kicker.de Micoud Interview

MrBonde
Er ist ein Mann der Extreme. Eine Reizfigur. Ein Rätsel. Selbst für Leute, die ihn kennen. Dem kicker gewährte Bremens Spielmacher Johan Micoud (31) ein Interview

"Hey, Micoud!" Ganz respektlos brüllt der Steppke dem angehimmelten und in diesem Moment so unerreichbaren Idol hinterher. Monsieur hört den unverschämt vorgetragenen Wunsch nach einem Autogramm. Johan Micoud schaut, wie er oft dreinzuschauen pflegt. Grimmig und grantig, unnahbar und unfreundlich. "Hey", erwidert der Bremer Star- Kicker, "was sagt man? Bitte! Oder?" Lektion gelernt. Der Junge ändert den Umgangston und bekommt prompt den Dank für seine Wandlung zur Höflichkeit. Micoud kommt zurück, schreibt bereitwillig Autogramme und macht den vorlauten Jungen und seine Kumpel glücklich. Am Ende hat sich sogar sein Pokerface verflüchtigt. "Joe" hat sein Lachen wiedergefunden, scherzt mit den Knaben.

Eine Episode, die Johan Micoud charakterisiert. Ein Exempel für sein janusköpfiges Erscheinungsbild, das öfter im Umkreis des Weserstadions zu bestaunen ist. Ein Wandel, der sich binnen Sekunden abspielen kann. Mal so, mal so. Mal introveriert, verschlossen wie eine Auster. Mal extroverziert, mit dem Gehabe einer Diva.


Wer ist dieser Könner wirklich? "In der Kabine ist er ganz anders", sagt Valérien Ismael. "Lustig und witzig", so der Landsmann. Dort spreche er sogar Deutsch. "Er braucht halt Vertrauen." Jüngere Kollegen wie Tim Borowski bewundern seine "professionelle Einstellung" und die "Qualifikation, ein absoluter Erfolgstyp" zu sein.


Und die öffentliche Person Micoud? Mal Patron, Orientierungspunkt und Kommandeur mit Führungsbefähigung. Mal Problemkind, Opfer seiner Launen und Leithammel ohne die erhoffte Signalwirkung. Mal genialer Regisseur, von seinen Zeitgenossen dank seiner kreativen Spielkunst geachtet und huldvoll bewundert wie kaum ein Zweiter in der Liga. Mal gleichermaßen schlampiger wie widerborstiger Profi, der seine Mitmenschen mitunter schon zum Wahnsinn treiben kann. Fluch und Segen für Werder.

"Schwierig", sagt Klaus Allofs, sein Entdecker für die nationale Oberspielklasse und sein Mentor, sei es mitunter mit ihm schon. Dabei meint Bremens Geschäftsführer nicht nur die Vertragsgespräche, sondern auch den täglichen Umgang mit dem emotionalen wie auch sensiblen Südfranzosen, der zuweilen den Individualismus strapaziert, obwohl er es nicht möchte. "Le Chef", wie sie ihn bei Werder rufen, ist und bleibt halt eine Reizfigur, wie sein Trainer Thomas Schaaf erkannt hat. Dass das Zusammenleben mit seinem Führungsspieler nicht immer einfach ist, weiß der Meistermacher, der ob der Qualitäten seines Ausnahmefußballers über manche Ungereimtheiten hinwegsieht und Verhaltensänderungen nicht unbedingt erwartet: "Man kann sich halt keinen hinbacken." Zum Interview mit Johan Micoud"Big Joe", Großverdiener und Großmufti im Werder-Imperium, hat seinen eigenen Kopf und setzt diesen auch zumeist ein. Wie zuletzt zu verfolgen gewesen ist: Ein Interview in einer bundesweit erscheinenden Tageszeitung, das er so nicht gegeben haben will, zudem messerscharfe Kritik an seinen Patzern und an seiner Präsentation veranlassten ihn zu einem Rückzug ins Reich des Schweigens. Presseboykott, Verweigerungshaltung bis zur Gala in der Champions League in Anderlecht (2:1). Sein Abend, sein Auftritt. Der Ausnahmefußballer zauberte sich in Festtagsstimmung. Immer präsent als Führungsspieler, sowohl als Künstler als auch als Kämpfer auf der großen Bühne unterwegs. "Ich habe gezeigt, dass ich wieder da bin."

