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Schnäppchenjagd auf dem Transfermarkt
Die Bremer Spieler wirken klein auf dem saftigen Grün, sie stürmen gegen den Falknis, gegen das Schwarzhorn und gegen das Glegghorn, alles Zweitausender, die von der Sportanlage Ri Au aus wirken wie unbezwingbare Gegner. Immer wieder unterbricht der Trainer den Sturmlauf seiner Spieler, gibt neue Anweisungen, zeigt neue Angriffsvarianten, und dann geht es wieder von vorn los, Ismaël spielt den Ball auf Micoud, der macht zwei Schritte, passt auf Klose, der läuft dem Ball entgegen, lässt ihn abspringen zurück zu Micoud, der schlägt den Ball ohne zu schauen nach links in die Lücke, die Klose in die Verteidigung gerissen hat und in der inzwischen Borowski aufgetaucht ist, "Schließ ab", brüllt der Trainer, und Borowski knallt den Ball ins Tor, übers Tor oder gegen die Fäuste des Torwarts, je nachdem, wie genau der Pass von Micoud war.
Am Spielfeldrand sitzt Klaus Allofs, der Sportdirektor des SV Werder Bremen, auf einer Biergartenbank, telefoniert mit Spielerberatern und Journalisten, spricht englisch, deutsch oder französisch. Er trägt ein grünes Trikot mit einer Schärpe in Orange, es ist eines der neuen Trikots der Bremer, die diesen neuen Look als "südamerikanisch" loben, aber es sieht operettenhaft aus, so, als habe Michael Jackson ein Soccer-Trikot für einen Auftritt im Fußballstadion entworfen.
Wenn Johan Micoud der Dirigent der Mannschaft ist und Thomas Schaaf der Trainer, dann ist Allofs der Produzent der Bremer Stadionauftritte. Er spürt die Darsteller auf, er holte vor der letzten Saison den Innenverteidiger Valérien Ismaël aus Straßburg, den Türken Ümit Davala von Inter Mailand, den Torwart Andreas Reinke aus Murcia, vor allem aber im Jahr davor den Franzosen Micoud aus Parma, und mit dem und dessen Berater hat er gestern alles klar gemacht - einer der besten Spielmacher der Welt bleibt für weitere drei Jahre in Bremen.
Allofs schaut skeptisch auf den Trainingsplatz im schweizerischen Kurort Bad Ragaz, da drüben rennen die frischen Einkäufe der neuen Saison: der Stürmer Miroslav Klose, die Innenverteidiger Frank Fahrenhorst und Petri Pasanen. Mittelfeldspieler Daniel Jensen ist im Hotel und lässt seine Achillessehne pflegen; Verteidiger Gustavo Nery spielt noch für Brasilien bei der Copa América. 7,5 Millionen Euro Ablöse musste Allofs für alle fünf ausgeben, für die Summe haben die Bayern nicht einmal Torsten Frings von Borussia Dortmund bekommen.
Bremer Zurückhaltung
Im modernen Fußballgeschäft ist der Sportdirektor so wichtig wie der Trainer, er muss der Mannschaft jede Saison neue Spieler zuführen, er muss schwache Spieler aussortieren, und er muss verhindern, dass andere Vereine gute Spieler wegkaufen. Fünf Bankdrücker ist Allofs zu Saisonende losgeworden, zwei Stars sind ihm weggelaufen, zwei Stars hat er engagiert und dazu drei Vielleicht-Stars. Er könnte strahlen und "vom besten Kader aller Zeiten" sprechen, aber so was mag man in Bremen nicht.
Und zudem, das weiß Allofs, könnte der Kader noch besser sein: Yildiray Bastürk, Sylvain Wiltord, Kleberson, Diego, Roque Junior - türkische, französische, brasilianische Nationalspieler, unter Vertrag bei Bayer Leverkusen, Arsenal London, Manchester United, FC Santos oder AC Mailand, waren zu haben, und Allofs war an ihnen dran, aber letztlich reichte das Geld bei Werder nicht, um sie zu verpflichten.
