Dr. Steif
Tickets für die WM 2006 werden Mikrochips tragen
Elektronische Etiketten für Waren, Pässe, Banknoten oder Eintrittskarten - Auch die ersten Menschen werden schon gekennzeichnet
von Norbert Lossau
Berlin - Die Schüler der Buffalo Enterprise Charter School im US-Bundesstaat New York sind unfreiwillig Pioniere einer neuen Ära der Informationstechnologie. Sie müssen rund um die Uhr ein Halsband tragen, das mit einem kleinen Funkchip ausgestattet ist. So kann ihr Aufenthaltsort mit Hilfe von Scannern jederzeit ermittelt und protokolliert werden.
Ganz und gar freiwillig lassen sich hingegen die Besucher des Baja Beach Clubs in Barcelona einen reiskorngroßen Funkchip unter die Haut spritzen. Der so genannte VIP VeriChip ist in Glas eingegossen und wird von einer Krankenschwester per Einmalspritze appliziert. Der implantierte Chip dient nicht nur als personenbezogene Eintrittskarte, sondern kann auch Guthaben für den Verzehr verwalten. Die in den Chips gespeicherten Daten lassen sich berührungslos aus bis zu einem Meter Entfernung auslesen.
Experten nennen diese Technologie RFID - Radio Frequency Identification. Die RFID-Chips werden aber auch als Smartlabel, Funkchips oder Funketiketten bezeichnet. Der Clou dieser Technik besteht darin, dass die winzigen Chips keine eigene Energieversorgung und damit keine Batterie benötigen. Sie werden erst aktiv, wenn sie von außen mit einer ganz bestimmten Frequenz angefunkt werden. Die Chips reflektieren gleichsam die Funkwellen, prägen diesen aber die gespeicherte Information digital auf. In nur einer Sekunde kann dann ein Scanner die Daten von mehreren Hundert RFID-Chips erfassen.
Das RFID-Prinzip kam bereits im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz, um eigene Kriegsschiffe oder Flugzeuge blitzschnell von gegnerischen unterscheiden zu können. Das mit Radarwellen angepeilte Objekt wurde dann nicht beschossen, wenn es sich mit dem Rücksenden des richtigen Codes als Freund identifizieren konnte. Seinerzeit waren diese Systeme allerdings noch koffergroß. Heute passt die Technik in einen winzigen Chip. Der bislang kleinste von ihnen wurde in diesem Jahr von der japanischen Firma Hitachi präsentiert: Dieser Chip ist nur noch 0,3 Quadratmillimeter groß.
Von der Öffentlichkeit weit gehend unbemerkt, haben die Funkchips bereits ihren Siegeszug angetreten. Ihr wichtigstes Einsatzfeld ist bislang die Warenlogistik. Seecontainer, Warenpaletten und Großgebinde sind bereits in vielen Fällen mit den elektronisch lesbaren Etiketten versehen. Selbst im größten Warenlager oder Logistikzentrum wird die Inventur damit zum Kinderspiel. Alle Wareneingänge und -auslieferungen werden an den Pforten automatisch erfasst - von Lesegeräten, die mit einer Sendefrequenz von 868 MHz (Megahertz) arbeiten.
Hier zu Lande macht sich besonders der Großhandelskonzern Metro für die RFID-Technik stark. Innerhalb der Metro Group werden pro Tag 100 Millionen Pakete bewegt, erläutert Gerd Wolfram, Metro-Projektleiter der "Future Store Initiative". Da können die RFID-Chips schon zu deutlichen Kosteneinsparungen führen. Nach Berechnungen der Firma LogicaCMG lassen sich durch die automatisierte Handhabung von Warenpaletten Kosten von rund 8,5 Prozent einsparen, so dass sich die Einführung der RFID-Technik nach zwei bis drei Jahren rechnen soll. Noch in diesem Jahr beginnen rund 100 Lieferanten der Metro Group mit dem Einsatz von RFID-Chips. An 269 Standorten werden entsprechende Lesegeräte aufgestellt.
In den USA hat Walmart ultimativ erklärt, ab 2006 nur noch Lieferanten zu akzeptieren, die RFID-Chips nutzen. Doch nicht nur die großen Einzelhandelsketten zwingen jenseits des Atlantiks ihre Zulieferer zum Einsatz der Funkchips, auch das amerikanische Verteidigungsministerium ist ein wichtiger Promotor der RFID-Technik. Bereits ab dem kommenden Jahr müssen alle 43 000 Zulieferer RFID-Labels einsetzen.
