Südländer
Als Sommerlochfüller - Bericht über einen Groundhopper:
Unterwegs zum Herzen des Fußballs
Warum Groundhopper Frank Peuker für 90 Minuten Vierte Liga 1400 Kilometer weit fährt und im Dauerregen steht
Als Fifa-Präsident Joseph Blatter vor vier Jahren Deutschland zum Ausrichter der Fußball-WM 2006 erklärte, brach für Frank Peuker, 32, eine Welt zusammen. Verbittert sei er über diese Entscheidung gewesen, erinnert sich der Münchner, der seit dem fünften Lebensjahr nicht mehr vom Fußball loskommt. Die Vorstellung, dass Topteams wie Brasilien, Frankreich, Argentinien oder Italien in Deutschland - und damit im weiteren Sinne vor seiner Haustür - um die begehrteste Sport-Trophäe der Welt spielen würden, ließ ihn kalt. Peuker wollte reisen, richtig reisen, nicht nach Hamburg oder Berlin. Eine WM in Südafrika - das wär"s gewesen. Südafrika fehlt ihm noch in seiner Sammlung.
Frank Peuker zählt nicht zur Gattung der normalen Fußball-Fans, die ihrem Verein bei jedem Heim- und Auswärtsspiel, bei Wind und Wetter, den Rücken stärken. Der 32-jährige Familienvater gehört zur Spezies der Groundhopper. Für eine Fußball-Partie fährt er Hunderte von Kilometern weit. Das sportliche Niveau ist für ihn dabei zweitrangig, es ist ihm egal, ob er ein Erstliga-Match in Luxemburg, dritte Liga in Frankreich oder fünfte Division in England sieht. Hauptsache, er hört den Anpfiff des Schiedsrichters, die Gesänge der Fans und sieht grünen Rasen. So wie in zwei Wochen wieder, wenn die Bundesliga beginnt. ¸¸Wenn ich mich ins Auto setze, zum nächsten Spiel fahre, das Radio aufdrehe oder mich über Fußball unterhalte, lasse ich die anstrengende Arbeit der Woche in unserem Getränkehandel zurück", sagt der Löwen-Fan, ¸¸manche Leute sammeln Briefmarken, manche Münzen - ich sammle eben Länderpunkte."
Auch Groundhopping ist ein Wettkampf mit Regeln. Der Fan erhält für jedes Land, in dem er ein Spiel besucht hat, einen Punkt, einen Länderpunkt eben. Peuker steht kurz vor einem Jubiläum: Auf 24 Nationen hat er es gebracht, darunter auch Finnland und Japan, er lernte tunesische und tschechische Stadien kennen, hat in der Schweiz mitgefiebert und sich ein Bild über die Künste der Luxemburger oder Liechtensteiner Kicker verschafft. ¸¸Nur der Länderpunkt zählt", sagt Peuker. ¸¸Meinen nächsten würde ich gerne mit San Marino machen. Dort wollte ich schon einige Male ein Spiel sehen, aber es ist nicht leicht, an die Termine zu kommen."
Auch 1994 behielt er sein Ziel vor Augen, jenem Jahr, in dem er zum Groundhopper konvertierte. Peuker hatte in seinem Leben selber viel Fußball gespielt, er war Halb-Profi in Regensburg und bei 1860, heute ist er Spielertrainer in der Kreisliga. Zusammen mit etwa 20 Freunden wollte er zur Fußball-WM "94 in die USA reisen. Doch einer nach dem anderen sprang ab, bis er allein übrig blieb. Peuker fuhr trotzdem und bereute es nicht. Auch wenn er für die Hotelnacht 300 Mark zahlen musste, sein Sport war es ihm Wert.
