"Wir genießen viele Sympathien" / allofs in der FAZ

Dr. Steif
Werder Bremen - "Wir genießen viele Sympathien"

01. Oktober 2004 Vor dem Spitzenspiel gegen Bayern München spricht Werder-Sportdirektor Klaus Allofs über das neue Selbstbewußtsein des Meisters und darüber, daß man nicht vorhabe, eine Art Bayern des Nordens zu werden.

Es ist so ruhig vor dem Spiel des FC Bayern München bei Werder Bremen an diesem Samstag. Fehlt Ihnen nicht etwas?

Vielleicht kommt ja noch was. Aber wahrscheinlich liegt es daran, daß wir beide international im Einsatz waren. Wir haben uns bis Mittwoch abend nur auf Valencia konzentriert und nicht mit den Bayern beschäftigt. Außerdem ist die Situation in der Meisterschaft noch nicht so brisant. Ich weiß, daß die Bayern vor unserer Leistung Respekt haben. Wir sind oben angekommen, das zeigen die Begegnungen: Es kommt Schlag auf Schlag für uns.

Natürlich ist die Lage nicht so brisant wie vor dem 8. Mai, als Werder nach München reiste und durch das 3:1 im Olympiastadion deutscher Meister wurde. Was hat sich verändert seitdem?

Zwischen damals und heute liegen zwei Titel. Wir haben an Selbstbewußtsein dazugewonnen. Wir sind gewachsen durch die Titel. Aber Grundlegendes ändert sich nicht innerhalb von Monaten oder durch eine Champions-League-Teilnahme. Dafür müßten wir zwei, drei, vier Male hintereinander in die Champions League einziehen.

Um das zu schaffen, müßte Werder aber weniger Verletzte haben als derzeit. Auch gegen die Bayern werden fünf Stammspieler fehlen. Wieder werden drei Spieler auf der Bank sitzen, die von den Amateuren kommen. Wieso hat es trotzdem zu vier Siegen in Folge gereicht?

Wir vertrauen den Spielern auf der Bank. Ein Christian Schulz ist bei uns keine Notlösung. Alle, die spielen, haben den Anspruch auf einen Stammplatz. Es gibt bei uns auch keine Rumpf- und eine Gala-Mannschaft. Aber um dahin zu kommen, wo wir hinwollen, müssen alle im Kader fit sein.

Wo wollen Sie denn hin?

Wir möchten irgendwann auf Augenhöhe mit Klubs wie Valencia sein. Andere, noch größere Klubs möchte ich gar nicht nennen. Für sie ist die Champions League etwas ganz Normales. Unser Sieg gegen Valencia war schon einmal ein Schritt dahin. Vor drei Jahren haben wir gesagt, wir wollen dauerhaft international spielen. Wir kamen in den UEFA-Pokal und in den UI-Cup. Jetzt sind wir in der Champions League. Unsere Richtung ist richtig, aber mit den europäischen Größen können wir uns nicht messen. Wir wollen den Abstand zu ihnen nicht größer werden lassen.

Wie soll das gelingen?

Die Einnahmen sind natürlich ein entscheidender Faktor. Durch die Champions League können wir Sponsoren andere Möglichkeiten bieten. Unsere Rahmenbedingungen sind schon fast so, wie ich es mir vorstelle. Aber wir sind noch weit davon entfernt, daß wir unsere Mannschaft so verstärken können, wie wir möchten. Auch davon, sich für einen Fünf-Millionen-Transfer nicht rechtfertigen zu müssen.

Sie meinen Miroslav Klose.

Ich bin mir sicher, daß wir mit ihm einen günstigen Einkauf getätigt haben. Er war die beste Möglichkeit, die Mannschaft zu verstärken. Bei uns hatte er sich übrigens schon vor seinen Toren der vergangenen Wochen durchgesetzt.

Fühlen Sie sich, auch durch Klose, denn mit dem FC Bayern München auf Augenhöhe?

Wir wollen so professionell sein wie die Bayern. Aber wir können sie nicht eins zu eins nachahmen. Wir können kein Bayern des Nordens werden. Dafür haben wir nicht die Voraussetzungen. Wir haben einen viel kleineren Apparat. Aber auch so kann man erfolgreich sein.

Das klingt mal wieder nach typisch bremischer Bescheidenheit.

Es ist ja so. Arroganz streben wir nicht an. Wir genießen viele Sympathien. Das soll auch so bleiben. Aber wir haben inzwischen auch Neider. Das können wir nicht verhindern.

Wo sind Ihnen die Bayern voraus?

Wir können sicher zulegen, was die Bildung der Marke Werder Bremen betrifft. Im Sommer hatte man das Gefühl, daß sich schon niemand mehr für Werder interessierte. Wir hatten zum Saisonende eine Menge Aufmerksamkeit. Ich war danach froh, nicht mehr jeden Tag interviewt zu werden. Am Anfang dieser Saison dann waren die Bayern auf allen Titelseiten oder Schalke mit Ailton. Werder ist etwas hinten runtergefallen. Durch einen Titel ist man einfach noch nicht auf Augenhöhe mit diesen Klubs. Anderen bringt man mehr Aufmerksamkeit entgegen. Das soll sich im Laufe der Jahre aber ändern.

Die Zuschauer in Bremen bringen Werder mehr Aufmerksamkeit denn je entgegen. Mit großer Unterstützung, mit einfallsreichen Choreographien wie gegen Valencia. Woran liegt das beim früher eher unterkühlten Publikum im Weserstadion?

Die Zuschauer haben das Gefühl, Teil einer Aufführung zu sein. Und ans Feiern haben sie sich ja gewöhnt. Aber im Ernst: Die Entscheidung, das Stadion tiefer zu legen, war absolut richtig. Ich finde, daß wir oft eine heiße Atmosphäre haben, es aber immer friedlich bleibt. Das ist positiv.


Die Fragen stellte Frank Heike
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2004, Nr. 230 / Seite 32