Bömmel
Gut gelaunt
VON WOLFGANG HETTFLEISCH
Arme englische Nationalmannschaft. Die Jungs können auf dem Platz anstellen, was sie wollen, der Effekt bleibt doch derselbe: In der Ferienhochburg Albufeira im portugiesischen Süden fallen ein paar rotgesichtige Landsleute, die samt und sonders aussehen wie Wayne Rooney mit weniger Zähnen, sturzbesoffen aus der Kneipe, hauen dem nächstbesten Passanten grußlos auf die Glocke oder werfen, weil gerade kein Dartspiel zur Hand ist, gut gelaunt mit Bierflaschen nach portugiesischen Ordnungshütern.
Das war gleich nach der unglücklichen Niederlage gegen die französische Elf so. Naja, mag sich da mancher noch gedacht haben, ist zwar nicht schön, aber der Frust muss halt raus. Und es war nach dem glatten 3:0-Sieg gegen die Schweiz wieder so. Naja, mag sich da mancher gedacht haben, ist zwar nicht schön, aber die Freude muss halt raus. Und schließlich: Wer kennt sich schon so genau aus mit den kulturellen Gepflogenheiten der Briten. Womöglich hat man uns im Englisch-Unterricht ja genasführt - von wegen Fünf-Uhr-Tee, "stiff upper lip", abgespreizter kleiner Finger und so.
Wir lernen also: Der Engländer ist ein allzeit fröhlicher Gesell, der sich vom sportlichen Erfolg oder Misserfolg seiner Landesauswahl nicht weiter beeindrucken lässt und seinen Bierhumpen unterschiedslos jedem über den Scheitel zieht, dessen "ti äitsch" ihn nicht auf Anhieb überzeugt. Nichts Persönliches, ehrlich. Quasi reiner tribalistischer Instinkt. Vielleicht vermag das ein Opfer mit Schädelbasisbruch ja ein wenig zu trösten.
Daheim auf der Insel der Angeln und Sachsen, wo sich das Bierhumpen-Scheitelziehen als Kneipensport mancherorts auch ohne Fremde anhaltender Beliebtheit erfreut, meldet sich indes eine Strömung der ethnologischen Forschung mit einer anderen These zu Wort. Was der unbedarfte Albufeira-Tourist als vermeintlich ungekünstelten Ausdruck englischer Lebensart kennen lernen durfte, gilt Vertretern dieser Denkschule, der auch Tony Blair anhängt, als unbritisch.
Der englische Premier und Kommentatoren vieler Londoner Zeitungen sagen, bei den Landsleuten, die für das kunterbunte Nachtleben von Albufeira sorgen, handle es sich nicht um englische Fußballfans. Das seien bloß "yobs", Halbstarke. Was insofern praktisch ist, als die Uefa schon gedroht hat, sollten englische Fans noch einmal aus der Rolle fallen, drohe bei nächster Gelegenheit, also etwa bei der WM 2006 in Deutschland, der Turnier-Ausschluss. Und das wäre schade. Denn zu gern möchte man in zwei Jahren in seiner Stammkneipe doch mal den Wayne-Rooney-Doppelgänger am Tresen mit dem Bierhumpen in der Hand fragen, was es denn nun auf sich habe mit dem Fünf-Uhr-Tee.
Frankfurter Rundschau
VON WOLFGANG HETTFLEISCH
Arme englische Nationalmannschaft. Die Jungs können auf dem Platz anstellen, was sie wollen, der Effekt bleibt doch derselbe: In der Ferienhochburg Albufeira im portugiesischen Süden fallen ein paar rotgesichtige Landsleute, die samt und sonders aussehen wie Wayne Rooney mit weniger Zähnen, sturzbesoffen aus der Kneipe, hauen dem nächstbesten Passanten grußlos auf die Glocke oder werfen, weil gerade kein Dartspiel zur Hand ist, gut gelaunt mit Bierflaschen nach portugiesischen Ordnungshütern.
Das war gleich nach der unglücklichen Niederlage gegen die französische Elf so. Naja, mag sich da mancher noch gedacht haben, ist zwar nicht schön, aber der Frust muss halt raus. Und es war nach dem glatten 3:0-Sieg gegen die Schweiz wieder so. Naja, mag sich da mancher gedacht haben, ist zwar nicht schön, aber die Freude muss halt raus. Und schließlich: Wer kennt sich schon so genau aus mit den kulturellen Gepflogenheiten der Briten. Womöglich hat man uns im Englisch-Unterricht ja genasführt - von wegen Fünf-Uhr-Tee, "stiff upper lip", abgespreizter kleiner Finger und so.
Wir lernen also: Der Engländer ist ein allzeit fröhlicher Gesell, der sich vom sportlichen Erfolg oder Misserfolg seiner Landesauswahl nicht weiter beeindrucken lässt und seinen Bierhumpen unterschiedslos jedem über den Scheitel zieht, dessen "ti äitsch" ihn nicht auf Anhieb überzeugt. Nichts Persönliches, ehrlich. Quasi reiner tribalistischer Instinkt. Vielleicht vermag das ein Opfer mit Schädelbasisbruch ja ein wenig zu trösten.
Daheim auf der Insel der Angeln und Sachsen, wo sich das Bierhumpen-Scheitelziehen als Kneipensport mancherorts auch ohne Fremde anhaltender Beliebtheit erfreut, meldet sich indes eine Strömung der ethnologischen Forschung mit einer anderen These zu Wort. Was der unbedarfte Albufeira-Tourist als vermeintlich ungekünstelten Ausdruck englischer Lebensart kennen lernen durfte, gilt Vertretern dieser Denkschule, der auch Tony Blair anhängt, als unbritisch.
Der englische Premier und Kommentatoren vieler Londoner Zeitungen sagen, bei den Landsleuten, die für das kunterbunte Nachtleben von Albufeira sorgen, handle es sich nicht um englische Fußballfans. Das seien bloß "yobs", Halbstarke. Was insofern praktisch ist, als die Uefa schon gedroht hat, sollten englische Fans noch einmal aus der Rolle fallen, drohe bei nächster Gelegenheit, also etwa bei der WM 2006 in Deutschland, der Turnier-Ausschluss. Und das wäre schade. Denn zu gern möchte man in zwei Jahren in seiner Stammkneipe doch mal den Wayne-Rooney-Doppelgänger am Tresen mit dem Bierhumpen in der Hand fragen, was es denn nun auf sich habe mit dem Fünf-Uhr-Tee.
Frankfurter Rundschau