Allofs ist kein Großhändler auf dem Spielermarkt wie Uli Hoeneß, der mal eben 25,5 Millionen Euro Ablöse für neue Großverdiener heraushauen kann. Allofs ist ein Schnäppchenjäger, immer zur Stelle, wenn irgendwo ein Talent billig zu haben ist oder ein Star Probleme mit seinem Verein hat und weg will oder soll.
So war es mit Micoud, so war es mit Ismaël, und so war es jetzt mit dem Finnen Pasanen, dem Last-Minute-Einkauf von Ajax Amsterdam.
Pasanen: jung und erfahren
Allofs hatte über seine Scouts mitbekommen, dass der finnische Nationalspieler - als 19-Jähriger von Ajax verpflichtet, schnell Stammspieler, aber im vergangenen Jahr kaltgestellt, weil er keinen Vertrag zu neuen Bedingungen unterschreiben wollte - in Amsterdam nicht mehr glücklich war. Allofs nahm Kontakt zum Spieler auf und zum Verein, für eine dreiviertel Million Euro ließ sich Ajax den Verstoßenen abschwatzen, und so kam es, dass am Montag vorletzter Woche der Amsterdamer Trainer Ronald Koeman den Spieler während des Trainings aufforderte, seine Sachen zu packen und auf der Geschäftsstelle seine Papiere abzuholen. Einen Tag später stellte sich der junge Finne - mit 20 Länderspielen und 14 Champions-League-Spielen schon ein erfahrener Mann - auf Werders Trainingsplatz in Bad Ragaz vor.
Die dreiviertel Million Euro hatte Allofs nicht herumliegen, der Innenverteidiger Manuel Friedrich wurde am selben Tag für 1,4 Millionen nach Mainz verkauft - auch ein junges Talent, aber durch zwei Kreuzbandrisse in den letzten beiden Jahren nur sieben Minuten im Erstligaeinsatz für Werder. In der Rückrunde war Friedrich an Mainz 05 ausgeliehen worden, nun durfte der Geldbringer wechseln.
Verschulden will sich der Verein nicht, noch vier Tage vor dem Pasanen-Transfer hatte das Aufsichtsratsmitglied Willi Lemke in der "Welt" gewarnt, es dürfe "keine Riesenverpflichtungen mehr geben, die von uns nicht sauber und realistisch finanzierbar sind". Man müsse weiter "so solide arbeiten, wie wir das in den letzten 30 Jahren gemacht haben". Mit "wir" meinte Lemke sich, er war 18 Jahre lang auf Allofs Posten. Unter Rehhagel hatte Lemke bei Spielertransfers nichts zu melden, Rehhagels Ehefrau Beate hatte mehr Einfluss und Mitsprache als Lemke.
Allofs als gefährlicher Zocker
Seit Allofs Anfang des Jahres den Fünf-Millionen-Transfer von Miroslav Klose zu Werder Bremen durchsetzte, gilt er bei einflussreichen Männern im Verein als gefährlicher Zocker, dem man klar machen müsse, dass er nicht bei Real Madrid angestellt sei.
Allofs weiß, dass er von einigen im Verein belauert wird, aber "wenn ich sehe, welche Summen etwa der HSV für Lauth und Van Buyten gezahlt hat, dann verstehe ich die Aufregung nicht um den Klose-Transfer". Er weiß aber auch, dass mit dem Wechsel von Klose und der Vertragsverlängerung von Micoud eine Weiche gestellt wurde: Werder soll nicht länger ein Verein sein, der seine Mannschaft stark macht, bis die Besten - Völler, Riedle, Pizarro, Frings - weggekauft werden; nun wollen die Bremer auch finanziell oben mitspielen und teure Leute halten. Sollte in dieser Saison der sportliche Erfolg allerdings ausbleiben, dann - das hat Lemke schon angedroht - "müsste man sich von Spielern trennen, um den Kader weiter finanzieren zu können". 23 Millionen Euro verdienen alle Spieler zusammen in dieser Saison, 3 mehr als vorher.
