Südländer
Ein Tier wie wir
Das Maskottchen für "unsere" Fußballweltmeisterschaft 2006 übertrifft alle bisher bekannten Geschmacklosigkeiten. "Goleo VI" ist groß, träge und besserwisserisch: ein Deutscher im Löwenpelz
VON ROBIN ALEXANDER
UND ARNO FRANK
Der Schock sitzt tief. Deutschland streitet nicht mehr um Hartz IV. Deutschland streitet über Goleo VI. Am Samstag wurde in der Sendung "Wetten dass . . ?" das offizielle Maskottchen für die Fußballweltmeisterschaft 2006 vorgestellt. Wer jetzt meint, dazu müsse er nun wirklich keinen Zeitungsartikel lesen, der hat wohl
a) kein Bock auf Fußball,
b) keinen Fernseher,
c) auch keine Kinder und
d) den Ernst der Lage nicht erkannt.
Denn Goleo VI wird bald die Werbeblöcke und -plakate, Kinderzimmer und -herzen und vielleicht sogar des Kanzlers oder Bundespräsidenten Brust zieren. Vor ihm wird es kein Entrinnen geben. Er wird uns aufgezwungen werden mit aller Macht des Marketings. Schauen wir ihn uns deshalb jetzt schon mal genau an.
Also: Goleo trägt eine Löwenmähne (Signal: männlich), eine Plastiknase (Signal: Die Muppets-Mafia hat ihn erfunden), ein Trikot der deutschen Nationalmannschaft (Signal: Wir werden Weltmeister!) und Fußballschuhe der Marke Adidas, nicht Nike (Signal: Das ist unsere WM, Amis.). Da fehlt doch was? Genau: die Hose. Bild am Sonntag ("Mehr Bums in Bams") fragte gestern anklagend: "Warum hat unser WM-Löwe keine Hose?". Tja, warum nur?
Weil Franz Beckenbauer ihn ausgesucht hat? Nein, keine Sorge: Der Schwanz, der rausguckt, ist nicht bayerisch, sondern buschig - wie das ganze Tier: zum Knuddeln und Liebhaben. Optisch erinnert Goleo nicht an die omnipotente Lichtgestalt auf den Weihnachtsfeiern vom FC Bayern München, sondern an ein sehr großes Plüschtier. Alles ganz harmlos also: Donald Duck ist ja ebenfalls untenrum nackig? Aber hätte Donald wie Goleo am Samstagabend einem Wettkandidaten eindeutige Avancen gemacht: "Schnüff, schnüff, du riechst so lecker!"? Wohl eher nicht.
Goleo VI heißt übrigens deshalb Goleo VI, weil angeblich die ersten fünf Entwürfe für ihn in die Mülltonne wanderten. Wie schlecht müssen die Maskottchen gewesen sein, die gegen Goleo abgestunken sind: Jürgen Drews als "König Fußball"? Die personifizierte Chiquita-Bananenflanke? Elfmeterpünktchen und Anton? Der Schrein mit den Gebeinen von Fritz Walter? Auch die aus der Not geborene Idee, kein Plüschtier, sondern einen Menschen aus Fleisch und Blut zum offiziellen Fußball-Maskottchen zu machen, musste verworfen werden: Monika Lierhaus hatte leider noch Vertrag bei der ARD.
Also ist es Goleo geworden. Schlimm. Denn obwohl die bizarre Kreatur von einer US-Company entworfen wurde, einen englisch-lateinischen Mischmasch ("Goal" und "Leo") als Namen trägt und von der internationalen Verbrecherorganisation Fifa abgesegnet wurde, ist er leider sehr deutsch geraten. Ein Löwe? Deutsch? Aber diese Tiere kommen doch in unseren Gefilden gar nicht vor! Schon. Aber woanders auch nicht. Zumindest nicht so: Mit 230 Zentimetern ist Goleo geradezu riesenhaft geraten. Andere mochtens kleiner: Nettere Länder schmückten ihre Weltmeisterschaften mit Apfelsinchen (Spanien, 1982), Hündchen (USA, 1994) und Hähnchen (Frankreich, 1998). Auch das gute, alte, geteilte Deutschland blieb 1974 bescheiden, als es die Welt in seine Westhälfte lud, winkten zwei (!), kleine (!) Jungs (!) fröhlich.Tempi felices passati! Das wiedervereinigte Deutschland hingegen kommt in Goleo zu sich selbst: ein Volk wie ein alter Löwe nach gefressener Beute, zu groß, zu faul, zu tapsig.