In jeder Hinsicht. Johan Micoud bricht sein Schweigen. In einem Interview mit dem kicker bezieht er Stellung zu dem Dauerthema der letzten Tage. Ansichten zu seiner Person, Einblicke in seine Gedankenwelt, Ausblicke zu seinen Plänen. Motto: Ein Maestro, der kein Star sein will.

Hans-Günter Klemm
MrBonde
"Ich bin kein Schaf"

http://kicker.de/content/news/artikel.as...=9&gruppe=12178

kicker: Haben Sie schon die Würdigungen Ihrer Leistung in Anderlecht registriert, Johan Micoud?
Johan Micoud: Nein, ich lese nicht regelmäßig Zeitungen.
kicker: Wie charakterisieren Sie Ihr Verhältnis zu Journalisten?
Micoud: Ich brauche meine innere Freiheit, will bestimmen, was passiert und was nicht. Ich weiß, dass dies aus Sicht der Journalisten schwer verständlich ist. Das Thema ist nicht neu. Ich kenne dies aus Parma, aus Frankreich.
kicker: Hatten Sie in Parma ähnliche Probleme mit Ihrer Außendarstellung wie nun?
Micoud: Nein. Grundsätzlich: Ich verweigere mich ja nicht der Presse. Wenn es um organisierte und abgesprochene Interviews geht, ist alles okay. Schwierigkeiten bereiten mir diese Flash-Interviews: Wenn ich irgendwo vorbeirenne und alle halten ihre Mikros hin.
kicker: Bildete Ihre Schweigsamkeit zuletzt eine Reaktion auf die stärker werdende Kritik an Ihnen?
Micoud: Ja, durchaus. Ich fühlte mich vollkommen missverstanden. Auslöser war ein Interview in der "Welt", das falsch wiedergegeben wurde. Ich habe auf keinen Fall unseren Trainer Schaaf kritisiert.
kicker: Sie fühlten sich schon häufiger missverstanden. Um diese Kommunikationsschwierigkeiten zu beheben, rät Ihnen Klaus Allofs, besser Deutsch zu lernen. Haben Sie schon damit angefangen?
Micoud: Ich lerne weiter. Doch unabhängig davon, werde ich es weiter so halten wie bisher und, um mich differenziert auszudrücken, auf Dolmetscher zurückgreifen.
kicker: Kritik bringe Sie immer nach vorn, sagten Sie zuletzt. Sind Sie wirklich empfänglich dafür? Oder eher resistent dagegen?
Micoud: Grundsätzlich empfinde ich berechtigte, konstruktive Kritik als förderlich. So habe ich die Beurteilung meiner schwachen Leistung gegen Bayern empfunden. Das kann ich akzeptieren. Anders die Kritik nach dem Mainz-Spiel, die ich nicht nachvollziehen kann.
kicker: Ihr Berater Alexander Wacker sagt über Sie, Sie seien kein einfacher Spieler. Richtig?
Micoud: Tatsache ist, dass ich eine eigene Meinung besitze, dass ich keinen Konflikten aus dem Weg gehe, dass ich gerne diskutiere, dass ich auf dem Platz auch schon mal explodiere. Und wenn ich dies tue, dann nie um der Kritik willen, sondern weil ich glaube, dass es die Elf weiterbringt.
kicker: Fühlen Sie sich als Einzelgänger?
Micoud: An meinen früheren Stationen hatte ich diesen Ruf. Doch in letzter Zeit habe ich mich geöffnet zu den Kollegen. Wichtig dabei: Auf dem Platz fühle ich mich komplett als Mitglied des Kollektivs.
kicker: Doch sie sind und bleiben hervorgehoben. Sie sind der Star bei Werder. Ist Ihnen dies bewusst?
Micoud: Ich habe Probleme damit, was unter dem Begriff Star zu verstehen ist. Ich will kein Star sein. Schon als junger Fußballer habe ich gelernt, dass die Mannschaft das Wichtigste ist. Auch ich kann meine Qualitäten nur im Gebilde zum Tragen bringen, mich so verwirklichen.
