"Plötzlich knallt´s halt"

Action Connection HB
Unterwegs mit Hooligans

"Plötzlich knallt´s halt"

Sie sind Grafiker, Juristen, Betriebswirte – und am Wochenende fahren sie zum Prügeln. Unterwegs mit Hooligans aus Frankfurt und Umgebung.

Von Sascha Hellmann

Heute ist es in Frankfurt geplant. Wo genau, das würden wir noch erfahren.

"Die Chancen stehen fifty-fifty, dass es überhaupt dazu kommt", sagt Jan. Das sei der Nachteil an einem Kampf in der Stadt. Es gebe zu viele unkalkulierbare Faktoren. "Wenn die grünen Männchen kommen, ist es aus." Deswegen findet er Wald oder Wiese besser. "Da kann man sicher sein, dass es knallt."
Punkt elf Uhr vormittags holen wir Tino an einer Aral-Tankstelle ab. Schwarze kurz geschorene Haare, schwarzer Pulli, auf dem "Hatebreed" steht. Er trinkt noch einen Schluck Wasser, bevor er zu uns in den Geländewagen steigt. Jan ist ein großer schlanker Typ mit grüner Bomberjacke, kurzen Haaren und einer langen Narbe über der Oberlippe. Im Kofferraum fiept Jim, sein Rednose-Pitbullterrier. Heute ist Bundesliga. Frankfurt gegen Bremen. Die Bremer kommen. Die Frankfurter warten. Im Stadion geht´s elf gegen elf. In der Stadt sollen es ungefähr 20 gegen 20 werden. Jan hatte am Telefon gesagt: "Da sind Kampfsportler dabei, Leute aus der Fußballszene und dem Milieu. Die wissen, auf was die sich einlassen." Vorher wollen sie mir bei sich zu Hause erklären, wie das heute Nachmittag genau laufen soll.

Jan ist 28 Jahre alt, hat Betriebswirtschaft studiert und führt ein Transportunternehmen mit mehr als 20 Angestellten. Tino ist 32 und arbeitet als Layouter. Beide boxen im Verein. In Jans Wohnung im Frankfurter Umland läuft Pitbull Jim zu seinem Napf. Daneben liegt eine Hantel. An den Wänden hängen mehrere selbst gemalte Aquarellbilder. Auf der breiten Armlehne des schwarzen Ledersofas liegen Farben und Pinsel. Auf dem Schreibtisch steht ein Terrarium. Jan knipst das Licht darüber an. Eine kleine braune Schlange, die zusammengerollt auf einem Stein liegt, hebt den Kopf.

Er fährt den Rechner hoch, um ein paar Szenen von ihren Kämpfen im Wald zu zeigen. Es sind mehrere selbst gedrehte Filme, die Städtenamen tragen. Denn es treten immer Gruppen aus Städten gegeneinander an. Jede von ihnen in einer bestimmten Hemdenfarbe. Die Gruppen vereinbaren ihre Treffen per Handy. Nicht jedes Wochenende. "Das halten die Knochen nicht aus", sagt Jan.

Auf dem Bildschirm formieren sich zwei Gruppen in einem Waldstück: Rot gegen Weiß, Frankfurt gegen Köln. Etwa 20 Mann auf jeder Seite. Sie bewegen sich auf einem Forstweg langsam aufeinander zu. Rot von links, Weiß von rechts. Vögel zwitschern. Einige Männer klatschen, brüllen. Ein Roter in der ersten Reihe reckt die Arme in die Luft. Kurze Schreie, die immer schneller aufeinander folgen. Nur noch drei Meter zwischen den Fronten.

Freunde filmen den Kampf

Ein Weißer tänzelt mit geballten Fäusten nach vorne. Für den Bruchteil einer Sekunde Stillstand. Dann stürmen sie aufeinander los.

