Südländer
Nachrichten aus der Provinz...
Ganz eifrige NWU-Leser werden schon mitbekommen haben, dass die berüchtigte Fanszene aus der Vorstadt gerade nicht sehr glücklich ist. Das kann, muss aber nicht jeden interessieren. Immerhin könnte der Artikel für einige Journalisten ein Beispiel sein, sich im Interesse einer ausgewogenen Berichterstattung etwas Mühe zu geben.
Grüße von der "Ultras Bremen Sek. Oberbayern" (1 Mitglied :tongue: )
Gekränkte Ultras
Gespräch zwischen der SpVgg und ihren Fans ist gescheitert
Manche Zahlen haben die Macht, einen gewöhnlichen Menschen in Staunen zu versetzen. Eine Schneeflocke besteht aus vielen Millionen Molekülen. Das Licht bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 299 792 Kilometern pro Sekunde. Der Fußball-Zweitligist SpVgg Unterhaching hat 3000 in Fanklubs organisierte Anhänger.
Diese Zahl wirkt unglaublich, sie entspricht ungefähr der durchschnittlichen Zuschauerzahl im Sportpark. Die Erklärung ist aber einfach. Viele Fanklubs existieren nur noch als Karteileichen aus der Erstligazeit oder wurden aus einer Bierlaune heraus in einem weit entfernten Teil der Republik gegründet. Wer von der Homepage der SpVgg den Links folgt, stößt auf nicht mehr gepflegte Seiten. Im Block war von 3000 organisierten Fans bisher nichts zu sehen. Da fielen akustisch vor allem ein paar Jugendliche auf, die sich als Ultras definieren, die Haching Supporters Crew (HSC).
Boykott der Heimspiele
Die Ultra-Strömung hat Aspekte, die den Vereinen gefallen: Ultras organisieren Choreografien, die den Verein schön bunt im Fernsehen repräsentieren, sie reisen zu Auswärtsspielen und machen den Klub zum Mittelpunkt ihrer Freizeit. Nun haben die Mitglieder der HSC nach einem langwierigen Streit mit der Vereinsführung angekündigt, dass sie ihre Aktivitäten einstellen und die Heimspiele nicht mehr besuchen wollen.
Da überrascht es, dass die SpVgg darauf verweist, es handele sich nur um eine kleine Gruppierung unter vielen. Pressesprecher Markus Sieger berichtet erfreut, dass sich kürzlich bereits der 90. Fanklub angemeldet hat, die Schönauer Rotfuxn aus Tuntenhausen. Er betont: ¸¸Bei uns genießen alle Fanklubs den gleichen Stellenwert."
Solche Aussagen treffen das labile Selbstbewusstsein der jugendlichen Ultras, die Respekt dafür erwarten, dass sie ihre Freizeit und ihr Taschengeld investieren. Trotz ihrer Verdienste fühlen sie sich verschmäht, denn zum Selbstverständnis der Ultras gehören leider auch die verbotene Pyrotechnik und derbe Sprechchöre. Wegen Anzündens von Rauchpulver erhielt ein HSC-Mitglied Stadionverbot. Bei der SpVgg, die sich auf dem Münchner Fußballmarkt als familienfreundliche Alternative positioniert hat, werden die Ultras als schlechtes Vorbild für die Kinder gesehen. ¸¸Die Eintrittskarte ist nicht die Berechtigung für Beleidigungen, auch wenn das anderswo üblich ist", erklärt Manager Norbert Hartmann. Sieger meint: ¸¸12-Jährige sollen nicht sehen, wie eine Rauchbombe gezündet wird, sonst machen sie das nach."
Der schon lange schwelende Streit ist beim vergangenen Heimspiel gegen den Karlsruher SC eskaliert. Der Fanbeauftragte Michael von Hammerstein wurde handgreiflich, nachdem ihn der Fanklub wegen des Stadionverbots wüst beschimpft hatte. Da erwies es sich als ungünstig, dass Hammerstein Ordner und Fanbeauftragter zugleich ist. Die Strukturen des Sicherheitsdienstes sollen nun verändert werden, die freiwilligen Ordner eine bessere Schulung erhalten.
