mazzo
Berliner Zeitung, Donnerstag, 09. Juni 2005
Das Spiel mit der Gewalt
Die Beziehung zwischen Fußballfans und Sicherheitskräften ist seit Jahren gestört - eine Harmonisierung ist nicht in Sicht
Ronny Blaschke
BERLIN, 8. Juni. Henning Schwarz erinnert sich nicht gern an den 22. Mai. Obwohl dieser Tag für ihn ein Festtag war. Eintracht Frankfurt hatte den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga erspielt. Nichts, so glaubte er, hätte die Stimmung trüben können. Doch Schwarz, der Sprecher der Frankfurter Ultras, hatte sich getäuscht. Im Vergnügungsviertel Alt-Sachsenhausen wich die Freude während der Aufstiegsfeier in wenigen Minuten der Aggression: Nach einer Kneipenprügelei machte die Polizei ernst - und reagierte überzogen, sagen zumindest Fans: Ein Großaufgebot trieb sie durch die Straßen, setzte Tränengas und Hunde ein. "Wir wurden behandelt wie 30 000 randalierende Engländer", klagt Schwarz. Am Tag danach brach in den lokalen Medien die Kritik über die Einsatzleiter der Polizei herein. Die Vermutung: Frankfurt wurde als Testzone für den Ernstfall bei der Weltmeisterschaft 2006 genutzt. Die Polizei widersprach, hat jedoch eine Untersuchung angeordnet. Henning Schwarz ist sich sicher: "30 000 Engländer werden das im kommenden Jahr nicht mit sich machen lassen."
Dieses Beispiel ist eines von vielen. Es verdeutlicht den Konflikt zwischen Fans und Sicherheitskräften. Ein Jahr vor dem WM-Eröffnungsspiel hat sich der Ton in der Sicherheitsdebatte verschärft. "Wir werden es in keiner Weise dulden, die WM von Hooligans kaputt machen zu lassen", betont Innenminister Otto Schily immer wieder. Doch ist diese Schärfe berechtigt? Werden Fans als Problem angesehen, wenn sie sich als lautlose Kunden verweigern? Sind sie brutaler geworden? Oder fährt die Polizei einen drakonischen Kurs?
Neue Fans, neuer Name
Der Druck auf die Beamten ist seit den Ausschreitungen deutscher Fans beim Länderspiel in Slowenien enorm gewachsen. Zehntausend Hooligans sind weltweit verzeichnet, die Anforderungen 2006 werden alles übertreffen. Verstärkt wird der Druck auch von DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder und Innenminister Schily, die fast wöchentlich hartes Durchgreifen ankündigen. Dadurch verkleinert sich der Spielraum der Polizei. Das Ergebnis: Misstrauen und Kompromisslosigkeit. "So kann die Stimmung nicht besser werden. Man kann nicht alle Probleme mit dem Gummiknüppel lösen", sagt Gunter A. Pilz, Fanforscher der Universität Hannover. Die Gräben zwischen Fans und Polizei werden tiefer, die Vorwürfe lauter.
Auf der einen Seite stehen die Ultras, die Animateure unter den Fans. Ihr Grundsatz besagt, sich von Gewalt zu distanzieren. Durch Einschränkungen wie Videoüberwachung, Stadionverbote oder Meldeauflagen für potenzielle Gewalttäter sinkt jedoch ihre Hemmschwelle. Die massive WM-Sicherheitsmaschinerie verärgert viele Ultras. "Es würde viel weniger Ausschreitungen geben, wenn die Polizei weniger intervenieren würde", glaubt Philipp Markhardt, einer der Fan-Sprecher des Hamburger SV.
Penibel registriert die Zentrale Informationsstelle Sport-Einsätze (ZIS) des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen die Störenfriede. Über 6 000 Personen aus den Fankreisen der Ersten und Zweiten Bundesliga sind gelistet. Fans bezeichnen diese Statistik als übertrieben. "Das gibt ein schiefes Bild wieder", sagt Michael Gabriel von der Koordinationsstelle der Fanprojekte (KOS): "Es ist oberflächlich, die Merkmale der Hooligans eins zu eins den Ultras überzustülpen."