Bislang sind die Funkchips mit 30 bis 50 Cent pro Stück noch zu teuer, um damit einzelne Waren im Supermarkt auszustatten. Experten rechnen jedoch damit, dass RFID-Chips bis 2008 nur noch fünf Cent kosten werden, weil die heutigen Chips aus Silizium durch preiswertere Plastikchips verdrängt werden. Spätestens dann dürfte das Zeitalter der umfassenden elektronischen Etikettierung beginnen.
Einen Vorgeschmack auf die Zukunft des Shoppings können Kunden schon heute in einem Real-Supermarkt im nordrhein-westfälischen Rheinshagen erhalten. Dort kommt die RFID-Technik schon seit 2003 zum Einsatz und Kunden dürfen - wenn sie es wollen - ihre Waren selber scannen. Obwohl dies bislang noch länger dauert als bei einer flinken Kassiererin, machen rund 60 Prozent der Einkäufer von diesem Angebot Gebrauch, berichtet Wolfram. Es scheint also nur noch eine Frage der Zeit, bis viele Kassiererinnen im Einzelhandel mit dem Verlust ihres Jobs rechnen müssen.
Doch neben Warenlogistik und Einzelhandel gibt es zahlreiche weitere Anwendungsmöglichkeiten der Smartlabel. Wahrscheinlich wird es die Fußballweltmeisterschaft im Jahre 2006 sein, die vielen Deutschen die Existenz der RFID-Technik bewusst machen wird. Alle WM-Tickets sollen nämlich mit einem RFID-Chip ausgestattet werden. Das verhindert nicht nur Kartenfälschungen, sondern soll auch den Schwarzmarkt austrocknen. Jeder Interessent wird nur eine streng limitierte Anzahl von Tickets im Internet bestellen dürfen. Diese werden dann per gewöhnlichen Brief verschickt. Geht die Postsendung verloren, kann das betreffende Ticket elektronisch gesperrt werden. Allein durch Einsparen des sonst nötigen Portos für Wertbriefe, amortisieren sich die Kosten für die RFID-Chips auf den Tickets.
Im Luftverkehr dürften die Smartlabel nach und nach die heutigen Strichcodes zur Markierung von Reisegepäck verdrängen. Im Juni 2004 hat die IATA die künftige Nutzung von RFID-Chips beschlossen. Einige Fluggesellschaften und Airports experimentieren bereits mit der Chiptechnik - so auch Deutschlands größter Flughafen in Frankfurt am Main. Markus Müller von der Gepäcklogistik der Fraport AG berichtet, dass bei internationalen Flügen 80 Prozent der bisher verwendeten Strichcodes nicht korrekt gelesen werden können. Bei den von den japanischen Fluggesellschaften JAL und ANA genutzten RFID-Chips betrage die Leserate hingegen 99,9 Prozent - solange es sich nicht um Metallkoffer handelt, die das Funktionieren gewöhnlicher RFID-Chips stören. Allerdings haben die Chiphersteller inzwischen spezielle RFID-Chips entwickelt, mit denen sich auch metallische Objekte kennzeichnen lassen.
So werden beispielsweise bei der Firma Airbus nicht nur Werkzeuge sondern auch Flugzeugersatzteile, sogar Triebwerksteile, mit RFID-Chips markiert, um den Handel mit gefälschten Bauteilen zu unterbinden, berichtet Rüdiger Blockwitz von Airbus Deutschland. Noch stärker sieht sich die Pharmabranche mit diesem Problem konfrontiert. Dort sieht man sich nicht nur von Produktfälschungen bedroht, sondern auch durch illegale Reimporte, die zwar nicht den Konsumenten gefährden, doch immerhin die Bilanzen der Produzenten verhageln. Bei mehreren Pharmafirmen gibt es derzeit Pilotversuche mit RFID-Technik, weiß Edgar Mentrup von der Firma Aventis. Er rechnet damit, dass die Einzelverpackungen von Arzneimitteln in drei bis fünf Jahren mit Smartlabels versehen sein werden. Allerdings müsse sich die Pharmabranche zunächst noch auf einen gemeinsamen RFID-Standard einigen. Möglicherweise werden hier die entscheidenden Impulse aus den USA kommen, denn dort ist das Problem der Reimporte besonders drängend: In Kanada sind schließlich - die gleichen - Arzneimittel nur halb so teuer wie in den USA.