Und das Schlimmste kommt noch: der Ball. Der argentinische Gauchito (1978) stoppte den Ball, der italienische "Ciao" balancierte das Spielgerät 1990 elegant auf den Schultern, der amerikanische "Striker" schoss ihn 1994 fröhlich nach vorn und der französische "Footix" (1998) streichelte ihn gar zärtlich. Alles schöne Dinge, die man mit einem prallen Ball machen kann. Goleo dagegen kann - hier trifft er die deutsche Nationalmannschaft - nichts mit dem Ball. Er hält ihn nur in der Hand.
Dafür kann der Ball: nämlich sprechen. Er gibt Anekdoten zum Besten, Statistiken und jede Menge Daten. Er weiß alles besser. Er scheißt klug. Dieser Ball sollte eigentlich Johannes B. Kerner heißen. Er heißt aber "Pille", wogegen sich der gleichnamige besonnene Arzt von Raumschiff Enterprise nicht mehr wehren kann, weil er in weiser Voraussicht im vergangen Jahr starb.
Dieser Pille (warum nicht Kirsche? Ei? Das runde Leder? Das Sportgerät?) sieht jedenfalls aus wie ein Mischung aus grinsendem Totenkopf und Berti Vogts. Der deutsche Löwe, brüllend, aber ohne Hose, und die Pille für den Mann - um Deutschland muss man sich langsam wirklich Sorgen machen.
taz Nr. 7514 vom 15.11.2004, Seite 14, 117 TAZ-Bericht ROBIN ALEXANDER / ARNO FRANK
Das Maskottchen für "unsere" Fußballweltmeisterschaft 2006 übertrifft alle bisher bekannten Geschmacklosigkeiten. "Goleo VI" ist groß, träge und besserwisserisch: ein Deutscher im Löwenpelz
VON ROBIN ALEXANDER
UND ARNO FRANK
Der Schock sitzt tief. Deutschland streitet nicht mehr um Hartz IV. Deutschland streitet über Goleo VI. Am Samstag wurde in der Sendung "Wetten dass . . ?" das offizielle Maskottchen für die Fußballweltmeisterschaft 2006 vorgestellt. Wer jetzt meint, dazu müsse er nun wirklich keinen Zeitungsartikel lesen, der hat wohl
a) kein Bock auf Fußball,
b) keinen Fernseher,
c) auch keine Kinder und
d) den Ernst der Lage nicht erkannt.
Denn Goleo VI wird bald die Werbeblöcke und -plakate, Kinderzimmer und -herzen und vielleicht sogar des Kanzlers oder Bundespräsidenten Brust zieren. Vor ihm wird es kein Entrinnen geben. Er wird uns aufgezwungen werden mit aller Macht des Marketings. Schauen wir ihn uns deshalb jetzt schon mal genau an.
Also: Goleo trägt eine Löwenmähne (Signal: männlich), eine Plastiknase (Signal: Die Muppets-Mafia hat ihn erfunden), ein Trikot der deutschen Nationalmannschaft (Signal: Wir werden Weltmeister!) und Fußballschuhe der Marke Adidas, nicht Nike (Signal: Das ist unsere WM, Amis.). Da fehlt doch was? Genau: die Hose. Bild am Sonntag ("Mehr Bums in Bams") fragte gestern anklagend: "Warum hat unser WM-Löwe keine Hose?". Tja, warum nur?