Das interessiert die Jugendlichen von der HSC nicht mehr. Sie legten sich fest, nicht mehr in den Sportpark zu kommen. In ihrer Erklärung klang viel gekränkter Stolz durch. ¸¸Die fühlen sich falsch verstanden", hat Hartmann immerhin erkannt. Die Befindlichkeiten sind kompliziert: Die Ultras provozieren die Verantwortlichen mit verbotenem Feuerwerk, erwarten aber Anerkennung für ihre bedingungslose Treue zum Klub. Der Verein wünscht sich aktive Fans, von denen er für einen Zweitligisten viel zu wenige hat, aber bitte nur mit familiengerechtem Vokabular. Solchen Ärger gibt es in ähnlicher Form in fast allen Klubs, viele Vereinsvertreter fühlen sich davon überfordert, aber die SpVgg ging damit besonders unsouverän um.
Die Verantwortlichen erkannten immerhin den Gesprächsbedarf und boten ein Treffen am Dienstag an. Eine gute Idee, aber sie endete, wie zu erwarten war, mit einem weiteren Missverständnis. ¸¸Wir haben gesagt, dass wir sie gerne im Stadion haben, aber dass sie gewisse Grenzen nicht überschreiten dürfen", erklärt Hartmann, ¸¸wir wollen weiterhin gut mit ihnen zusammenarbeiten."
Die Fans sehen das Ergebnis der Diskussion anders. Es soll von Vereinsvertretern die Formulierung gefallen sein, die Mitglieder der HSC könnten ihre Dauerkarten zurückgeben, wenn sie sich nicht an die Regeln halten wollten. ¸¸Hingehen macht für uns keinen Sinn mehr, da wir und Stimmung im Sportpark nicht erwünscht sind", sagt der Fan Cowboy im Internetforum. ¸¸Heute werde ich die Jahreskarte zurückgeben." Die anderen Mitglieder der HSC wollen seinem Beispiel folgen. Die SpVgg hat dann noch rund 2970 organisierte Sympathisanten, weniger Probleme - und weniger Stimmung im Stadion. Markus Schäflein
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.97, Donnerstag, den 28. April 2005 , Seite 34
Ganz eifrige NWU-Leser werden schon mitbekommen haben, dass die berüchtigte Fanszene aus der Vorstadt gerade nicht sehr glücklich ist. Das kann, muss aber nicht jeden interessieren. Immerhin könnte der Artikel für einige Journalisten ein Beispiel sein, sich im Interesse einer ausgewogenen Berichterstattung etwas Mühe zu geben.
Grüße von der "Ultras Bremen Sek. Oberbayern" (1 Mitglied :tongue: )
Gekränkte Ultras
Gespräch zwischen der SpVgg und ihren Fans ist gescheitert
Manche Zahlen haben die Macht, einen gewöhnlichen Menschen in Staunen zu versetzen. Eine Schneeflocke besteht aus vielen Millionen Molekülen. Das Licht bewegt sich mit einer Geschwindigkeit von 299 792 Kilometern pro Sekunde. Der Fußball-Zweitligist SpVgg Unterhaching hat 3000 in Fanklubs organisierte Anhänger.
Diese Zahl wirkt unglaublich, sie entspricht ungefähr der durchschnittlichen Zuschauerzahl im Sportpark. Die Erklärung ist aber einfach. Viele Fanklubs existieren nur noch als Karteileichen aus der Erstligazeit oder wurden aus einer Bierlaune heraus in einem weit entfernten Teil der Republik gegründet. Wer von der Homepage der SpVgg den Links folgt, stößt auf nicht mehr gepflegte Seiten. Im Block war von 3000 organisierten Fans bisher nichts zu sehen. Da fielen akustisch vor allem ein paar Jugendliche auf, die sich als Ultras definieren, die Haching Supporters Crew (HSC).
Boykott der Heimspiele
Die Ultra-Strömung hat Aspekte, die den Vereinen gefallen: Ultras organisieren Choreografien, die den Verein schön bunt im Fernsehen repräsentieren, sie reisen zu Auswärtsspielen und machen den Klub zum Mittelpunkt ihrer Freizeit. Nun haben die Mitglieder der HSC nach einem langwierigen Streit mit der Vereinsführung angekündigt, dass sie ihre Aktivitäten einstellen und die Heimspiele nicht mehr besuchen wollen.