Dass sich RFID-Technik auch zum Erheben von Maut-Gebühren eignet, beweisen beispielsweise die Österreicher. Dort sorgen schlichte Plaketten mit integrierten RFID-Chips dafür, dass sich das Auf- und Abfahren einzelner Fahrzeuge an Autobahnen registrieren lässt. Auch in den USA kommen RFID-Chips zur automatischen Toll-Erfassung bereits seit Jahren zum Einsatz: "E-ZPass" an der Ostküste und "FastTrak" in Kalifornien. Diese simple und vergleichsweise preiswerte Technik war den deutschen Maut-Strategen aber offenbar zu trivial. Hier zu Lande müssen es eben schon Satelliten sein, die über den Verkehr auf deutschen Straßen wachen sollen.
"RFID-Chips sind ein kleines Stück Technik mit großer Auswirkung", kommentiert Professor Michael ten Hompel vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik und spitzt weiter zu: "Das ist das Feuer, an dem sich die einen ihre Finger verbrennen und die anderen ihr Süppchen kochen werden." Tatsächlich warnen bereits Internationale Bürgerrechts- und Verbraucherschutzorganisationen davor, dass die RFID-Technik die Privatsphäre der Menschen bedrohen könnte. Wenn erst einmal alle Gegenstände des Alltags, von der Unterhose bis zum Marmeladenglas, mit einem integrierten Datenchip versehen sind, wäre es bis zum völlig gläsernen Konsumenten nur ein kleiner Schritt. Es müssten die mit Hilfe der Chips erzeugten Datensammlungen lediglich mit der Identität des Käufers zusammengeführt werden. Bereits durch die Bezahlung per Kreditkarte könnte dies geschehen.
Doch sehr wahrscheinlich werden auch die Ausweise schon bald mit RFID-Chips ausgestattet sein. In den USA aber auch Europa wird konkret daran gearbeitet, biometrische Daten - also Fingerabdrücke oder Irisbilder - in RFID-Chips zu speichern, die in den Pässen integriert sind. Entsprechende Muster sind bereits von verschiedenen Herstellern präsentiert worden - etwa von der Firma Philips. Das Büro für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages hat denn auch schon ausgerechnet, was die Einführung der neuen Ausweisgeneration mit RFID-Chips kosten wird: Rund 670 Millionen Euro für die Anschaffung sowie jährliche Betriebskosten von 610 Millionen Euro. Allerdings gilt es noch einige Fragen bei der Standardisierung der RFID-Technik zu klären. So funken bislang die Chips in Europa, Japan oder den USA noch auf verschiedenen Frequenzen. Auch bei der Leistung, mit der RFID-Lesegeräte senden dürfen, gibt es unterschiedliche Grenzwerte. In Europa ist eine maximale Sendeleistung von einem halben Watt erlaubt. In den USA sind zwei Watt zulässig, so dass größere Distanzen beim Lesen der Chips möglich sind. Experten rechnen aber damit, dass noch im Laufe dieses Jahres der US-Grenzwert auch in Europa übernommen wird.
Die Firma Hitachi vermeldet, dass sich ihr "Myu Chip" problemlos in Banknoten integrieren lässt. Der staubkorngroße RFID-Chip wird bei der Herstellung mit einer festen Nummer (128 Bit) versehen, die sich später nicht mehr ändern lässt. Mit einer solchen Kennzeichnung wären Geldscheine nicht nur extrem fälschungssicher, die Zirkulation einzelner Noten ließe sich überdies von den Banken oder dem Staat überwachen. Schwarzgeld ade. Allerdings wird bislang noch offiziell dementiert, dass an eine RFID-Kennzeichnung der Euro-Noten gedacht ist.