Ein Roter springt mit gestrecktem Bein in einen Weißen. Einige schlagen wild um sich. Andere zucken zurück. Einige ducken sich weg. Einer taumelt von einem Schlag getroffen und landet im Gestrüpp. Die anderen stürzen über ihn hinweg. Ein Roter in der zweiten Reihe ist jetzt in der ersten. Einige schubsen von hinten. Zwei auf einen, drei auf einen. Einer gegen alle. Alle gegen einen.

"Das bin ich", sagt Jan und zeigt auf einen Roten, der gerade einen stämmigen Weißen überrannt hat, sich über ihn beugt und mit Fäusten weiter auf dessen Kopf einschlägt. "Das ist ein Viech, gleich steht der wieder." Tatsächlich, der Mann steht wieder auf. Eine Minute geht der Kampf noch, dann ist alles vorbei. Rote und Weiße liegen ausgestreckt auf dem Weg. "Ey, der liegt! Ruhig!", schreit einer, als zwei Rote noch auf einen Weißen losgehen, der am Boden liegt. "Sauber!" Sie lassen von ihm ab.

Es gibt Regeln, erklärt Jan. Wer liegt, ist tabu. Doch Liegen ist ein dehnbarer Begriff für die Schläger. Wer beim Rückwärtsgehen stolpert, liegt nicht unbedingt. Und wer sich einfach fallen lässt, liegt schon gar nicht. Den Mann muss es schon richtig umgehauen haben. Aber wenn eine Gruppe nach dem Kampf sagt: Schluss - dann ist Schluss. Es gibt keinen zweiten Durchgang. Die Gruppe, die zu Boden geht, verliert.


Andi will in die erste Reihe

"Es ist eher eine Sportveranstaltung", sagt Jan. Allerdings würden manche auch austicken, wenn der Kampf schon vorbei ist. "Das sind dann oft die schlimmsten Verletzungen, so ist es halt." Eine Handvoll Zuschauer gebe es meist auch. Freunde, die den Kampf filmen oder fotografieren. Allerdings: "Wenn du einmal mitgemacht hast, willst du nicht einfach Zuschauer sein", sagt Tino.

In der Stadt laufe die Sache anders. Das Zusammentreffen sei schwerer kontrollierbar. Straße, Spielplatz, Parkplatz: Man weiß es vorher nicht. Keiner trägt klare Farben, sondern Alltagskleidung. Woher weiß man, wann und wo es losgeht, wer zu wem gehört, wer nur Zuschauer, wer Kämpfer ist? Jan zuckt die Achseln. "Plötzlich knallt´s halt."

Was sind schlimme Verletzungen und was nicht? Ansichtssache! "Gestorben ist dabei noch keiner", sagt Jan und lacht kurz. Aber zertrümmerte Nasenbeine, Platzwunden, ausgeschlagene Zähne, gebrochene Arme oder Beine. Viele aus Jans Gruppe hat es schon mehrfach erwischt. Tino zeigt auf seinen krummen Nasenrücken. "Hätte wohl doch besser zum Arzt gehen sollen", sagt er und grinst. "Jan hatte Pech. Dem haben sie einen Frontzahn rausgeschlagen", sagt Tino. Aber sonst nichts Wildes. Kein Schädelbruch oder so. Einem der Frankfurter ist der Unterschenkel zweifach gebrochen worden. Alle Sehnen waren gerissen.

Es klingelt. Basti und Andi stehen auf der Matte. Basti, der Bruder von Jan, ist ein schlaksiger, stiller Typ. Er hat rote Augen und sieht angeschlagen aus. Steckt sich einen Keks in den Mund. "Hab´ bis sieben durchgemacht, dann ein bisschen im Bett rumgelegen", sagt er. Geschlafen? Nein. Andi, fast Glatze, steht unter Strom. Schwarze Jogginghose, kräftiger Typ. "Ich bin heiß", sagt er, "ich gehe in die erste Reihe." Andi hat Ephedrin genommen, ein Aufputschmittel. Schweiß steht ihm auf der Stirn. Gleich soll es Richtung Stadt gehen. "Nach einem Kampf laufe ich nachher eine Woche mit einem Lächeln im Gesicht durch die Gegend", sagt Tino. "Es ist wie für andere Yoga."