kicker: Im Leben wie im Fußball - gibt es einen Unterschied zwischen Frankreich und Deutschland? In Ihrem Heimatland geht es lockerer zu, in Deutschland wird strenger auf Gesetze und Regeln geachtet.
Micoud: Ich sehe es wie Bayern- Spieler Willy Sagnol: In Frankreich wird in der Spielbeurteilung mehr auf die Gesamtvorstellung der Mannschaft eingegangen, in Deutschland indes eher auf die Führungsspieler geachtet, hauptsächlich auf deren Fehler.
kicker: Geht der deutsche Fußball mit seinen Stars nicht pfleglich um? Beispiel Effenberg, Beispiel Ballack, Beispiel Deisler, Beispiel Micoud - haben es Stars in der Bundesliga schwer?
Micoud: Ich stelle in der Tat fest, dass die Deutschen mit solchen Spielern wie Effenberg und Ballack beispielsweise, sehr streng ins Gericht gehen. Ich kann das ab, ich bin 31 Jahre und habe Erfahrung. Doch fraglich bleibt, wie Jüngere damit zurecht kommen. Ich jedenfalls stelle mir die Frage, was mit Deisler passiert ist, wahrscheinlich der beste deutsche Spieler. Was geschehen ist, ist eine Katastrophe für den deutschen Fußball. Möglicherweise ist Deisler an diesem öffentlichen Druck zerbrochen. Ich vergleiche das Ganze mit Zidane, dessen Werdegang. Als junger Spieler ist dieser langsam aufgebaut und nicht sogleich bei Fehlern zerrissen worden.
kicker: Sind Sie ein Freigeist? Micoud: Ich möchte bewusst leben. Ich bin niemand, der mit dem Strom schwimmt. Ich bin kein Schaf.
kicker: Schöne Formulierung . . .
Micoud: . . . was Sie jetzt schon wieder denken. Ich meine natürlich: Ich bin kein Herdentier. Von Natur aus nicht. Vielleicht kultiviere ich das manchmal auch ein bisschen. Doch es ist von mir keine Marotte.
kicker: Haben Sie Starallüren?
Micoud: Ich habe nicht das Gefühl, über den anderen zu stehen. Ich bin nichts Besseres. Im normalen Leben mache ich keinen Unterschied, ob jemand berühmt ist oder nicht. Ich lehre meine Kinder, dass sie den Metzger von nebenan genauso achten wie den Staatspräsidenten.
kicker: Sie sind Sie ein Querkopf. Sind Sie auch ein Dickkopf?
Micoud: Nein, ich habe meine Meinung, die vertrete ich auch. Doch wenn ich Fehler mache, sehe ich dies auch ein.
kicker: Konkret gefragt: Ihr Aussetzer gegen Mainz, der zum entscheidenden 1:2 führte, dieses Stehenbleiben mit abwinkender Handbewegung, war dies ein Fehler?
Micoud: Es war eine Geste, die auf allen Lehrvideos auftauchen müsste, damit junge Spieler sehen, wie es nicht gemacht werden darf.
kicker: Ihr Agent hat im Sommer angekündigt, dass Sie daran arbeiten werden, sich zu wandeln. Hat sich Johan Micoud schon geändert?
Micoud: Nein, man ändert sich nicht, man entwickelt sich. Ich habe mich nicht geändert, will mich nicht ändern, sondern weiterentwickeln im Sinne einer Evolution.
kicker: Klaus Allofs hat von Ihnen mehr Präsenz in der Öffentlichkeit gefordert. Übernehmen Sie nun die Rolle von Ailton?
Micoud: Mit Sicherheit nicht. Toni liebt die Presse mehr als ich. Der hat seine Familie auch überall gerne gezeigt. Ich bin tolerant, gestatte ihm dies. Doch es kommt für mich nicht in Frage. Ich bin Fußballprofi, und meine Familie ist mein Privatleben.
kicker: Gab es jemals eine Homestory von Ihnen?
Micoud: Ja, ein einziges Mal in Frankreich.
kicker: Wie war's? Gute oder schlechte Erfahrungen?
Micoud: Ganz okay.

Interview: Hans-Günter Klemm