Keine Zukunftsmusik sind indes RFID-Chips, die mit Sensoren ausgestattet sind. So gibt es beispielsweise Autoreifen, in denen smarte Sensorchips Temperatur und Druck im Pneu messen. Das Lesegerät fragt diese Daten regelmäßig ab und kann so rechtzeitig Unregelmäßigkeiten erkennen. Bei Seecontainern sind RFID-Chips schon heute in der Lage zu erkennen, ob während der Reise das Behältnis unautorisiert geöffnet wurde. Dies kann Schmuggelware verraten oder gar vor versteckten Bomben warnen. Künftig sollen sich die Containerchips sogar merken können, ob sie unterwegs etwas Verdächtiges gerochen haben - zum Beispiel einen Sprengstoff.
Noch in diesem Jahr will Nokia ein Handy auf den Markt bringen, das RFID-Chips lesen kann. Bei dieser Anwendung der berührungslosen Chiptechnik geht es darum, gezielt Datenquellen anzuzapfen. Zum Beispiel könnten in Werbeplakaten RFID-Chips enthalten sein, die weiter gehende Informationen zum betreffenden Produkt enthalten. Das Handy könnte Daten dieser Art abgreifen, aber auch Musikstücke oder aktuelle Nachrichten. Siemens hat in einer Studie gezeigt, dass sich Handys dankt RFID-Technik überdies als Türöffner und elektronische Brieftaschen nutzen lassen.
RFID-Chips mit festem oder überschreibbarem Dateninhalt sowie mit diversen Sensoren sind überaus vielfältig einsetzbar und werden unseren Alltag durchdringen und verändern.
Auch die übernächste Stufe der Informationsverarbeitung ist bereits absehbar. In nicht allzu ferner Zukunft wird es technisch möglich und vor allem bezahlbar sein, die Myriaden von RFID-Chips mit eigenen Mikroprozessoren auszustatten, so dass sie selbstständig Daten verarbeiten können. Schon heute machen sich Experten darüber Gedanken, wie eine Welt aussehen könnte, in der praktisch jeder Gegenstand einen winzigen unsichtbaren Computer enthält, der über Funk mit anderen Gegenständen Informationen austauschen und diese analysieren kann. Wird eine solche Welt bequemer und sicherer sein? Science-fiction-Autoren müssen sich beeilen. Diverse Szenarien einer total vernetzten und informatisierten Welt könnten schneller Realität werden, als es manchem lieb ist. Die Technologie steht jedenfalls bereit.
Artikel erschienen am Di, 31. August 2004 (Die Welt)
Elektronische Etiketten für Waren, Pässe, Banknoten oder Eintrittskarten - Auch die ersten Menschen werden schon gekennzeichnet
von Norbert Lossau
Berlin - Die Schüler der Buffalo Enterprise Charter School im US-Bundesstaat New York sind unfreiwillig Pioniere einer neuen Ära der Informationstechnologie. Sie müssen rund um die Uhr ein Halsband tragen, das mit einem kleinen Funkchip ausgestattet ist. So kann ihr Aufenthaltsort mit Hilfe von Scannern jederzeit ermittelt und protokolliert werden.
Ganz und gar freiwillig lassen sich hingegen die Besucher des Baja Beach Clubs in Barcelona einen reiskorngroßen Funkchip unter die Haut spritzen. Der so genannte VIP VeriChip ist in Glas eingegossen und wird von einer Krankenschwester per Einmalspritze appliziert. Der implantierte Chip dient nicht nur als personenbezogene Eintrittskarte, sondern kann auch Guthaben für den Verzehr verwalten. Die in den Chips gespeicherten Daten lassen sich berührungslos aus bis zu einem Meter Entfernung auslesen.
Experten nennen diese Technologie RFID - Radio Frequency Identification. Die RFID-Chips werden aber auch als Smartlabel, Funkchips oder Funketiketten bezeichnet. Der Clou dieser Technik besteht darin, dass die winzigen Chips keine eigene Energieversorgung und damit keine Batterie benötigen. Sie werden erst aktiv, wenn sie von außen mit einer ganz bestimmten Frequenz angefunkt werden. Die Chips reflektieren gleichsam die Funkwellen, prägen diesen aber die gespeicherte Information digital auf. In nur einer Sekunde kann dann ein Scanner die Daten von mehreren Hundert RFID-Chips erfassen.