Gegen Mittag machen sich die Männer auf den Weg ins Frankfurter Stadtzentrum. Andi und Basti in einem Wagen. Jan und Tino im Geländewagen. Bandagen für Hände und Mundschutz haben sie eingepackt. Nächster Treffpunkt: Irish Pub. Da warten die eigenen Leute.

Noch ein kurzer Stopp beim Supermarkt. Bananen, Kaugummis und Multivitaminsaft einkaufen. Dann sind wir auf der Autobahn. Jan isst seine Banane, schmeißt die Schale aus dem Fenster, erwischt damit den Wagen von Andi. Jan und Tino lachen. Eine weitere Schale fliegt übers Autodach. Diesmal ein Wagen auf der rechten Spur. Man müsse schon aufpassen, sagt Jan. Wegen "Gefährdung des Straßenverkehrs und so". Wenn einer die Nummer notiert, hätten die Schläger Pech. "Ja", sagt Tino. "Anzeige wegen Bananen auf der Autobahn." Beide lachen.

Eine Begegnung mit der Polizei wäre auch aus anderen Gründen unangenehm. "Wir sind ja alle vorbestraft." Jan wegen Drogen und Körperverletzung. Folge eines Prügeltreffens? "Nee, das war einfach Straße", sagt Jan.
Warten auf das Signal

Ankunft vor der Frankfurter Kneipe, die als Treffpunkt für die Truppe ausgemacht ist. Vor dem Lokal stehen drei Männer mit kurzen Haaren - zu wenige für Tinos Geschmack: "Das wird nichts."

Doch die Kneipe ist voll. Junge Männer mit Glatze oder sehr kurzen Haaren. Auf ihren T-Shirts stehen Slogans wie "Pitbull" oder "multikriminell". Hinter der Theke steht ein dicker Barkeeper mit Glatze und mürrischem Blick. "Lieber in Frankfurt sterben als in Offenbach leben" steht auf seinem schwarzen Shirt. Die Männer warten auf ein Signal. Aber es sieht aus, als liefe was schief.

Denn plötzlich steht die Polizei vor der Tür. Einige öffnen die Fenster und checken die Lage: Auf diesem Weg können sie nicht raus. "Is´ gestorben oder was?", fragt ein Typ. Es sieht so aus. Jemand in der Kneipe hat einen Anruf bekommen. Die Frankfurter Polizei hat die Bremer Schläger kurz vor der Stadtgrenze gestoppt. Jetzt werden sie eskortiert, sie sind während ihres Aufenthalts in der Stadt eingekesselt. Keiner kommt da raus, weiß Jan. Damit fällt die Prügelei aus.

Andi ist mit den Nerven runter. Und nun? "Ficken oder Fressen", sagt Andi. Tino lacht. Die anderen gucken enttäuscht. Jetzt heißt es: wieder runterkommen. Ohne Zoff. "Du willst ficken, aber du darfst nicht", sagt Tino.

In der Pizzeria bestellt Tino höflich einen kleinen Salat, Jan eine vegetarische Pizza. Was denken die Freundinnen über ihre Prügel-Ausflüge? "Entweder die mag mich so, wie ich bin, oder nicht", sagt Jan. "Genau richtig", stimmt Tino zu. Haben die Frauen nicht manchmal Angst, dass ihre Freunde etwas abkriegen? "Das schon", meint Tino, "ist ja auch berechtigt."

Von draußen dringt die Musik eines Straßen-Trompeters an den Tisch. "Spielt der für uns?", fragt Tino. "Ja", sagt Basti. "Spiel mir das Lied vom Kot." Tino kriegt sich nicht mehr ein, zeigt die Innenseite seiner Unterlippe: "Kot 4 Life" ist darauf tätowiert. "Scheiß auf´s Leben", sagt er.

Und das Bundesligaspiel? Im Stadion spielen gerade Elf gegen Elf. Doch über Fußball fällt an diesem Nachmittag kein Wort.

klick