Fortan ging er immer häufiger auf Reisen; in der Anfangszeit überwiegend nach Italien oder nach England. Dort lernte er seine heimliche Liebe kennen - Slough Town FC, einen unterschätzten Fünftligisten aus einem Vorort von London. Eigentlich wollte er damals Chelsea gegen Wimbledon sehen. Tags darauf wusste er nicht, was er machen sollte, und weil er auf Museen keine Lust hatte, sah er sich Slough Town gegen Farnborough an - ¸¸es war fantastisch."
Gut 800 Zuschauer hatten ihr Team immer wieder aufgebaut, eine ¸¸sensationelle Atmosphäre" gezaubert. Seine Augen beginnen zu glänzen. ¸¸Als sich herumgesprochen hatte, dass wir aus Bayern kommen, wurden wir über Lautsprecher begrüßt." Seither verfolgt er genau, wie sich sein bis in die siebte Liga abgestürzter Lieblingsverein schlägt. Durch dieses Spiel hatte sich sein Interesse verlagert - vom großen zum kleinen Fußball.
¸¸In den unterklassigen Ligen schlägt das Herz des Fußballs, da gibt"s richtigen Fan-Kult", sagt Peuker. Einmal, in Mühlhausen, sagte der Schiedsrichter das Spiel wegen gefrorenen Bodens zehn Minuten vor dem Anpfiff ab. 800 Kilometer Fahrt waren umsonst. Und in Lucca/Italien fiel während des Spiels gleich vier Mal das Flutlicht aus. Peuker war vom Dauerregen durchnässt, er und seine Freunde mussten einen Zug später nehmen, waren erst um sieben Uhr zurück in München. 1400 Kilometer für zwei Stunden Viertliga-Fußball.
Die Strapazen bei den nächsten Großturnieren dürften sich in Grenzen halten. Die WM 2006 findet in Deutschland, die EM 2008 in Österreich und der Schweiz statt. ¸¸Das ist eine einzige Enttäuschung, die Stadien kenne ich doch schon alle", stöhnt Frank Peuker. Einen kleinen Trost gibt es aber für ihn: Die Weltmeisterschaft 2010 findet in Südafrika statt. Christian Görtzen
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.166, Mittwoch, den 21. Juli 2004 , Seite 35
Unterwegs zum Herzen des Fußballs
Warum Groundhopper Frank Peuker für 90 Minuten Vierte Liga 1400 Kilometer weit fährt und im Dauerregen steht
Als Fifa-Präsident Joseph Blatter vor vier Jahren Deutschland zum Ausrichter der Fußball-WM 2006 erklärte, brach für Frank Peuker, 32, eine Welt zusammen. Verbittert sei er über diese Entscheidung gewesen, erinnert sich der Münchner, der seit dem fünften Lebensjahr nicht mehr vom Fußball loskommt. Die Vorstellung, dass Topteams wie Brasilien, Frankreich, Argentinien oder Italien in Deutschland - und damit im weiteren Sinne vor seiner Haustür - um die begehrteste Sport-Trophäe der Welt spielen würden, ließ ihn kalt. Peuker wollte reisen, richtig reisen, nicht nach Hamburg oder Berlin. Eine WM in Südafrika - das wär"s gewesen. Südafrika fehlt ihm noch in seiner Sammlung.
Frank Peuker zählt nicht zur Gattung der normalen Fußball-Fans, die ihrem Verein bei jedem Heim- und Auswärtsspiel, bei Wind und Wetter, den Rücken stärken. Der 32-jährige Familienvater gehört zur Spezies der Groundhopper. Für eine Fußball-Partie fährt er Hunderte von Kilometern weit. Das sportliche Niveau ist für ihn dabei zweitrangig, es ist ihm egal, ob er ein Erstliga-Match in Luxemburg, dritte Liga in Frankreich oder fünfte Division in England sieht. Hauptsache, er hört den Anpfiff des Schiedsrichters, die Gesänge der Fans und sieht grünen Rasen. So wie in zwei Wochen wieder, wenn die Bundesliga beginnt. ¸¸Wenn ich mich ins Auto setze, zum nächsten Spiel fahre, das Radio aufdrehe oder mich über Fußball unterhalte, lasse ich die anstrengende Arbeit der Woche in unserem Getränkehandel zurück", sagt der Löwen-Fan, ¸¸manche Leute sammeln Briefmarken, manche Münzen - ich sammle eben Länderpunkte."