Das RFID-Prinzip kam bereits im Zweiten Weltkrieg zum Einsatz, um eigene Kriegsschiffe oder Flugzeuge blitzschnell von gegnerischen unterscheiden zu können. Das mit Radarwellen angepeilte Objekt wurde dann nicht beschossen, wenn es sich mit dem Rücksenden des richtigen Codes als Freund identifizieren konnte. Seinerzeit waren diese Systeme allerdings noch koffergroß. Heute passt die Technik in einen winzigen Chip. Der bislang kleinste von ihnen wurde in diesem Jahr von der japanischen Firma Hitachi präsentiert: Dieser Chip ist nur noch 0,3 Quadratmillimeter groß.
Von der Öffentlichkeit weit gehend unbemerkt, haben die Funkchips bereits ihren Siegeszug angetreten. Ihr wichtigstes Einsatzfeld ist bislang die Warenlogistik. Seecontainer, Warenpaletten und Großgebinde sind bereits in vielen Fällen mit den elektronisch lesbaren Etiketten versehen. Selbst im größten Warenlager oder Logistikzentrum wird die Inventur damit zum Kinderspiel. Alle Wareneingänge und -auslieferungen werden an den Pforten automatisch erfasst - von Lesegeräten, die mit einer Sendefrequenz von 868 MHz (Megahertz) arbeiten.
Hier zu Lande macht sich besonders der Großhandelskonzern Metro für die RFID-Technik stark. Innerhalb der Metro Group werden pro Tag 100 Millionen Pakete bewegt, erläutert Gerd Wolfram, Metro-Projektleiter der "Future Store Initiative". Da können die RFID-Chips schon zu deutlichen Kosteneinsparungen führen. Nach Berechnungen der Firma LogicaCMG lassen sich durch die automatisierte Handhabung von Warenpaletten Kosten von rund 8,5 Prozent einsparen, so dass sich die Einführung der RFID-Technik nach zwei bis drei Jahren rechnen soll. Noch in diesem Jahr beginnen rund 100 Lieferanten der Metro Group mit dem Einsatz von RFID-Chips. An 269 Standorten werden entsprechende Lesegeräte aufgestellt.
In den USA hat Walmart ultimativ erklärt, ab 2006 nur noch Lieferanten zu akzeptieren, die RFID-Chips nutzen. Doch nicht nur die großen Einzelhandelsketten zwingen jenseits des Atlantiks ihre Zulieferer zum Einsatz der Funkchips, auch das amerikanische Verteidigungsministerium ist ein wichtiger Promotor der RFID-Technik. Bereits ab dem kommenden Jahr müssen alle 43 000 Zulieferer RFID-Labels einsetzen.
Bislang sind die Funkchips mit 30 bis 50 Cent pro Stück noch zu teuer, um damit einzelne Waren im Supermarkt auszustatten. Experten rechnen jedoch damit, dass RFID-Chips bis 2008 nur noch fünf Cent kosten werden, weil die heutigen Chips aus Silizium durch preiswertere Plastikchips verdrängt werden. Spätestens dann dürfte das Zeitalter der umfassenden elektronischen Etikettierung beginnen.
Einen Vorgeschmack auf die Zukunft des Shoppings können Kunden schon heute in einem Real-Supermarkt im nordrhein-westfälischen Rheinshagen erhalten. Dort kommt die RFID-Technik schon seit 2003 zum Einsatz und Kunden dürfen - wenn sie es wollen - ihre Waren selber scannen. Obwohl dies bislang noch länger dauert als bei einer flinken Kassiererin, machen rund 60 Prozent der Einkäufer von diesem Angebot Gebrauch, berichtet Wolfram. Es scheint also nur noch eine Frage der Zeit, bis viele Kassiererinnen im Einzelhandel mit dem Verlust ihres Jobs rechnen müssen.
Doch neben Warenlogistik und Einzelhandel gibt es zahlreiche weitere Anwendungsmöglichkeiten der Smartlabel. Wahrscheinlich wird es die Fußballweltmeisterschaft im Jahre 2006 sein, die vielen Deutschen die Existenz der RFID-Technik bewusst machen wird. Alle WM-Tickets sollen nämlich mit einem RFID-Chip ausgestattet werden. Das verhindert nicht nur Kartenfälschungen, sondern soll auch den Schwarzmarkt austrocknen. Jeder Interessent wird nur eine streng limitierte Anzahl von Tickets im Internet bestellen dürfen. Diese werden dann per gewöhnlichen Brief verschickt. Geht die Postsendung verloren, kann das betreffende Ticket elektronisch gesperrt werden. Allein durch Einsparen des sonst nötigen Portos für Wertbriefe, amortisieren sich die Kosten für die RFID-Chips auf den Tickets.