Folglich solidarisieren sich gemäßigte Fans. Ihre Proteste münden oft in Ausschreitungen. Laut Polizei nehmen neun Prozent der Fans Gewalt in Kauf - Tendenz steigend. Die Radikalisierung der Ultras ist eine Gefahr, die so groß ist, wie es der Hooliganismus Anfang der neunziger Jahre war. Wobei die Aggression der gewaltsuchenden Hooligans berechenbar ist - die der Ultras ist es nicht. Fanforscher Gunter A. Pilz bezeichnet die neue Mischform daher als Hooltras. Ihr Hass richtet sich vor allem gegen zwei Feindbilder - die Polizei und den Deutschen Fußball-Bund (DFB). Doch es ist zu bezweifeln, ob ein solches Feindbild berechtigt ist.
Alfred Sengle, der Sicherheitschef des DFB, muss sich täglich mit dieser Problematik beschäftigen. "Niemand wird Polizist, um sich am Wochenende bespucken zu lassen. Ich kenne keinen Fall, in dem die Polizei willkürlich gehandelt hat", sagt er. Sicherheitsbeamte sehen das genauso. "Fans verkennen Ursache und Wirkung. Wir wollen schützen und machen dabei sehr viele Zugeständnisse. Davon spricht leider niemand", erzählt Jürgen Moog, Einsatzleiter Fußball der Polizei Frankfurt. Es ist fast unmöglich, in einem Moment der Eskalation zu differenzieren - zwischen Ultras und Hooligans, zwischen gewaltbereiten und gewaltsuchenden Fans.
Doch diese Vermengung vollzieht sich automatisch im rasanten Wandel der Fankultur. Die Konsequenz, so kritisieren Fans, sind überzogene Sicherheitsmaßnahmen, die vor Jahren noch undenkbar waren: 3 500 Strafverfahren wurden gegen Fans im vergangenen Jahr eröffnet. Über 3 000 Stadionverbote wurden seit 1994 ausgesprochen. In Cottbus soll der ehemalige Präsident Dieter Krein einen Fan vor die Tür gesetzt haben, weil dieser ihn in einer Zeitschrift kritisiert hatte. Beim FC Bayern wurden Fans verbannt - die Begründung des Vereins war nicht rechtskräftig, das Verbot musste wieder aufgehoben werden. Darüber hinaus erzielen Stadionverbote nicht immer die gewünschte Wirkung. Dem Fan, der im April aus einem Waldstück einen Feuerwerkskörper in das Erzgebirgsstadion in Aue schoss, war zuvor ein Stadionverbot auferlegt worden. Das Problem wurde also nicht gelöst - sondern nur verlagert.
Die Beziehung zwischen Fans und Sicherheitskräften wird wohl gestört bleiben. DFB und Polizei beharren auf ihrem Konzept. Fans haben weitere Demonstrationen angekündigt. Matthias Bettag, Sprecher des Bündnisses aktiver Fußball-Fans (Baff), fordert, dass sich Funktionäre und Ordnungskräfte in die Lage der Fans versetzen. Sogar einigen Mitarbeitern in den Fanprojekten fehle die Perspektive aus der Kurve. Raimund Aumann, früher Torwart des FC Bayern, heute Fanbetreuer im Klub, wurde nach Fehlern ein erfahrener Fan an die Seite gestellt. Ein vergleichbarer Posten ist im DFB noch unbesetzt. Zwar sucht Sicherheitschef Alfred Sengle den Kontakt. Viele Fans sehen in ihm aber einen Bürokraten.
DFB-Berater Gunter A. Pilz entgegnet: "Es ist einfach, sein Feindbild zu pflegen. Beide Parteien müssen jedoch aufeinander zu gehen." Zumal verkannt wird, dass Deutschlands kostenintensives Netz von 32 Fanprojekten mit Sozialarbeitern und Pädagogen in Europa einmalig ist. Insofern sind die Verhältnisse hier zu Lande sehr viel besser als in Italien oder Spanien. Für die deutschen Fans ist das derzeit nur ein schwacher Trost.