Da überrascht es, dass die SpVgg darauf verweist, es handele sich nur um eine kleine Gruppierung unter vielen. Pressesprecher Markus Sieger berichtet erfreut, dass sich kürzlich bereits der 90. Fanklub angemeldet hat, die Schönauer Rotfuxn aus Tuntenhausen. Er betont: ¸¸Bei uns genießen alle Fanklubs den gleichen Stellenwert."
Solche Aussagen treffen das labile Selbstbewusstsein der jugendlichen Ultras, die Respekt dafür erwarten, dass sie ihre Freizeit und ihr Taschengeld investieren. Trotz ihrer Verdienste fühlen sie sich verschmäht, denn zum Selbstverständnis der Ultras gehören leider auch die verbotene Pyrotechnik und derbe Sprechchöre. Wegen Anzündens von Rauchpulver erhielt ein HSC-Mitglied Stadionverbot. Bei der SpVgg, die sich auf dem Münchner Fußballmarkt als familienfreundliche Alternative positioniert hat, werden die Ultras als schlechtes Vorbild für die Kinder gesehen. ¸¸Die Eintrittskarte ist nicht die Berechtigung für Beleidigungen, auch wenn das anderswo üblich ist", erklärt Manager Norbert Hartmann. Sieger meint: ¸¸12-Jährige sollen nicht sehen, wie eine Rauchbombe gezündet wird, sonst machen sie das nach."
Der schon lange schwelende Streit ist beim vergangenen Heimspiel gegen den Karlsruher SC eskaliert. Der Fanbeauftragte Michael von Hammerstein wurde handgreiflich, nachdem ihn der Fanklub wegen des Stadionverbots wüst beschimpft hatte. Da erwies es sich als ungünstig, dass Hammerstein Ordner und Fanbeauftragter zugleich ist. Die Strukturen des Sicherheitsdienstes sollen nun verändert werden, die freiwilligen Ordner eine bessere Schulung erhalten.
Das interessiert die Jugendlichen von der HSC nicht mehr. Sie legten sich fest, nicht mehr in den Sportpark zu kommen. In ihrer Erklärung klang viel gekränkter Stolz durch. ¸¸Die fühlen sich falsch verstanden", hat Hartmann immerhin erkannt. Die Befindlichkeiten sind kompliziert: Die Ultras provozieren die Verantwortlichen mit verbotenem Feuerwerk, erwarten aber Anerkennung für ihre bedingungslose Treue zum Klub. Der Verein wünscht sich aktive Fans, von denen er für einen Zweitligisten viel zu wenige hat, aber bitte nur mit familiengerechtem Vokabular. Solchen Ärger gibt es in ähnlicher Form in fast allen Klubs, viele Vereinsvertreter fühlen sich davon überfordert, aber die SpVgg ging damit besonders unsouverän um.
Die Verantwortlichen erkannten immerhin den Gesprächsbedarf und boten ein Treffen am Dienstag an. Eine gute Idee, aber sie endete, wie zu erwarten war, mit einem weiteren Missverständnis. ¸¸Wir haben gesagt, dass wir sie gerne im Stadion haben, aber dass sie gewisse Grenzen nicht überschreiten dürfen", erklärt Hartmann, ¸¸wir wollen weiterhin gut mit ihnen zusammenarbeiten."
Die Fans sehen das Ergebnis der Diskussion anders. Es soll von Vereinsvertretern die Formulierung gefallen sein, die Mitglieder der HSC könnten ihre Dauerkarten zurückgeben, wenn sie sich nicht an die Regeln halten wollten. ¸¸Hingehen macht für uns keinen Sinn mehr, da wir und Stimmung im Sportpark nicht erwünscht sind", sagt der Fan Cowboy im Internetforum. ¸¸Heute werde ich die Jahreskarte zurückgeben." Die anderen Mitglieder der HSC wollen seinem Beispiel folgen. Die SpVgg hat dann noch rund 2970 organisierte Sympathisanten, weniger Probleme - und weniger Stimmung im Stadion. Markus Schäflein
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.97, Donnerstag, den 28. April 2005 , Seite 34