Auch auf den - in den letzten Monaten oft hängenden - Schultern von Klose ruht also die Zukunft von Werder, und darum sieht Allofs mit Erleichterung, dass sich der Stürmer auf dem Trainingsgrün von Bad Ragaz bewegt, als habe es die letzten zwei Jahre nicht gegeben. Im Jahr 2002 bei der WM, da war er das, was der Engländer Wayne Rooney bei der EM war, ein Killer, der die Gegner mit krachenden Toren abschoss, nur Ronaldo traf noch besser. Dann kamen die Verletzungen, der Abstiegskampf bei Kaiserslautern, die Suche nach einem besseren Verein - alles nichts für einen Menschen, der außerhalb des Spielfelds mit Rooney so viel gemeinsam hat wie dessen Kindergärtnerin.
Der breite Schatten Ailtons
Klose würde "am liebsten in Hausschuhen direkt von seinem Haus zum Trainingsplatz gehen", hatte sein Kaiserslauterer Vorstandsvorsitzender über ihn geschimpft. In Oberneuland, einem eher ländlichen Stadtteil von Bremen, hat der µkoda-Fahrer ein Haus bezogen, und in den ersten beiden Spielen für Werder, gegen den serbischen Meister Roter Stern Belgrad und den Schweizer Meister FC Basel, hat er drei wuchtige Tore gemacht, alles scheint wieder gut zu laufen für Klooney - wenn nur der Schatten von Ailton nicht so breit wäre.
28 Tore hat der Abgänger hinterlassen, das sind so viele, dass Klose lieber nicht verraten will, wie viele Tore er sich in dieser Saison vorgenommen hat, "das mache ich immer so, meine Ziele behalte ich für mich". Und in der letzten Saison, was war das Ziel? "Nicht abzusteigen". Klose lobt das Zusammenspiel mit Werders Mittelfeld, "da kann jeder der vier den Pass in die Tiefe spielen, sie können mich schicken wie Ailton".
Auf dem Trainingsplatz zwischen den Bergen lässt Trainer Schaaf den neuen Stürmer immer wieder so anspielen wie Ailton, aber auch Flanken senken sich immer wieder auf Kloses Kopf. Er macht die Hälfte seiner Tore mit der Stirn, Ailton hat den Kopf nur, um Interviews zu geben.
Schaaf lobt nach dem Training "die neuen Möglichkeiten, die wir durch Klose haben", und es klingt sogar überzeugt, weil er Klose und Nery als Paar sieht, den Brasilianer als Flankenwunder und Seitenlinienflitzer, einer wie Roberto Carlos von Real Madrid. In der Rückrunde der letzten Saison habe Werder besonders in Heimspielen Probleme gehabt, sagt Schaaf, sehr defensive Mannschaften zu knacken, nun könne das von den Flanken her besser klappen.
Über ein Jahr lang hat Werder um Nery geworben, in Brasilien wird er als neuer Star auf der linken Seite gefeiert, für 600.000 Euro bekamen ihn die Bremer. Auch Daniel Jensen, den dänischen Nationalspieler, hatten die Werder-Scouts mehrere Jahre im Blick, auf Pasanen waren sie aufmerksam geworden, als der noch in der finnischen U21-Nationalelf spielte.
Schaaf und Allofs halten ausdauernd Ausschau nach technisch versierten Fußballern, die Spielsituationen voraussehen können und im Kopf so schnell sind, dass der Ball immer schneller zirkuliert, als der Gegner reagieren kann. Werders Billardfußball erfordert ein sehr laufstarkes Mittelfeld, die von Fußballexperten gelobte "Bremer Raute" ist keine Systemerfindung des Trainers, "sondern Micoud, Ernst, Baumann, Lisztes und Borowski haben dieses Spielsystem auf dem Platz durch ihre individuellen Stärken erfunden", sagt Schaaf.
Am oberen Limit habe seine Mannschaft in der letzten Saison gespielt, sagt der Trainer, ob das noch mal gelinge, wisse er nicht, "aber wir haben alle so schöne Bilder im Kopf", sagt Schaaf - und sieht dabei aus wie in der Samstagnacht nach dem Sieg über Bayern München, als er aus dem Cockpit des Charterfliegers die Vereinsfahne schwenkte, "die wollen wir noch mal erleben".