Weil Franz Beckenbauer ihn ausgesucht hat? Nein, keine Sorge: Der Schwanz, der rausguckt, ist nicht bayerisch, sondern buschig - wie das ganze Tier: zum Knuddeln und Liebhaben. Optisch erinnert Goleo nicht an die omnipotente Lichtgestalt auf den Weihnachtsfeiern vom FC Bayern München, sondern an ein sehr großes Plüschtier. Alles ganz harmlos also: Donald Duck ist ja ebenfalls untenrum nackig? Aber hätte Donald wie Goleo am Samstagabend einem Wettkandidaten eindeutige Avancen gemacht: "Schnüff, schnüff, du riechst so lecker!"? Wohl eher nicht.
Goleo VI heißt übrigens deshalb Goleo VI, weil angeblich die ersten fünf Entwürfe für ihn in die Mülltonne wanderten. Wie schlecht müssen die Maskottchen gewesen sein, die gegen Goleo abgestunken sind: Jürgen Drews als "König Fußball"? Die personifizierte Chiquita-Bananenflanke? Elfmeterpünktchen und Anton? Der Schrein mit den Gebeinen von Fritz Walter? Auch die aus der Not geborene Idee, kein Plüschtier, sondern einen Menschen aus Fleisch und Blut zum offiziellen Fußball-Maskottchen zu machen, musste verworfen werden: Monika Lierhaus hatte leider noch Vertrag bei der ARD.
Also ist es Goleo geworden. Schlimm. Denn obwohl die bizarre Kreatur von einer US-Company entworfen wurde, einen englisch-lateinischen Mischmasch ("Goal" und "Leo") als Namen trägt und von der internationalen Verbrecherorganisation Fifa abgesegnet wurde, ist er leider sehr deutsch geraten. Ein Löwe? Deutsch? Aber diese Tiere kommen doch in unseren Gefilden gar nicht vor! Schon. Aber woanders auch nicht. Zumindest nicht so: Mit 230 Zentimetern ist Goleo geradezu riesenhaft geraten. Andere mochtens kleiner: Nettere Länder schmückten ihre Weltmeisterschaften mit Apfelsinchen (Spanien, 1982), Hündchen (USA, 1994) und Hähnchen (Frankreich, 1998). Auch das gute, alte, geteilte Deutschland blieb 1974 bescheiden, als es die Welt in seine Westhälfte lud, winkten zwei (!), kleine (!) Jungs (!) fröhlich.Tempi felices passati! Das wiedervereinigte Deutschland hingegen kommt in Goleo zu sich selbst: ein Volk wie ein alter Löwe nach gefressener Beute, zu groß, zu faul, zu tapsig.
Und das Schlimmste kommt noch: der Ball. Der argentinische Gauchito (1978) stoppte den Ball, der italienische "Ciao" balancierte das Spielgerät 1990 elegant auf den Schultern, der amerikanische "Striker" schoss ihn 1994 fröhlich nach vorn und der französische "Footix" (1998) streichelte ihn gar zärtlich. Alles schöne Dinge, die man mit einem prallen Ball machen kann. Goleo dagegen kann - hier trifft er die deutsche Nationalmannschaft - nichts mit dem Ball. Er hält ihn nur in der Hand.
Dafür kann der Ball: nämlich sprechen. Er gibt Anekdoten zum Besten, Statistiken und jede Menge Daten. Er weiß alles besser. Er scheißt klug. Dieser Ball sollte eigentlich Johannes B. Kerner heißen. Er heißt aber "Pille", wogegen sich der gleichnamige besonnene Arzt von Raumschiff Enterprise nicht mehr wehren kann, weil er in weiser Voraussicht im vergangen Jahr starb.
Dieser Pille (warum nicht Kirsche? Ei? Das runde Leder? Das Sportgerät?) sieht jedenfalls aus wie ein Mischung aus grinsendem Totenkopf und Berti Vogts. Der deutsche Löwe, brüllend, aber ohne Hose, und die Pille für den Mann - um Deutschland muss man sich langsam wirklich Sorgen machen.
taz Nr. 7514 vom 15.11.2004, Seite 14, 117 TAZ-Bericht ROBIN ALEXANDER / ARNO FRANK




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