerne Innenminister. Woher nehmen Sie die Kraft ?

In der inneren Ruhe liegt die Kraft, obwohl ich bekanntlich auch schon mal ziemlich impulsiv, um nicht zu sagen explosiv sein kann. Andre Heller hat kürzlich gesagt: "Uns verbindet die Liebe zu Vulkanen."

Die Zeichen, auch im Fußball, scheinen aber auf Wechsel zu stehen. Kürzlich beim DFB-Empfang in Mönchengladbach sind Funktionäre beim Erscheinen von Angela Merkel aufgestanden und haben Beifall geklatscht, während Sie deutlich kühler begrüßt wurden. Hat das weh getan?

Mir wird allgemein attestiert, ich sei der stärkste Sportminister in der Geschichte der Bundesrepublik. Von Franz Beckenbauer angefangen bis zu IOC-Präsident Rogge wird mein Engagement für den Sport in den höchsten Tönen gelobt. Theo Zwanziger hat erst kürzlich in Mönchengladbach den Wunsch bekräftigt, mit mir auch in den kommenden Jahren zusammen zu arbeiten. Worüber soll ich mich also grämen?

Interview: Jürgen Ahäuser und Jan Christian Müller
Frankfurter Rundschau
kackstelze
Zitat:
Original von Bömmel
Punkt ist doch der: Wir wollen nicht zulassen, dass jemand anonym ins Stadion kommt.

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