Titel will Schaaf nicht versprechen, aber seine Mannschaft solle "die Freude am Fußball rüberbringen, den Genuss bereiten, den ich bei der EM als Zuschauer empfunden habe". In den Testspielen gegen die möglichen Champions-League-Gegner Basel, Belgrad und Lyon schoss Werder acht Tore und kassierte acht Tore, die neue Viererkette wirkte noch wie "ein Hühnerhaufen" (Innenverteidiger Fahrenhorst). Im Ligapokal gegen Stuttgart stand die Abwehr schon besser.
Die Mannschaft ist zurück vom Trainingsplatz, die Spieler und der Trainer duschen auf ihren Zimmern, Sportdirektor Allofs sitzt in der plüschigen Lobby des "Grand Hotel Hof Ragaz". Vornehme Seniorenpärchen nehmen rechts und links ihren frühen Mittagskaffee, sie genießen im Kurhotel das Wohlfühl-Paket "smart aging", dies hier ist ein feines Haus, das teuerste Trainingslager in der Vereinsgeschichte. Allofs murmelt etwas von "Gegengeschäft", es klingt entschuldigend, das Fernsehen übertrage zwei Testspiele und zahle. Er trägt noch immer das Michael-Jackson-Trikot, er spricht über die Scouts von Werder, über die Dutzende Spieler, die sie im Blick haben, über die drei Gehaltsklassen bei Werder, über Vereine, die ihre Zukunft verkauft haben.
Der Kader ist komplett, keine Schulden. Eigentlich könnte er zufrieden sein und entspannt, so wie die Herrschaften um ihn herum. Aber, sagt er, "eine Mannschaft ist ein Gebilde, das nie fertig ist". In den nächsten Wochen muss er mit Fabian Ernst und Tim Borowski verhandeln, ihre Verträge laufen am Ende der Saison aus, und sie wollen mehr Geld, na klar. Oder gehen.
Die Bremer Spieler wirken klein auf dem saftigen Grün, sie stürmen gegen den Falknis, gegen das Schwarzhorn und gegen das Glegghorn, alles Zweitausender, die von der Sportanlage Ri Au aus wirken wie unbezwingbare Gegner. Immer wieder unterbricht der Trainer den Sturmlauf seiner Spieler, gibt neue Anweisungen, zeigt neue Angriffsvarianten, und dann geht es wieder von vorn los, Ismaël spielt den Ball auf Micoud, der macht zwei Schritte, passt auf Klose, der läuft dem Ball entgegen, lässt ihn abspringen zurück zu Micoud, der schlägt den Ball ohne zu schauen nach links in die Lücke, die Klose in die Verteidigung gerissen hat und in der inzwischen Borowski aufgetaucht ist, "Schließ ab", brüllt der Trainer, und Borowski knallt den Ball ins Tor, übers Tor oder gegen die Fäuste des Torwarts, je nachdem, wie genau der Pass von Micoud war.
Am Spielfeldrand sitzt Klaus Allofs, der Sportdirektor des SV Werder Bremen, auf einer Biergartenbank, telefoniert mit Spielerberatern und Journalisten, spricht englisch, deutsch oder französisch. Er trägt ein grünes Trikot mit einer Schärpe in Orange, es ist eines der neuen Trikots der Bremer, die diesen neuen Look als "südamerikanisch" loben, aber es sieht operettenhaft aus, so, als habe Michael Jackson ein Soccer-Trikot für einen Auftritt im Fußballstadion entworfen.
Wenn Johan Micoud der Dirigent der Mannschaft ist und Thomas Schaaf der Trainer, dann ist Allofs der Produzent der Bremer Stadionauftritte. Er spürt die Darsteller auf, er holte vor der letzten Saison den Innenverteidiger Valérien Ismaël aus Straßburg, den Türken Ümit Davala von Inter Mailand, den Torwart Andreas Reinke aus Murcia, vor allem aber im Jahr davor den Franzosen Micoud aus Parma, und mit dem und dessen Berater hat er gestern alles klar gemacht - einer der besten Spielmacher der Welt bleibt für weitere drei Jahre in Bremen.