Im Luftverkehr dürften die Smartlabel nach und nach die heutigen Strichcodes zur Markierung von Reisegepäck verdrängen. Im Juni 2004 hat die IATA die künftige Nutzung von RFID-Chips beschlossen. Einige Fluggesellschaften und Airports experimentieren bereits mit der Chiptechnik - so auch Deutschlands größter Flughafen in Frankfurt am Main. Markus Müller von der Gepäcklogistik der Fraport AG berichtet, dass bei internationalen Flügen 80 Prozent der bisher verwendeten Strichcodes nicht korrekt gelesen werden können. Bei den von den japanischen Fluggesellschaften JAL und ANA genutzten RFID-Chips betrage die Leserate hingegen 99,9 Prozent - solange es sich nicht um Metallkoffer handelt, die das Funktionieren gewöhnlicher RFID-Chips stören. Allerdings haben die Chiphersteller inzwischen spezielle RFID-Chips entwickelt, mit denen sich auch metallische Objekte kennzeichnen lassen.
So werden beispielsweise bei der Firma Airbus nicht nur Werkzeuge sondern auch Flugzeugersatzteile, sogar Triebwerksteile, mit RFID-Chips markiert, um den Handel mit gefälschten Bauteilen zu unterbinden, berichtet Rüdiger Blockwitz von Airbus Deutschland. Noch stärker sieht sich die Pharmabranche mit diesem Problem konfrontiert. Dort sieht man sich nicht nur von Produktfälschungen bedroht, sondern auch durch illegale Reimporte, die zwar nicht den Konsumenten gefährden, doch immerhin die Bilanzen der Produzenten verhageln. Bei mehreren Pharmafirmen gibt es derzeit Pilotversuche mit RFID-Technik, weiß Edgar Mentrup von der Firma Aventis. Er rechnet damit, dass die Einzelverpackungen von Arzneimitteln in drei bis fünf Jahren mit Smartlabels versehen sein werden. Allerdings müsse sich die Pharmabranche zunächst noch auf einen gemeinsamen RFID-Standard einigen. Möglicherweise werden hier die entscheidenden Impulse aus den USA kommen, denn dort ist das Problem der Reimporte besonders drängend: In Kanada sind schließlich - die gleichen - Arzneimittel nur halb so teuer wie in den USA.
Dass sich RFID-Technik auch zum Erheben von Maut-Gebühren eignet, beweisen beispielsweise die Österreicher. Dort sorgen schlichte Plaketten mit integrierten RFID-Chips dafür, dass sich das Auf- und Abfahren einzelner Fahrzeuge an Autobahnen registrieren lässt. Auch in den USA kommen RFID-Chips zur automatischen Toll-Erfassung bereits seit Jahren zum Einsatz: "E-ZPass" an der Ostküste und "FastTrak" in Kalifornien. Diese simple und vergleichsweise preiswerte Technik war den deutschen Maut-Strategen aber offenbar zu trivial. Hier zu Lande müssen es eben schon Satelliten sein, die über den Verkehr auf deutschen Straßen wachen sollen.
"RFID-Chips sind ein kleines Stück Technik mit großer Auswirkung", kommentiert Professor Michael ten Hompel vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik und spitzt weiter zu: "Das ist das Feuer, an dem sich die einen ihre Finger verbrennen und die anderen ihr Süppchen kochen werden." Tatsächlich warnen bereits Internationale Bürgerrechts- und Verbraucherschutzorganisationen davor, dass die RFID-Technik die Privatsphäre der Menschen bedrohen könnte. Wenn erst einmal alle Gegenstände des Alltags, von der Unterhose bis zum Marmeladenglas, mit einem integrierten Datenchip versehen sind, wäre es bis zum völlig gläsernen Konsumenten nur ein kleiner Schritt. Es müssten die mit Hilfe der Chips erzeugten Datensammlungen lediglich mit der Identität des Käufers zusammengeführt werden. Bereits durch die Bezahlung per Kreditkarte könnte dies geschehen.
