WM 2006 - Was soll ein kulturelles Fußball-Magazin?

Dr. Steif
Fifa WM 2006
Sauge den Duft der Flur
Von Andreas Platthaus

19. November 2004 Kaum beklagt sich die Bundestagsfraktion der Union in einer Kleinen Anfrage über das unklare Konzept eines „angemessenen Deutschlandbildes”, das doch das Kulturprogramm zur Fußballweltmeisterschaft 2006 vermitteln solle, da erscheint die erste Ausgabe von „Anstoߔ.

Und deshalb hätte sich die Bundesregierung ihre Antwort sparen können, daß der für das Kulturprogramm verantwortliche Künstlertausendsassa André Heller und sein Team doch sehr wohl eine „Kernbotschaft” hätten, nämlich: „Deutschland ist ein weltoffenes, sympathisches, tolerantes, modernes Land und damit ein würdiger Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft.” Besser hätte sie im Plenum einfach ebenjenen „Anstoߔ ausgelegt.

Überformatige bildreiche Publikation

„Anstoߔ ist „die Zeitschrift des Kunst- und Kulturprogramms zur Fifa WM 2006”; erscheinen soll sie insgesamt sechsmal, redaktionell betreut wird sie vom den Lesern dieser Zeitung wohlvertrauten Literaturkritiker Jochen Hieber, und sie ist am Kiosk zu haben für eine Schutzgebühr von fünf Euro oder sogar kostenlos unter anstoss@artevent.at.

Das ist, ob gratis angefordert oder moderat bezahlt, jedenfalls geschenkt für eine überformatige bildreiche Publikation von 284 Seiten, die allerdings alle Textbeiträge doppelt abdruckt, einmal deutsch, einmal englisch, denn das Motto der Veranstaltung lautet ja „Zu Gast bei Freunden”, und seinen Gästen hat ein Freund zumindest insofern entgegenzukommen, daß er die eigenen tiefen Gedanken auch in ein verständliches Idiom bringt.

Das Peter-Handke-Poem

Die Vorstellung, ein nicht des Deutschen kundiger Weltbürger, der sich schon so weit überwunden hat, daß er ein Magazin mit dem rätselhaften Namen „Anstoߔ erwirbt, stieße darin auch noch auf das unübersetzte Peter-Handke-Poem „Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27. 1. 1968”, hatte zweifellos etwas Bedrückendes. Nun aber gibt es das Gedicht auch als „The Line-Up of 1. FC Nuremberg on 27-1-1968”, und jener monoglotte Leser mag sich nun selbst seinen Reim auf die folgenden Zeilen machen:

Wabra -
Leupold, Popp -
Ludwig, Müller, Wenauer, Blankenburg -
Starek, Strehl, Brungs -
Heinz, Müller, Volkert

Immerhin aber gibt es einen Erläuterungstext zu Handkes Heldengesang in elf Namen, der dann auch dem Ratlosen die zumindest onomatopoetische Eleganz einer deutschen Mannschaftsaufstellung nahebringen dürfte. Und was die Spaltenbreite der Zeitung verhindert, erweist sich erst auf dem schönen matten Papier von „Anstoߔ und in ganzseitiger Präsentation des Poems in seiner ganzen Schönheit: die fünfköpfige Sturmreihe von Starek bis Volkert. Sic transit gloria mundi.

Was soll ein kulturelles Fußball-Magazin?

Außer Handke gibt es Aufsätze von Autoren wie Tim Parks, Thomas Hürlimann oder Angela Krauß, Gespräche mit Daniel Cohn-Bendit und Henryk M. Broder, Monika Maron und Klaus Theweileit, Sabine Töpperwien und Heribert Faßbender, Buchtips, Reportagen, Porträts und den ersten Teil eines Fotoessays über die zwölf deutschen WM-Stadien. Wobei man es als überraschend bezeichnen darf, daß der gewaltige Videowürfel in der „Arena auf Schalke” im Moment der Aufnahme gerade die diesjährige Tour de France übertrug. Das durch die Besetzung der Ränge dokumentierte Interesse war dementsprechend.

Nun aber Hände weg vom Ball und aufs Herz: Was sagen wir zu dem Spiel? Was soll ein kulturelles Fußball-Magazin? Der Fan liest doch eh den „Kicker”, und alle anderen sitzen in der Oper. Und kann man überhaupt verstehen, daß die Leute sich so aufregen? Schon zwei Jahre zuvor? Wenn man „Anstoߔ liest, versteht man es besser.

Luxus verschiedener Fotos

Man muß nicht Hürlimann Glauben schenken, der etwas vollmundig behauptet: „Wer Ball spielt, erhebt seine Seele zu den Sphären”, bevor er dann eine an Sloterdijk geschulte Formentheorie entfaltet, bei der man sich vor allem seines unbezähmbaren Kinderwunsches erinnert, einen Meisterschuß zu tun, um einen Ballon platzen zu lassen. Wie wohltuend dagegen die unkapriziöse Bemerkung Loriots: „Schon vor Hunderttausenden von Jahren hatte der Mensch Freude daran, Gegenstände mit Fußtritten in rasche Bewegung zu versetzen. Allerdings ging man seinerzeit noch auf allen vieren, so daß ein Schuß aufs Tor sich meist schon in den eigenen Vorderbeinen verfing. Da begriff der Mensch, er müsse sich, wenn er erfolgreich Fußball spielen wollte, in den aufrechten Gang erheben.”

Und für diejenigen, die besser ein Spiel zu lesen verstehen als einen Text, gibt es die ausgesucht schöne Bebilderung, die sich zudem den Luxus erlaubt, im englischen Teil andere Fotos zu verwenden als im deutschen. So kann man nach Lektüre oder Betrachtung das Heft umdrehen und in einer anderen Sprache von vorn beginnen. Und dabei stößt man immer wieder auf schöne Details, so etwa zur intensiven Spielfeldpflege, die so weit geht, daß russische Spieler für ihren Kunstrasen Duftstoffe verlangen, die den Geruch frischen Grases simulieren. Oder auch auf den einzigen fußballrelevanten Satz im Text von Angela Krauß: „So kann sie also beginnen, die poetische Existenz, als Spiel.” Das ist das Programm von „Anstoߔ.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.11.2004, Nr. 271 / Seite 42

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