Allofs schaut skeptisch auf den Trainingsplatz im schweizerischen Kurort Bad Ragaz, da drüben rennen die frischen Einkäufe der neuen Saison: der Stürmer Miroslav Klose, die Innenverteidiger Frank Fahrenhorst und Petri Pasanen. Mittelfeldspieler Daniel Jensen ist im Hotel und lässt seine Achillessehne pflegen; Verteidiger Gustavo Nery spielt noch für Brasilien bei der Copa América. 7,5 Millionen Euro Ablöse musste Allofs für alle fünf ausgeben, für die Summe haben die Bayern nicht einmal Torsten Frings von Borussia Dortmund bekommen.
Bremer Zurückhaltung
Im modernen Fußballgeschäft ist der Sportdirektor so wichtig wie der Trainer, er muss der Mannschaft jede Saison neue Spieler zuführen, er muss schwache Spieler aussortieren, und er muss verhindern, dass andere Vereine gute Spieler wegkaufen. Fünf Bankdrücker ist Allofs zu Saisonende losgeworden, zwei Stars sind ihm weggelaufen, zwei Stars hat er engagiert und dazu drei Vielleicht-Stars. Er könnte strahlen und "vom besten Kader aller Zeiten" sprechen, aber so was mag man in Bremen nicht.
Und zudem, das weiß Allofs, könnte der Kader noch besser sein: Yildiray Bastürk, Sylvain Wiltord, Kleberson, Diego, Roque Junior - türkische, französische, brasilianische Nationalspieler, unter Vertrag bei Bayer Leverkusen, Arsenal London, Manchester United, FC Santos oder AC Mailand, waren zu haben, und Allofs war an ihnen dran, aber letztlich reichte das Geld bei Werder nicht, um sie zu verpflichten.
Allofs ist kein Großhändler auf dem Spielermarkt wie Uli Hoeneß, der mal eben 25,5 Millionen Euro Ablöse für neue Großverdiener heraushauen kann. Allofs ist ein Schnäppchenjäger, immer zur Stelle, wenn irgendwo ein Talent billig zu haben ist oder ein Star Probleme mit seinem Verein hat und weg will oder soll.
So war es mit Micoud, so war es mit Ismaël, und so war es jetzt mit dem Finnen Pasanen, dem Last-Minute-Einkauf von Ajax Amsterdam.
Pasanen: jung und erfahren
Allofs hatte über seine Scouts mitbekommen, dass der finnische Nationalspieler - als 19-Jähriger von Ajax verpflichtet, schnell Stammspieler, aber im vergangenen Jahr kaltgestellt, weil er keinen Vertrag zu neuen Bedingungen unterschreiben wollte - in Amsterdam nicht mehr glücklich war. Allofs nahm Kontakt zum Spieler auf und zum Verein, für eine dreiviertel Million Euro ließ sich Ajax den Verstoßenen abschwatzen, und so kam es, dass am Montag vorletzter Woche der Amsterdamer Trainer Ronald Koeman den Spieler während des Trainings aufforderte, seine Sachen zu packen und auf der Geschäftsstelle seine Papiere abzuholen. Einen Tag später stellte sich der junge Finne - mit 20 Länderspielen und 14 Champions-League-Spielen schon ein erfahrener Mann - auf Werders Trainingsplatz in Bad Ragaz vor.
Die dreiviertel Million Euro hatte Allofs nicht herumliegen, der Innenverteidiger Manuel Friedrich wurde am selben Tag für 1,4 Millionen nach Mainz verkauft - auch ein junges Talent, aber durch zwei Kreuzbandrisse in den letzten beiden Jahren nur sieben Minuten im Erstligaeinsatz für Werder. In der Rückrunde war Friedrich an Mainz 05 ausgeliehen worden, nun durfte der Geldbringer wechseln.