Auch Groundhopping ist ein Wettkampf mit Regeln. Der Fan erhält für jedes Land, in dem er ein Spiel besucht hat, einen Punkt, einen Länderpunkt eben. Peuker steht kurz vor einem Jubiläum: Auf 24 Nationen hat er es gebracht, darunter auch Finnland und Japan, er lernte tunesische und tschechische Stadien kennen, hat in der Schweiz mitgefiebert und sich ein Bild über die Künste der Luxemburger oder Liechtensteiner Kicker verschafft. ¸¸Nur der Länderpunkt zählt", sagt Peuker. ¸¸Meinen nächsten würde ich gerne mit San Marino machen. Dort wollte ich schon einige Male ein Spiel sehen, aber es ist nicht leicht, an die Termine zu kommen."
Auch 1994 behielt er sein Ziel vor Augen, jenem Jahr, in dem er zum Groundhopper konvertierte. Peuker hatte in seinem Leben selber viel Fußball gespielt, er war Halb-Profi in Regensburg und bei 1860, heute ist er Spielertrainer in der Kreisliga. Zusammen mit etwa 20 Freunden wollte er zur Fußball-WM "94 in die USA reisen. Doch einer nach dem anderen sprang ab, bis er allein übrig blieb. Peuker fuhr trotzdem und bereute es nicht. Auch wenn er für die Hotelnacht 300 Mark zahlen musste, sein Sport war es ihm Wert.
Fortan ging er immer häufiger auf Reisen; in der Anfangszeit überwiegend nach Italien oder nach England. Dort lernte er seine heimliche Liebe kennen - Slough Town FC, einen unterschätzten Fünftligisten aus einem Vorort von London. Eigentlich wollte er damals Chelsea gegen Wimbledon sehen. Tags darauf wusste er nicht, was er machen sollte, und weil er auf Museen keine Lust hatte, sah er sich Slough Town gegen Farnborough an - ¸¸es war fantastisch."
Gut 800 Zuschauer hatten ihr Team immer wieder aufgebaut, eine ¸¸sensationelle Atmosphäre" gezaubert. Seine Augen beginnen zu glänzen. ¸¸Als sich herumgesprochen hatte, dass wir aus Bayern kommen, wurden wir über Lautsprecher begrüßt." Seither verfolgt er genau, wie sich sein bis in die siebte Liga abgestürzter Lieblingsverein schlägt. Durch dieses Spiel hatte sich sein Interesse verlagert - vom großen zum kleinen Fußball.
¸¸In den unterklassigen Ligen schlägt das Herz des Fußballs, da gibt"s richtigen Fan-Kult", sagt Peuker. Einmal, in Mühlhausen, sagte der Schiedsrichter das Spiel wegen gefrorenen Bodens zehn Minuten vor dem Anpfiff ab. 800 Kilometer Fahrt waren umsonst. Und in Lucca/Italien fiel während des Spiels gleich vier Mal das Flutlicht aus. Peuker war vom Dauerregen durchnässt, er und seine Freunde mussten einen Zug später nehmen, waren erst um sieben Uhr zurück in München. 1400 Kilometer für zwei Stunden Viertliga-Fußball.
Die Strapazen bei den nächsten Großturnieren dürften sich in Grenzen halten. Die WM 2006 findet in Deutschland, die EM 2008 in Österreich und der Schweiz statt. ¸¸Das ist eine einzige Enttäuschung, die Stadien kenne ich doch schon alle", stöhnt Frank Peuker. Einen kleinen Trost gibt es aber für ihn: Die Weltmeisterschaft 2010 findet in Südafrika statt. Christian Görtzen
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.166, Mittwoch, den 21. Juli 2004 , Seite 35