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kleiner Nachtrag: Leider wurde meine Aussage falsch zitiert, ich meinte natürlich Fanbeauftragte, nicht Fanprojekte. Eigentlich hatte ich das ausführlich (wie es so meine Art ist...) erklärt. An den Spruch, das Funktionäre und Sicherheitsleute sich mal in die Position der Fans denken sollen, kann ich mich zwar so nicht erinnern, aber falsch ist es ja nicht ;-)
Das Spiel mit der Gewalt
Die Beziehung zwischen Fußballfans und Sicherheitskräften ist seit Jahren gestört - eine Harmonisierung ist nicht in Sicht
Ronny Blaschke
BERLIN, 8. Juni. Henning Schwarz erinnert sich nicht gern an den 22. Mai. Obwohl dieser Tag für ihn ein Festtag war. Eintracht Frankfurt hatte den Aufstieg in die Fußball-Bundesliga erspielt. Nichts, so glaubte er, hätte die Stimmung trüben können. Doch Schwarz, der Sprecher der Frankfurter Ultras, hatte sich getäuscht. Im Vergnügungsviertel Alt-Sachsenhausen wich die Freude während der Aufstiegsfeier in wenigen Minuten der Aggression: Nach einer Kneipenprügelei machte die Polizei ernst - und reagierte überzogen, sagen zumindest Fans: Ein Großaufgebot trieb sie durch die Straßen, setzte Tränengas und Hunde ein. "Wir wurden behandelt wie 30 000 randalierende Engländer", klagt Schwarz. Am Tag danach brach in den lokalen Medien die Kritik über die Einsatzleiter der Polizei herein. Die Vermutung: Frankfurt wurde als Testzone für den Ernstfall bei der Weltmeisterschaft 2006 genutzt. Die Polizei widersprach, hat jedoch eine Untersuchung angeordnet. Henning Schwarz ist sich sicher: "30 000 Engländer werden das im kommenden Jahr nicht mit sich machen lassen."
Dieses Beispiel ist eines von vielen. Es verdeutlicht den Konflikt zwischen Fans und Sicherheitskräften. Ein Jahr vor dem WM-Eröffnungsspiel hat sich der Ton in der Sicherheitsdebatte verschärft. "Wir werden es in keiner Weise dulden, die WM von Hooligans kaputt machen zu lassen", betont Innenminister Otto Schily immer wieder. Doch ist diese Schärfe berechtigt? Werden Fans als Problem angesehen, wenn sie sich als lautlose Kunden verweigern? Sind sie brutaler geworden? Oder fährt die Polizei einen drakonischen Kurs?
Neue Fans, neuer Name
Der Druck auf die Beamten ist seit den Ausschreitungen deutscher Fans beim Länderspiel in Slowenien enorm gewachsen. Zehntausend Hooligans sind weltweit verzeichnet, die Anforderungen 2006 werden alles übertreffen. Verstärkt wird der Druck auch von DFB-Präsident Gerhard Mayer-Vorfelder und Innenminister Schily, die fast wöchentlich hartes Durchgreifen ankündigen. Dadurch verkleinert sich der Spielraum der Polizei. Das Ergebnis: Misstrauen und Kompromisslosigkeit. "So kann die Stimmung nicht besser werden. Man kann nicht alle Probleme mit dem Gummiknüppel lösen", sagt Gunter A. Pilz, Fanforscher der Universität Hannover. Die Gräben zwischen Fans und Polizei werden tiefer, die Vorwürfe lauter.
Auf der einen Seite stehen die Ultras, die Animateure unter den Fans. Ihr Grundsatz besagt, sich von Gewalt zu distanzieren. Durch Einschränkungen wie Videoüberwachung, Stadionverbote oder Meldeauflagen für potenzielle Gewalttäter sinkt jedoch ihre Hemmschwelle. Die massive WM-Sicherheitsmaschinerie verärgert viele Ultras. "Es würde viel weniger Ausschreitungen geben, wenn die Polizei weniger intervenieren würde", glaubt Philipp Markhardt, einer der Fan-Sprecher des Hamburger SV.
Penibel registriert die Zentrale Informationsstelle Sport-Einsätze (ZIS) des Landeskriminalamtes Nordrhein-Westfalen die Störenfriede. Über 6 000 Personen aus den Fankreisen der Ersten und Zweiten Bundesliga sind gelistet. Fans bezeichnen diese Statistik als übertrieben. "Das gibt ein schiefes Bild wieder", sagt Michael Gabriel von der Koordinationsstelle der Fanprojekte (KOS): "Es ist oberflächlich, die Merkmale der Hooligans eins zu eins den Ultras überzustülpen."