Verschulden will sich der Verein nicht, noch vier Tage vor dem Pasanen-Transfer hatte das Aufsichtsratsmitglied Willi Lemke in der "Welt" gewarnt, es dürfe "keine Riesenverpflichtungen mehr geben, die von uns nicht sauber und realistisch finanzierbar sind". Man müsse weiter "so solide arbeiten, wie wir das in den letzten 30 Jahren gemacht haben". Mit "wir" meinte Lemke sich, er war 18 Jahre lang auf Allofs Posten. Unter Rehhagel hatte Lemke bei Spielertransfers nichts zu melden, Rehhagels Ehefrau Beate hatte mehr Einfluss und Mitsprache als Lemke.
Allofs als gefährlicher Zocker
Seit Allofs Anfang des Jahres den Fünf-Millionen-Transfer von Miroslav Klose zu Werder Bremen durchsetzte, gilt er bei einflussreichen Männern im Verein als gefährlicher Zocker, dem man klar machen müsse, dass er nicht bei Real Madrid angestellt sei.
Allofs weiß, dass er von einigen im Verein belauert wird, aber "wenn ich sehe, welche Summen etwa der HSV für Lauth und Van Buyten gezahlt hat, dann verstehe ich die Aufregung nicht um den Klose-Transfer". Er weiß aber auch, dass mit dem Wechsel von Klose und der Vertragsverlängerung von Micoud eine Weiche gestellt wurde: Werder soll nicht länger ein Verein sein, der seine Mannschaft stark macht, bis die Besten - Völler, Riedle, Pizarro, Frings - weggekauft werden; nun wollen die Bremer auch finanziell oben mitspielen und teure Leute halten. Sollte in dieser Saison der sportliche Erfolg allerdings ausbleiben, dann - das hat Lemke schon angedroht - "müsste man sich von Spielern trennen, um den Kader weiter finanzieren zu können". 23 Millionen Euro verdienen alle Spieler zusammen in dieser Saison, 3 mehr als vorher.
Auch auf den - in den letzten Monaten oft hängenden - Schultern von Klose ruht also die Zukunft von Werder, und darum sieht Allofs mit Erleichterung, dass sich der Stürmer auf dem Trainingsgrün von Bad Ragaz bewegt, als habe es die letzten zwei Jahre nicht gegeben. Im Jahr 2002 bei der WM, da war er das, was der Engländer Wayne Rooney bei der EM war, ein Killer, der die Gegner mit krachenden Toren abschoss, nur Ronaldo traf noch besser. Dann kamen die Verletzungen, der Abstiegskampf bei Kaiserslautern, die Suche nach einem besseren Verein - alles nichts für einen Menschen, der außerhalb des Spielfelds mit Rooney so viel gemeinsam hat wie dessen Kindergärtnerin.
Der breite Schatten Ailtons
Klose würde "am liebsten in Hausschuhen direkt von seinem Haus zum Trainingsplatz gehen", hatte sein Kaiserslauterer Vorstandsvorsitzender über ihn geschimpft. In Oberneuland, einem eher ländlichen Stadtteil von Bremen, hat der µkoda-Fahrer ein Haus bezogen, und in den ersten beiden Spielen für Werder, gegen den serbischen Meister Roter Stern Belgrad und den Schweizer Meister FC Basel, hat er drei wuchtige Tore gemacht, alles scheint wieder gut zu laufen für Klooney - wenn nur der Schatten von Ailton nicht so breit wäre.
28 Tore hat der Abgänger hinterlassen, das sind so viele, dass Klose lieber nicht verraten will, wie viele Tore er sich in dieser Saison vorgenommen hat, "das mache ich immer so, meine Ziele behalte ich für mich". Und in der letzten Saison, was war das Ziel? "Nicht abzusteigen". Klose lobt das Zusammenspiel mit Werders Mittelfeld, "da kann jeder der vier den Pass in die Tiefe spielen, sie können mich schicken wie Ailton".
Auf dem Trainingsplatz zwischen den Bergen lässt Trainer Schaaf den neuen Stürmer immer wieder so anspielen wie Ailton, aber auch Flanken senken sich immer wieder auf Kloses Kopf. Er macht die Hälfte seiner Tore mit der Stirn, Ailton hat den Kopf nur, um Interviews zu geben.