Doch sehr wahrscheinlich werden auch die Ausweise schon bald mit RFID-Chips ausgestattet sein. In den USA aber auch Europa wird konkret daran gearbeitet, biometrische Daten - also Fingerabdrücke oder Irisbilder - in RFID-Chips zu speichern, die in den Pässen integriert sind. Entsprechende Muster sind bereits von verschiedenen Herstellern präsentiert worden - etwa von der Firma Philips. Das Büro für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages hat denn auch schon ausgerechnet, was die Einführung der neuen Ausweisgeneration mit RFID-Chips kosten wird: Rund 670 Millionen Euro für die Anschaffung sowie jährliche Betriebskosten von 610 Millionen Euro. Allerdings gilt es noch einige Fragen bei der Standardisierung der RFID-Technik zu klären. So funken bislang die Chips in Europa, Japan oder den USA noch auf verschiedenen Frequenzen. Auch bei der Leistung, mit der RFID-Lesegeräte senden dürfen, gibt es unterschiedliche Grenzwerte. In Europa ist eine maximale Sendeleistung von einem halben Watt erlaubt. In den USA sind zwei Watt zulässig, so dass größere Distanzen beim Lesen der Chips möglich sind. Experten rechnen aber damit, dass noch im Laufe dieses Jahres der US-Grenzwert auch in Europa übernommen wird.
Die Firma Hitachi vermeldet, dass sich ihr "Myu Chip" problemlos in Banknoten integrieren lässt. Der staubkorngroße RFID-Chip wird bei der Herstellung mit einer festen Nummer (128 Bit) versehen, die sich später nicht mehr ändern lässt. Mit einer solchen Kennzeichnung wären Geldscheine nicht nur extrem fälschungssicher, die Zirkulation einzelner Noten ließe sich überdies von den Banken oder dem Staat überwachen. Schwarzgeld ade. Allerdings wird bislang noch offiziell dementiert, dass an eine RFID-Kennzeichnung der Euro-Noten gedacht ist.
Keine Zukunftsmusik sind indes RFID-Chips, die mit Sensoren ausgestattet sind. So gibt es beispielsweise Autoreifen, in denen smarte Sensorchips Temperatur und Druck im Pneu messen. Das Lesegerät fragt diese Daten regelmäßig ab und kann so rechtzeitig Unregelmäßigkeiten erkennen. Bei Seecontainern sind RFID-Chips schon heute in der Lage zu erkennen, ob während der Reise das Behältnis unautorisiert geöffnet wurde. Dies kann Schmuggelware verraten oder gar vor versteckten Bomben warnen. Künftig sollen sich die Containerchips sogar merken können, ob sie unterwegs etwas Verdächtiges gerochen haben - zum Beispiel einen Sprengstoff.
Noch in diesem Jahr will Nokia ein Handy auf den Markt bringen, das RFID-Chips lesen kann. Bei dieser Anwendung der berührungslosen Chiptechnik geht es darum, gezielt Datenquellen anzuzapfen. Zum Beispiel könnten in Werbeplakaten RFID-Chips enthalten sein, die weiter gehende Informationen zum betreffenden Produkt enthalten. Das Handy könnte Daten dieser Art abgreifen, aber auch Musikstücke oder aktuelle Nachrichten. Siemens hat in einer Studie gezeigt, dass sich Handys dankt RFID-Technik überdies als Türöffner und elektronische Brieftaschen nutzen lassen.
RFID-Chips mit festem oder überschreibbarem Dateninhalt sowie mit diversen Sensoren sind überaus vielfältig einsetzbar und werden unseren Alltag durchdringen und verändern.
Auch die übernächste Stufe der Informationsverarbeitung ist bereits absehbar. In nicht allzu ferner Zukunft wird es technisch möglich und vor allem bezahlbar sein, die Myriaden von RFID-Chips mit eigenen Mikroprozessoren auszustatten, so dass sie selbstständig Daten verarbeiten können. Schon heute machen sich Experten darüber Gedanken, wie eine Welt aussehen könnte, in der praktisch jeder Gegenstand einen winzigen unsichtbaren Computer enthält, der über Funk mit anderen Gegenständen Informationen austauschen und diese analysieren kann. Wird eine solche Welt bequemer und sicherer sein? Science-fiction-Autoren müssen sich beeilen. Diverse Szenarien einer total vernetzten und informatisierten Welt könnten schneller Realität werden, als es manchem lieb ist. Die Technologie steht jedenfalls bereit.
Artikel erschienen am Di, 31. August 2004 (Die Welt)