Folglich solidarisieren sich gemäßigte Fans. Ihre Proteste münden oft in Ausschreitungen. Laut Polizei nehmen neun Prozent der Fans Gewalt in Kauf - Tendenz steigend. Die Radikalisierung der Ultras ist eine Gefahr, die so groß ist, wie es der Hooliganismus Anfang der neunziger Jahre war. Wobei die Aggression der gewaltsuchenden Hooligans berechenbar ist - die der Ultras ist es nicht. Fanforscher Gunter A. Pilz bezeichnet die neue Mischform daher als Hooltras. Ihr Hass richtet sich vor allem gegen zwei Feindbilder - die Polizei und den Deutschen Fußball-Bund (DFB). Doch es ist zu bezweifeln, ob ein solches Feindbild berechtigt ist.
Alfred Sengle, der Sicherheitschef des DFB, muss sich täglich mit dieser Problematik beschäftigen. "Niemand wird Polizist, um sich am Wochenende bespucken zu lassen. Ich kenne keinen Fall, in dem die Polizei willkürlich gehandelt hat", sagt er. Sicherheitsbeamte sehen das genauso. "Fans verkennen Ursache und Wirkung. Wir wollen schützen und machen dabei sehr viele Zugeständnisse. Davon spricht leider niemand", erzählt Jürgen Moog, Einsatzleiter Fußball der Polizei Frankfurt. Es ist fast unmöglich, in einem Moment der Eskalation zu differenzieren - zwischen Ultras und Hooligans, zwischen gewaltbereiten und gewaltsuchenden Fans.
Doch diese Vermengung vollzieht sich automatisch im rasanten Wandel der Fankultur. Die Konsequenz, so kritisieren Fans, sind überzogene Sicherheitsmaßnahmen, die vor Jahren noch undenkbar waren: 3 500 Strafverfahren wurden gegen Fans im vergangenen Jahr eröffnet. Über 3 000 Stadionverbote wurden seit 1994 ausgesprochen. In Cottbus soll der ehemalige Präsident Dieter Krein einen Fan vor die Tür gesetzt haben, weil dieser ihn in einer Zeitschrift kritisiert hatte. Beim FC Bayern wurden Fans verbannt - die Begründung des Vereins war nicht rechtskräftig, das Verbot musste wieder aufgehoben werden. Darüber hinaus erzielen Stadionverbote nicht immer die gewünschte Wirkung. Dem Fan, der im April aus einem Waldstück einen Feuerwerkskörper in das Erzgebirgsstadion in Aue schoss, war zuvor ein Stadionverbot auferlegt worden. Das Problem wurde also nicht gelöst - sondern nur verlagert.
Die Beziehung zwischen Fans und Sicherheitskräften wird wohl gestört bleiben. DFB und Polizei beharren auf ihrem Konzept. Fans haben weitere Demonstrationen angekündigt. Matthias Bettag, Sprecher des Bündnisses aktiver Fußball-Fans (Baff), fordert, dass sich Funktionäre und Ordnungskräfte in die Lage der Fans versetzen. Sogar einigen Mitarbeitern in den Fanprojekten fehle die Perspektive aus der Kurve. Raimund Aumann, früher Torwart des FC Bayern, heute Fanbetreuer im Klub, wurde nach Fehlern ein erfahrener Fan an die Seite gestellt. Ein vergleichbarer Posten ist im DFB noch unbesetzt. Zwar sucht Sicherheitschef Alfred Sengle den Kontakt. Viele Fans sehen in ihm aber einen Bürokraten.
DFB-Berater Gunter A. Pilz entgegnet: "Es ist einfach, sein Feindbild zu pflegen. Beide Parteien müssen jedoch aufeinander zu gehen." Zumal verkannt wird, dass Deutschlands kostenintensives Netz von 32 Fanprojekten mit Sozialarbeitern und Pädagogen in Europa einmalig ist. Insofern sind die Verhältnisse hier zu Lande sehr viel besser als in Italien oder Spanien. Für die deutschen Fans ist das derzeit nur ein schwacher Trost.
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kleiner Nachtrag: Leider wurde meine Aussage falsch zitiert, ich meinte natürlich Fanbeauftragte, nicht Fanprojekte. Eigentlich hatte ich das ausführlich (wie es so meine Art ist...) erklärt. An den Spruch, das Funktionäre und Sicherheitsleute sich mal in die Position der Fans denken sollen, kann ich mich zwar so nicht erinnern, aber falsch ist es ja nicht ;-)