Schaaf lobt nach dem Training "die neuen Möglichkeiten, die wir durch Klose haben", und es klingt sogar überzeugt, weil er Klose und Nery als Paar sieht, den Brasilianer als Flankenwunder und Seitenlinienflitzer, einer wie Roberto Carlos von Real Madrid. In der Rückrunde der letzten Saison habe Werder besonders in Heimspielen Probleme gehabt, sagt Schaaf, sehr defensive Mannschaften zu knacken, nun könne das von den Flanken her besser klappen.
Über ein Jahr lang hat Werder um Nery geworben, in Brasilien wird er als neuer Star auf der linken Seite gefeiert, für 600.000 Euro bekamen ihn die Bremer. Auch Daniel Jensen, den dänischen Nationalspieler, hatten die Werder-Scouts mehrere Jahre im Blick, auf Pasanen waren sie aufmerksam geworden, als der noch in der finnischen U21-Nationalelf spielte.
Schaaf und Allofs halten ausdauernd Ausschau nach technisch versierten Fußballern, die Spielsituationen voraussehen können und im Kopf so schnell sind, dass der Ball immer schneller zirkuliert, als der Gegner reagieren kann. Werders Billardfußball erfordert ein sehr laufstarkes Mittelfeld, die von Fußballexperten gelobte "Bremer Raute" ist keine Systemerfindung des Trainers, "sondern Micoud, Ernst, Baumann, Lisztes und Borowski haben dieses Spielsystem auf dem Platz durch ihre individuellen Stärken erfunden", sagt Schaaf.
Am oberen Limit habe seine Mannschaft in der letzten Saison gespielt, sagt der Trainer, ob das noch mal gelinge, wisse er nicht, "aber wir haben alle so schöne Bilder im Kopf", sagt Schaaf - und sieht dabei aus wie in der Samstagnacht nach dem Sieg über Bayern München, als er aus dem Cockpit des Charterfliegers die Vereinsfahne schwenkte, "die wollen wir noch mal erleben".
Titel will Schaaf nicht versprechen, aber seine Mannschaft solle "die Freude am Fußball rüberbringen, den Genuss bereiten, den ich bei der EM als Zuschauer empfunden habe". In den Testspielen gegen die möglichen Champions-League-Gegner Basel, Belgrad und Lyon schoss Werder acht Tore und kassierte acht Tore, die neue Viererkette wirkte noch wie "ein Hühnerhaufen" (Innenverteidiger Fahrenhorst). Im Ligapokal gegen Stuttgart stand die Abwehr schon besser.
Die Mannschaft ist zurück vom Trainingsplatz, die Spieler und der Trainer duschen auf ihren Zimmern, Sportdirektor Allofs sitzt in der plüschigen Lobby des "Grand Hotel Hof Ragaz". Vornehme Seniorenpärchen nehmen rechts und links ihren frühen Mittagskaffee, sie genießen im Kurhotel das Wohlfühl-Paket "smart aging", dies hier ist ein feines Haus, das teuerste Trainingslager in der Vereinsgeschichte. Allofs murmelt etwas von "Gegengeschäft", es klingt entschuldigend, das Fernsehen übertrage zwei Testspiele und zahle. Er trägt noch immer das Michael-Jackson-Trikot, er spricht über die Scouts von Werder, über die Dutzende Spieler, die sie im Blick haben, über die drei Gehaltsklassen bei Werder, über Vereine, die ihre Zukunft verkauft haben.
Der Kader ist komplett, keine Schulden. Eigentlich könnte er zufrieden sein und entspannt, so wie die Herrschaften um ihn herum. Aber, sagt er, "eine Mannschaft ist ein Gebilde, das nie fertig ist". In den nächsten Wochen muss er mit Fabian Ernst und Tim Borowski verhandeln, ihre Verträge laufen am Ende der Saison aus, und sie wollen mehr Geld, na klar. Oder gehen.