Aufwind aus Amsterdam
Bei Ajax ist Angelos Charisteas wieder Stammspieler und weiter Schlüsselfigur der griechischen Nationalelf / Heute entscheidendes WM-Qualifikationsspiel in der Türkei
VON ANDREAS MORBACH
Ein bisschen Anlaufzeit brauchte Ángelos Charistéas schon. Um warm zu werden - mit Amsterdam, mit dem veränderten Lebensgefühl um ihn herum, mit Ajax. Zweieinhalb Jahre hatte der gebürtige Grieche für Werder Bremen in der Bundesliga gespielt, ehe er im letzten Winter, des Zuschauens überdrüssig, in die Niederlande übersiedelte. Und an der Amstel rasch merkte: Amsterdam tickt anders als Bremen. "Die Kultur hat sich verändert", fällt Charistéas zu seinem Sprung aus dem ruhigen Norddeutschland in Hollands bunte Metropole ein. Denn mittlerweile weiß er: "Hier geht es sehr international zu. Sehr viele Surinamer und Italiener" gebe es hier, erzählt er zum Beispiel. Und auf die Frage, wo es ihm besser gefällt, antwortet er: "Ich lerne eine neue Situation kennen und wachse damit."
Der Abschied von der Weser ist ihm halt nicht leicht gefallen. Immerhin fand er nach drei Monaten im Hotel für sich und seine Frau Barbara im April "endlich ein Haus". Im Zentrum von Amsterdam, mit Blick auf das alte Olympiastadion. An Werder Bremen, sagt er, denke er noch immer "nur positiv". Doch die Aussichten auf regelmäßige Einsätze bei Werder wollten im Herbst 2004 einfach nicht besser werden für den 25-Jährigen. Trotz seiner ruhmreichen Taten bei der EM in Portugal, als er den krassen Außenseiter Griechenland mit drei Toren zum Titel schoss und köpfte. Charistéas wurde zur Sternschnuppe. Der ganze Kontinent staunte über den schmalen Hellenen.
Rat von Rehhagel
Aber kaum hatten die Menschen mit dem Staunen angefangen, war die EM auch schon vorüber, sein Glanz erlosch. In Bremen war lahm gelegt, Stürmer Nummer vier, frustrierter Reservist. Charisteas wollte nur noch weg, aber selbst sein Nationaltrainer Otto Rehhagel war zwiespältig. "Er hat Gefühle für Bremen, ist dort ein König", weiß Charistéas. Und doch riet auch Rehhagel zum Wechsel, weil er derselben Ansicht wie Charisteas ist: "Meine Qualitäten sind nicht dafür geschaffen, um auf der Bank zu sitzen." Das hat er jetzt hinter sich. Auch wenn Ronald Koeman, der Trainer, der ihn im Winter für rund fünf Millionen Euro aus Bremen holte, wegen der unruhigen Saison von Ajax längst durch Danny Blind ersetzt wurde. "Wenn ich nicht verletzt war", berichtet Charistéas, "habe ich bei ihm immer gespielt." Den Wechsel in die niederländische Ehrendivision empfindet er trotzdem sportlich als Abstieg. "Die Bundesliga", sagt er, "hat eine höhere Qualität. Dort gibt es viele gute Mannschaften. In Holland höchstens drei oder vier." Für die aufstürmende Ajax-Jugend hat es in dieser Saison indes nur zu Platz drei gereicht, abgeschlagen hinter Meister Eindhoven, abgehängt auch vom Überraschungsteam aus Alkmaar.
"Rehhagel will wie verrückt"
Charisteas hat sich damit nicht lange aufzuhalten: In der WM-Qualifikation mit Griechenland stehen auf dem Weg zur Endrunde zwei entscheidende Partien an: Heute in der Türkei, vier Tage später zu Hause gegen Tabellenführer Ukraine. Einer, der der WM-Teilnahme herbeisehnt, ist sein Mentor Rehhagel. "Er will", erklärt der Ajax-Angreifer, "wie verrückt nach Deutschland." Die Griechen wollen beweisen, dass ihr EM-Triumph keine Eintagsfliege war. "Schaffen wir es, wird sich der griechische Fußball weiter nach oben entwickeln", behauptet Charistéas. "Es wäre gar nicht gut, wenn wir nicht dabei wären." Der Mann weiß schließlich, was es heißt, nicht dabei zu sein.
Frankfurter Rundschau